Archiv für 15. Juni 2017

In London verzaubert eine Nachgängerin von Amélie, in den USA trotzt eine große Liebe den Rassenvorurteilen, in Dünkirchen rücken Massagehände dem Muttergefühl zu Leibe, drei Freunde handicapieren sich auf ihrem Weg vom Bodensee zum Atlantik, in Ecuador finden eine Mutter und eine Tochter auf einem Abenteuertrip zusammen, eine Amazone greift in den Ersten Weltkrieg ein, in Bayern trotzt die Liebe der Mafia und in Kolumbien herrscht in einem Verwaltungsgebäude der reinste Eliminationshorror. Im Fernsehen wurde deutlich, wie grauenhaft hinterwäldlerisch die katholische Kirche ist und dass der Staat sie dabei unterstützt. Und in einem Kommentar stellt sich die Frage, ob in der Deutschen Produzentenallianz lauter Dumpfbacken mit abgestumpftem Gerechtigkeitsgefühl sitzen (eine Behauptung, die bis heute unwidersprochen geblieben ist).

Kino
DER WUNDERBARE GARTEN DER BELLA BROWN
Eine britische Enkelin der französischen Amélie?

LOVING
Gegen diese große Liebe sind Rassengesetze Kinkerlitzchen.

ICH WÜNSCHE DIR EIN SCHÖNES LEBEN
In Dünkirchen geht es um Gefühle und Muttergefühle.

DREI VON SINNEN
Just nicht besinnungslos, sondern sinneneingeschränkt wollen Bart, David und Jakob ihre Freundschaft erkunden, ein Abenteuer gegen die erwachsen gewordene Ich-Routine.

MÄDELSTRIP
So taffe Frauen müssen einfach Glück haben bei Entführug im ecuadorianischen Dschungel.

WONDER WOMEN
Kreuzstich statt Testosteron; so wird die weibliche Superheldin erzählt.

MARIA MAFIOSA
So ganz gar ist die bayerische Giallo-Pizza nocht nicht.

DAS BELKO EXPERIMENT
Kolumbien bekommt diesem Außenposten einer amerikanischen IT-Firma gar nicht gut – sonst wärs ja kein Horrorfilm.

TV
LEBENSLINIEN: MEIN GLAUBE, MEINE LIEBE
Was machen die katholischen Kirchenoberen am liebsten? Unter die Bettdecken ihrer Mitglieder schauen. Das ist pervers.

Kommentar
Lauter Dumpfbacken?
Unterm Vorwand der Demokratieförderung fordert die Produzentenallianz mehr Geld aus dem undemokratisch finanzierten Rundfunktopf.

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Fast im Wochentakt kommen zur Zeit Reisefilme ins Kino (als Gegenprogramm zu Kreuzfahrt und Cluburlaub?), erst Expedition Happiness (ein junges Pärchen baut einen alten Schulbus um und erkundet Nordamerika), Weit (ein Pärchen umrundet in 3 Jahren auf Schusters Rappen die Weltkugel) und jetzt die drei Jungs Bart, David und Jakob aus der Bodenseegegend (eine Französin: „die sind wirklich komisch, die Deutschen“), die ihre Reise am härtesten als Initiations- und Selbstfindungstrip planen; die auch ein Filmteam dabei haben (während die beiden vorherigen Filme Selfies sind), bestehend aus einem Regisseur (Kerim Kortel), einem Kameramann (Moritz von Dungren) und mindstens noch einem Tonmann. Das Filmteam macht sich wie beim Spielfilm unsichtbar.

Das Reiseziel ist es, in drei Wochen vom Bodensee aus den Atlantik zu erreichen, die Dünen von Dune de Pilat. Die Reisemittel sind Trampen, Wandern, Bus, Bahn. Das wäre alles noch einschlägig.

Aber so leicht wollen es sich die drei Freunde nicht machen. Sie wollen ihr Unternehmen auch als eine Reise ins Ich verstehen. Sie stellen die Vertrauensfrage, einmal an die Freunde, ob auf sie Verlass ist und sie stellen auch ihre eine Jugend lang einegübte Ich-Routine in Frage, indem sie sich dem Bild der Drei Affen gemäß, lustige Symbolik im mehrfachen Sinne, abwechselnd für eine Woche lang je eines Sinnes berauben, jeweils nach einer Woche wird getauscht.

Je einer ist also eine Woche lang blind (mit zugeklebten Augen), einer ist taub (mit Kopfhörer und batteriebetriebenem Störsender inklusive Verkabelung) und der Dritte, der darf nicht sprechen; gut, kein Problem, er kann sich ja mit Schrifttafeln oder mit Ansätzen der Gebärdensprache behelfen. Das kann zur höchsten Belastung werden, wenn die Jungs müde, verschiedener Ansicht, hungrig oder sonstwie gestresst sind – denn wer hat in so einer Situation noch den Nerv für eine verlangsamte Kommunikation.

Es stellt sich heraus, dass sie sich ganz schön fordern und die eigenen Grenzen als viel enger und schneller als angenommen erfahren.

Anfangs erging es mir beim Schauen des Filmes ähnlich wie der Besitzerin eines Campingplatzes, die echt sauer wird auf die Jungs, weil sie mutwillig und vorsätzlich sich eine Behinderung auferlegen; sie sollten lieber Behinderten helfen, meint sie; denn sie hat selber ein behindertes Kind. Sie glaubt wohl, die jungen Männer treiben Scherz mit der Behinderung. Dem ist aber nicht so.

Es ist auch nicht ihr Projekt, Behinderten zu helfen. Je länger die Reise dauert, desto zwingender erklärt sich die Sinnigkeit ihres Vorhabens wie von selbst. Bei jungen Leuten, die an einem Fluss relaxen wirkt es sogar fast so, als sei mindestens einer der Männer fast ein wenig neidisch, dass diese drei Jungs etwas Besonderes verkörpern und wagen – auch wenn diese Besonderheit in einem Defekt besteht; der junge Mann ahnt wohl, dass es gleichzeitig für die experimentierfreudigen Jungs nebst vieler Mühsal eine ungemeine Bereicherung bedeutet.

Vielerlei Begegnungen ergeben sich, bei denen auch der Sinn der Reise diskutiert wird; sie gehen ein Stück Jakobsweg, unterhalten sich in einer Herberge mit den zwei Betreiberinnen; nach je einer Woche folgt das Ritual der Dehandicapierung, das Ende des Gefühls von Isolation einerseits, aber auch neuer Schönheitsempfindungen, anderer Wertigkeiten und das Ende jener Entlastung, die sich durch den Wegfall des Zwanges zur Kommunikation ergeben hat.

Hier geht’s zur Filmwebsite.

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Kicherstoff.
Auch Frauen können Blockbuster-Superheld.

Die Regisseurin hat das Rezept von den Autoren Allan Heinberg, Zack Snyder + 3. Allerdings müssen Frauen ohne männliches Testosteron auskommen. Das verlangt nach Kompensation. Die sieht so aus: Die Geschichte wird wie ein Märchen ganz einfach erzählt. Es waren einmal (Untertext) die griechischen Götter, Zeus. Der hatte einen bösen Sohn, Ares. Der wurde der Kriegsgott und sorgte dafür, dass die Menschen in Zwietracht und Krieg leben. Aber es gibt die Amazonen, die ohne das männliche Testosteron. Die leben auf einer Insel. Sie üben das Kriegshandwerk, denn sie wollen den Kriegsgott besiegen, damit Friede werde auf der Welt.

Diana heißt unsere weibliche Superheldin (Gal Gadot wirkt allerdings eher wie direkt vom Laufsteg kommend). Ihr wird ihre wahre Herkunft von den sie erziehenden Frauen verheimlicht. Sie übt die Kampfkunst in allen Facetten auf der idyllisch computeranimierten Amazoneninsel.

Die Drehbuchautoren erfinden ex machina einen Zwischenfall, entsprechend einem Zeitkatapult: ein deutsches Flugzeug der Wehrmacht aus dem 1. Weltkrieg stürzt in den beschaulichen Golf vor der Amazonen-Insel.

Diana wäre keine Superheldin, wenn sie den abgestürzten Piloten, der ein britischer Spion ist, Steve Trevor (Chris Pine), nicht retten würde. Er erzählt von den furchtbaren Dingen des zweiten Weltkrieges und wie viele Menschen da sinnlos getötet werden.

Das kann Diana so nicht akzeptieren. Sie vermutet dahinter den Ares, den sie treffen und ausschalten will, sie fühlt sich für den Frieden auf Erden verantwortlich. So zieht sie denn mit Trevor los, um den Ersten Weltkrieg zu beenden.

Das füllt das Hauptcorpus des Filmes, lässt aber genügend Raum für Kichermomente speziell des weiblichen Publikums. Kleine Szene: Diana erwischt Trevor nackt im Bade, er steht verloren da. Sie fragt, was das kleine Ding dort sei. Er guckt verlegen an sich runter. Sie aber meint die Uhr, die neben ihm liegt.

Oder wie die beiden im Boot die Amazoneninsel verlassen, müssen sie auch schlafen, liegen angezogen nebeneinander und spielen eine, hm, pennälerhafte Verschämtheitsszene.

In London schockiert die Amazone mit ihrem Auftritt das Unterhaus, das eine reine Männerangelegenheit ist. Sie muss sich wie eine Dame einkleiden; auch das dürfte für Kicherer gut sein. Sie hat nichts Dezentes drunter, wenn der Wind den Rock auseinanderweht, kommt ihr Kriegsgeschirr zum Vorschein – kicher, kicher. Gleich darauf schleckt sie ein Eis. Dann muss sie – wieder kicher, kicher – Tanzen lernen mit dem tänzerisch wenig begabten Trevor.

So wird ein Nettes nach dem anderen erzählt (zwischendrin Kriegsszenen mit viel Pyromantik), hinzugefügt wie bei der Stickerin ein sauberer Kreuzstich an den anderen, bis das Gemälde von der Superheldin, die inzwischen einen Job im Louvre hat, vervollständigt ist. Wobei die Kreuzstickerei deutlich zu Lasten des filmischen Flows geht. Die Moral von der Geschicht: nur Liebe kann die Welt retten.

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Frisch von der Leber weg, vom Bauch heraus ein Kino nach eigenem Gusto machen, das mag der Grund für Schauspielerin Jule Ronstedt für diesen Film gewesen sein, einen Genrefilm zu machen, einen Dialektfilm, einen Schauspielerfilm. Damit sind andere Schauspieler nicht schlecht gefahren, einer der berühmtesten ist vielleicht Sylvester Stallone mit seinem Rocky.

In Deutschland hat zuletzt Schauspielerin Nicolette Krebitz als Regisseurin mit Wild auf sich aufmerksam gemacht, sich Träume erfüllt, Träume auf die Leinwand gebracht.

Der Traum von Jule Ronstedt tendiert in einer andere Richtung, in Richtung eines italienisch-bayerischen Giallo, die Nähe zur kleinstädtischen Lebenswirklichkeit suchend.

Ein übersichtliche und auch nachvollziehbare Konfliktlage. Die Hauptfigur ist Lisa Maria Potthoff als Maria Moosand. Sie ist Polizistin und die Tochter vom Polizeichef Jürgen Mooshandl (Alexander Held). Sie ist hochschwanger von Rocco Pacelli (Serkan Kaya). Der ist der Sohn von Silvio Pacelli (Tommaso Ragno), der die Pizzeria Paradiso betreibt und in mafiöse Geschäfte verwickelt ist. Schmieren gehört zum Handwerk. Sein Sohn soll eine Sizilianerin heiraten.

Das junge Liebespaar, das sich romantisch und heimlich im Maisfeld trifft, schafft es nicht, den Eltern die Liebesbeziehung bekanntzumachen.

Ein Toter, der in einer Odelgrube gefunden wird, verschärfte die Situation, denn er wird in Verbindung zur Mafia und zur Familie Pacelli gebracht. Weitere Mitspieler sind der Polizist Franz (David Zimmerschied), der von Maria eine Abfuhr erhält. Der Bürgermeister Jo Fröschl (Sigi Zimmerschied) lässt sich von Silvio in dessen Machenschaften hineinziehen. Und da es den Toten gibt, taucht dessen Bruder aus Sizilien auf.

Den Typen mit der Braut für Rocco kann Maria von Amtes wegen noch vor der Trauung in der schönen Dorfkirche mit dem hohen Mittelschiff auf offener Landstraße verhindern. Die Polizeigewalt privat genutzt.

Die Qualitäten des Filmes sind die Frische des Spiels und des Dialektes, es törnt die Schauspieler an, auch italodeutsch zu radebrechen oder Typenhärte zu zeigen wie Rita Pacelli (Michael Davies).

Die schmissige Musik gibt allerdings auch vor, wie Inszenierung und Schnitt zu sein hätten, da stottert es ab und an. Vielleicht sollten solche Genreprojekte, die in gewissem Sinne ja auch Liebhaberprojekte sind, gänzlich auf Filmförderungen und fernsehredaktionelle Unterstützung verzichten und eine freie Finanzierung suchen, die noch den Schwung in die Sache bringt, dass sie sich an den Kinokassen rechnen sollte, was bei Förderung nicht unbedingt der Fall ist und insofern bequemend wirkt.

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Das Optimismusgenre Sitcom macht in diesem Film von Jonathan Levine nach dem Drehbuch von Katie Dippold mit den beiden großartigen Optimismus-Darstellerinnen und Protagonistinnen Amy Schumer als Emily Middleton und Goldie Hawn als Mutter Linda einen riskanten Trip ins Abenteuergenre bis hin zum Kidnapping-Film und findet gerade noch unter Umschiffung dieser Klippen ohne Bauchlandung zum Happy-Feeling und der Glücksmusik zurück.

Eine Mutter-Tochter-Geschichte dazu, was ist der Mensch ohne seine Mutter. Die sind auf Distanz, räumlich wie beziehungsmäßig. Weil die von der Tochter für sich und ihren Freund gebuchte Ecuador-Reise nicht ab- oder umbuchbar ist (not refundable), wird die Mutter sich breittreten lassen, ihre Tochter in das gefährliche Land zu begleiten.

Der Anlass ist für Emily ein schockierender, in einer hart am Wind gearbeiteten Kneipenszene gibt ihr der Freund unerwartet den Abschied.

Bis dahin hat sich die Emily-Figur bereits charakteristisch in unsere Wahrnehmung eingebohrt: eine dicke Frau, Blondine, die nicht schneller spricht als sie denkt, die ständig gegen die Schwerkraft ihrer Physis kämpft und wohl deshalb das reibungslose Funktionieren in unserer Gesellschaft nicht zu ihrem obersten Lebensprinzip erhoben hat, das wird eindrücklich demonstriert in einem Kaufhaus. Hier wird erst allmählich klar, dass sie Verkäuferin und nicht Kundin ist.

Eine Person, die die kleinlichen Machtspiele der Umwelt perfekt ignorieren kann und sich von denen nicht anfechten lässt. Wobei ihre Mutter noch verstärkt die Ruhe selbst sein wird später in gefährlicher Lage, wenn sie bei den Kidnappern in einen Keller eingesperrt sind und die einzige Lektüre eine Pornozeitschrift ist.

In Ecuador sind sie in der sicheren Hotelanlage La Escapada untergebracht. Von James (Tom Bateman) lässt sich Emily zu einem Landausflug überreden. Mutter fährt mit. Das ist der Beginn des Dschungelabenteuers, das brutal an die dunklen Seiten Lateinamerikas, an die chronische Entführungsindustrie, erinnert und sich dem Strudel der bitteren Ernsthaftigkeit solcher Geschichten gerade noch so zu entwinden versteht.

Für die Befreiung der beiden Frauen spielen weitere Figuren eine Rolle, Emilys Bruder Jeffrey (Ike Barinholtz). Der wohnt noch zuhause und ist ein Computernerd. Es gibt in der Hotelanlage die komische Paarung Ruth und Barb (Wanda Sykes und Joan Cusack), es gibt einen Angestellten im Auswärtigen Amt, Morgan (Bashir Salahuddin). Das macht mit den Charme solcher Komödien aus, dass Anrufe an dieses Amt ausgerechnet immer beim gleichen Officer landen als ob es lediglich aus diesem einzigen Angestellten besteht.

Es gibt Indio-Ärzte, die mit ganz eigenen Methoden einen Bandwurm zu extrahieren verstehen und Kidnapper; es gibt einen Angestellten der amerikanischen Botschaft in Bogota. Wie der gezeichnet ist, wirft einen satirischen Blick auf die amerikanische Außenpolitik und ihr aktuelles Verhältnis zu Lateinamerika. Im Überlebenskampf entwickeln die beiden Frauen ungeahnte Fähigkeiten.

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Ein cinéma francais féminin, das dem Wahrheitsgehalt von Gefühlen auf den Zahn fühlt und dazu ein Experiment wagt, dieses allerdings wiederum als glaubwürdig realistisch tarnt.

Allein schon die Funktion von Dünkirchen ist wahrheitsevident, es gibt die Stadt, sie ist selten im Kino zu sehen und sie ist einer der Spielorte.

Die Hauptfigur, Elisa Bérard (Céline Sallette) ist Physiotherapeutin, lebt mit ihrem Sohn Noé (Elyes Aguis) in Dünkirchen. Vater Alex (Louis-Do de Lencquesaing) lebt in Paris. Noé hat erstaunlicherweise eine Affinität zum Maghreb, vom Aussehen her, aber auch im Umgang mit vielen seiner Mitschüler, die von dort stammen, er mag kein Schweinefleisch, das belegt eine Szene mit Pizza, wie er die Schinkenstückchen einzeln und mit Verachtung rausstochert.

Der Film fängt an wie ein Themenfilm: Elisa sitzt einer Frau von einer Behörde gegenüber. Sie möchte Auskunft über ihre leibliche Mutter, denn sie ist ein Adoptivkind, bei der Geburt freigegeben.

Ounie Lecomte (Ein ganz neues Leben), die mit Agnès de Sacy auch das Drehbuch geschrieben hat, verfolgt diese Suche allerdings nicht mit detektivischer Penetranz. Sie nimmt sich genügend Zeit, das Leben von Elisa zu schildern. Es gibt viele Szenen in der physiotherapeutischen Praxis. Das beobachtet die Kamera ganz genau, wie Haut und Muskeln des Patienten mit den Händen der Therapeutin behandelt werden. Aber die Grenze zum Schulungsfilm wird nicht überschritten.

Manchmal geht die Kamera cool ins Unscharf, denn es geht gewiss nicht um physiotherapeutische Details. Es geht um die Gefühle zwischen den Menschen.

Eine neue Patientin meldet sich bei Elisa. Diese ist eine feste Person mit einem Gesichtsausdruck, der auf ein schweres Leben und ein ebensolches Gemüt schließen lässt.

Es ist Annette, die in der Schule von Noé als Köchin und als Reinigungskraft arbeitet. Sie lebt mit ihrer Mutter zusammen und hat noch einen Bruder. In der Schule verspottet Noé sie als Bulldogge, was nicht zu ihrer Gutherzigkeit passt.

Immer wieder versucht Lisa ihrer Mutter zu finden. Das geht nur über die Vermittlung des Amtes und die Mutter muss der Tochter erst einen Text schreiben und sich zu erkennen geben. Dann steht es Lisa frei, den Kontakt zu suchen.

Es gibt eine Party der Schüler und Lisa geht tanzen, verbringt eine Nacht mir ihrem Kollegen Fabio. Noé reißt aus. Es gibt Krisenmomente, einen Besuch beim Vater in Paris.

Ein Indiz, dafür, dass Lecomte den Film als Experiment betrachtet, ist möglicherweise auch die Vertonung, wie anfänglich eher nur begleitende Klavierakkorde das Spielerische an der Versuchsanordnung betonen und wie aus dem Herumprobieren mit dem Thema Adoption eine heißere Sache wird, da geht die Musik voluminöser und temperamentvoll mit.

Die Fragen, was ist der Unterschied zwischen irgend einer Frau und der Mutter, rein physiologisch, rein taktil? Was bedeutet Berührung? Gibt es diese Mutterliebe überhaupt? Sind Biologie und Abstammung so wichtig? Lecomte tippt diese und viele andere Fragen behutsam an mit ihrem Film, der wie eine schöne Sammlung von Alltagsminiaturen sich attraktiv macht.

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Feines Kino zum 5’o Clock Tea, das majestätisch und auf Sicht fahrend die Geschichte augenzwinkernd und Schmunzeln machend über die Leinwand ziehen lässt, indem es auf das Menschlich-Humane hinweist, das in jedem Menschen noch unter den chaotischsten Lebensumständen schlummert.

Dieser Film von Simon Aboud könnte inspiriert sein vom Film „Die wundervolle Welt der Amélie“. Die Message ist die, was führt ihr euch alle so auf, ihr seid doch nur Menschen, also könnt ihr auch menschlich handeln und fühlen.

Bellas Auf-die-Welt-Kommen ist chaotisch und katastrophal: ein Findelkind in einem Karton in freier Natur, ein Sturm als apltraumhaft prägendes Früherlebnis, fürsorgliche Enten, die sich in den Karton setzen und den Säugling wärmen und ein drahtig-greiser Naturanbeter und Griesgram, der das Ding findet.

Damit sind die Motive, die die Geschichte durchziehen und die miteinander in Gegenwirkung treten, bereits eingeführt; die Natur als verheerendes Desaster, Flugvögel, die abheben können, und alte Männer als Retter.

Auch wenn zwei von den drei Männern, die in Bellas (Jessica Brown Findlay) Erwachsenenleben eine Rolle spielen, nach Jahren jung, nach Verhalten aber schon recht verknöchert, eigenbrödlerisch, verknorzt wirken.

Alt ist lediglich der Nachbar Alfie Stephenson (Tom Wilkinson) ein Stinkstiefel, der seinen Koch Vernon (Andrew Scott) und seine Ärztin Milly (Eileen Davies) wie Sklaven behandelt.

Bella hat sich mit Geschichten über ihre einsame Juend hinweggeträumt. Sie will Schriftstellerin werden und ein Kinderbuch schreiben. Gegen das Chaos ihrer Herkunft und der Natur setzt sie eine akribisch-penetrante Ordnungsliebe, obwohl sie mit der Pünktlichkeit beim Erscheinen am Arbeitsplatz Mühe hat. Sie arbeitet in einer Bibliothek, Bücher sind ihre Welt, nicht unbedingt aber jene der Penetranz und Verhärtung ihrer Chefin Bramble (Anna Chancellor), die, um dem Motiv der absoluten Ruhe Nachdruck zu verleihen, die Ordnungsübertreter wie die zu spät kommende Bella oder den essenden und laut redenden Bibliothekbesucher Billy (Jeremy Irvine) mit Schrifttafeln und mit strafendem Blick auf ihre Vergehen aufmerksam macht.

Mit den zwei jugen Männern sind auch die nötigen Elemente für den Ansatz einer RomCom eingeführt, deren Ent- und Verwicklung verzwickt und nicht besonders romantisch abläuft; wobei das Vogelmotiv insofern Eingang findet als Bibliotheksbesucher Billy ein Erfinder mechanisch fliegender Vögel ist.

Der Kontakt zum Koch kommt über den starrsinnigen Nachbarn zustande, der am verwahrlosten Garten von Bellas Haus nur rummäkelt; der Hausverwalter droht sogar mit der fristlosen Kündigung, falls der Garten nicht in Ordnung gebracht wird, wodurch Bella die größte Prüfug noch bevorsteht, die aktive Auseinandersetzung mit der wuchernden Natur – andererseits ist das auch das verbindende Thema zum alten Nachbarn: seinen Garten zu pflegen. Das führt alle Beteiligten auf einen gemeinsamen Nenner zurück, eine schöne Moral.

Der Erzählduktus ist bestimmt vonn Bellas etwas kindlicher, vereinfachend-stilisierenden Sicht auf die Welt, die sich in Inszenierung wie Szenenbild wiederfindet mit einer Tendenz in Richtug naiver Malerei, aber auch mit einem ebenso einfachen wie klaren Konfliktdispositiv.

Und hübsch: kurz unterhält sich der von Stephenson geschimpfte Vernon mit Bella auf gälisch.

Schöne Bezeichnung für das Vorratsregal von Bella, in welchem in militärischer Reih und Glied eine größere Anzahl Konservendosen stehen: Food-Prison, Ernährungs-Gefängnis.

Zu so einer Geschichte gehört es von Natur aus, dass noch die härteste Figur den Moment ihrer seelischen Erweichung erfährt. Dabei rührt die Musik eifrig mit.

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Das Horrorgenre ist eine Angelegenheit von Kalkül und Dosierung. Erst folgt die Schilderung von Normaliät, allenfalls versehen mit misstrauisch stimmenden Omen, dann wird nach und nach oder sehr plötzlich das Unvorstellbare in diese eingeträufelt oder platzt in sie hinein.

Hier im Film von Greg McLean nach dem Drehbuch von James Gunn geht es um einen Spezialfall des Horrorgenres, nennen wir es den Eliminationshorror. Hier wird eine Gruppe von Menschen sich gegenseitig bis auf den letzten Blutstropfen bekämpfen und wenn alle tot sind oder grad noch einer überlebt, dann ist der Film aus. So in Battle Royal aus Japan von 2000.

Die Menschen müssen sich gegenseitig umbringen. Ort des Horrors ist diesmal ein Hochhaus in einem Campus der amerikanischen Firma BELKO Industries in einem öden Außenbezirk von Bogota in Kolumbien.

Die Macher behandeln das Horrorrezept einwandfrei wie knackigen Frühjahrssalat mit der Schilderung eines lässigen amerikanischen Büroalltages mit seinen Großraumbüros und mit einer alltagsgängigen Typenmischung von Darstellern.

Den ersten Hinweis auf etwas gegen die Alltagsroutine liefern erhöhte Sicherheitskontrollen durch Militärs schon am Eingang des Campus. Eine neue Mitarbeiterin, schmollippige Latinoschönheit, wird eingeführt, damit verbunden ist die Info, dass die Mitarbeiter der Firma einen Chip im Hinterkopf implantiert bekommen, damit sie bei allfälligen Entführungen überall auf der Welt sofort aufgespürt werden können. Dient alles der Sicherheit. Und wird sich nach dem Horrorgesetz in sein blutiges Gegenteil verkehren.

Nach etwa einer Viertelstunde bricht der Horror wie ein Sturm aus dem Nichts über den Betrieb herein. Es scheint, dass eine fremde Macht das Haus übernommen hat. Überall werden automatisch gepanzerte Eisenplatten vor die Fenster gekurbelt, ein eindrücklicher Vorgang.

Dann werden die Spielregeln bekannt gegeben, die Zeitvorgaben, in denen wie viele Tote vorzuweisen seien. Offenbar hat die fremde Macht den Überblick über das Gebäude. Der Zuschauer darf jetzt insgeheim Wetten abschließen, wer von den Figuren, die etwas persönlicher vorgestellt worden sind, allenfalls überleben wird. Wir tippen, ohne etwas zu verraten, auf Mike Milch (John Gallagher, Jr.), den haben wir als ersten kennengelernt, er ist auch der sympathischste.

Ab Bekanntgabe der Regeln dieses Spieles, das kein Spiel mehr sei, befolgen die Filmemacher die Standard-Rezeptur fürs Genre geflissentlich, erfinden diverse Situationen, lassen die Menschen in verschiedenen Gruppen sich anhäufen oder vereinzeln, lassen die Zahl der lebenden Darsteller sich verringern, lassen einen verführerischen Waffenschrank ins Bild kommen, lassen die Darsteller teils ganz ruhig und sachlich sich besprechen, teils Verzweiflung und Entsetzen spielen.

Aber sie scheinen nicht die richtige Würze gefunden zu haben, nicht das Salz in der Horrorsuppe. Diese wirkt zu brav abgespielt und die am Ende drüber gestülpte Rahmenhandlung wirkt aus dem Ärmel gezaubert, eher, um zu einem Ende nach anderthalb Stunden zu kommen, als um dem Horror noch eins draufzusetzen. In der Musik verfolgen sie die bewährte Rezeptur, zu horriblen Situationen schöne Musik wie Opernarien oder Latinoklassik aus dem Radio einzuspielen.

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