Archiv für 8. Juni 2017

Viel zu tun für den Freund ansprechend-anspruchsvollen Kinos. Der Topfilm kommt aus Frankreich und nebst Familiengeschichten aus Frankreich und Amerika gibt es gleich drei Favoriten aus Deutschland. In der Bretagne wird ein konkaver Strand zum verblüffenden Symbol für den Magnetismus brüchiger Viten, in Frankreich heißt die Hebamme auch weise Frau, beim amerikanischen Familienessen ist die Küche schmackhaft und die Familien-Innereien sind happig, Beachtliches gibt es aus Berlin: ein bürgerlicher Hund, der von der Revolution träumt, ein Mann im skurrilen Widerspruch zwischen Gelderwerb kontra Allgemeinbildungswissen und eine Dänin, die ein Stück deutscher Gegenwart aus dem Verborgenen holt. Aus dem nahen Freiburg kommt eine ‚Weite‘ Kinoüberraschung, aus Italien eine Rennfahrerphilosophieillustration, aus Amerika gibt’s ein Bluesmusiker Biopic, wieder aus Frankreich ein Penispalaverstück, aus Deutschland ein Stuntdemoband und nochmals aus Amerika eine Sensationsgroschendoku über eine unglückliche Sängerin und zuletzt rührte sich noch eine verfluchte Mumie aus Ägypten. Auf DVD geht es um die Verträglichkeit von Mensch und Arbeit, ein Buch lässt die Traumwelt Hollywoods als zockerhaft erscheinen und ein Videoclip auf Youtube beruft sich auf Emerenz Meier.

Kino

MARIE UND DIE SCHIFFBRÜCHIGEN
Ein konkaver Wandersandstrand als Sinnbild des Lebens.

EIN KUSS VON BEATRICE – SAGE FEMME
Die Beliebigkeit des Zeugungsaktes gegen die Würde des Menschen.

THE DINNER
Die Leiche im Keller einer feinen Familie.

DIE VERGESSENE ARMEE
Der Mensch hat ein Recht auf Würde und Geschichte, auch wenn er einen Teil seines Lebens im falschen Staat verbracht hat.

SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES
Die Internatonale als Vehikel auf dem Weg zu cineastischer Selbstfindung.

MANN IM SPAGAT
Skurrile Defizite zwischen der Mutterwelt und der Erwerbswelt da draussen.

WEIT
Unsere Welt ist vielseitiger und spannender als die Nachrichten sie wahrhaben wollen.

GIULIAS GROSSES RENNEN
Austesten der Grenzen zwischen Ideallinie und Kontrollverlust.

BORN TO BE BLUE
Diese verdammte Drogensucht – und trotzdem Musik.

MEIN NEUES BESTES STÜCK
Wenn das Teil durch die Hose drückt, nennt man es Beule.

PLAN B: SCHEISS AUF PLAN A
Selber schuld, wer 69 und 96 nicht unterscheiden kann – über Stuntintelligenz?

WHITNEY – CAN I BE ME
Reich und trotzdem unglücklich.

DIE MUMIE
Tom Cruise versucht angestrengt, wie Tom Cruise zu schauen.

DVD
FROM BUSINESS TO BEING
Weil die Arbeit nicht dem Menschen angepasst ist, wird dieser immer kränker. Was tun?

Buch
GLÜCK UND KATASTROPHEN
Für den Traum vom Geld opfert die Hollywoodindustrie die Träume vom Kino.

Youtube
WÖDASCHWÜLN
Videcolip zum gleichnamigen Gedicht von Emerenz Meier. Niederbayrisch.

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Sie haben die Götter erzürnt.

Das kann direkt zu einer psychischen Belastung führen, sich dem ausgesetzt zu sehen, dass ein Mann wie Tom Cruise in fortgeschrittenem Alter immer noch solche Rollen spielt, in denen er sich immer wieder auf den Boden hechtet und kullert, denn die jugendliche Leichtigkeit ist definitiv dahin.

Verständlich ist, dass Cruises nackter Altherrenoberkörper mit dem makellos schwarzen Haarteil obendrauf, wenn der sich in der Pathologie aus der vermeintlichen Leiche herausschüttelt und -schält, zur Attraktion für eine verfluchte Mumie aus dem alten Ägypten wird.

Wobei die Geschichte von David Koepp (Inferno) + 5, die Alex Kurtzman inszeniert, in der Exposition durchaus Plausibilitäten für das Zombie-Mumien-Genre aufweist. Sie fängt mit zwei parallelen Heute-Ereignissen an.

In London fräst sich eine Tunnelbohrmaschine tief unter der Stadt durch den Untergrund und stößt auf ägyptische Grabstätten (ok, Kreuzritter und so) und im Irak herrscht Krieg, hochaktuell, man sieht nicht näher definierte Militärs antike Monumente zusammenschießen – Aktualitätsbezug gelungen.

So schlimm treiben es Tom Cruise und sein Kumpel im Irak nicht. Sie befreien, wie sie sagen, kostbare Antiquitäten. Dass sie dabei unter Beschuss kommen, ist nachvollziehbar. Dass sie auf ein unteriridisches Verlies stoßen, ist dem Genre geschuldet, und dass Cruise mutwillig die als Mumie dort eingesperrte ägyptische Prinzessin Ahmanet (Sofia Boutella), mit deren Vorgeschichte der Film anfängt, befreit und somit die bösen Geister und Monster loslässt, ist genreimmanente Logik.

Die geschätzten restlichen eineinhalb Stunden verbringt der Film damit, den Satz zu illustrieren und zu zerdehnen, dass mancher manchmal zum Monster werden müsse, um ein Monster zu bekämpfen.

Dazu wühlt der Film fantasielos und gehetzt – wohl aus Angst vor Momenten der Klarheit und der Einfallslücke – tief in der Trickkiste von Vögel-Horror, Flugzeugabsturzhorror, Zombie-, Monster- und Mumiengenre und auch der „Arzt für Immunologie“ (Russell Crowe als Dr. Henry Jekyll) darf nicht fehlen. Als Führerin durch den an den Haaren herbeigegezogenen Humbug und das Durcheinander fungiert die Archäologin Jenny (Annabelle Wallis).

3D hat merkliche Schärfenprobleme und macht somit alles noch schlimmer und die deutsche Synchro bellt und stößt ihre Sätze aus dem letzten Rohr ins Mikro, darunter schwallt massives Hohlheitsübertönorchester und Tom Cruise versucht angestrengt wie Tom Cruise zu schauen mit diesem leicht geöffnetem Mund und dem blanken Entsetzen auf der Retina.

Dem Satz kann vorbehaltlos zugestimmt werden: Wir haben die Götter erzürnt.

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In zwei Stunden um die Welt ohne Flugzeug.

Das sind zwei Kinostunden, in denen Patrick Allgaier und Gwendolin Weisser ihre 3-jährige Weltreise von Freiburg im Breisgau einmal um den Globus immer nach Osten bis zurück nach Freiburg im Breisgau schildern.

Vor allem sind sie Rucksack-Tramper, die letzten 900 Kilometer von Barcelona aus bis nach Hause gehen sie zu Fuß („Es ist wunderbar, das letzte Stück zu laufen“). Inzwischen sind sie zu Dritt. Reiset und vermehret Euch.

In Freiburg im Breisgau schlägt der Film alle Zuschauerrekorde. Das mag zum Teil damit zusammenhängen, dass die beiden Weltreisenden von hier sind, aber auch damit, dass sie ihre Reise mit Crowdfunding-Mitteln finanziert haben.

Das allein dürfte für den Erfolg nicht ausreichen. Denn das Reisen hat sich heute doch sehr professionalisiert. Alles wird organisiert, alles erst mal mit dem Flugzeug angeflogen. Trampen ist kaum mehr in. Das heutige Reisen scheut das Risiko. Und sowieso glaubt der Mensch, über Internet, Google-Earth und diverse Apps alles zu kennen auf der Welt und also keine Neugier nötig zu haben.

Allgaier und Weisser zeigen, dass dem nicht so ist, dass sich die Welt weit spannender und differenzierter darstellt, als die Nachrichten in den Medien uns weis machen möchten. Ihre Reise ist geplant von Neugier und Offenheit. Sie reisen mit kleinem Gepäck, ein Zelt, Rucksäcke, Kocher, ein Minimum an Kleidung. So dass sie es tragen können – in Wüstengebieten einige Flaschen Wasser.

Die Reise führt sie von Deutschland über Bulgarien nach Russland, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan in die Innereien Asiens, dann über Aserbeidschan, Georgien in Richtung Iran, Indien, Pakistan, Nepal, China, Mongolei (das ist jetzt nicht unbedingt die richtige Reihefolge und vollständig schon gar nicht), mit dem Schiff nach Japan und von da über den Pazifik nach Mexiko, worauf sich eine ausgiebige Mittelamerikareise anschließt bis zur Passage mit einem Kreuzfahrtschiff mit 110 Köchen und 90 Passagieren (eine Überführungs-Leerfahrt zwischen zwei Reisen) nach Barcelona.

Überwiegend trampen unsere Selbstdokumentaristen, sind mit Eseln in gebirgiger Wüste unterwegs, werden in Pakistan von der Polizei eskortiert, sind mit der Bahn zugange,im Bus, auf LKWs. Aber sie sind auch tagelang in Gebirgs- und Wüstenlandschaften als Wanderer unterwegs.

Sie bleiben zeitweilig an einem Ort, um Geld zu verdienen. Sie wohnen als Couch-Surfer. Sie ziehen sich mit ihrem Zelt in die Wüste zurück – diese Stille! Sie organisieren per Internet und dann wieder mit dem erhobenen Daumen und einem beschriebenen Karton am Straßenrand. Oder sie bleiben über Wochen in Sibirien in einer Behinderteneinrichtung und arbeiten dort mit oder besuchen eine Partnerschule der Waldorfschule von Freiburg.

Zeitweise schließen sich ihnen andere Reisende an; in Iran gehen Studenten mit ihnen mit auf die Erkundungsreise in deren eigenem Heimatland, weil einer von ihnen eben die Ablehnung einer Uni aus Deutschland erhalten hat (wobei ihm sogar ein Stipendium in Aussicht gestellt wurde), aus merkwürdig formulierten Gründen.

Sie studieren die Eintragungen an den Checkpoints im gefährlichen Belutschistan und wundern sich, dass doch pro Woche ein Reisender sich hierher verirrt. Sie bestaunen die prunkvollen LKWs und Autobusse in Pakistan. Sie finden in Indien keine Ruhe. Sie haben in China einen chinesischen Selbstdarstellungs-Text dabei, den ihnen eine Freundin aus Freiburg übermittelt hat, damit sie sich mit den Autofahrern unterhalten können.

Wer eine Reise macht, kann etwas erzählen und wer eine 3-Jahres-Reise macht, kann besonders viel erzählen. Jede Begegnung ergibt eine kleine Geschichte. Vom Achsbruch eines LKWs, der Kohlen transportiert, mitten in einem überfluteten Stück im Niemandsland der Pamir-Hochstraße.

Es ist ein Film, der kein absehbares Drehbuch hat, nur einen groben Routenplan. Aber ein LKW kann sich auch mal verfahren, fährt, da das Navi kaputt ist, 400 Kilometer in der kasachischen Steppe in die falsche Richtung, obwohl der Fahrer schon 40 Stunden ohne Schlaf unterwegs ist.

Man muss den Film selber anschauen. Und kommt vermutlich als ein etwas anderer aus dem Kino hinaus – weil die Welt nicht so ist, wie es die Machtpolitiker über die Medien uns penetrant einhämmern (das böse Pakistan, der böse Iran, das böse Katar). Weil hier gegen die immer mehr überhandnehmende Planungs- und Organisationsepidemie in unserer Gesellschaft – gerade auch durchs Internet – ein aufregender Kontrapunkt gesetzt wird, und zwar wohlbedacht.

Oder wie Gwendolin Weisser es sagt: das Wissen von den Elefanten ist eines, einen Elefanten zu berühren ist ein anderes. Über die Reise wird aus der Fantasie Erfahrung. Und Hollywood dürfte eine Schrottkarre, wie die von Maradona, mit der die Weltreisenden immerhin 8 Kilometer zurücklegen, nicht in den kühnsten Träumen zu erfinden in der Lage sein.

Zu empfehlen: Haferschleimbrei mit Yakkäse aus dem Himalaya auf 5400 Metern Höhe.

Das Link zur Filmwebsite.

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Schiffbruchgefährdet ist die menschliche Seele.

Die Ile de Groix mit ihrer Weltrarität von konkavem Wanderstrand wird in diesem wunderbar unkompliziert vielschichtigen Film von Sébastien Betbeder zum Symbol für die Schiffbrüchigkeit der Existenz, für den Magnetizismus zufälliger Bekannt- und Liebschaften und Begegnungen, die wiederum literarisch verarbeitet werden sollen.

Ein Film, der mit einer Zufallsbekanntschaft in einer Pariser Kneipe beginnt. Siméon (Pierre Rochefort), der eben seiner brüchigen Biographie einen Mosaikstein hinzugefügt hat, begegnet Wim (Wim Wilaert), der gerade auch bei einem unmotivierten Vorstellungsgespräch abgelehnt worden ist; dies aber als Erleichterung empfindet.

Die beiden verstehen sich auf einer tieferen Existenzebene auf Anhieb, sie singen spontan im dem Lokal. Damit ist das Prinzip, wie Menschen zusammenkommen, wenn sie Schicksalshaftigkeit verbindet, illustriert, es ist die Verbindung, die Reisende näher bringt, eine gemeinsame Strecke des Weges zu gehen, des Lebens.

Siméon hat Beziehungskisten und eine getrübte Jugend hinter sich, hat den Traumberuf des Redakteurs endlich bekommen, bis die engagierte Zeitung Modoi pleite geht und er arbeitslos ist.

Siméon gründet mit seinem besten Freund Osacar (Damien Chapelle) eine WG. Oscars Spezialität ist der Somnambulismus; er möchte das mit einer Infrarotkamera aufnehmen; er leidet unter Elektrosensibilität und nutzt diese, um Techno zu machen.

Ein Thema, was auf anderem Wege Eingang in den Film findet. Denn Siméon stößt über ihr verlorenes Portemonnaie auf Marie (Vimala Pons) und ist gleich fasziniert von ihr. Über sie kommt ihr Ex Antoine (Eric Cantona) ins Spiel, ein Autor mit ebenfalls keiner glatten Biographie (ua Recherche im Milieu Elektrosensibler). Mit seiner Familiensaga „Meerestiefen“ hat er noch nicht den Durchbruch geschafft.

Die Figuren steigen ab und an wie aus aus den Rollen, ohne jedoch anders zu spielen, erzählen etwas aus ihrem Leben voller Wechselfälle, welche den Magnetismus unter ihnen plausibel macht.

Auch Marie hat die Geschichte umhergeworfen aus dem Land ins Nachtleben von Bordeaux bis hin zum Fotomodeljob. Antoine warnt Siméon, Marie sei gefährlich.

Diese Protagonisten drehen sich nun um einander herum wie Gestirne, nähern sich einander, entfernen sich, treffen sich, verfolgen sich.

Ein Fotojob bringt Marie zur Insel Groix, in der die rätselhaften Lebensläufe unter Kollisionsgefahr gefährlich nah aufeinandertreffen.

Mit Blinzeln betrachtend wirkt der Film, als ob er die Menschen wie Motten sieht, die um ein Licht tanzen, der Sehnsucht nach Licht ausgeliefert und mit dieser verbindenden Sehnsucht einander näher gebracht. Könnte so als Existenzinterpretation gelesen werden.

Auf der Insel Groix stößt Cosmo (André Wilms) zum Ensemble und fügt der Vielschichtigkeit des von Betbeder entworfenen Menschenbildes noch die Nuancen philosophischer Musik hinzu. Cosmo dreht ein Musikvideo mit Marie.

Auch Suzanne (Emmanuelle Riva) als zeitweilige Vermieterin von Marie, bereichert das Lebensbouquet, das dieser Film zeichnet, um wunderbare Farben. Eine Vielfalt aus Vergänglichkeit, Vergangenheiten und Träumen, aus gesteuerten und kaum steuerbaren Laufbahnen, gerne auch am Rande des Bizarren und der Randerfahrung oder wie an langen Fäden des Grotesken, irrisierende Magnetfelder der Liebe, des Lebens, des Lichtes und anderer elektrischer Strahlungen.

Auf der Insel Groix steigen einige der Protgonisten im Hotel De La Jetée ab. Hier wird Antoine seinen neuen Roman schreiben: Marie und die Schiffbrüchigen.

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Mit lautem Temperament donnert diese Motorentragikomödie über die Leinwand, eine beherzte Bebilderung von zwei Positionen der Kontroll- und Rennfahrerphilosophie: „Wenn du alles unter Kontrolle hast, bist du nicht schnell genug.“

Für diese These steht Loris (Stefano Accorsi). Er lebt sie förmlich. Er war eine Rennfahrerlegende (Ballerino), ist inzwischen ein abgestürzter Kotzbrocken, lebt mit der Junkie-Frau Annarella (Roberta Mattei) in einem runtergekommenen Wohnwagen.

Loris‘ Schwester Giulia (Matilda de Angelis), die Titelfigur, ist erst 17, fährt bereits Rennen und hat nicht mal einen Führerschein. Sie steht für die beherrschte Kontrolle, für das ordentliche Suchen der Ideallinie. Sie fahre zu sauber, meint ihr Bruder, die Ideallinie in einer Kurve zu fahren, sei Quatsch.
Loris ist abgebrüht.

Matteo Rovere, der diesen Film nach dem Drehbuch von Filippo Gravino und Francesca Manieri als ein emotional narratives Stück Kino hergestellt hat, bündelt diese Thesen in einer klaren Geschichte.

Eben ist der Vater von Loris und Giulia gestorben. Eindrücklich ist es, wie am Friedhof Rennwagen mit Motorgeheule Spalier stehen für den Sarg, denn der Vater war auch Rennfahrer, wenn auch kein erfolgreicher.

Für die Beerdigung ist Loris nach 10 Jahren zur Familie zurückgekehrt. Dort lernt er seinen kleinen Bruder Nico, der von der gleichen Mutter sei, kennen. Loris, als Symbol des beherzten Kontrollverlustes, passt nicht in die Welt von Giulia. Aber sie bekommt ein Problem: der Vater hat für ihre beginnende Rennfahrerkarriere Geld aufgenommen und das Haus als Pfand gegeben. Wenn sie die GT-Meisterschaft gewinnen würde, hätte sie genügend Geld, um die Schulden abzuzahlen.

Giulia kann den alten Techniker Tonino (Paolo Graziosi) für ihr Team gewinnen. Und bald schon wird Loris sie trainieren und während der Rennen coachen.

Selbstverständlich, dass so ein Film reichlich angefüllt ist mit Aufnahmen vom Motorsportzirkus und zwar nicht nur auf den Rennstrecken, denn das Prinzip Kontrollverlust, für das Loris steht, sorgt immer wieder für Konflikte (inklusive eines Sorgerechtsstreits um Nico), die in ausgiebige Verfolgungsjagden auf öffentlichen Straßen und Plätzen münden mit dem Höhepunkt des irregulären Italian Race. So ergeben sich auch tragische Momente. Denn der Rennfahrersport ist gefährlich, aber Es gibt nur noch wenige von uns wahrhaft Verzweifelten (und – vermutlich – ist Rennsport doch vor allem etwas für Männer!).

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Die DDR war mein Ding.

Es wird immer noch gekämpft um die Deutungshoheit der DDR.
Ein Beleg für diesen Satz ist dieser Film der Dänin Signe Astrup, in welchem sie überlebende Strukturen der DDR aufspürt, nämlich Veteranenverbände der Nationalen Volksarmee, der NVA, die nach einem Gerichtsprozess wegen einer öffentlichen Kranzniederlegung in einer von Symbolen der DDR flankierten Zeremonie wieder aus der Öffentlichkeit sich verabschieden.

Astrup trifft auf Menschen, die ihre Gründe und ihre Überlegungen hatten, warum sie die DDR gut fanden, die sich vom Idealismus, der diesem Staat zugrunde gelegen hat, haben überzeugen lassen. Es sind Menschen, die ihre Identität und ihr soziales Gefüge in ihrem Beruf als Soldat oder Offizier der NVA und auch der Stasi gefunden hatten, ihre Identität wie auch ihren Lebenssinn. Und plötzlich 1989 sollte das alles nichts gewesen sein.

Veteranenverbände und -vereinigungen sind an sich nichts Ungewöhnliches, die dürften es überall geben, wo es Armeen gibt. Nur fehlt denen aus der DDR plötzlich die Legitimation. Dabei wird deutlich, dass es durchaus unerschiedliche Richtungen solcher Verbände gibt, solche mit Nazitendenzen und eher nostalgische, weil es die Erinnerung an die Jugend ist, die Erinnernung an das, was man als Lebensentscheid getroffen und für richtig befunden hat.

Die Menschen, die sich Signe Astrup öffnen, gehören zu der non-aggressiven Sorte, vielleicht teils auch etwas gutgläubig der sozialistischen Propaganda der DDR gegenüber. Andererseits auch durchaus dankbar, wie die Neurologin, die aus einfachen Verhältnissen kam und dank der DDR studieren konnte. Wie es mit der Chancengleichheit in unserer heutigen Bundesrepublik steht, das wäre eine andere Frage.

Dass das Thema nicht erledigt ist, zeigen zwei weitere Filme, die gerade ins Kino gekommen sind, seit letzter Woche: In Zeiten abnehmenden Lichts (wobei gerade hier der Vergleich zwischen der Dokumentation und der musealisierenden Stilisierung eines Spielfilmes spannend sein dürfte; Tipp für einen Kinoprogrammabend!); mit heutigem Kinostart beschäftigt sich ein junger Filmemacher mit der Idee des Kommunismus/Sozialismus, in der Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes, ist die Internationale der musikalische Dreh- und Angelpunkt; sie wird auch hier im Film von Signe Astrup von den Veteranen gesungen; Gedankengut, was nicht aus der Welt ist, womit der Zeitgenosse sich beschäftigen muss, denn den idealen Staat haben auch wir lange nicht, trotz Irrsinnswohlstand.

Es ist vermutlich das alte Problem des Nichtdifferenzieren-Könnens: wegen der Auswüchse und der Marodheit des DDR-Systems wurde alles verdammt, wurde die DDR vollkommen in einem unblutigen Streich von der BRD übernommen. Dabei hatte die Volksarmee mehrere 100’000 Soldaten, die alle von einem Tag auf den anderen ihre identitätsstiftende Institution verloren haben, die auch keinerlei Anerkennung in der neuen Bundesrepublik erwarten konnten, denn alles DDRige war schlecht.

100’000e von Menschen, bei denen die Volksarmee ein Teil ihres Lebens, ihres Lebenswerkes war, mussten diesen Teil plötzlich löschen, als nichtexistent definieren. Das antwortet eine ehemaliger Offizier, der seine Uniform zuhause noch sorgfältig aufbewahrt, sie aber nie wieder anziehen würde, die stehe für die Hälfte seines Berufslebens. Da beschäftigt zu sein, bedeutete eine Qualifikation, bedeutete, einen guten Leumund zu haben, wie einer anderer berichtet.

Die Doku setzt sich aus Archivfootage und Propagandafilmen aus der DDR zusammen, aus Gesprächen mit Veteranen, aus heutigen Ehrenzeremonien in Uniform und Stechschritt, Kranzniederlegungen und aus militärischen Übungen sowie Einblick in das Werk eines Textilkünstler, der sich mit den Stoffen (Uniformen) der DDR textil auseinandersetzt (Ausstellung „Konfliktstoff“).

Die Begründung für ihren Film lässt Sigen Astrup Soren Kierkegaard liefern: „Verstehen muss man das Leben rückwärts, leben muss man es vorwärts“.

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Harte Familienkost.

Die Lohmans sind eine einflussreiche Familie. Stan (Richard Gere) ist Kongressabgeordneter und kandidiert für den Gouverneursposten. Er ruft zu einer dringlichen Familiensitzung, zu einem Dinner. Er kommt mit seiner Frau Katelyn (Rebecca Hall) und trifft in dem feinen Restaurant auf seinen Bruder Paul (Steve Coogan) und dessen Frau Claire (Laura Linney).

Erste Kompensation des Unwohlseins und der inneren Unruhe und Angespanntheit der Familienmitglieder äußert sich in einen Raumwechsel. Die Assistentin Nina (Adepero Oduye) des Kongressabgeordneten ist ständig in der Nähe. Dem Kongressabgeordneten fehlen für ein Gesetz zur Entstigmatisierung psychisch Kranker noch Stimmen; diese organisiert Nina im Hintergrund und stört immer wieder das Familientreffen; sie hat kein Verständnis dafür, dass etwas wichtiger ist, als diese Mehrheit zu organisieren. Denn diese dürfte der Kandidatur ihres Chefs den letzten Kick verleihen.

Die Kapitel des Filmes sind die Gänge des Menüs, angefangen vom Aperitif über die Vorspeise bis hin zu Dessert und Digestiv.

Die Geschichte, um die es geht, ist ein Verbrechen, was die Adoptivsöhne beider Familien, zwei weiße und ein schwarzer Junge um die 16, begangen und anschließend im Internet verbreitet haben. In Rückblenden wird dies und einiges mehr aus dieser widersprüchlichen Familie spannend aufgedröselt.

Auch die beiden Brüder schleppen Unverdautes, Unausgesprochenes mit sich herum. Jeder leidet unter seiner Position in der Jugend. Mutter hat Paul ohmmächtig geschlagen, während Stan als Trophäe behandelt wurde.

Paul ist ein zutiefst in sich zerstrittener und zynischer Charakter, Lehrer obendrein, in jedem Moment als Stimmungskiller gut. In der Familie sieht er sich als 5. Rad am Wagen, denn Claire spricht nur von ‚ihrem‘ Michael, dem Adoptivsohn.

Pauls Lieblingsthema ist die Geschichte und in dieser das Thema Krieg, das er direkt auf sein Leben projiziert, sein Lieblingskrieg ist der Civil War und bei diesem die Schlacht von Gettysburg. Das ist vielleicht der einzige positive Aspekt in der Weltanschauung von Paul, dass Gettysburg der Anfang vom Ende des Civil War war. In einer Rückblende werden die beiden Brüder das Schlachtdenkmal besuchen.

Zur Ablenkung vom bitteren Familienzwist über den Umgang mit dem noch nicht geklärten Verbrechen, lässt sich Oren Moverman, der hier einen Roman von Herman Koch verfilmt, Zeit für Details der feinen, exklusiven Küche, lukullischer Einschuss in eine Romanverfilmung, die der Literatur scharfe Kontur verleiht.

Während Stan die Frauen gerne davonlaufen, hatte Paul Probleme mit Claire und dem Krebs. Er selbst ist psychisch labil, muss Medikamente nehmen. Er führt gerne Selbstgespräche und geht verletzend mit dem Personal im Restaurant um.

Ätzender Einblick in eine Gesellschaftsschicht, die sich für aufgeklärt hält und aktiv in der Demokratie mitmischt, sei es als Lehrer oder als Abgeordneter; wobei die Flucht nach vorne in der Bereinigung des Verbrechens von Stan doch in einem gewissen Widerspruch zum Machtpolitiker steht, den er doch darzustellen hat.

Auf der Tonspur gibt’s auflockernde Dinnermusik, während die deutsche Synchro routinehölzern rüberkommt; Lohman hört sich dabei an wie Sloane.

Der Zynismus von Paul: er macht beim Auftischen einen Witz, den keiner versteht, über Estragon, Oregano und Oregon oder kommentiert das Essen „kannst du die Kriege und die Seuchen schmecken angeräuchert mit Rauchbomben?

Unzimperlich verfilmte Literatur, wirkt wie im Senkel geblieben bei der Drehbuchumarbeit, gut übertragen, man kann sich prima das literarische Werk dahinter vorstellen.

Der Kellner entschuldigt sich, dass der Korken der Weinflasche nicht mit ihm kooperiert. Paul spricht von der geisttötenden Orgie Hollywood oder er lässt folgende Bemerkung fallen: „wie viele von Euch wären froh, wenn einige von Euch morgens nicht mehr da wären“ (aus einem Monolog, den er vor dem leeren Klassenzimmer hält)… und kommt zum Schluss, dass es unmöglich sei, dass alle Kriegsopfer unschuldig seien.

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Können intellektuelle Künstler die Welt verändern und können sie davon leben?
Oder: eine philosophisch-filmessayistische Reflektion über die Internationale.

Vielleicht meldet sich hier das Godard-Gen bei seinen deutschen Enkeln oder Urenkeln, nachdem es ein oder zwei Generationen übersprungen hat, und die Film als ein Mittel der Auseinandersetzung mit der Welt verstehen, aber auch das Kino reflektieren wollen und mit seinen Möglichkeiten spielen, mit roten Texttafeln, die geistigen Input bringen, gesellschaftskritischen, gesellschaftssatirischen; andererseits Berichte aus der Arbeitswelt genau so montieren wie verführerisch schöne Naturaufnahmen.

Das Thema des Narrativen beim Film wird gestreift und im letzten Teil wie ein eigener Film, der dem vorherigen Teil entspringt, als ein Roadmovie über die Alpen ins kommunistische Traumland Italien erzählt. Dumm nur, dass es überall „private Property“ heißt und die beiden Protagonisten dieser Reise, Hong (Kyung-Taek Lie) und Sancho (Beniamin Forti) im Gefängis landen und der Anstifter zu dieser Reise, der Mönch (Ilia Korksashvili), den haben die Grenzbeamten schon beim Eintritt in dieses gelobte Kommunistenland kassiert.

Der Mönch hatte die Idee von den Vögeln erzählt bekommen. Franziskus. Damit schließt sich der Kreis der Geschichte, die nicht so verwickelt ist, wie die aktuelle Herrschaft des globalen Kapitalismus, der wegen Kompliziertheit und Darstellungsproblemen schwer nur zu bekämpfen ist für die Träumer der Internationale – und wer macht bei Realisierung des kommunistischen Ideals die Drecksarbeit?

Hong und Sancho sind Museumswärter in Berlin. Hong verfügt über die Eigenschaft, auch im Stehen einschlafen zu können. Ihn fasziniert ein Gemälde, auf welchem der Heilige Franz von Assisi zu sehen ist. Zufällige Begegnung: der Regisseur des Filmes, Julian Radlmaier, Regie, Buch, Schnitt und auch Protagonist, begegnet hier der distanziert-skeptischen Camille (Deragh Campbell). Er macht sie plump-intellektuell an; das inszeniert und spielt Radlmaier mit Selstironie.

Julian träumt davon, Filme zu machen und lebt von HartzIV. Bald wird es Hong und Sancho auch so gehen. Sie verlieren ihren Job, weil unter ihrer Bewachung ein Dürer und ein Feuerlöscher im Museum abhanden gekommen sind, so dass auch sie die Menschenwürde gegen HartzIV eintauschen.

Die HartzIV-Bürokratie verlangt, dass sie einen Beitrag für ihr Almosen leisten und sich als Erntehelfer auf der Obstplantage Oklahoma, ganz und gar verbrämt kapitalistisch, melden. Dort schlafen sie und weitere Leidensgenossen in einem großen Raum mit Doppelstockbetten. Hier können sie schon mal Sozialismus und Demokratie im Kleinen üben.

Die Apfelernte ist brutal ausbeuterische Akkordarbeit. Radlmaier schildert das mit Humor und geistiger Durchdringung resp. der Erkenntnis der Schwierigkeit der Durchdringung globalkapitalistischer Abläufe.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie sinnvoll es ist, Widerstand zu leisten. Das musikalische Leitmotiv des Filmes ist Die Internationale die in mehreren Varianten, gern auch gezupft, mit und ohne Text zu hören ist.

Der Traum der wachen Jugend von einer gerechten Welt und wie sie dazu beitragen kann. Radlmaier spinnt ihn mit Kunstgriffen in seiner Erzählung weiter. Er bekommt jetzt Filmförderung. Da gibt’s kurz Publikum in einem Kino und Schwarzbild. Dann dünnt sich das Obstplantagenpersonal aus. Hong und Sancho begeben sich mit Camille auf den Roadtrip „The Pursuit of Happiness“. Das ist der Film, der in Venedig gezeigt wird und nach der Vorführung gibt es für den Regisseur die Möglichkeit, Stellung zu beziehen, was seine Antwort zum Thema Kunst, Globalisierung und Veränderung betrifft.

Wobei die Frage ist, ob der bürgerliche Hund mit seiner Anwort auf die Leninsche Frage „Was tun“ des Rückzuges auf die Kunst nicht vor der Veränderung kneift, gar einen Kotau an das Förderbiotop macht?

Interessanter Querverweis, es geht um den Glauben an Wunder, hier heißt es „I do not believe in Miracles“ – Kürzlich gab es den Film Shalom Italia ebenfalls in Italien spielend, auch hier stellte sich die Frage nach dem Wunder, sie wurde positiv beantwortet – mit erstaunlicher Folge.

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Wenn es einem Filmautoren gelingt, ein Stück zu erfinden und es als real und glaubwürdig darzustellen, so entwickelt das Kino Magie. Das schafft Martin Provost erneut nach Violette und „Seraphine“.

Die Hauptfigur ist von Beruf Hebamme. So ist auch der Titel auf Französisch oder auf Englisch; den Deutschen ist offenbar ein Beruf als Filmtitel nicht zuzumuten. Catherine Frot spielt diese Hebamme namens Claire Breton. Claire steht für klar, deutlich, hell, einleuchtend. Die Namen sind kein Zufall bei Provost. Und auch der Titel kann doppelt gelesen werden: als die Übersetzung von Sage-femme mit Bindestrich als Hebamme oder wie der Titel auf Französisch geschrieben ist, ohne Bindestrich, als Sage Femme, eine Frau, die klug, weise, vernünftig, besonnen ist – gesprochen gibt es keinen Unterschied.

Oft zeigt Provost die Hebamme bei Geburten. Sieht echt aus. Ein verantwortungsvoller Beruf, dem Leben ins Sein, dem Menschen auf die Welt zu kommen verhelfen. Wobei ein eigenartiger Kontrast zwischen der Hochwertigkeit eines menschlichen Lebens, eines Individuums und dem Akt von dessen Zustandekommen im Sinne der Zeugung bestehen kann.

Im Falle von Claire war das ein schneller, unverbindlicher Vorgang zwischen zwei flüchtigen Bekannten in einer Bahnhofstoilette. Es gab eine Freundin der Mutter, die sich eine Weile um Claire gekümmert hat. Die ist aber plötzlich verschwunden. Claire ist aktuell alleinerziehend, sagt auch, in ihrem Leben sei kein Platz für einen Mann, wobei ihr Sohn Simon (Quentin Dolmaire), der Medizin studiert und plötzlich eine Hebammenausbildung machen möchte, eine Freundin hat. Seinen Vater hat Simon nicht wirklich gekannt. Der war ein Sportler, Schwimmmeister, und nach dem Karrierenende sei er rastlos in der Gegend umhergezogen.

Claire hat einen Freund, den LKW-Fahrer Paul (Olivier Gourmet), der sieht nun wirklich aus wie ein Paul schlechthin: ein Mannsstück, das einen praktischen Kleingarten pflegt, der in Europa herumfährt, der keine großen geistigen Gebäude zur Lebensverhinderung braucht, der auch kein Macho-Getue nötig hat, ein in sich ruhender, friedfertiger Mann, ausgeglichen, ein Paul par excellence.

Ferner ist die Rede von einem Violin-Lehrer, der B-Moll geheißen habe.

Jetzt meldet sich Bétrice Sobolevski. Das ist diese Freundin der Mutter, die sich sang- und klanglos aus dem Leben von Claire verabschiedet hat. Sie hat einen Gehirntumor. Sie wird gespielt vom ewigen, französischen Schauspielerinnenphänomen Catherine Deneuve, von der ich das Gefühl habe, sie habe die ewig gleiche Starfrisur und dass sie nur noch Rollen annimmt, in denen sie kettenrauchen darf. Der Eindruck kann täuschen. Aber wenn die Deneuve einmal mit verbundenem Kopf auf dem Krankenbett liegt, ganz ohne Haare als gesichtsumrandendem Opernvorhang und ohne Zigarette, so ist das für mich nur die halbe Deneuve.

Der Name ihrer Rolle war ursprünglich Sobol. Sie ist in einfachen Verhältnissen in einer beengten Conciergeloge aufgewachsen. Das hat sie mit Aufschneiderei, Rauchen, Spielsucht und Alkohol und einer Namensänderung in Sobolevski sowie Geschichten einer Abstammung von russischem Adel kompensiert.

Hier geraten zwei großartige Schauspielergrößen aneinander. Wobei das Luder, das liederliche Element vom Showwert mehr hergibt als die praktische, versöhnliche Figur von Claire. Aber ohne ihre Kompromissbereitschaft, ihre selbstverständliche Hilfsbereitschaft, weil es Bétarice schlecht geht, gäbe es ja diesen Film nicht. Sie nimmt Béatrice sogar in ihre kleine Wohnung auf und es gibt, weil auch ein Humor zur Menschlichkeit gehört, nicht nur einen Doppelknall wegen Einparkkünsten – und dann noch eine richtig launige Fahrt von Béatrice, Paul und Claire im LKW der Firma Guisnel von Paul. Sie singen von den Wölfen.

Der Film behandelt das Thema Menschlichkeit, lässt einen tiefen Humanismus spüren, der gegen jegliche Radikalität und Menschenverachtung agiert, die als menschliche Verhaltensweisen unabhängig von der Art des Zeugungsaktes von Anfang an möglich sein müssen.

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Statement- und Archivschnipsel-Sensationshascherdoku mit Backstagefleddereien vor allem von Konzerten im deutschen Sprachbereich von Whitney Houston. Vermutlich kennt Nick Broomfiel, der mit Rudi Dolezal auch für das Buch dieser Dokumentation verantwortlich ist, hier am ehesten Leute (die besten Connections und somit Jagdgründe), die bereit waren, Videomaterial rauszurücken.

Diese heiße Ware stammt überwiegend von der letzten großen und erfolgreichen Tournee 1999. Nur noch mühsam habe sich Whitney von Konzert zu Konzert geschleppt.

Der Klatschgehalt des Filmes, in welchem teils in eigens hergestellten Interviews, zum Beispiel mit einem ehemaligen Leibwächter oder in ausgegrabenen Archivschnipseln von Konzerten, Preisverleihungen, TV-Talkshows, Interviews, sowohl sie selber als auch Mutter, Vater, Geschwister, Freundin, Agent, Musikmanager, Musiker, Sänger, Maskenbildnerin, Security-Mensch, Entzugsbegleiterin zu Wort kommen, dieser Klatschgehalt ist in etwa folgender:

Whitney Houston ist in einer nicht schicken Gegend im kaputten Newark in New Jersey (from the hood) aufgewachsen. Ihre Mutter war Sängerin und aktiv in der Baptistengemeinde. Von dort gibt es den ersten Gesangsauftrittsclip, wie Whitney mit 12 Jahren und hochgeschossen vor der Gemeinde singt.

Die Mutter Cissy nimmt die Karriere der Tochter eisern in die Hand, sie behauptet, der Tochter alles beigebracht zu haben. Das Verhältnis zum Vater war nicht gut, kurz, ein Kind, das sich nicht frei entwickeln konnte, mutter- wie vatergestört, familienkontrolliert, aber sie hat eine Sensationsstimme.

In dieser kaputten Gegend nehmen die Kids schon mit 12 Drogen. Noch keine 20 landet sie ihren ersten Hit, wird zum Star (Rezept: Pop statt Black).

Die einzig verlässliche Person in ihrem Leben ist ihre Freundin Robyn. Die ist überall dabei, ist ihre seelische Stütze bis Gerüchte über Lesbiertum aufkommen, das war in den 80ern noch nicht kommod.

Sie heiratet den Sänger Bobby Brown und bringt ihre Tochter Bobby Kristina zur Welt. Wie im Groschenroman können sich ihre Ehemann und ihre Freundin nicht ausstehen. Das geht soweit, dass die Freundin sie verlässt. Das sei schuld, so sind moralisch aufgebrachte Stimmen zu hören, dass es anfing, definitiv mit ihr abwärts zu gehen.

Sie zieht sich zurück. Der Drogenentzug nützt nichts. 2012 wird sie im Beverly Hills Hotel tot aufgefunden.

Das Problem dieser Art von Klatschspaltendokumentarismus scheint mir, dass einen die Hauptfigur nicht besonders anrührt, wenn man nicht bereits ein Verehrungs- oder Bewunderungsverhältnis zu ihr hat. So ist die Wirkung des Filmes deutlich distanzierter als bei der persönlichen Dokumentation über Amy Whinehouse.

Allenfalls mag die breit getretene Moral beruhigen, dass viel Geld und Ruhm nicht notwendierweise auch Glück bedeuten. Der Mann war ein schlimmer Frauenheld und die Tochter hat sich auch schon umgebracht. Ein Erleichterungsfilm: gottseidank bin ich ein Normalbürger, wird sich mancher Kinobesucher am Ende sagen. Die Analyse, die alles besagt: sie ist an gebrochenem Herzen gestorben.

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