Dieser Film von Bertrand Bonello zeigt die Schönheit ernsthafter, sensibler Jugend und artikuliert deren Ohnmachtsgefühl gegenüber einer diffusen Gemengelage von Institutionen, Globalisierung, Geschichte, Staatsgewalt, Facebook, Luxuskonsum, Unternehmerverband.

Die jungen Leute David (Finnegan Oldfield), Greg (Vincent Rottiers), Yacine (Hamza Meziani), Sabrina (Manai Issa), André (Martin Petit-Guyot), Mika (Jamil McCraven, Omar (Rabah Nait Oufella), Sarah (Laure Valentinelli), Samir (Ilias Le Doré), Fred (Robin Goldbronn) stammen aus den verschiedensten Pariser Milieus, vom Verwandten eines Ministers bis zu Immigrantenkindern aus der Banlieue.

Sie haben verschiedene Bildungsstufen, der Ministerverwandte besucht eine Elite- Verwaltungshochschule, andere verdingen sich als Security oder Bedienung. Was sie eint, ist ihr Ohnmachtsgefühl gegenüber der Welt, in die sie hineingeboren sind und in der sie jetzt oder bald als Erwachsene sich integrieren sollen. Diese Aussicht scheint unerträglich. Das wird bestätigt durch die Meinung auf der Straße nach den zeitgleichen Attentaten, dass das kommen musste, dass irgendwer das tun musste.

Indem der Staat in diesem Film die Attentäter zu Staatsfeinden – und nicht zu Terroristen – erklärt und sie zum Abschuss frei gibt, gibt er dieser Meinung, dass etwas getan werden müsse, recht.

In einer ersten Phase des über zwei Stunden langen, aber schön zu schauenden Filmes, verfolgt Bertrand Bonello seine jungen Protagonisten auf dem Weg zum Attentat. Er blendet die Zeit ein, fängt kurz nach 14 Uhr an einem sonnigen Pariser Tag an.

Er springt in der Zeit zurück, um parallele Vorgänge einzubinden – und später macht er ganz wenige Zeitsprünge in die Vorgeschichte, um Licht auf Hintergründe und Vorbereitungen zu werfen.

Er stellt diese Protagonisten als gewöhnliche, unauffällige Großstadtmenschen vor, die viel Zeit in der U-Bahn, in den langen, labyrinthischen Verbindungsgängen der Metro, Passagen, Eingängen, an Kontrollpunkten, auf Treppen in den Untergrund verbringen; eindrückliche Bestandsaufnahme eines Teiles modernen öffentlichen Lebens.

Bonello verzichtet auf Kommentare und Erklärungen. Die jungen Menschen sind ganz bei sich, sind fokussiert auf das, was sie offensichtlich, wie später klar wird, abgesprochen und ausgheckt haben, eine beachtliche logistische Leistung.

Nach und nach finden sie sich zusammen, sie verhalten sich konspirativ, tun teils so, als ob sie sich nicht kennen. Andere wiederum stellen sich plötzlich als Miteingeweihte und Mitkonspirative heraus. Alle entsprechen dem Bild ihrer Gruppe, gepflegter Student, Banlieu-Immigrant oder strenger Security-Mensch im Anzug, sie spielen ihre Rollen perfekt und perfekt angepasst.

Es folgt die Phase zwischen Hoffen und Bangen, ob die Anschläge wie vorbereitet passieren; der Zuschauer ist längst zum Komplizen dieser sympathischen und auch erotischen jungen Menschen, die so konzentriert und uneitel ihr diffuses Terror-Ziel verfolgen, geworden.

Die letzte Phase des Filmes entwickelt ihren eigenen, beklemmenden Reiz. Treffpunkt nach der Tat ist ein Luxuskaufhaus in Paris. Hier lassen sich die jungen Leute über Nacht einsperren, um sich am nächsten Tag unauffälig unter das Kaufhausvolk zu mischen und in die Stadt abzutauchen, wobei sich die Frage stellt, warum sie das nicht gleich nach dem Attentat gemacht haben.

Da sie die Wachen ausschalten und es auch keine Fenster nach draußen gibt, können sie in den Verkaufsräumen tun und lassen was sie wollen, das geht bis zur rauschhaften Musik oder dem Karoke-Auftritt mit „I did it my way“ oder den Nachrichten über das Attentat auf jeder Menge von Bildschirmen.

Es wird an so einem Ort gezwungenermaßen, solche Kaufhäuser sind Luxus-Marken-Marktplätze, jede Menge Product- und Branding-Placement geben, wobei mir eher unwahrscheinlich dünkt, dass die Filmproduzenten sich für jede Klamotten- oder Uhrenmarke, die hier erkennbar vorkommt, haben bezahlen lassen. Das scheint vom Thema her eher unwahrscheinlich. Es ist das Kapitel: Jugend und nicht selbst erworbener, selbst verdienter, also mitunter unerschwinglicher Luxus. Das können die nur versaubeuteln. Und es gibt eine Erklärung zu einem Konzert von Berlioz, aus welchem Ausschnitte eingespielt werden, aus welch historischem Anlass er das komponiert habe. Der Film ist Anna gewidmet – und ein Erbstük aus der Ära von Präsident Hollande?

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