Die Wüste lebt.

Die Kamera von Bernd Effenberger zuerst. Sie wirkt, aus dem barocken Bayern kommend, als sauge sie wie ein trockener Schwamm die Wüstenlandschaft Arizonas im Grenzgebiet zu Mexiko auf, als sei in ihr der Urinstinkt zur Westernfotografie erwacht.

Diese Fotostrecke von Weite und Wüste, von Hügel und Steppe, von arider Landschaft, die teils von dem berühmten Grenzzaun zu Mexiko durchschnitten wird, den Donald Trump auf Kosten Mexikos noch um Tausende Kilometer erweitern will, macht, dass das von Gudrun Gruber in der Münchner Mäuschen-Dokumanier geschossene Material philosophieren lässt. Dass jeder Mensch ein Ziel hat, sich ein Ziel setzt, dass sich solche Ziele in die Quere kommen können, dass solche Ziele von anderen Menschen gezielt konterkariert und unterminiert oder auch helfend unterstützt werden, nämlich der unkontrollierte Übertritt in die USA (78 verschiedene Nationalitäten hat ein Paramilitär gezählt).

Die Münchner Hochschulabsolventin hat sich möglicherweise inspirieren lassen von Filmen wie SIN NOMBRE. Sie zeigt, was es an Aktivitäten gibt in dieser lebensgefährlichen Wüste, die die Weltpolitik und der Drogenhandel zu ungeahntem Leben (und Sterben) führen.

Hier schreiben Politik und Wüste das Drehbuch. Es sind verschiedene Lebens- und Aktivitätsbegründungen, die Leute hier leben lassen. Einige hat die Filmemacherin ordentlich dokumentiert und die Fotstrecke dann ineinander geschnitten.

Nailer (ihm kennen wir schon und deutlich schärfer aufs Korn genommen aus Cartel Land) betreibt eine paramilitärische Organisation, die nennt sich eine NGO, die Arizona Border Recon. Sie patroullieren an der Grenze. Allzu genau hat die Dokumentaristin nicht nachgefragt, was sie wirklich tun. Nailer gibt sich als Gutmensch, erzählt von einer 23fach vergewaltigten und ohne Papiere zurückgelassenen Frau. Seither würde er speziell auf Gruppen achten, die eine Frau dabei hätten und die Polizei bitten, noch vor Anbruch der Nacht ein Auge drauf zu werfen. Seine Truppe besteht aus Kriegsveteranen, Afghanistan, sie sehen ihren Sinn darin, Polizei und Militär zu entlasten im Kampf gegen die illegale Immigration.

Von der NGO No Mor Deaths hält Nailer wenig. Die Dokumentaristin begleitet eine Aktivistin, die Wasserbehälter, Konservendosen und Socken unter einem Baum an einem Trampelpfad deponiert. Einige Wassereimer findet sie zerstochen vor. Auch die Frau ist voll engagiert, will verhindern, dass Flüchtlinge zu Tode kommen.

Die ewige Diskussion, soll Flucht attraktiv gemacht werden oder soll abschreckend vorgegangen werden. Über 300 Tote jährlich finden sich allein in Arizona (aus dem Mittelmeerraum erreichen uns deutlich höhere Zahlen von Ertrunkenen); diese Tode werden kaum aufgearbeitet.

Viele Aktivitäten im Grenzland von Arizona drehen sich um den illegalen Zuwandererstrom aus dem Süden ins gelobte Land USA. Darunter leidet die eingesessene Bevölkerung, am meisten die Indios vom O‘ Odham-Land. Eine Frau erzählt, wie ihr Land durch den Grenzzaun geteilt wird. Ein Tierarzt und ein Farmer berichten, wie gefährlich ihr abgelegener Job inzwischen sei wegen des Drogenschmuggels durch die Kartelle, die schamlos den Zaun zersägen, um mit ihren Drogen-Transportern durchzufahren und die schnell zur Waffe greifen, wenn man ihnen in die Quere kommt. Über die Kartelle gibt es robuste Filme, als Spielfilm Sicario und als Doku Cartel Land.

Flüchtlinge selber kommen nicht vor. Drogenschmuggler auch nicht, auch keine Opfer von Drogenschmugglern wie in Cartel Land. Dafür gibt’s schöne Büffelherden, Cowoboys, eine Viehauktion, einen Einblick in eine Touristen-Wild-West-City, Bilder von Kontrollen an Checkpoints des O‘ Odham-Reservates, verschiedene Varianten des „Zaunes“ und Beifang von der Border Security Expo, einer Sicherheitsmesse, und ganz normale Grenzpolizei (deren Fokus jetzt mehr auf Terroristen gerichtet sei denn auf die Kartelle) und einmal auch einen Helikopter oder Kuriositäten wie Unregelmäßigkeiten im Verlauf des Zaunes, weil er um einen Baum oder einen Kaktus einen Bogen macht, Symbole von Achtsamkeit und Respekt in einer grausamen Gegend.

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