Er mache Kunst für das anonyme Publikum und wenn er vor Leuten spricht, dann möchte er, dass es sie interessiert bis in die hinterste Reihe. Mit diesem Statement von Joseph Beuys fängt Andres Veiel seine fernsehasthmatisch kurzgeschnittene Archivdokumentation an, die untermengt ist mit Statements von Menschen, die Beuys kannten, die mit ihm zu tun hatten, die ihm begegnet sind.

Mit dem Eingangsstatement dürfte Veiel eine Kernaussage aus dem gewiss umfangreichen Archivmaterial, was es über Beuys gibt, herausgepickt haben. Und wenn die Leute nicht zuhören wollen, wird Beuys später hinzufügen, dann müsse man eben provozieren, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Beuys weitet den Kunstbegriff radikal aus über den bisherigen Kunstbetrieb hinaus, alles ist Kunst und jeder ist ein Künstler, das sei eine Sache der Betrachtungsweise. Er sieht Kunst als ein Element der Demokratie und der Freiheit. Das hatte zufolge, dass der Professor sich aktiv an der Gründung der Grünen Partei beteiligt hat, wobei die ihn nicht wie erhofft für den Bundestag aufgestellt haben; sie zuckten in vorauseilendem Gehorsam gebravt vor der skandalträchtigen Figur zurück.

Mit „Die Spielwütigen“ hat Andres Veiel 2004 eine eindrückliche Langzeitdokumentation über Schauspielschüler herausgebracht. Offensichtlich ist es eines, Menschen direkt zu beobachten, ihnen versuchen auf die Spur zu kommen, sie zu begleiten in Situationen, in den sie Entscheidungen treffen müssen oder in denen andere eine Entscheidung über sie fällen, sowie während eines langen Zeitraums, Vertrauen zu Menschen aufbauen, damit sie vor der Kamera frei agieren und ein anderes ist es, aus Unmengen Archivmaterial einen Film zu machen, das ist wohl eine völlig andere Kunst.

Diese Archivwühl- und Auslesekunst geht Veiel nun garantiert nicht nach dem radikalen Kunstbegriff von Beuys an (das wäre vielleicht interessant, wenn jemand das versuchen würde). Veiel versucht sich in kunstgewerblicher Fotoalbumpräsentation mit diversen Schnitt-, Vergrößerungs-, Arrangement- und Leinwandteilungsmätzchen, Stop-Motion-Tricks, Spielereien. Das wirkt beamtenhaft bemüht und just nicht nach der Beuysschen Forderung nach Selbstbestimmung und Freiheit. Veiel scheint romantisch hingerissen von den Kontaktbögen, mit denen früher die Fotos eines Rollfilmes im Kleinformat auf wenigen Papierbögen erstmalig abgezogen worden sind; an denen kann er sich nicht satt sehen.

Es gibt Rückblicke in Kindheit und Jugend von Beuys, in seine Zeit bei der Wehrmacht als Flieger und über seinen Absturz über der Krim. Sein Kopilot ist dabei ums Leben gekommen. Er ist kurz aufgewacht und erst Tage später in Deutschland wieder zu sich gekommen. Mag sein, dass sein symbolträchtiger Hut, den er immer auf hatte, darauf zurückzuführen ist, er beantwortet die Frage darnach auch mit der Schutzfunktion.

Es folgt eine Zeit der Stagnation, der Erfolglosigkeit, der Rückzuges und der Verwahrlosung. Womit zwei wichtige Elmente des biographischen Needes erwähnt sein dürften, kommt noch hinzu die Herkunft aus Cleve und die örtliche Fettfabrik, in der die Eltern ihren Sohn gerne in Anstellung gesehen hätten. Bis aus dem Elend die Aktion wurde, einem Kaninchen Kunst zu erklären, und Beuys damit Furore machte bis zum Guggenheim Museum in New York.

Es gibt Beispiele aufgeregter Podiumsdiskussionen und hartnäckiger Interviewer, die sich schwer tun mit seinem Kunstbegriff. Wäre spannend zu sehen, was ein Beuys heute tun würde, um Spektakel zu erreichen; mir scheint die heutige Kunstwelt nicht weniger eingschlafen und auf festgefahrenen Gleisen als jene, die Beuys nach dem Krieg vorgefunden hat.

Was bei diesem Film auch eher nicht im Beuysschen Kunstsinne sein dürfte, scheint mir die Tonspur, die immer versucht Bedeutung und Gewicht zu verleihen, zu zelebrieren, konträr zu den Aussagen von Beuys.

Eine eindrückliche Künstlerhommage war neulich der Film über Frank Zappa von Thorsten Schütte, der auf jegliches Statementgeschwätz verzichtet hat und dadurch eine hochkarätige Dichte gewinnen konnte. Nichtsdestotrotz ergibt sich bei dem vielen Material ein interessanter Einblick in das Werk von einem der wichtigsten deutschen Nachkriegskünstler, von Joseph Beuys.

Darstellungsnote 1.

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