Archiv für 14. Mai 2017

Siebte und achte Klasse in der Waldorfschule

Es scheint, als ob die Welt das nicht wissen dürfte, was es mit den Waldorfschulen auf sich hat; jedenfalls lässt der BR das vermuten, wenn er diese behutsame und kostbare Langzeitdoku auf den Sendeplatz um 22.30 Uhr setzt; denn die Waldorfschule präpariert die Menschen nicht unbedingt in Richtung kopfloser Kapitalismusmitläufer.

Es handelt sich hierbei um eine Präsentation dieses Schulmodells im Rahmen einer 8-jährigen Langzeitstudie durch die Filmemacherin Maria Knilli (Eine Brücke in die Welt). Dies ist der letzte Teil und berichtet über die Schüler in der 7. und 8. Klasse und immer noch bei der gleichen Klassenlehrerin, der Waldorf-Vorzeigepädagogin Frau Umbach. (Wobei der Begriff „Vorzeigepädagogin“ gleich wieder in Frage gestellt werden muss, denn der widerspricht der Waldorfphilosophie, nach der jeder Mensch einen Wert und ein Selbstbewusstsein und eine Selbstbestimmtheit hat; die Schule will ihn auf diesem Wege lediglich unterstützen; dabei wird auf Noten und Leistungsvergleiche bewusst verzichtet; insofern passt der Begriff „Vorzeigepädagogin“ nicht so richtig).

Die Kontinuität, die bei diesem Schulmodell angestrebt wird, wird hier besonders deutlich. Denn Maria Knilli kann auf Material der vorhergenden Folgen zurückgreifen, kann durchgehende Stränge der Erziehung an dieser Schule mit Rückblicken auf frühere Jahre sichtbar machen: bei den kontinuierlichen Sprech- und Sprachübungen, bei den Gymnastik- oder Eurythmiestunden, beim Malen und der damit verbundenen Schulung des Gefühls für Formen und Bewegung, bei der Etappenwanderung, die die Schüler über 8 Jahre in zu Fuß abschnittsweise von Landshut nach Venedig führt.

Jetzt ist auch der Zeitpunkt, die Schüler selber zu befragen, wie sie diese Schulzeit in einer Klasse mit einer Lehrerin über 8 Jahre beurteilen; überwiegend positiv, aber es ist auch erkennbar, dass der Drang nach Neuem, nach Tapetenwechsel da ist, das Bedürfnis, von dieser starken und sicher prägenden Pädagoginnenfigur sich zu lösen.

Frau Umbach selbst ist wieder in den verschiedensten Fächern zu erleben, ihr Lehrpensum ist breit, wie kaum ein Lehrer es haben dürfte und erstreckt sich von der Mathematik über die Literatur, die Geschichte und Geographie (Kolumbus) bis hin zu chemischen Experimenten. Sie selbst begründet damit auch einen pädagogischen Effekt, dass sie indem sie sich immer wieder neu einarbeiten und vorbereiten muss, die Schüler mit ihrem eigenen Interesse und ihrer eigenen Neugierde mitziehen kann.

Ein schönes Ritual beschließt den Übergang zu den neuen Erstklässlern, er erinnert an den Anfang eines Fußballspiel, wenn die Fußballer mit je einem kleinen Nachwuchskid an der Hand ins Stadion einmarschieren. Die 9. Klässler nehmen die Erstklässler mit ihren Schultüten an der Hand und führen sie unter einer Begrüssungsgirlande hindurch in das Klassenzimmer.

Überraschend für das letzte Jahr ist auch das Thema Jahresarbeit. Hier muss ein Schüler sich selber eine Aufgabe stellen, die er über das Jahr verfolgt und am Abschlussabend vorführt. Erstaunlich wie wenig die Schüler ein Problem haben, sich ein Thema zu stellen und es dann vor einem großen Publikum zu präsentieren.

Immer wieder erläutert Frau Umbach ihre wohlreflektierte Haltung zur Pädagogik und zu ihrem Lehrerberuf und wie sie die Schüler in Richtung selbstbewusste und selbstbestimmte, freie Menschen zu entwickeln hilft.

Interessant in diesem Zusammenhang dürfte auch der Film die Berlin Rebel High School sein.

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