Archiv für 7. Mai 2017

Seine Bestimmung gefunden.

In der Altenbetreuung hat Kommissar Meuffels seine Bestimmung gefunden. Im Nachtdienst. Hat er doch selbst etwas vom Wesen einer Schleiereule. Das trägt wunderbar zum Gespenstischen dieses Polizeirufes bei, der zu nachtschlafender Stunde in einem allgemeinen Altenheim spielt. Hier scheint der Versuch der Sedierung der Alten mit Medikamenten wenig Wirkung zu zeigen, denn das Nachtleben in Fluren und Zimmern ist polizeiruffüllend.

Spukhaftes, das einen Mord erst an den Tag bringt, es anschließend vertuscht, um es dann wieder an den Tag zu bringen und diesen Tag mit einem Massaker zu beginnen, einem zwiespältigen Massaker, denn um die Alten hier, das wird niemand laut sagen sich trauen, ist es wirklich nicht schade. Diese Alten sind von der Gesellschaft abgeschoben, sie sind unterversorgt von zu wenigem und überfordertem Personal. Das Massaker wird Sozialsysteme und Pfleger entlasten.

Das ist vielleicht der Grund, warum dieser Polizeiruf von Rainer Kaufmann uns die Reaktion der Öffentlichkeit auf das finale Altenmassaker vorenthält und es dabei belässt. Womit der Kommissar noch mehr zur Schleiereule gerät.

Gespensterstunde im Altenheim und der Gentleman-Dementenpfleger.

Wenn ein Kommissar bedröppelt auf die desolaten Zustände in einem allgemeinen Altenheim schaut und dabei eine Zigarette raucht, so ist ein Polizeiruf ordentlich inklusive etwas Action ab zehn Minuten vor Schluss zu Ende gegangen und hat einen halbwegs wohl gewollt, halbwegs eher ungewollt komisch/gruseligen Blick auf den Pflegenotstand geworfen, ein Problem unserer Zeit und Gesellschaft, das sich rasant ausweitet. (Gut, wenn einer Fernsehkommissar und hoffentlich privat krankenversichert ist).

Dieser Polizeiruf ist halbwegs genießbar. Er reduziert die Routinepolizeiauftritte auf ein Minimum, er lässt den Kommissar Meuffels eine ganze Nacht durch das Altenheim geistern, in welchem ein Mann erschlagen worden sein soll.

Kommissar Meuffels scheint gerade Feierabend zu haben. Er raucht vorm Kommissariat eine Zigarette, steht da wie andere da stehen. Eine demente Frau, die den Taxifahrer mit einem nur einseitig fotokopierten Fünfzig-Euro-Schein bezahlen will, kommt auf ihn zu und deutet an, dass ein Mann ermordet worden sei.

Der Kommissar lässt sich nicht lange bitten, spielt den Gentleman-Dementenpfleger und macht darin passable Fürsorgerfigur, nimmt die Dame mit in seinem deutlich als BMW erkennbaren Dienstwagen (die Produktion wird sich rechtfertigen, ohne dieses Product-Placement käme sie in finanzielle Schwierigkeiten), bringt sie erst zu ihrer Tochter, anschließend fährt er mit ihr ins überlastete und unterversorgte Altenheim, dessen Zimmer nach Obst und Gemüse bezeichnet sind: Banane, Gurke.

Der Film gewinnt direkt eine Qualitat dadurch, dass er sich ganz auf Meuffels konzentriert und seinen Mitarbeiterstab weitgehend außen vor lässt, wie er – mit realistischer Logik soll man da nicht kommen – selbständig und wie selbstverständlich die Ermittlungen aufnimmt, eine Gespensterfigur unter anderen in einem Gespensterladen.

Es tut sich munter was nächtens wie im Schullandheim. Momente des Anhauchs eines Horrorgenrefilmes. Auch weil es schwierige Chargen sind, die zu besetzen waren. Und immer müssen die alten Darsteller heutzutage Demente spielen, da sollten sie rollenstudienhalber die hervorragende Dokumentation Vergiss mein nicht von David Sieveking studieren.

In den Szenen mit der Krankenschwester Marija Abramovic (Marina Galic) und mit Ernst Jacobi kommen im Gespensterhaus (auch schauspielerisch) Momente glaubwürdiger Menschlichkeit rüber. Auch wenn vom Realismus her deftige Unstimmigkeiten da sind, so hat die Geschichte als solche immerhin eine gewisse Konsequenz und es ist ihr gut zu folgen. Dabei erzeugt wird eine Horroratmosphäre, die real scheint im Sinne einer jüngeren Zeitungsschlagzeile: Horror im Altenheim.

Meuffels‘ Grimassen spiegeln das Gespensterhaus.

Die Kommisssarfigur.
In dieses Spukhaus passt er wie ein fehlendes Teil in einem Puzzle. Allerdings braucht er dazu den Titel eines Kriminalkommissars nicht mehr. Ein Art Ghost-Story.
Und dann doch wieder der Hochmoralist: Lassen Sie Ihre Leute immer allein (Gedankenpause) beim Sterben?
Quängelnd: Aber ich brauch den Bericht wirklich schnell.
Dann wird noch das Sujet „Kommissar und Kinder“ bedient.
Eine schöne Laientheaternummer, wie der Kommissar im leeren Flur die Tat nachzuspielen versucht.
Ich wusste gar nicht, dass Sie Klavier spielen.
Trotzig wie ein Kind: Sie ist meine einzige Zeugin – Scheißendreck. (plus schlecht gespielte Ohrfeige von Dementen)
Scheiße.
Hallo, sagen Sie mal, putzen Sie hier öfter?
Und äh, haben Sie hier auch gewischt heute abend?
Lassen Sie mal, ich mach das schon, ähm ähm ich bin vom neuen Putzdienst. Machen Sie ähm Feierabend.
Wahnsinn.

Und dann wieder Kommissarkommentargrimassen.
Kommissar: ist es nicht verboten, die Leute zu fixieren?

Dialogglanzstück.
Frau Strauß: verdammte, verfickte Scheiße.

Vielleicht ist die Gestörtheit der Leute, inklusive des Kommissars, das einzig Realistische an diesem Film von Rainer Kaufmann nach dem Buch von Ariela Bogenberger, Astrid Ströher nach einer Idee von Tom Kreß zum Thema Altersverelendung.

Freiwillig/unfreiwillig trashiges Gegenstück zum Kinofilm Ü 100.

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