Archiv für 4. Mai 2017

Gratwanderungen. Der sich ankündigende Verlust der Kindheitsidentität spiegelt sich bei Conor in künstlerischen Alpträumen, das Bild einer hippster Erfolgsfrau wird in Frankreich schichtweise freigelegt, drei Greise erklimmen in der Toskana einen steinigen Erinnerungswald, ein geregeltes Faible für Regellosigkeit kommt aus Hollywood, keine Bürokratie der Welt kann einer Schlange Ärmchen und Beinchen wachsen lassen, in Ostdeutschland überwinden Senioren ihre Angst vor dem Wasser, in den USA gerät ein schwarzer Fotograf in die Fänge einer weißen Familie, zwei junge Deutsche suchen ihr Glück im Reisen und gleich zwei deutsche Regisseure scheitern mangels Ausrüstung an der Herausforderung Kino. Das Fernsehen fühlte zwei Tatort-Kommissaren auf den Zahn.

Kino
SIEBEN MINUTEN NACH MITTERNACHT
Coming of Age als Gratwanderung zwischen Alpträumen und dem Verlust des Bodens unter den Füßen, hochkünstlerisch bebildert.

VICTORIA MÄNNER & ANDERE MISSGESCHICKE
Der hippster Karrierefrau hinter die Maske geschaut.

SHALOM ITALIA
3 Greise kraxeln in der Toskana in Jugenderinnerungen herum und konfrontieren sich mit dem Thema „Erinnerung und Gedächtnis“.

REGELN SPIELEN KEINE ROLLE
In der detailverliebten Old-Hollywood-Hommage spielen sie sehr wohl eine.

ICH. DU. INKLUSION.
Eher steigt ein Nashorn über eine Leiter, als dass Inklusion sich bürokratisch durchsetzen lässt.

TROCKENSCHWIMMEN
Von Leuten, die im Alter noch Träume haben und Ängste überwinden

GET OUT
Horror-Gratwanderung über der Kluft des Rassismus.

EXPEDITION HAPPINESS
Mit dem komfortabel umgebauten Schulbus autark durch USA und Kanada, ein Reisefilm

EINSAMKEIT UND SEX UND MITELID
Eine im Kinoehrgeiz des Regisseurs und der Unfähigkeit des Drehbuchbearbeiters ertränkte Romanverfilmung.

5 FRAUEN
Die 3 Frauen Differenz zum Ozon-Film haben kinematographisch katastophale Folgen.

TV
TATORT: DER TOD IST UNSER GANZES LEBEN
27 Jahre Kollegen, aber kennen sie sich wirklich?

Comments Keine Kommentare »

Kunststück.

Ein Nashorn klettert auf einer freistehenden Leiter nach oben, steigt oben drüber und auf der anderen Seite wieder runter. Die freistehende Leiter wird von den anderen Tieren im Theaterstück der Grundschulklasse 3b in Velden an starken Schnüren im Gleichgewicht gehalten.

Das ist vielleicht das treffende Symbol für die von Thomas Binn mit großer Zuneigung und Verhaltenheit behandelte Thematik der von der europäischen Union vorgeschriebenen Pflicht zur Inklusion; die Förderschulen sollen abgeschafft werden. Ein Kunststück, was nur schwer gelingen kann, das ist der Tenor aus dem Film.

Es ist wie die Moral im Theaterstück, dessen Vorbereitung als Erzählstrang durch die Dokumentation geht, bei aller Mühe gelingt es den Tieren nicht, der Schlange Ärmchen und Beinchen wachsen zu lassen. Sie können sich zwar respektieren und helfen und wenn sie zusammenhalten sind sie stark.

Thomas Binn hat mit seiner respektvollen Zuneigung einen wunderbaren Zugang zu den Schülern, Pädagogen, Eltern, Sonderpädaogen. Er versucht nicht, seine Anwesenheit wegzuschummeln, die Kinder dürfen ihn ruhig wahrnehmen, er schwimmt mit in diesem schwierigen Prozess, dem die Lehrer und auch die Schüler durch die bürokratisch vorgeschriebene Inklusion ausgesetzt sind.

Sein Film wird dadurch automatisch inklusionskritisch, nicht im Sinne einer Ablehnung, sondern im Sinne, dass die Idee zwar gut sein möge, dass sie aber durch einen riesigen Bürokratismus (Untersuchung und Anträge für Behinderte, ASD etc.) sowie durch die Zurückhaltung des Staates bei der Bereitstellung der Mittel (an der Bildung wird gespart, meint der Schulleiter) direkt wieder verhindert wird.

Auch die Behandlung der Sonderpädagogen auf 400-Euro-Basis ist kein Ruhmesblatt. Es ist ein Problem für einen Lehrer, wenn er Schüler hat, die rund um die Uhr eine Einzelbetreuung bräuchten und daneben noch 20 andere Kinder zu unterrichten sind.

Der Film fängt mit der Einschulung der Klasse an und hört mit dem Theaterstück am Ende des Schuljahres auf.

Thomas Binn ist dabei bei Theaterproben, Schulstunden, Einzelstunden, Besprechungen zwischen Lehrern, Eltern und anderen Fachleuten, bei einigen Kinder auch zuhause, auf dem Schulweg oder gar auf dem Traktor und sympathisch: das Titeldesign stammt von der Klasse 3b der Geschwister-Devries-Grundschule in Vedem.

Fachbegriffe: EU-Massnahme, stundenorientierte Schlüsselzuweisungen, sonderpädagogische Unterstützung, medikamentöse Neueinstellung, Verweigerungshaltung, Nachbesprechung, Förderschule, Integrationshelferin, Bestandsaufnahme, Logopäding, Sonderbehandlung, beschulbar, Mutübung, übergeordnete Organisation, Manpower von außerhalb des Systems, privates Engagement, Ministerium, Gruppengespräch, ADS Medikamente, Aufmerksamkeitsspannenproblem, Klassenpflegschaft, Schulleiterweiterbildung, Desiderat nach mehr Austausch und Ineinandergreifen im Hinblick auf Inklusion,

Ein weiterer Beitrag zur bildungs- und erziehungspolitischen Diskkussion. Demnächst folgen weitere im Kino: Berlin Rebel High School und Zwischen den Stühlen und am BR-Fernsehen der letzter Teil der eindrücklichen Lanzgeitdokumentation über eine Waldorfschule Auf meinem Weg von Maria Knilli.

Comments Keine Kommentare »

Selima Taibi und Felix Starck sind jung und Weltenbummler und filmen sich dabei. Sie leben in Berlin, nicht zu lange, dann kündigen sie ihr Loft, überlegen sich, mit welchem Fortbewegungsmittel sie ihre nächste Reise machen wollen.

Im Internet finden sie einen dieser berühmten gelben, amerikanischen Schulbusse und kaufen ihn, fliegen rüber, bauen ihn um zum wohnlichen, autarken Wohnmobil inklusive Solarstrom und Kompostieranlage, das geht im Film flott vonstatten, und sie fahren an der Ostküste los in Richtung Kanada.

Oft geht es geradeaus, dann biegen sie abwechslungshalber in eine Querstraße – aber auch die geht ellenlang geradeaus. Sie haben einen Hund dabei. Einer reist, die andere filmt und umgekehrt.

Auf einem Camping-Platz in Kanada gibt es eine Begegnung mit Kanadiern, da erinnert der Film kurz an Gernstl mit seinen Abenteuerreisen; hier treffen sie eine Familie, die im Winter einen Container auf den zugefrorenen See stellt, supergeheizt, aber mit einem Loch direkt ins Eis. Aus dem mollig geheizten Container, gar vom kuscheligen Bettchen aus kann direkt im Eisloch drunter gefischt werden.

Aus technischer Unfähigkeit konnte ich allerdings nur die erste Viertelstunde des Filmes online anschauen; daraus ist immerhin zu ersehen, dass es ein Film ist, der wunderbar in eine Reihe ‚modernes Reisen heutiger Jugend‘ passen würde; der mehr ein Selfie einer reisefreudigen jungen Generation von gebildeter, künstlerischer Abkunft darstellt, als dass es ihm um die Schilderung eines zu entdeckenden Landes geht. Mit sich und dem eigenen Reisen beschäftigt.

Comments Keine Kommentare »

Am Lack gekratzt.

Rigolade, satirische Komödie über Hipster-Frau, die alles erreicht hat: erfolgreiche Anwältin, zwei süße Mädels, keinen Mann, Sex besorgt sie sich über Internet-Dates, ein Hipster-Ideal unserer Zeit, Skizze, Dessin einer modernen Frau und Akademikerin.

Mit lockerer Hand, schwungvoll und aufgeregt kommt Justine Triet, die mit Thomas Lévy-Lasen auch das Drehbuch geschrieben hat, zu einem etwas differenzierteren Befund. Zwar gibt unsere Protagonistin Victoria Spick (Virginie Efira) optisch einiges her, blond, sehr weiblich, bevorzugt Minirock, hat glanzvollen Auftritt auf einer Hochzeit in einem goldroten Kleid.

Sie ist Anwältin, lebt allein mit zwei kleinen Mädchen, auf welche Au-Pair-Frauen oder -Männer aufpassen. Das Bild einer erfolgreichen, modernen Frau. Zuhause in der nicht allzu geräumigen Hochhauswohnung sieht es chaotisch aus.

Die Männer, die sie übers internet kennenlernt, nun ja, so richtig klappt das mit denen auch nicht, es sind komplizierte oder eigenartige Herrschaften. Den Au-Pair-Boy schmeißt sie raus, weil er keine Überstunden akzeptiert.

Ein ehemals Drogenabhängiger, den sie vor Gericht verteidigt hat, kommt auf sie zu, Sam (Vincent Lacoste). Sie nutzt ihn für ihre Belange, setzt ihn in ihrem Lebensspiel ein, ohne mitzukriegen, was er wirklich will. Er will studieren und Anwalt werden und verliebt ist er auch in sie.

Auf der Hochzeit, auf der ein Gorilla aufgetreten ist, passiert später ein Vorfall, der gerichtsmaßig wird. Victoria soll Vincent Kossarski (Melvil Poupaud) verteidigen, weil dessen Freund ihm Mordversuch vorwirft.

Es geht drunter und drüber in diesem erfolgreichen Leben. Denn sie verliert zudem für ein halbes Jahr ihre Anwaltszulassung, weil eine Zeugin, zu der sie keinen privaten Kontakt haben dürfte, ihr auflauert und allein, dass sie versucht, ihr klarzumachen, dass sie keinen Kontakt haben dürfe, reicht aus.

Das Gericht ist ein Unikum für sich. Ein topmoderner Bau, der Eingang sieht aus wie der zu einer Höhle oder zu einer Fußballarena. Die dominante Farbe der modern-abstrakten Möblierung ist rot. Die Richterin in roter Robe ist eine primär entsetzt Schauende, Verbissene. Vor allem wird das Gericht in diesem und anderen Prozessen – David (Laurent Poitrenaux) der Ex von Victoria führt einen Schrifsteller-Blog, in dem er sie ganz offensichtlich bloßstellt, auch das führt zu einem Prozess; sie habe mit Richtern geschlafen, heißt es darin oder sie verteidige nur Irre. Es gibt einen Dalmatiner, der als Zeuge befragt wird. Bei Sympathie würde er mit dem Schwanz nach links wedeln und bei Misstrauen nach rechts; auch der Partygorilla wird wegen seiner Fotokünste vor dieses Gericht zitiert. Tierische Juristerei und entsprechendes Vergnügen oder: bissige Erfolgsfrauen- und Gerichtssatire.

Unsere Karrierefrau Victoria scheint ein zutiefst verunsicherter Mensch zu sein, sie geht zum Psychiater, zur Seherin, zum Akkupunkteur. Keiner kann sie heilen und sie sich selbst auch nicht. Das einzige Heilmittel wäre die Liebe, und die wartet längst, nur sie sieht sie nicht.

Dieser Film nimmt genüsslich die Philosophie der Emanzipation der Frau als Karrierefrau und alleinerziehender Mutter auf die Schippe.

Comments Keine Kommentare »

Sich überwinden.

Nicht nur in der Jugend, auch im Alter noch Träume haben und sie sich erfüllen. Die Angst vor dem Wasser überwinden und Schwimmen lernen. Alles andere als eine Trockenübung.

Susanne Kim hat einen Schwimmkurs für Senioren im Osten Deutschlands als Dokumentaristin begleitet. Eine Mäuschendoku. Dabei sein und die Kamera drauf halten. Es gibt allerdings Mäuschendoku und Mäuschendoku.

Bei Susanne Kim spürt man, wie sie fasziniert ist von diesen reflektierten Menschen, die ein Leben hinter sich und Herausforderungen vor sich haben, die sich überwinden und diesen Anfängerschwimmkurs machen; diese Begeisterung strahlt als Qualität auf den Film ab.

Kim lässt die Zuschauer teilhaben an diesem Abenteuer, das im Kopf beginnt. Die Kursteilnehmer scheinen sie zu mögen, geben ihr Zugang bis in die Umkleide oder ins Hotelzimmer. Zwei sind Freundinnen, eine hat sogar ihre Katze mitgenommen.

Einer hat ein Boot auf dem Schweriner See, kann aber nicht schwimmen. Es ergeben sich Gespräche, die zurückgreifen in die individuellen Geschichten, ganz ungezwungen, Nachkriegskinder, die vieles so genommen haben, wie es eben war, gerade auch die Situation der Frau in der Ehe, und die zuhause bleiben sollte.

Auflockernd dazwischen gibt es Archivmaterial, Homevideos. Und Beifang im Schwimmbad, Kinder beim Schwimmunterricht, eine Bootsfahrt mit einem riesigen Schwan von Boot, gepflegtes Ausgehen eines der Herren mit einer der Damen zu einem Tanztee. Der Herr ist enttäuscht, weil die Dame nicht tanzen kann. Oder Schwangerenschwimmen oder ein Wasserballet aus Hollywood-Archivfootage, weil eine der Damen immer schon davon geträumt hat. Man kommt sich selber fast als Teilnehmer an diesem Kurs vor.

Teils ist zu erfahren, warum die Leute nicht schwimmen gelernt hatten. Es gibt Trockenschwimmimprovisationen, aber auch Gespräche über Beziehung, Ehe und Emanzipation, über Träume oder ganz handlich eine Anleitung zum Aufsetzen einer Bademütze, aber auch als Seemansgarn die Geschichte von einem Kater. Und vor allem das: Du brauchst einen Traum für das Alter.

Comments Keine Kommentare »

Dieser Film des Spaniers J. A. Bayona („Das Waisenhaus“), der in England spielt, sagt gleich zu Beginn, worum es ihm geht: um den Knackpunkt im Leben von Conor, an welchem er kein Bub mehr ist und noch kein Mann.

12 Jahre ist Conor alt. Es ist der Moment des Abschiednehmens von der Kindheit, letztlich des Loslassens von der Mutter. Ein ernster Moment, eine kurze ernste Phase im Leben eines ahnunsvollen Jungen. Das treibt ihn in Träumen um, die die massiven und elementaren Umwandlungen, die ihm bevorstehen, vorwegnehmen oder ankündigen oder ihn darauf präparieren.

Er nimmt sich das Recht für diese Alptraumarbeit heraus, das Recht auf Eigenleben und inneren Absentismus in der Schule. Dafür wird er von den gleichaltrigen Mitschülern, die den anstehenden Veränderungen offenbar nicht den nötigen Raum lassen, brutal gemobbt und geprügelt, später gar für unsichtbar erklärt.

Im ephebenhaften Lewis MacDougall hat Bayona eine Traumbesetzung gefunden. Conor lebt mit seiner Mutter Lizzie (Felicity Jones) zusammen. Der Vater ist abwesend, hat sich verdünnisiert und zur Oma (Sigourney Weaver) hat er keinen rechten Draht. Sie wird als besonders hart zu knacken charakterisiert.

Conor wird von nächtlichen Albträumen geplagt, hat regelmäßige Begegnungen mit einem Riesen, einem Monster (Liam Neeson), das sich aus einer mächtigen Eibe am Friedhof mit Erdbebengewalt herauschält.

Conor ist furchtlos, hat keine Angst vor dem Monster. Es begleitet ihn durch diese höchst diffizile, aber auch aparte Phase des Lebens, die alle bisherigen Sicherheiten in Frage stellt. Insofern sind die Bilder, die das Monster produziert, angemessen, die Risse und abgrundtiefen Löcher, die im Friedhof entstehen, der Verlust jeglichen Bodens unter den Füßen.

Diese neue, nie gekannte Situation wird auch illustriert durch Geschichten, die der Riese dem Jungen erzählt. Diese wiederum bannt der Regisseur J. A. Bayona, der ein Drehbuch von Patrick Ness nach dessen eigenen Roman (diesen wiederum nach einer Idee on Siobhan Dowd) zur Vorlage hatte, ausgehend von der Aquarell-Malerei mit einem Einschlag von Schatten- und Marionettenspiel als Animation auf die Leinwand.

Auch die Geschichten, die das Monster erzählt, stellen das bisherige Weltbild des Jungen fundamental in Frage. Er muss dafür sogar einen Preis bezahlen, nämlich die Wahrheit über seinen Albtraum zu erzählen.

Wobei es mit der Aquarellmalerei eine weitere Bewandtnis hat: dass Mutters unerfüllter Traum die Malerei war. So bilden zartes Aquarell einerseits, gewaltiges Monstertum andererseits, die extreme Gefühlsspanne in dieser Lebensphase ab.

Auch das Thema des Loslassens von der Mutter wird ein weiteres Mal paraphrasiert, indem die Mutter tatsächlich todkrank ist, kein Heilmittel kann ihr mehr helfen. Das wirkt im ersten Moment vielleicht etwas plump, aber das Monster ist ja auch kein diskretes Mittel in dieser Erzählung; vor allem wird dieser Eindruck mehr als aufgehoben durch die ausgefeilte, wohldosierte Regie, die ein exzellentes Team vor und hinter der Kamera versammelt und so Kino vom Feinsten, in den herben Tönen einer hochkünstlerisch spanisch-britischen Mischung zubereitet, so dass der Zuschauer leicht den Hals reckt, um nichts zu verpassen.

Wobei offenbar das Sterben der Mutter, und das kommt mir vor wie eine erzählerische Übersprungshandlung für den kaum definitiv zu erfassenden Moment im Leben des Jungen, also dieser Tod es ist, der die Leute berührt und zu Tränen rührt.

Comments Keine Kommentare »

Toskana-Abenteur-Erinnerungsreise.

Die drei Brüder Emanuel (der ist ein hochgescheiter Professor und 84 Jahre alt), Andrea und Bubi, auch nicht viel jünger, sind in Florenz geboren. Zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges.

Sie sind jüdischer Herkunft. Deshalb werden sie nach dem Hitler-Mussolini-Pakt in Florenz verfolgt. Die Familie fängt eine Flucht-Odyysse an durch verschiedene Orte der Toskana, bis sie sich im Winter 43 in einem steinigen Wald oberhalb einer Ortschaft eine Höhle baut und dort mit Hilfe freundlicher und mutiger Dorfbewohner überleben kann: die Eltern, 4 Kinder und 2 Omas.

Nach dem Krieg wandert die Familie nach Israel aus. Jetzt, 70 Jahr später, hat der Jüngste den Wunsch, mit seinen beiden älteren Brüdern, diese Höhle zu suchen.

Es wird eine Erlebnisreise, die Tamar Tal Anati, Anati ist der Familienname der Brüder, dokumentarisch festhält. Es ist eine Reise voller Diskussionen und Reflektionen, der Suche nach Erinnerungen und der Erkenntnis, dass solche verloren gehen können oder sich zu Legenden umbilden, dass es auch eine mythologische Erinnerung gebe und auch, dass es unterschiedliche Erinnerungen gibt, an das erinnert sich der eine, der andere gar nicht.

Es ist wie eine Abenteuerreise, aber auch das wird diskutiert, wie pünktlich man aufstehen und frühstücken soll, und dass man das nicht so verbissen sehen wolle, es sei ja schließlich Urlaub.

Am meisten geistigen Input bringt der Professor, ein Anthropologe, der weltweit geachtet ist und überall Vorträge hält. Er misstraut der Erinnerung, er misstraut der Behauptung, sie hätten als Jungs in Florenz Bogen für das Pfeilschießen gekauft und diese auf der Flucht mitgeschleppt, das hält er für widersinning, es ging doch darum, das Allernötigste mitzunehmen; er misstraut auch manchen Legenden im Dorf, dass die Bewohner die Gold- und Silberschätze und den Schmuck der Familie aufbewahrt hätten und diese dem Pfandleiher gebracht und dafür Lebensmittel gekauft haben sollen. Wobei beim Besuch von Frau Nada, der die Familie die Rettung verdankt, deutlich wird, dass es eine Geschichte voller Unklarheiten ist.

Es ist eine ungewöhnliche Reise durch die Toskana mit einem Abstecher nach Florenz, einem Besuch des einstigen Stadthauses der Familie, das jetzt ein Hotel ist. Es ist eine Reise mit Fahrten durch die Toskana, mit wunderbar italienischem Essen vom Einkaufen bis zum Zubereiten und Verzehr. Die Brüder kommen in einem stattlich renovierten Haus in der Nähe ihrer Höhle unter. Diese scheint vergessen.

Einer meint, es wäre ein Wunder, wenn sie die Höhle wiederfinden würden, die der Vater aus Stein gebaut hatte. Entgegnet der andere, sie würden aber an Wunder glauben. Während der Einheimische, der sie anfänglich begleitet, nichts von so einer Höhle weiß, er kennt nur die Tierhöhlen, Wolfshöhlen.

Die Musik bestimmt zusätzlich die Atmosphäre aus jugendlicher Reise- und Unternehmungslust. Obwohl Eme, wie Emanuel, der Älteste gerufen wird, keine Lust auf diese Reise hatte, er braucht diese Erinnerungen an das Leid nicht. Dem widersprechen die Jüngeren, für die das Leben im Wald toll und abenteuerlich war mit Pfeil und Bogen. Allerdings durften sie nie laut werden, denn wenn die Deutschen sie gehört hätten …

Drei alte Herren kraxeln im Gebirgswald herum. Das hat etwas Existentialistisches.

Nur in Florenz gerät der Film kurz in die üblichen Gedenkfahrwässer beim Besuch einer Erinnerungseinrichtung mit den Tafeln der Toten.

Comments Keine Kommentare »

Der Rassismus überwunden?

Chris (Daniel Kaluuya) und Rose (Allison Williams) sind seit einigen Wochen ein Paar. Er ist ein bekannter Fotograf. Und er ist schwarz, während Rose für die Weißen steht, die Wortwahl bewusst entschieden, da dieser Horrorfilm von Jordan Peele auf der nach wie vor akuten gesellschaftlichen Schmerzstelle der Farbunterschiede der Menschen spielt, sich amüsiert und anderes.

Wer jetzt gleich die Horrorelemente erwartet, muss schon genau hinschauen. Erst wird das Pärchen geschildert, mei die lieben sich. Sie will ihren neuen Freund an diesem Wochenende ihren Eltern vorstellen. Chris gibt auch seinem schnell und für unsere Ohren auf Amerikanisch kaum verständlich sprechenden Kumpel Rod (LilRel Howery) Bescheid, der schiebt Security-Aufsicht am Flughafen.

Die Eltern von Rose, die Armitages, scheinen begütert zu sein. Sie wohnen in einem ausladenden Anwesen irgendwo in menschenarmer Gegend. Die nächsten Nachbarn seien weit weg, jenseits des Sees.

Jordan Peele inszeniert seine Figuren, etwas überdeutlich, als Menschen aus Fleisch und Blut, die alle sehr aufmerksam sind, die ihr Gegenüber beobachten und wach aufnehmen, die beim Zuhören kleine Regungen zeigen, ihr Inneres spiegelt sich im Gesicht, solange sie den Mimikmuskeln freien Lauf lassen, will heißen, so lange sie frei sind, locker, so wie Peele die Geschichte wie locker aus dem Ärmel schüttelt.

Auf dem Weg zum Elternhaus läuft Rose ein Hirsch vors Auto. Etwas statuarisch und sonderbar wirkt der Gärtner des Anwesens, eine Schwarzer auch er, Walter (Marcus Henderson) heißt er und im Gesicht von Chris spiegelt sich sofort der Gedanke wieder, dass Walter hier Hauspersonal ist während er gleichgestellter Gast unter Weißen.

Diese Differenz schwarzer Diener – weiße Herrschaft wird jetzt ständig spürbar. Die kleineren Regungen bei der ersten Begrüßung, nachdem das Liebespaar aus dem Auto ausgestiegen ist und Vater Dean (Bradley Whitford) und Mutter Missy (Catherine Keener), werden dem Zuschauer vorenthalten, da gibt es nur eine Totale.

Dafür bekommt er im Inneren um so mehr und Näheres mit. Vom Vater ist zu erfahren, dass er viel unterwegs ist, das Haus ist voll mit Souvernis von den Reisen, die Mutter sei Psychotherapeutin auch in Richtung Hypnose tätig. Dann taucht noch Roses Bruder Jeremy (Caleb Landy Jones) auf mit rotunterlaufenen Augen, übernächtigt und verkatert, er studiere Medizin, ist zu erfahren.

Die Gespräche laufen in regem Plauderton und in freundlicher Stimmung, wie sich das Paar kennegelernt habe, ist ein Thema. Vater wirkt gesetzt in seinen Statements und mit seiner schwarzrandigen Brille zerfließt die Grenze zwischen Gentleman und Zyniker.

Im Haus gibt es noch eine schwarze Hausangestellte, Georgina (Betty Gabriel), auch deren Reaktionen sind nicht so ganz natürlich, aber auch das ist leicht abzuwälzen auf die Differenz Herrschaft und Dienerschaft.

In der Nacht geht Chris raus, um eine Zigarette zu rauchen; er hat Alpträume, wie Missy in einer Teetasse rührt und ihn hypnotisiert, was zu Traumaufnahmen führt im leeren Weltall und wie aus einem Adventskalender schaut Missy zu.

Es folgt eine große Gesellschaft weißer Eliten. Allerdings gibt es auch hier eine Merkwürdigkeit, dass eine Weiße mit einem schwarzen Liebhaber angerauscht kommt.

Der Trick, um vom Horror, der noch ansteht, abzulenken, scheint mir, dass alle diese Begegnungen, die wie gut beobachtet wirken, vor allem das Thema der Rassenunterschiede kurz unter der Oberfläche köcheln lassen. Was wie ein Gesellschaftsfilm wirkt. Und erst, wenn die letzten Gäste weg sind, dann schlägt der Horror richtig zu, ganz im Gegensatz zur Lebenslustigmusik, mit der der Film anfängt. Es gibt einen Hinweis anhand eines Vorfahrenwandbildes: einer der Armitage-Vorfahren ist als Sportler bei den olympischen Spielen in Berlin gestartet, neckischer Horrorinput.

Comments Keine Kommentare »

Den Bildern dieses Filmes fehlt der Zusammenhang; sie erschließen sich mir nicht oder nur so weit, dass der Eindruck entsteht, dass Regisseur Lars Montag, der mit Helmut Krausser auch das notleidende Drehbuch nach dessen Roman geschrieben hat, voll angefixt ist von den Trends moderner Lebensumstandsbewältigung und dass ihm dadurch die Story, die den Film zusammenhalten sollte, abhanden gekommen ist.

Vielleicht trifft auch folgende Vermutung zu: Lars Montag ist ein gut beschäftigter, smarter Fernsehregisseur. Davon kann er sich gewiss respektabel ernähren. Künstlerisch ist das keine Erfüllung. Da träumt doch der eine oder andere davon, Kino zu machen. Denn Träume haben sie alle, sind begeistert von Vorbildern, das lässt sich ablesen, und wollen kinematographisch auf den Putz hauen.

Hier gehen gleich zu Filmbeginn zwei Keramik-Katzenfiguren auf einem Glastisch in Brüche und lösen ein Unwetter an Scherbenflug aus, ganz großes Kino soll das heißen, noch vor den Titeln. Und so geht es weiter. Effekt an Effekt gereiht um der Effekten willen und nicht, um damit ein pointiertes Licht aus kritischer Sicht auf den modernen Menschen zu werfen. Möglichst krachert sollen die Bilder sein, möglichst ausgefallen.

Vögel sollen gegen Fenster knallen. Der automatische Staubsaubger muss sich im Haar verfangen (könnte eine irre Nummer werden; wirkt hier aber gewollt und krampfig). Oder vor einem riesigen Aquarium sollen mehrstöckige Tanzflächen aufgebaut sein.

Kino heißt hier aus Prinzip: die Fernsehkonvention durchbrechen. Nur müsste man das auch können. Das fängt schon beim Drehbuch an. Helmut Kraussers Roman scheint ein Sittenbild moderner Stadtmenschen beabsichtigt zu haben, moderner neurotischer Stadtmenschen mit wackelnden Beziehungen und fehlgeleiteter Glückssuche und Moral. Verunglückte Lebensentwürfe, die sich über den Weg laufen, Berührungspunkte haben.

Das Prostituiertenpaar, im weiß stilisierten Design wohnend. Der Lehrer, der ein Aggressionsatelier betreibt; hier können andere Fälle aus dem Film ihre Wut an Möbeln auslassen. Der Imker, eine lächerlicher Figur; der aber zum Lehrer ein zartes Verhältnis aufbauen wird. Die Tochter des Lehrers, die mit dem Zuwanderer-Jungen anbandelt und der sie nur gegen Geld lecken will, weil mit einer Nutte darf er das. Und es gibt den Cello-Jungen, den der Trieb treibt.

Therapiesitzungen kommen vor, es gibt einen Polizisten, der ein Fitnesscenter betreibt; eine Künstlerin, die ihre Models vor bunter Wand hinsetzt und an den ganzen Klamotten und am Körper bemalt und so fotografiert; dann gibt es kleinlichen Krach mit der Nutte, die sich dafür zur Verfügung stellt unter der ausdrücklichen Bedingung, nicht fotografiert zu werden.

Hört sich gar nicht übel und heutig an. Wenn es nur nicht so klischeehaft gebracht würde, ganz zu schweigen vom lächerlich gemachten Kirchenchor oder der kirchlichen Gewisseninquisition beim Jungen, der Cello spielt.

Die Schauspieler bekommen das ordentlich hin, sie setzen auf die Sicherheit der Routine. Aber sie mühen sich auf verlorenem Terrain ab. Die können nichts dafür, dass das Drehbuch nicht kinosachgemäß bearbeitet worden ist, nämlich unter Berücksichtigung, dass der Kinozuschauer sich ausgehend von den ersten Bildern die Geschichte in der Spieldauer aufbauen können möchte und dass er nicht wie der Buchleser, genüsslich zurückblättern kann, dass also im Hinblick auf Kinokonsumierbarkeit der Stoff hätte extrem ausgedünnt werden müssen. So aber wird der Film mit um die zwei Stunden Spieldauer viel zu lang. Vor lauter Sucht nach dem Kinobesonderen verliert der Film seine Besonderheit.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Comments Keine Kommentare »

2002 hatte Francois Ozon einen Film mit dem Titel „8 Frauen“ herausgebracht, Ausdruck französischer Filmkultur, französischer Regiekunst und französischen Startums.

Ganz offensichtlich möchte Olaf Kraemer mit seinem Titel von 5 Frauen darauf als Vorbild verweisen, als Messlatte? Das lässt auf enorme Selbstüberschätzung schließen.

Die gute Nachricht zuerst: Die Filmmusik von Philipp Fabian Kölmel, die hats in sich, die saugt sich einem ins Ohr, zu der könnte man stundenlang Landschaftsbilder aus Frankreich vorm inneren Auge vorüberziehen lassen, wenn da nur nicht die Schauspielerei wäre und das Drehbuch und die Regie und überhaupt: die fehlende deutsche Filmkultur, die sich aufführt.

Die schlechte Nachricht: eben diese Auswüchse deutscher Filmsubventionskultur sind leider zur Musik auf der Leinwand zu besichtigen. Einmal mehr hat ein deutsches Filmteam geglaubt, von der französischen Filmkultur beleckt zu werden, wenn es für einige Wochen eine lauschige Location in Frankreich mietet und dort in Urlaubsmanier versucht, einen Film zu drehen. Das hat in den letzten Jahren nie funktioniert – es gab viele solcher Versuche, zuletzt der gründlich misslungene Affenkönig.

Auch diesmal ist die Location einzigartig. Ein länglicher Steinbau in grünen Hügeln mit großbürgerlicher Innenausstattung.

Doch der Film bedürfte einer Generalsanierung noch vor dem Erscheinen im Kino. Schon die Grundidee ist nicht wirklich ausgeführt, ist nicht mal auf ihre Tragfähigkeit für einen Kinofilm geprüft worden. Sie kommt in einem Satz im Film vor. Der wirkt so jedoch lediglich als Gag, weil er keineswegs auf seine Konsequenz im Verhalten der Figuren zu einander, in ihrem vertrauten Ton, in der Differenzierung der Charaktere durchgearbeitet worden.

Hier werden die Frauen eingesetzt wie ein anderer Kühe verwendet, ohne individuelle Geschichte, ohne Konflikte und entsprechende Verhaltensweisen; die Figuren haben keine Lebensläufe, womit den Dialogen und den Handlungen weitgehend die Basis zur Glaubwürdigkeit entzogen ist.

Diese Grundbehauptung ist diejenige, dass die 5 Frauen sich von Kindsbeinen an kennen. Sie waren alle in einem „Bastelkreis für verhaltensgestörte Einzelkinder“. Sie haben sich seither einmal jährlich getroffen, um die Beziehungen aufrechtzuerhalten.

Davon ist allerdings weder in der Inszenierung noch vom Drehbuch noch von der Schauspielerei her auch nur ein Hauch zu verspüren. Der Satz über diese Vergangenheit ist bestenfalls heiße Luft oder Bluff oder ein Beweis für die lausige Kinoarbeit von Olaf Kraemer.

Die essentielle Kinoarbeit wurde nicht geleistet. Das Filmteam träumte lediglich von ein paar netten Tagen auf des deutschen Steuer- und Zwangsgebührenzahlers Kosten, in denen mit Handkamera und Unterwasserkamera und mit Drohnen und einigen psychodelischen Effekten mit dem Material rumgespielt wird; alibihalber werden ins Drehbuch Gesprächsfetzen über Beziehung und Bindung und dann aus purer Auswegslosigkeit und wegen miserabler Vorbereitung einige Trash-Elemente eingebaut, ein unglaubwürdig dargestellter Mord an einem vermeintlichen Vergewaltiger und noch viel weniger plausible Reaktionen auf die Leiche plus ein reichlich alberner Versuch, die Leiche zu entsorgen und als Höhepunkt eine Vergebungsszene zwischen Opfer und Vergewaltiger.

Das Opfer, das ist die Gastgeberin, erkennt den früheren Vergewaltiger an einem Tattoo wieder. Mit einem Messer deutlich sichtbar aus Gummi, damit keine Verletzung passiert, drückt sie auf dessen Kehle. Der Mann muss vor ihr niederknien. Er muss sich entschuldigen und ab dem Moment fühlt die Frau sich nicht mehr als Opfer.

So leicht geht das im subventionierten deutschen Film. Dafür wurde er auch vielseitig aus Steuern und Zwangsgebührengeldern gefördert und die Herrschaften Funktionäre und Redakteure sollten sich nochmal ganz genau überlegen, wieso sie dieses miserabel gearbeitete Drehbuch zum Dreh freigegeben haben.

Dem vorgeblichen Regisseur und Autor Kraemer fehlt es zu ernsthaftem Filmemachen an allem, an Menschenkenntnis, an konsequentem Figur- und Handlungsdenken, am Scannen der Charaktere, am Willen zur Glaubwürdigkeit, am Talent zum Schreiben von sich aus der Situation und der Vorgeschichte ergebenden Dialogen, so dass dann einmal mehr zu dem verräterischen Satz „Was ist denn hier passiert?“ gegriffen wird.

Ein weitere filmische Totgeburt aus deutschen Filmlanden, eine weitere Steuer- und Zwangsgebührenverschwendung.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Comments 6 Kommentare »