Archiv für 6. April 2017

Existenzen am Rande. Die Moltkes und die Nazis, Mack und das Hadern mit einem Schicksalsschlag, Autismus als Preis für Kinderimpfungen, in Bodrum heißt es Schießen oder Erschossen-Werden, in München geht es um die Pläne über 100-Jähriger, in Boizenburg um Randexistenzen am Bahnhof, die Schlümpfe suchen ein verborgenes Dorf, in Frankreich treibt der Geiz sein Unwesen, in Hollywood ein Nonkonformist, in Japan wird mit den Folgen eines Spieles gekämpft, in Berlin schlägern zwei Girlies, in Frankfurt treibt das Genre der Naziploitation neue Blüten und von einer deutschen Existenz nicht am Rande berichtet eine Nicht-Widerständlerin. Am Fernsehen gab es Volkstheater vom Tegernsee, der wo in Bayern liegt.

GESCHICHTE EINER LIEBE – FREYA
Ist doch gut, dass auch einige gegen die Nazis gestorben sind.

DIE HÜTTE – EIN WOCHENENDE MIT GOTT
Warum hat Gott das Mack angetan?

VAXXED
Autismus als Nebenwirkung der Kinderimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln? Wäre schlecht fürs Geschäft der Pharmariesen.

FREE FIRE
Nicht mit dem Schicksal hadern, rumballern!

Ü 100
Der Existentialismus von über 100jährigen, die sich pflegen und aufstehen, als müssten sie zur Arbeit. Der Lebenssinn von hinten aufgedröselt.

NEBEN DEN GLEISEN
Der Bahnhofskiosk von Boizenburg, Treffpunkt für „failed“ und hängengebliebene Existenzen.

DIE SCHLÜMPFE 3 – DAS VERLORENE DORF
Wer sich an Regeln hält, erlebt keine Abenteuer und kann ein verborgenes Dorf nicht vorm Zauberer warnen.

NICHTS ZU VERSCHENKEN
Komödie über den Geiz im Geiste Molières.

REGELN SPIELEN KEINE ROLLE
Warren Betty beschreibt nach allen Regeln der strengen Studiokunst einen Regellosen.

SWORD ART ONLINE – ORDINAL SCALE
Wer das Spiel überlebt hat, darf die Rückkehrerschule besuchen.

TIGER GIRL
Zwei amtsanmassende und schnell losschlagende Frauen in Berlin.

ES WAR EINMAL IN DEUTSCHLAND
Überlebende der Nazizeit bauen in Frankfurt einen Textilhandel auf.

EIN DEUTSCHES LEBEN
Schwarz-weiß Portrait der Nichtwiderständlerin Brunhilde Pomsel, die als Sekretärin immer gute Positionen hatte, aber auch fünf Jahre in russischer Gefangenschaft verbracht hat.

TV
TEGERNSEER VOLKSTHEATER: TRAUUNG MIT HINDERNISSEN

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Sprechende Mumie oder Portrait einer Nichtwiderständlerin.

Ein Gruselerlebnis. Brunhilde Pomsel, geboren am 11. Januar 1911 in Berlin war eine pflichtbewusste, zuverlässige Sekretärin, heute würde man wohl sagen Chefsekretärin. Pikant an ihrer Biographie ist, dass einer ihrer Chefs Reichspropagandaminister Joseph Goebbels war. Vorher war es ein jüdischer Kaufmann, dann war sie bei der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft und nach dem Krieg bei der ARD. Wer so gefragt ist, muss eine gute Sekretariatskraft sein. Und sie war keine Widerständlerin, das hat sie nicht eingesehen, gibt sie im Zusammenhang mit der Weißen Rose zur Antwort, wegen ein paar Flugblättern den Tod zu risikieren. Mit so einer Meinung dürfte sie nicht allzu allein dastehen, vielleicht sogar prototypisch für „ein deutsches Leben“ sein.

Dieses Gesicht, über 100 Jahre alt, tief eingegraben die Spuren eines wechselhaften Lebens, die Haut ledrig wie bei einer Mumie, so wirkt dieser Kopf, der nur vor schwarzem Hintergrund und mit Scheinwerfern ausgeleuchtet zu sehen ist im Visual Design von Christian Kermer in diesem Film von Christian Krönes, Olaf S. Müller, Roland Schrotthofer und Florian Weigensamer, wirkt momentweise wie ein auferstandener Neandertaler. Und irgendwie berichtet der Kopf auch von Dingen, die man heute nicht mehr für möglich halten würde wie aus gespenstischer Vorzeit, der Nazizeit.

Zwischendrin Schwarz-Bild ohne jeglichen Ton. Stille. Immer wieder Stille. Immer wieder Schwarzbild. Kein Sound-Design außer der Stimme von Brunhilde Pomsel, meist recht akkurat in ihren Erinnerungen und klar in den Formulierungen, Ton gibt es nur bei zwischen das Interview geschnittenem Archivmaterial. Da ist viel Propagandadreck der Nazis dabei, ganz wichtig hervorgehobene Sätze von Göbbels in klarer weißer Schrift vor schwarzem Hintergrund oder Ausschnitte aus Propagandafilmen der Nazis aber auch aus der amerikanischen Gegenpropaganda, Aufklärung, News.

Sie war – inzwischen ist Brunhilde Pomsel gestorben – eine typische Mitmacherin, Mitläuferin, die sich von der Nazieuphorie hat anstecken lassen und selbstverständlich die NSAP gewählt hat. Das ist der Punkt, in welchem sie sich auch mitschuldig fühlt, dass alle, die dazu geholfen haben, dass diese an die Macht gekommen seien, Verantwortung für diese politischen Entwicklung tragen. Aber auch nicht mehr.

Wer konnte das voraussehen, das wahre Ausmaß ist ihr erst nach dem Krieg bewusst geworden, sagt sie. (Da war Freiherr vom Moltke im gleichzeitig anlaufenden Film Geschichte einer Liebe – Freya vermutlich eine ganz seltene Ausnahme). Sie war jener Typ Mensch, der zwar nicht vollkommen gedankenlos handelt, der aber vor allem auf Sicht fährt und sich nicht weitere Folgen in zweiter und dritter Konsequenz bewusst machen will oder kann, aber wer will oder kann oder tut das schon. Es geht vor allem darum, sein Leben im Rahmen der vorherrschenden Umstände zu regeln. Sie stellt fest, dass ihr ihre Art geholfen habe; aber sie fragt sich auch, dass sie vielleicht etwas Verantwortungsvolleres hätte machen können.

An dem Platz, an dem die Menschen gestellt wurden, etwas zu tun, was für sie gut ist und sie wissen, damit schade ich einem anderen. Wer tut denn das, so weit denkt man nicht. Das ist vielleicht der Kernsatz für ihr Handeln, der wohl dem Handeln von Millionen, auch heute entspricht. Und sie fügt bei Ich hab vielleicht mit mehr Kriminellen gearbeitet als ich weiß. Auch der Satz dürfte für viele heutige Menschen zutreffen. Wer weiß schon, was die Chefs und die Besitzer großer Konzerne alles mit ihrem Geld machen. Und es arbeiten Millionen für sie.

Wie ihr jüdischer Chef wegen dem aufkommenden Antisemitismus seinen Betrieb verkleinern musste und sie nur noch halbtags beschäftigen konnte, hielt sie Umschau nach einem zweiten Halbtagsjob. Dadurch kam sie zum Rundfunk. Und über diesen ergab sich das Angebot bei Göbbels. Für den Job beim Rundfunk musste sie allerdings erst in die NSDAP eintreten. Mehr hat sie sich nicht gedacht dabei, außer, dass sie dadurch einen Job bekommen kann. Da waren die 10 Mark, die der Eintritt in die Partei gekostet hat (bei einem bisherigen Salär von 55 Mark im Monat) gut angelegt. Das hat sich später ausbezahlt für sie.

Frau Pomsel kann sich ganz gut artikulieren. Ihre Chefs dürften gebildete Leute gewesen sein und kein Dummerchen im Vorzimmer gehabt haben wollen. Sie formuliert hinsichtlich ihrer Reflektionen zur Lebensmeisterung, was Millionen anderer vermutlich genau so gemacht hätten und heute auch tun: die kleinen Entscheidungen in einem übersichtlichen Rahmen zu fällen, um sein Heu ins Trockene zu bringen.

Und wie Millionen anderer hat sie sich nicht klar gemacht, was sie sich da mit Hitler eingehandelt hatten. Sie hat ihm selbstverständlich zugejubelt und ihn auch gewählt. Sie beschreibt die Euphorie, die in Berlin vor der Olympiade geherrscht habe, dass wieder Leute aus anderen Ländern zu sehen gewesen seien, dass sogar ein Inder sich den Rundfunk anschauen wollte, für damals ein exotisches Ereignis – was ein scharfes Licht auf jene Epoche zwischen den beiden Weltkriegen wirft, von der sie behauptet, dass man das nicht vergleichen könne. Aber sie fragt sich auch, warum sie sich einen Vorwurf machen soll, dass sie sich nicht für Politik interessiert habe.

Der Film scheint mir insofern wichtig, als der Betrachter mit der Position der Nicht-Widerstandes nachvollziehbar konfrontiert wird und manche Handlungsbegründungen als seine eigenen erkennen dürfte; wie oft hält man nicht den Mund, weil man es sich mit irgendwem nicht verderben möchte, aus Angst, es könnten einem Nachteile entstehen. Und nach wie vor sind Zuverlässigkeit, Pflichtbewusstsein und Diskretion wichtige Einstellungskriterien für viele Positionen.

Frau Pomsel war keine schlechte Menschenbeobachterin, das zeigt sich daran, wie sie Goebbels beschreibt, aber auch wie sie mit einem Ton der Imitation erzählt, wie ihre Schneiderin ihr ein teures Stöffchen aus Frankreich angedreht habe; denn das war vom wenigen Luxus, der erhältlich war und den sie sich mit ihrer erstklassigen Bezahlung auch leisten konnte. Wer will es ihr verargen, dass sie das genossen hat – wer ist nicht anfällig gegen Privilegien?

Archivmaterial
Amateur-Indianerfilm, Doku über Wahlkampf mit Hakenkreuzen, US-Aufklärungsfilm (was ist ein Arier?), US-Wochenschau „The March of Time“: jüdischer Kinderchor, Privataufnahmen der NSDAP von 1930, US-Beweisfilm für den Nürnberger Prozess (Sieg-Heil-Begrüßung in Österreich), US-Propagandafilm „Weapon of War“ (die Nazidenkmaschine: Rassenhass, religiöser Hass als Waffe), Deutscher Propagandafilm, Polen 41 (Männertypen, ähnlich fotografiert wie Frau Pomsel hier vom Visual Director), italienische Wochenschau: Goebbels in Venedig, Film über polnischen Widerstand, Deutscher Propagandafilm „Achtung Geheime Kommandosache“ (nie fertig gestellt, Leichen in Massengrab), Volkssturm von 1944 über kriegsfreiwillige Hitlerjugend, US-Filmdokumente über KZ-Befreiung, zerstörtes Berlin, Entnazifierung.

Ihre privilegierte Bezahlung: 1942 kam sie ins Propagandaministerium; beim Rundfunk hatte sie 250 – 275 Mark Gehalt. Bei Goebbels gab es dazu noch Ministeriumszulage steuerfrei 60 Mark, eine Ministeramtszulage, steuerfrei nochmal 50 Mark, das Geld ist ihr nachgeschmissen worden, nur konnte sie nicht viel anfangen damit. Das war ihr Schicksal.

Zitate
vieles im Leben falsch gemacht
ich war immer sehr pflichtbewusst
ich könnte keinen Widerstand leisten
für Widerstand hätte man sein Leben einsetzen müssen.

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Gesundheitsthriller.

Alle Zutaten für einen spannenden Krimi sind in diesem Film von Andrew Wakefield, der mit Del Matthew Bigtree auch das Drehbuch geschrieben hat, vorhanden: Mächtige Konzerne, die mit Impfstoffen viel Geld verdienen und dazu sowohl die Gesetzgebung als auch die Kontrollinstitute infiltrieren; unerwünschte Nebenwirkungen, die anfangen, statistische Signifikanz zu erlangen und somit zur Gefahr für das leichte Geschäft werden; ein Whistleblower, der die Machenschaften zur Vertuschung des Skandals mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann und ein Journalist, der anfängt sich dafür zu interessieren und nachzuforschen und der seine Ergebnisse in diesem Film von Andrew Wakefield selbst präsentiert. Womit der Film Teil des Krimis wird.

Mit Impfstoffen lässt sich leichter Geld verdienen als mit Arzneimitteln, denn die Zulassungsbestimmungen sind nicht so streng. Noch leichter lässt sich mit Impfstoffen Geld verdienen, wenn es staatliche Impfprogramme gibt, die gewisse Impfungen im Kleinkindalter zur Pflicht machen. Dies wiederum geschieht viel leichter, wenn das wissenschaftliche Institut, das die Sicherheit und Verträglichkeit des Impfstoffes zu prüfen hat, sein Plazet gibt.

Um einen solchen Fall handelt es sich hier. Es geht um den Impfstoff MMR, der eine Dreifachimpfung bewältigt gegen Masern, Röteln und Mumps. Das kann zu einer toxischen Überlastung beim Kleinkind führen. Das Institut, das dem Impfstoff die Verträglichkeit attestiert hat, ist das CDC, das US Center vor Disease Control & Prevention.

Der Wissenschaftler William W. Thomson von diesem Institut sollte nun den Beweis erbringen, dass kein Zusammenhang besteht zwischen dieser Impfung und den Meldungen über immer häufiger auftretenden und bleibenden Autismus bei Säuglingen direkt oder kurz nach dieser Impfung. Frage der Forscher: stellt das Alter der MMR-impfung ein Risiko für Autismus dar?
Ist bei Meningits wohl erwiesen.

Für solche wissenschaftlichen Untersuchungen gibt es einen Analyseplan, welche Daten erhoben und in Diagrammen verglichen werden. So wurden signifikante Parallelen zwischen Impfungen und Auftreten von Autismus schnell sichtbar. Das durfte nach Ansicht der Pharmakonzerne nicht sein. Sie lassen ihren Einfluss aktiv werden, der Analyseplan wird umgeworfen, die Ergebnisse geschönt oder geschreddert.

Als ob das nicht Skandal genug wäre, wollen auch die herrschenden Medien nicht darüber berichten, weil sie selbst offenbar am Gängelband der Pharmaindustrie hängen.

Es ist immer das gleiche Muster. Behörden, Institutionen, Produzenten, Macher wollen Fehler oder bei Medikamenten Nebenwirkungen nicht wahr haben, diese werden heruntergespielt und in Kleingedrucktes aufgelöst. Wer darauf aufmerksam macht, der Whistleblower, ist der Spielverderber. Insofern werden solche Filme zu wichtigen Fermenten im demokratischen Prozess, der Offenheit und Aufdeckung braucht; denn es geht um die Gesundheit der kommenden Generationen. Bei MMR sind die Perspektiven mit der ansteigen Kurve der Häufung der Autismus-Diagnose der reine Horror. Darf das wegen der Gewinnmaximierung von Pharmakonzernen geduldet werden? Sind die Gewinne der Pharmakonzerne wichtiger als die Gesundheit der Kinder?

Offenbar schon, denn bis in die Justiz hinein haben die Lobbyisten der Pharmariesen vorgesorgt: im Falle von Streitfällen wegen Nebenwirkungen haben sie mitgewirkt, dass ein spezieller Verwaltungsgerichtshof eingerichtet wird, der so gepolt ist, dass die Pharmakonzerne gar nicht direkt verklagt werden können und somit vor übermässigen Schadenersatzforderungen verschont bleiben.

Horror, wie ihn die Industriepaxis schreibt.

Der Film sammelt Statements von allen Seiten, aus Talkshows, Hearings, Interviews, es kommen Ärzte, Wissenschaftler, Nobelpreisträger, Spitalsprecher, Talkshowgäste, Umweltbiologen, Senatoren, Anwälte, Politiker, Kongressabgeordnete, Journalisten, betroffene Eltern zu Wort, geschädigte Kinder kommen als Fallbeispiele ins Bild, nur den Whistlblower, den hört man lediglich als Telefonstimme. Die deutsche Voice-Over trägt das ihre zu dieser spannenden und brisanten Dokumentation bei.

Hier geht’s zur Website des Films.

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Deutsche Elite,

die selbstverständlich gegen die Nazis war, das gab es auch. So einer war Helmuth James von Moltke. Ein weitsichtiger, reflektierter Mann aus einem Haus, in dem politisch gedacht wurde und der das Unglück und den Krieg, den die Nazis bringen würden, früh vorausgesehen hat, der ziemlich allein stand mit diesem Weitblick und der nur 37 Jahre alt geworden ist.

Denn der Kreisauer Kreis, nach dem polnischen Familiensitz der Moltkes genannt, wurde im Rahmen der Ahndung des Hitler-Attentates von 1944 enttarnt, Moltke kam ins Gefängnis und wurde drei Monate vor Kriegsende zum Tode verurteilt und gehenkt.

Früh in der aufkeimenden Nazizeit ist er nach Berlin gezogen, weil er als Anwalt mit seiner klaren Meinung gegen die Naziideologie in der Provinz kaum mehr hätte arbeiten können. 1939 wurde er zur Wehrmacht zum OKW in Berlin eingezogen.

Durch die vielen Trennungen von der Familie kam es zu dem erhaltenen Briefwechsel zwischen ihm und seiner Frau Freya, einer Rheinländerin, auch sie aus einer reflektierten und zu Teilen politisch denkenden Familie stammend. Der Briefwechsel setzte sich intensiv auch nach der Gefangennahme fort, Harald Poelchau in Berlin machte es möglich.

Es war gegenseitige Liebe Knall auf Fall der beiden, die sich bei einem Künstlertreff am Grundlsee in den Alpen kennengelernt haben. Eine ungeheure Liebe, die über physische Entfernungen, Gefängnis und den Tod und weit darüber hinaus die beiden Menschen verband und stark gemacht hat.

Es sind über 1600 Briefe erhalten. Ausschnitte daraus bilden die Kernsubstanz der ersten 60 Minuten dieser wohldurchdachten, atemberaubenden 90-minütigen Dokumentation von Antje Starost und Hans Helmut Grotjahn.

Die Briefe werden von Top-Schauspielern Deutschlands gelesen, von Ulrich Matthes (als vielleicht dem besten deutschsprachigen Sprecher überhaupt) als Stimme für Helmut James von Moltke und von Nina Hoss als Stimme für Freya.

Die Bilder zu den Texten bestehen aus Fotos aus den Familienalben, aus Landschaftsaufnahmen, aus Aufnahmen von Häusern oder der Percussionistin Vivi Vassileva an der Marimba, auch architektonische Impressionen, ferner gibt es ausführliche Ausschnitte aus einem der letzten Interviews von Frey von Moltke in ihrem Haus in den USA und aus einem mit ihrem Sohn Conrad.

Die beiden Kinder Caspar und Conrad sind ein Vermächtnis, das sie ihrem Mann zu Lebzeiten entrissen hat, wie sie sagt, denn er wollte keine Kinder in diese furchtbare Welt setzen.

Die letzte halbe Stunde des Filmes widmet sich der Zeit nach der Ermordung Helmuths. Freya ist 2010 gestorben, fast 100-jährig. Es ist zu erfahren, dass die Familie nach dem Krieg aus Deutschland weggezogen ist, zuerst nach Südafrika, dann in die USA, denn in Deutschland wurden die Verwandten von Widerständlern immer noch als Verräter angesehen; dazu zitiert Freya Hanna Arendt, die analysiert hat, dass wer die Widerständler akzeptieren würde, zugeben müsste, dass Widerstand möglich war. Aus dem Familiensitz in Kreisau ist inzwischen eine internationale Jugendbegegnungsstätte geworden.

Die Dokumentation ist ohne jede Rührseligkeit, lebt vom Geist nicht nur des Briefwechsels sondern auch von der Sicht auf diese Geschichte von Freya, die ihren Mann als Widerständler vorbehaltlos unterstützt hat.

Ein Nazizeitaufarbeitungsfilm, der weit über die inzwischen gängige Massenproduktion von Naziploitation-Filmen herausragt, nicht nur wegen seiner geistigen Haltung, sondern auch wegen seiner erstklassigen und durchkomponierten Machart mit der sinnig-geschmeidigen Montage von Anne Berrini und der höchst kultivierten, individuellen musikalischen Untermalung von Vivi Vassileva – Percussionistin an der Marimba und von Büdi Siebert. Ein nahrhaftes Matineepflichtprogramm – ein wichtiger deutscher Film.

Es ist ein Film über eine Deutsche Elite, wie sie einem nicht allzu vertraut ist, wie sie sicher auch heute existiert – aber wo? Ein Thema, was das deutsche Kino sowieso viel zu sehr vernachlässigt, über aktuelle deutsche Eliten zu berichten, sei es dokumentarisch oder in Spielfilmform – es geht allenfalls um Promis und Karrieristen, wie so oft in den Lebenslinien beim BR, und im Naziploitation-Businnes entsteht häufig der Eindruck, dass es primär um das Abgreifen von leicht zu pflückender Subvention gehe, so ein Beispiel startet heute ebenfalls (Es war einmal in Deutschland).

Zitate
Gestern war ich in einem saudummen Film über die olympischen Spiele. Wollte sofort auswandern.
Kleiner Sieg gegen die Hydra.
Physisches Unwohlsein als Folge.
Tag voller grauenhafter Nachrichten, die apokalyptischen Reiter sind Anfänger gegenüber dem, was uns bevorsteht.
Merkwürdiges Jahr, vor allem mit Leuten, die für einen gewaltsamen Tod präpariert werden.
Die Angst des Nationalsozialismus vor den Gedanken; wir werden gehenkt, weil wir gedacht haben.
Freislers Tobsuchtsanfall, sah ihm eisig in die Augen … und konnte nicht umhin zu lächeln.

Sie hat niemals die volle Verzweiflung haben müssen, wegen seiner Bereitschaft, alles zu riskieren.
Sie hat nie Rachegefühle gehabt, kein Talent zur Rache.
Ist doch gut, dass einige gegen die Nazis gestorben sind und nicht für.
Wenn man nichts hat, wo man hingehört, dann nimmt man das Uninteressanteste, den Nationalismus.

Die Briefe sind im Verlag C.H. Beck erschienen.

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Schlägernde Frauen.

Sie versuchen sich zu befreien, sich frei zu buddeln aus den Fesseln der Subvention und des Fernsehens, die jungen deutschen Filmmenschen. FOGMA nennen sie sich, könnte abgekürzt werden als Frech Ohne Große Matrix, ohne Plan, womit just die Krux des Projektes schon beschrieben wär.

Dreistheit, Frechheit, Respektlosigkeit als Selbstzweck, Widerwillen gegen jegliche Gesetzlichkeit kommt gut bei den beiden Protagonistinnen und ihren Mitspielern, ein gewisser Hang zu jugendlich-nonchalenter Anarchie. Sie improvisieren frei Schnauze was das Zeug hält und die pseudodokumentarische Wackelkamera versucht Wahrheit und Einmaligkeit des Geschehens zu plausibilisieren.

Die Geschichte ist leider doppelköpfig und damit viel zu kompliziert für einen Genreversuch, wie neulich bei den Wienern, bei Inferno von Stefan Rutzowitzky festzustellen war, auch wenn der filmisch auf nicht so rudimentäre Vorgehensweisen zurückgegriffen hat.

Hier bei Jakob Lass (Love Steaks), der mit Eva-Maria Reimer + 2 auch für das Drehbuch verantwortlich ist, geht es um zwei schlägernde junge Frauen, denen schön zuzuschauen ist.

Maggie Fischer (Maria-Vitoria Dragus), die femininere der beiden, ist eine abgewiesene Polizeirekrutin, die sich stattdessen als Security ausbilden lässt. Mit ihr fängt der Film an und bringt im Gefolge mehr als genügend Szenen aus der Security-Ausbildung mit dem monoton-harschen Ausbildner Orce Feldschau, der sich wie ein Feldwebel benimmt, immer am Rande des Schreiens oder Brüllens, undifferenzierter Befehlston. Er bringt einen Hauch Lebenspraxis in den Film, denn das ist sein Brotberuf.

Das Problem ist nun, dass Tiger Girl (Ella Rumpf), die nicht als solche eingeführt wird, die Protagonistin sein soll. Somit ist der Zuschauer gleich auf zwei nicht kongruente Schienen gesetzt und es wird von Szene zu Szene schwieriger, noch eine plausible Geschichte nachzuerzählen. Denn bei dieser Überforderung mit gleich zwei Protagonistinnen strapaziert das Team nicht nur den Zuschauer, sondern auch sich selbst, verfolgt keine der beiden Figuren tiefer und genauer und auf ein Filmziel hin.

Solche Konstruktionsfehler begrenzen schon von sich aus den Wirkungskreis eines Filmes; denn es wird schwierig, ihn nachzuerzählen, mehr zu erzählen als, dass man zwei Frauen zugeschaut hat, wie sie eine Reihe von Gesetzlosigkeiten begehen, wie sie Willkür in Uniform praktizieren – Tiger Girl zieht bald auch eine Security-Uniform an, wie Maggie.

Sie sind selbsternannte Gesetzeshüter, die chronisch mit der Polizei, speziell mit dem Polizisten Theo (Enno Trebs) Begegnungen haben. Mit ihm spielt Maggi anfangs eine großartige Liebesszene an ein Auto gelehnt. Aber außer, dass sie sich weiter dienstlich begegnen, hat auch diese Geschichte keinen weiteren Lauf, genau so wenig wie die mit den beiden Typen, mit denen Tiger gerne rumhängt, die sich ein geheimes Rauch-, Sauf- und Schlafstübchen auf einem Dachboden eingerichtet haben. Tiger wohnt in einem romantisch ausgebauten Bus.

Aber auch zwischen den beiden Protagonstinnen ist keine Entwicklung einer Beziehung festzustellen, außer vielleicht, dass Tiger, die gerne mal einem Mann in die Fresse haut, sauer wird, wenn Maggi das ebenfalls spontan und unangekündigt tut.

Viel Wind um archaischen Aufruhr. Dagegen-Sein als Thema. Die Berlinale muss öde gewesen sein, dass um diesen Film Wind gemacht wurde.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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Für den von der „Erfolgsserie Sword Art Online“ Unbeleckten wirkt dieser Anime-Film von Tomohiko Ito auf mich, als sei er von einer künstlichen Intelligenz geschaffen.

Ok, so viel ist zu kapieren, es handelt sich um ein Spiel auf Metaebene, um die Folgen eines Spieles virtueller Realität, das ein Professor zu Experimentzwecken auf die Menschheit losgelassen hat. Das gravierende Resultat war, dass Tausende dem Spiel nicht mehr lebend entkommen sind. Die anderen, die Überlebenden, versuchen nun, über eine spezielle Schule wieder in das normale Leben zurückzufinden.

Das normale Leben, das ist hier überaus steril geschildert, modellhafte Wohnräume ohne persönliche Ausstattung wie zu Showzwecken, dröge und abtörnend.

Dagegen gesetzt ist eine lexikalische Fülle von öffentlichen Räumen aller Architekturepochen und die Behauptung, die virtuelle Realität, das seien die Träume. Wobei auch diese Realität wiederum mit höchst spießigen Elementen durchsetzt ist, simple Hierarchien, Ranking-Seiten, Aufstiegsmöglichkeiten, eine Art Rabattmarkensystem, wodurch man was gewinnen kann, Punktesammelei, Tabellen.

Die Klammer ums Ganze herum ist geerdet: eine Familie bestehend aus Papa, Mama, Kind – Kitiro, Asuna und Töchterchen. Die sitzen in einer Naturlandschaft, schauen den Sternenhimmel an, freuen sich auf Sternschnuppen, womit der Film sich vielleicht gleich selber interpretiert.

Eine negative Folge des Experimentes vom Professor ist möglicherweise Erinnerungsverlust. Es gibt, richtig dramatisch, einen Count-Down bis zu welchem Zeitpunkt dieser Fehler behoben werden kann. Das hat mit einem Konzert der Sängerin Yuna zu tun. Auch verlassen unsere Protagonisten immer wieder die eine Wirklichkeitsebene, um in einer anderen gegen alle Arten von Anime-Monstern zu kämpfen mit martialischen Namen wie Dorsed, die Kaoskrake, The Dyertask.

Aus dem Versuch, aus dieser zweistündigen Bildüberwältigung eine Story rekapitulierend herauszufiltern, wird vielleicht auch klar, dass der Film am besten aufgehoben sein dürfte bei Leuten, die die Serie „Sword Art Online“ kennen, und denen Begriffe wie Boss Mob, VR, AR, Spawn-Orte, NPC, Ritter des Blutschwertes, Full-Dive, Nerve Gear, Aincrad geläufig sind. Oder ich komme mir vor wie in Platos Höhle und es wird mir ganz schwindlig ob der Schattenwelt, die ich sehe. Geht es hier möglicherweise um einen „stream of consciousness 4.0“?

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Es kann sich nur um den Spleen eines verdienten Hollywood-Stars handeln.
Dem legendären Howard Hughes gilt dieser nostalgische – aber oho! – Film von Warren Beatty, genauer, einem Ausschnitt von 5 Jahren aus dessen Leben als Besitzer der Fluglinie TWA und als Hollywoodproduzent und Besitzer des Studios RKO.

Das Studio kommt im Film vor, obwohl Hughes nach der Wikipedia-Biographie in dem Zeitraum schon nicht mehr der Besitzer war. Auch sein Generalbevollmächtiger Noah Dietrich (Martin Sheen) tritt im Film auf, obwohl der nur bis 1957 geblieben ist, während der Film 1964 anfängt und dann 5 Jahre zurückspult. Aber es geht hier nicht um historische Genauigkeit.

Es geht Warren Beatty, der für Drehbuch und Regie zeichnet und auch selbst die Rolle von Howard Huges spielt samt angeborener Otosklerose und eher zu viel komödiantischer Theatralik im Zwielicht zwischen Verrücktheit und Snobismus, um eine leicht schlitzäugige Verehrungserklärung an das hermetische Hollywood des Studiosystems der späten fünfziger, sechziger Jahre. Man sitzt wie in ganz weichen Polstern und kommt kaum mehr hoch aus ihnen, wenn der Film aus ist.

Entgegen dem Titel versucht Betty die Geschichte vom Nonkonformisten Hughes mit einem Maximum an Regelbefolgung, Konformismus und Genauigkeit umzusetzen. Werden Blumen umgeworfen, geschieht diese ganz präzise. Oder der sündteuere Ring, den Hughes Marla Mabrey (Lily Collins) zurückgibt, da wird erst ausführlich das kleine Gefäß auf dem Tisch gezeigt, ein Art gedeckter Aschenbecher, dann nimmt Maria diesen in die Hand, schummelt etwas rein, geht, darauf nimmt der junge Mitarbeiter Frank (Alden Ehrenreich) das Gefäß, macht es auf und findet den Ring, den der Zuschauer schon aus einer parallel genauen Szene von vor ein paar Jahren im Film kennt. Feinste, peinlich ordentlichste Filmschule sozusagen, die einen Film noch von A – Z durchdenkt. Schauspieler lernen im Lauf ihrer Karriere ja auch einiges von ihrem Metier.

Erst wird Hughes als schrullig und unsichtbar vorgestellt, als Figur hinter einem Vorhang und mit beachtlicher Antichambre. Marla wird von ihrer Mutter Lucy (Annette Bening, die grandios die vom Ehrgzeig für die Tochter zerfressene Mutter spielt) aus Virgina nach Hollywood kutschiert, weil Hughes ein Casting für ein Musical namens „Starlight“ veranstaltet.

Genüsslich breitet Betty die Atmosphäre aus, diese hochkomplizierte Besetzungscouch, wie die Kandidatinnen am Beispiel von Marla höchst luxuriös in einer Villa mit weiter Sicht über L. A. untergebracht werden. Wie für jede Kandidatin ein eigener Chauffeur zur Verfügung steht mit eigenem Cadillac. Wie die Kandidatinnen immer wieder zu Meetings oder Terminen beordert werden. Wie sie nie Howard Hughes zu Gesicht bekommen und an ihrer Hoffnung gegängelt, verschwenderisch gegängelt werden.

Über die Bande des Methodistentums (das ist der ordentliche Frank) und des Baptistentums (so sind die Mabreys), also über die Bande der Prüdheit wird das Thema, ohne es namentlich zu nennen, von Hollywoods Besetzungscouch raffiniert eingeführt mit den entsprechenden Dialogen und mit diebischer Freude ausgewalzt. Dem kann auch Marla auf Dauer nicht widerstehen, ihre Mutter hat den Karrierismusstachel tief genug in sie hineingestoßen. Das wird Folgen haben. Aber so eine schwere, luxusgetränkte Hollywoodschnulze wird sich das geschickt für einen rührenden Schluss aufbewahren.

Denn zwischendrin wird Marla die Szene verlassen. Es reicht ihr mit den leeren Versprechungen und dem Hingehaltenwerden im Goldenen Käfig. Sie kehrt zurück nach Virginia.

Der Film konzentriert jetzt sich darauf, wie es Frank gelingt, sich auf seiner Position in allernächster Nähe zum unberechenbaren Hughes zu halten. Er muss dafür sogar seine Flugangst überwinden. Diese und andere Anekdoten von Hughes serviert uns Warren Beatty, Probleme mit Washington wegen Geldern für die Ablöse der Propellerflugzeuge durch Düsenmaschinen, Abstecher nach London, Acapulco, Nicaragua, wild geht es zu und her und einen enstprechenden Abenteuerflug mit einer DC3 absolviert Howard mit Frank neben sich auch.

Dann sind da noch die Investoren, auch die für schrullige-schnulzige Anekdotden gut, wie sie versuchen in Acapulco, Howard endlich von Angesicht zu Angesicht zu sehen und er partout keine Lust dazu hat. Die Regellosigkeit von Hughes wird mit penibler Einhaltung der Hollywoodregeln eingekreist, wobei der Museumsaspekt, es ganz genau zu machen, deutlich stärker ist, als der eines kritischen Realismus.

Im Film kommen Ausschnitte aus Filmen vor, die Hughes produziert hat, aus „Hell’s Angels“ beispielsweise, auch das ein Hinweis auf den Hommage- und Museumsgedanken. Dem Film vorangestellt ist ein köstliches, Huges zugeschriebenes Zitat: Never check an interesting fact.

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Der französische Theaterautor Moliére hat mehrere Stücke geschrieben, die menschliche Charaktereigenschaften zum Thema haben: Der eingebildete Kranke (Hypochondertum), Tartuffe (Schmeichelei), der Menschenfeind (Misanthropie) oder Der Geizige (Geiz); es sind dies Komödien, die noch heute fest auf dem Spielplan der Comédie Francaise stehen, sie sind französisches Kulturgut und Theaterklassiker par excellence.

Vor diesem Hintergrund dürfte Olivier Dazat die Idee zum Drehbuch von Nicolas Cuche, Laurent Turner und Fred Cavayé, der auch die Regie führte (Mea Culpa – Im Auge des Verbrechens, 72 Stunden), gehabt haben. Hier geht es um das Thema des Geizigen.
Die Hauptrollen bei Molière sind großartige Theaterrollen, Schauspielerrollen. Die Figuren malträtieren sich und ihre Umgebung mit ihren jeweiligen Eigenschaften.

Dany Boon ist Francois Gautier, eine Erste Geige in einem Orchester und ein Geizhals der Sonderklasse. Wobei er später auch sagen wird, dass er nicht genau weiß, wieso, dass er halt immer schon so gewesen ist und sein Vater ebenso.

Viele seiner manischen Aktivitäten, um ja kein Geld auszugeben, dürften dem einen oder anderen Zuschauer durchaus vertraut vorkommen. Wie er kein Licht unnötig brennen lässt. Das mag noch angehen. Extremer ist das Haushaltsbudget, was er sich gönnt. Wöchentlich lässt er sich von seinem Banker 5 x 10 Euro in je einem Kuvert auszahlen, um ja nicht mehr auszugeben.

Francois kauft nur Sonderangebote, abgelaufene Ware. Diese Eigenschaft dürfte bei einem Kondom der Grund gewesen sein, weshalb eines Tages eine attraktive junge Frau, Noémie Schmidt als Laura, vor seiner Tür steht und sich als seine Tochter zu erkennen gibt. Man sieht Danny Boon förmlich an, wie sein Gehirn anfängt zu rattern, was da an Kosten auf ihn zukomme.

Sein Geiz hat groteske Folgen, wenn er sich die Schuhe eines Kollegen borgt, um seine eigenen zu schonen, diese aber einige Nummern zu klein sind und wie er dann und auch noch zu spät, vor versammeltem, wartendem Publikum sich auf seinen Platz neben dem Dirigenten begibt.

Bedrängt wird er von allen Seiten, denn sein Geiz bleibt nicht verborgen, welche Vertuschungstricks er auch immer anwendet, vor den Nachbarn, den Kollegen, der Eigentümerversammlung der Wohnsiedlung, vor einer jungen Kollegin, Laurence Arné als Cellistin Valéry („Die Frau ist allergisch auf alles, was preiswert ist“).

Je mehr sich Francois bedrängt sieht, desto panischer und absurder (und für den Zuschauer unterhaltsamer) werden seine Reaktionen. Bis zu dem Moment, in welchem seine Tochter anfängt, Gerüchte über seine immense Wohltätigkeit bei mexikanischen Waisenkindern zu streuen.

Die Menschen sind wankelmütig und leicht beeinflussbar durch Informationen oder Fakeinformationen, wer kann schon unterscheiden. Allerdings treibt die Wohltäterpose unseren Geizhals noch mehr in die Enge. Um ihn da wieder rauskommen zu lassen, hat die Geschichte noch einen weiteren Pfeil im Köcher.

Dany Boon spielt diesen Geizhals großartig und überzeugend; mit höchstem Misstrauen begegnet er jedem Menschen, der sich traut, ihn anzusprechen, aus purer Angst, er könne an sein Geld wollen. Da verhält er sich wie die Reichen, von denen behauptet wird, ihr einziges Tun und Streben bestehte darin, den Reichtum zu mehren. Eine Katastrophe, wenn er weniger wird. Die deusche Synchro ist im Zusammenhang mit diesen Preisreflektionen durchaus angemessen.

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Qualitätshackfleisch aus Bodrum.

Besonderen Reiz entwickelt dieser Film von Ben Wheatley (High Rise), der mit Amy Jump auch das Drehbuch geschrieben hat, wenn man sich wie in einer Folie vor der Leinwand ein absurdes Theaterstück von Beckett (Endspiel oder Warten auf Godot) vorstellt, die dort agierenden und raisonnierenden Existenzclowns, und wenn man sich noch die Regeln des klassischen Dramas von Einheit von Ort, Zeit und Handlung vergegenwärtigt oder auch, wenn man sich Schießballette von John Woo vor Augen führt und dann mit dieser Komposition und Choreographie einer Endzeitschießerei in einer verlotterten, einsamen Lagerhalle als mehr akademischer denn literarischer Kunst betrachtet.

Es geht um eine delikate Übergabe von Waffen gegen Geld. Ein Männerfilm mit einer einzigen Frau, Justine (Brie Larson). Ihre Partner oder Gegner sind Bernie (Enzo Clienti), Stevo (Sam Riley), Frank (Michael Smiley), Christ (Cillian Murphy), Ord (Armie Hammer), Vernon (Sharlito Copley), Mrtin (Babou Ceesay), Gordon (Noah Taylor), Harry (Jack Reynor), Jimmy (mark Monero), Howie (Patrick Bergin) und Leary (Tom Davis).

Wheatley führt sachte an diese Übergabe heran. Erst fährt er im Auto von Bernie und Stevo mit. Dieser hatte am Vorabend eine Schlägerei, ist mit dem Veilchen unter dem Auge beschäftigt und findet, das sehe nicht gut aus. Vor der Halle erwarten sie Frank, Chris und Justine. Dann kommt Ord dazu, der sie in die Halle führt.

Die Figuren werden charakterisiert nicht gerade als Profi-Verbrecher, es sind allerlei Existenzlemuren, die Kostüme sprechen ihre eigene Sprache und tragen das ihre bei, nebst Licht und Ausstattung und Location zum stark malerischen Input in dieses Kinostück am Rande des Surrealismus und der Performance.

In der Halle treffen sie erst Vernon, extravagant gekleidet, der Engländer aus Südafrika mit dem eigenartigen Akzent und Martin mit dem rosa Farbton. Es läuft anfangs recht zivilisiert und gar nicht hektisch ab. Es bleibt immer Zeit für Geplänkel, kleine Reflektionen und Bemerkungen, gar für ein Anbandeln und auch das Besprechen des Vorgehens.

Dann kommt die Fuhre mit den Waffen. Es sind nicht die versprochenen AR70er sind, sondern nicht bestellte M16er. Auch hier bleibt im Hintergrund Zeit für die Lieferanten, zu tuscheln, weshalb und wieso, das Geld zählen ergibt eine eigene Szene (Justine könnte stundenlang zusehen).

Das irische Element spielt eine Rolle, das britische aus Südafrika. Wheatley entwickelt die Dramatik so, dass klar ist, dass diese Existenz- und Berufslaien auf äußerst zerbrechlichem Terrain agieren, dass wegen einer dummen Bemerkung, und davon fallen laufend welche, das Gebäude der Zivilisation zum Zusammenbruch kommen könnte (so war es schon in High Rise); er konstruiert die Ausgangslage für leicht entflammbare Eskalationen.

Der Anlass findet sich bald. Einer der Waffenanlieferanten ist just jener Typ, mit dem der andere am Vorabend in der Kneipe das Veilchen eingefangen hat. Das Veilchen kann sich nicht zurückhalten. Es kommt zwar gleich wieder zu einem Appeasement. Das hält nicht lange. Die Waffen kommen ins Spiel.

Die Dialoge wandern, mal situationsbezogen („Keine Arterie wurde getroffen, du hast noch mindestens 90 Minuten“), mal abschweifend (Thema Autobiographie) durch die Halle und um die Verstecke, hinter denen die zusehends angeschossenen und blutenden Figuren, auch dazu gibt es feststellende und kommentierende Bemerkungen, sich verschanzen.

Absurd wirkt auch ein Telefon, das von einem abgetrennten Büroraum aus hallefüllend läutet, während die Musik sich leicht jazzig oder anfangs vor allem Unheil vermutende, leise Drums, vornehm zurückhält und nicht versucht, irgendwas zur Entzündung der Handlung beizutragen.

Dazwischen auch mal die Frage, ob einer alkoholkrank sei, nein, er sei trocken oder als Kommentar zu einer anderen Figur, wer denn diese Spaßbremse eingeladen habe. Im Nahkampf bemäkelt der eine das Parfüm seines Gegners und der meint, es handle sich um Bartöl. Muss man in der Gesamtsituation sehen. Und wie im klassischen Drama ist es aus, wenn alle tot sind. Ein Existenz-Show- und ein Show-Down-Spektakel. Der hartnäckige Anruf, der war übrigens eine Werbung: Qualitätshackfleisch aus Bodrum.

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Witz oder Kinofilm?

Die Frage sollte einer schon entscheiden, bevor er zu drehen anfängt, ob er einen Witz oder einen Kinofilm machen will. Der Luxemburger Sam Garbarski, der mit Michael Bergmann auch das Drehbuch geschrieben hat, konnte sich wohl nicht entscheiden und das Können sollte man dann auch noch haben dazu. Ist hier nicht der Fall.

Die Story ist dürftig, reicht kaum für einen Kurzfim. Ein KZ-Überlebender baut 1946 mit anderen Überlebenden aus dem Transitlager in Frankfurt einen fliegenden Textilhandel auf. Gleichzeitig wird er von den Amis zu seiner KZ-Zeit befragt im Hinblick auf Kollaborationsverdacht, weil er als Witzeerzähler im KZ komfortabel überlebt hat.

Moritz Bleibtreu rettet die in dieser Regie- und Drehbuchkonstellation kaum zu bewältigende Rolle respektabel mit vornehm zurückhaltender Beamtenschauspielerei inmitten eines Niemandlandes charakterloser Chargen, die zu jiddeln versuchen. Bleibtreu präsentiert seinen Text sauber, versucht sich nicht in Dialekt- und Jiddischeinschüben, die er nicht beherrscht, und eine Witzeerzählerfigur ist sowieso eine todernste Angelegenheit, siehe Entertainment. Damit beweist Bleibtreu immerhin, dass tief drinnen in ihm der Schauspielerinstinkt noch am Leben ist.

Er steht einsam da inmitten eines Besetzungs-GAUs zu dickbäuchiger, zu wohlgenährter Klamottiers, die wirken als seien sie Peter Steiners dümmste Verwandte, die gar nichts ernst nehmen und glauben, sie könnten mit ein paar Mund- und Stimmbandverrenkungen glaubhaft jiddischen Hintergrund simulieren.

So besehen wirkt der Film, als trete er nach. Ein neuer Tiefpunkt in der elendiglichen, deutschen Naziploitationindustrie, in der jeder, der so ein Thema ausgräbt, Gelder bekommt. Als bezahlender Zuschauer würde ich nach einer Toleranzphase von vielleicht einer Viertelstunde das Kino verlassen und das Eintrittsgeld zurückverlangen für dieses dilettantische, unausgegorene Machwerk.

Keine der Figuren um Bermann herum hat ein Fundament, hat einen erkennbaren Charakter, es scheint, dass unter diesen Akteuren dieser 3. Klass-Männer-Darsteller-Riege ein Wettbewerb um das am schnoddrigsten hervorgewürgte Jiddisch stattgefunden hat.

Der Film fängt mit einem 3-beinigen Hund an, um irgendwann aufzuhören mit diesem, der anfangs in die leere Transitlagerkulisse hinein- und am Schluss mit Bleibtreu wieder hinaushumpelt. Und dann ist er doch keine Klammer um den Film, dann werden noch Tanzsszenen und Bleibtreu vorm Textilgeschäft eingeblendet, ohne weiteren Erkenntnisgewinn; sogar so eine Filmklammer verpatzt Garbarski und was ist mit dem Symbol des dreibeinigen Hundes? Soll der sinnbildlich für die KZ-Überlebenden stehen? Vielleicht ist das ja witzig gedacht, es sind ja nur körperliche Schäden, die die Überlebenden bekommen haben und es humpelt sich ganz gut als Dreibeiner und Überlebender?

Wie wenig ernst Garbarski und sein Autor Bergmann ihren Stoff nehmen, verraten sie gleich zu Beginn mit dem Satz, dass es sich um eine wahre Geschichte handle und was nicht ganz stimme, sei trotzdem wahr. Witz gemacht oder was jetzt?

Da haben sie sich das Fundament für jegliche Ernsthaftigkeit ihrer Kinoarbeit entzogen, das wird verstärkt durch wenig fähige Kamera-, Ausstattungs-, Regie- und Schnittarbeit, zusätzlich unterstrichen durch die Tonspur, die ständig „Lustigkeit“ zu zupfen scheint.

Der Film spielt 1946 im Transitlager UNRRA Team 533. Bemerkenswert ist ein kleiner Archivschnipsel, der eingespielt wird: ein Besuch von Eleanore Roosevelt.

Dialogregie ist gleich Null, die Sprecherei wirkt wie eine unbeholfene Leseprobe, wie unvorbereitete Abblattspielerei. Dieser Film ist ein weiteres Stück für das Museum der Auswüchse Deutschen Filmsubventionsdesasters. Es mangelt an Tempo, Timing, Rhythmus der Erzählung; sie bleibt in der Akademelei hängen. Auf Wiedersehen Deutsches Kino, möchte man da im Anklang an einen der letzen Sätze sagen, im Sinne des Auf-Nimmer-Wiedersehens!

Die von uns zwangsmäßg finanzierten Fernsehredakteure haben das Projekt offenbar ungelesen durchgewunken. Selig sind, die den Büroschlaf können.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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