Archiv für 1. April 2017

Willkommen in Albaching. Der Wo ist kein schönes Deutsch.

Volks- oder Bauerntheater ist eine wichtige kulturelle Tradition in ländlichen Gebieten (wobei auch Großstädte in ihren Quartieren solche Theater aufweisen). Die Stücke sind meist klassisch gebaut, in dem Sinne, dass es einen Bühnenraum gibt, einen Ort der Handlung, eine Handlung, die innert 3 Akten in angemessener Zeiteinheit über die Bühne geht.

Die Ausstattung ist eine reale Bauernstubeneinrichtung, in unserem Falle allerdings Wohn- und Büroraum eines Pfarrers mit Sitzgelegenheiten, Stühlen, Tisch, hier außerdem ein Bürotisch mit Computer, einem realen Teppich, mehreren realen Türen für die Auftritte und Abgänge, Fenster, die vor einem gemalten Prospekt mit aufgemalter Alpenlandschaft oder Blumen stehen, Kommoden, Schränke, gerne ein Wandschränkchen für den Schnaps, ein Telefon, Lampen und Bilder an der Wand, hier Dürers Apostel und ein modernes, abstraktes Gemälde, das ein Sinnbild für die Hölle oder das Paradies oder den Weg dahin sein könnte.

Gerne wird gegessen und dann muss reales Geschirr aufgetragen werden. Die Inszenierung läuft so, dass Personen auf die Bühne kommen, entweder stehen bleiben oder sich setzen, dann kommt die Essenz eines solchen Stückes, das sind die Dialoge, die sind das Pfund mit denen diese Tradition wuchert, sie sind im Dialekt, behandeln allgemeine menschliche Unzulänglichkeiten als auch Themen der Zeit, oft im Zusammenhang damit, dass die Figuren etwas „dalket“ – nicht ganz so helle – sind, gerne auch Mühe mit dem Hochdeutsch haben oder Pläne schmieden, denen einiges in die Quere kommt.

Im vorliegenden Stück geht es vom Titel her darum, dass der Bürgermeister heiraten möchte. Der neue Pfarrer will ihn aber nicht trauen, da er die Bewilligung für den Bau eines neuen Pfarrheimes verhindert, der Pfarrer kommt in die Versuchung der Erpressung. Es gibt noch zwei Unterstories, der erzkonservative mia-san-mia Bayer von Maler soll die Innenräume des Pfarrhauses mit einem ausflippigen Lehrling neu streichen, gleichzeitig hat der Pfarrer einen syrischen Flüchtling im Haus aufgenommen, was sich zu einem zentralen Punkt des Stückes und seiner Höhepunktszene entwickeln wird, wie der Flüchtling dem Maler eine Deutschlektion erteilt: der Wo ist kein schönes Deutsch.

Dieses Volkstheater dient immer auch dazu da, dass das Volk sich selbst in seinem latenten Hang zu Opportunimus, Kleindenkerei, Bigotterie und Amoralität auf die Schippe nimmt, auch mit seiner beschränkten Bildung, ein beliebtes Topos, dass einer Mühe hat mit Lesen, oder auch wie einer gekleidet ist, alles was sich von der Norm unterscheidet, wird verbalisiert und kritisiert. Die Kostüme sind ländlich-sittlich mit gezielten Ausrutschern in die Moderne.

Vielleicht ist das Bauerntheater sogar eine der Wurzeln der Sitcom.

Bauerntheater ist Dialektpflege, ist Kulturpflege, ist Pflege von Identität und Eigenheit. Im Bauerntheater schaut das Landvolk in den Spiegel, und kann sich trotzdem wie hier mit dem Fremden, dem Flüchtling beschäftigen, wobei der Flüchtling in diesem Falle witziger und boshafter eingesetzt wird als bei Willkommen bei den Hartmanns, der wo zum kitschigen Heilsbringer stilisiert wird.

In diesen Stücken passiert dauernd Unvorhergesehenes, es geht drunter und drüber, die schönen kleinen Lebensplanungen werden durcheinandergerüttelt und ein bisschen verhalten sich die Menschen gerne auch trottelig und ein wenig deppert, hier läuft der Bürgermeister, der als Katastrophenmeister apostrophiert wird, andauernd gegen eine Tür. Dann gibt es Lese- und Ausspracheschwierigkeiten und Missverständnisse aller Art. Was ist ein Tüterl?

Der Pfarrer kann doch nicht im Jogging-Anzug die Messe haltendas sieht man doch nichtaber die Flipflops. Der Pfarrer hat ein neues Rezept ausprobiert: Knotschis. Dea had an guaden Flax drauf, der neue Pfarrer.

Einzug der Moderne ins Landpfarrhaus: die Kirchenbücher sollen digitalisiert werden.

Es werden Erwartungshaltungen aufgebaut, damit die konterkariert werden können. Die Erwartung für die Bestätigung vom Landratsamt für einen Pfarrheimbau, Erwartung auf eine Hochzeit. Oder das Pfarrhaus muss ab Montag gemalert werden. Und eine Figur muss voll daneben sein, wie hier der Franz, der das Tüterl raucht und die Nacht durchzecht und noch halb besoffen ist und den animalischen Geruch von uns Männer lobt. Alles was, die Norm verletzt, ist für einen Lacher gut: ein Energy Drink und eine Zigarette zum Frühstück.

Die Inszenierung begnügt sich normalerweise mit Auftritt, Dialog, Abtritt, dazwischen Steh- und Sitzparty. So stehen die Figuren manchmal etwas ungelenk in der Gegend rum, aber es geht ja alles über den Dialog und der ist die Substanz der Stücke: der Dialekt und die mit ihm verbundene und geprägte Denke. Der ist einmalig, regional und Ausdruck der Kultur. Insofern besteht eine Berechtigung, das im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu zeigen.

Hier spielt der Autor und Regisseur Andreas Kern den Pfarrer, Leo Reisinger den Bürgermeister, Sabrina White die Messnerin, Christl Schaber die Haushaltshilfe, Felix Holzapfel den daneben geratenen Sohn der Haushaltshilfe, Hanno Sollacher den Malermeister, Nicola Pendelin die Informatikerin und Daniel Farid Wittmann den Flüchtling.

Fazit zum Flüchtling: Tun Sie nur da bleiben, Herr Isidore.

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