Archiv für April 2017

Anfangs knistert es und fängt superspannend an, erst recht im Vergleich zum extrem schwachen Vorgängertatort Die Wahrheit.

Es geht um Vertrauen. Wie viel Vertrauen ist zwischen den beiden Kommissaren Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) in 27 Jahren der Zusammenarbeit gewachsen? Das will nichts weniger als ein Untersuchungsausschuss ergründen. Der nicht geklärte Fall aus dem Vorgänger-Tatort soll gelöst werden.

Der Täter (Typ unergründlicher Psychopath mit Zahlentick) wird nach einem weiteren Mord gefasst. Der Vorwurf steht im Raum, dass der Mord zu vermeiden gewesen wäre, wenn der Polizeichef vorher die Mittel für einen umfassenden Speicheltest freigegeben hätte (Jürgen Tonkel als Polizeichef ist erträglich, solange er klein im Bild ist und sachlich bleibt, mit dem kleinsten Ansatz von Zwider-Emotion in der Sprache verliert er an Souveränität). Der Untersuchungsauschuss will das klären, vernimmt Leitmayr, denn Batic liegt im Krankenhaus. Diese Befragungsszene setzt einen starken Anfangsakzent.

Zwischen die Befragung geschnitten wird als Rückblende ein kleiner Actionfilm: verunglückte Überführung des Täters aus der JVA Straubing nach München, bewacht von Leitmayr und Batic.

Die Spannung wird aufgebaut durch den Untersuchungsausschuss, vor den Leitmayr zitiert wird. Ihm wird auf den Zahn gefühlt. Er fängt an, wahrhaftig zu werden, ganz ohne Schauspielerei quasi, hier wird es packend, hier entsteht die Hoffnung, etwas tiefer in diese vertraute Routinefigur vom Fernsehen hineinzuschauen. Das ist die Erwartung, die Regisseur Phlip Koch nach dem Buch von Holger Joos nach einer Idee von Erol Yesilkaya geschickt aufbaut.

Unterstützt wird er elementar durch das karge Bühnenbild von Oliver Hoese und den unheildräuenden Sound von Sebastian Pille.

Mit dieser Befragung wird der Berufsroutine auf den Zahn gefühlt, die sich nach so langer Zeit in so einem Job einschleicht, Flüchtigkeiten, Nachlässigkeiten, Ungenauigkeiten, Involvierung in das Privatleben eines Opfers. Diesen Fehler hat Batic im Vorgängerfilm gemacht, ein arger Fauxpas gegen die Professionalität und eine Falle, aus der kaum mehr rauszukommen ist.

Für Leitmayr vor dem Untersuchungsausschuss ist die Frage, wie weit deckt er seinen Kollegen, die sind ja wie verwachsen miteinander und ihm ist die Geschichte nicht verborgen geblieben.

Der Rückblendeneinschub mit dem Actionfilm über die Überführung des Tatverdächtigen ist wenig aufregend, betulich. Die Macher sollten Free Fire studieren, was in einer leerstehenden Fabrikhalle alles drehmöglich ist.

Dadurch, dass der Film sich immer mehr der Rückblendengeschichte zuwendet, verliert er die straffe Konzentration, die sich auch in den Gesichtern spiegelt, weicht dem Gerenne, Geschnaufe, der Rauferei der aus dem Ruder laufenden Gefangenenüberführung. Hier wird Leitmayr emotionaler, und je emotionaler er wird, desto mehr verliert sich das in der Befragung geweckte Interesse an seiner Figur. Es wird übliches Fernseh-Actiontheater. Hier ist Berufsroutine zu besichtigen, hier gibt es keine neuen, tieferen Schichten des Kommissars zu ergründen.

Ein weiteres Beispiel dafür ist das Gespräch mit Kalle auf einer Brückenkanzel. Kalle gewinnt hier durch seine zurückgenommene Versachlichung wieder an Interesse. Oder das Gespräch zwischen Leitmayr und Batic im Spital. Leitmayer will die Wahrheit von Batic hören, um den Vorwurf der Lüge, die gegen ihn erhoben wird, aus der Welt zu schaffen. Dabei scheint Philip Koch in seiner Regiekunst überfordert und den Schauspielern gehen viel zu schnell die Zügel zum Lautwerden durch. Theatralik statt Spannung.

Hinzu kommt Leitmayrs Hinkerei. Hinkt man mit einer Fleischwunde im Oberschenkel dermaßen übertrieben? Der Film fasert mit dem Verlassen des Untersuchugnsausschusses zusehends auseinander in viel Hyperventilation, Gehinke, Geblute und andere Routine-Emotionalitäten.

Was dann doch auch eine Schwäche des Buches sein dürfte. Denn das Gewicht wird zusehends auf die Rückblenden, die überemotionalisierten, verlagert, der Zuschauer wird von der konzentrierten Befragungsschiene, die erstklassig und Interesse erweckend gemeistert wird, auf die deutlich weniger geformte Actionschiene geschubst, das wirkt wie eine Sitzverlagerung von einem Möbel, das einem Sicherheit verleiht, auf einen wackligen Stuhl. Geschnaufte Geständnisse sind wenig ergiebig.

Wahrheitsfrage: Tja: Wie soll das weitergehen – mit uns?
Der Psychomörder in seiner grimmigen Konzentration auf sein Unglück bestimmt in den Anfangsszenen die Konzentration des Filmes.
Die Krankenschwester handelt überzeugend, Lilly Forgach.

So verhaut denn dieser Tatort, zwar auf höherem Niveau als sein Vorgänger, die prima Ansätze, zum einen mit der Storyline, die nicht zum Untersuchungsausschuss als Klammer zurückkehrt und zum anderen mittels pseudodramatischer Inszenierung von Action, die die Fakten und Wahrheiten sowie die Figuren verschwimmen lassen.

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Vier besonders feine Filme aus Österreich, Frankreich, den USA und sogar einer aus Deutschland, dazu Kindersoldatenaufarbeitung aus Afrika, kunterbunte Galaxien-Unterhaltung aus den USA, groteske Glückssuche sowie eine einwandfreie Schwarz-Weiß-Fotostudie aus Germanien, doch ein deutsches, subventioniertes Burnout folgt auf dem Fuße. Dafür war stefe neugierig auf zwei junge, deutsche Filmmacher aus Berlin und hat ihnen drei Fragen gestellt.

MAIKÄFER FLIEG
In diesen Erinnerungen an eine Kindheit im Krieg zeigt sich die ganze Erzählkunst von Christine Nösslinger.

DIE SCHLÖSSER AUS SAND
Eine Hausräumung in der Normandie gerät zum vibrierenden Einblick in die Glückserwartungen der Menschen.

GIMME DANGER
Bei aller künstlerischen Ordentlichkeit der Präsentation schimmert die Radikalität von Iggy Pop gnadenlos durch.

DER TRAUMHAFTE WEG
Europa ist ein Konglomerat aus vielen Bildausschnitten, um die herum es sich bewegt und bildet.

WRONG ELEMENTS
Ehemalige, zwangsrekrutierte Kindersoldaten folgen als Erwachsene der eigenen Blutspur.

GUARDIANS OF THE GALAXY VOL. 2
Trotz Weltall-Effektensause, literweise Gesichtsschminke und einem Kessel Buntem aus der Kostümabteilung bleibt der menschliche Bezug mitsamt dem Joke erhalten.

HEY BUNNY
Osterhäschen, Schneehäschen, Glückshäschen, wie können wir dein Glücksgen wissenschaftlich dingefest machen – oder sollten wir uns nicht besser am Flughafen umschauen, wenn wir schon nicht ruhig zu Hause bleiben können?

TORO
Ein schöne Übung in Schwarz-Weiß-Fotografie mit einem Hauch Charme des Neorealismo mitten im heutigen Deutschland.

HAPPY BURNOUT
Es nützen die schönsten Einzelleistungen nichts, wenn das Buch durch keinen TüV käme.

Interview
DREI FRAGEN AN LAVINIA WILSON UND BARNABY METSCHURAT
Die beiden Filmmenschen haben gute Gründe, ihren eigenen Film zu machen.

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Unterhaltsame, kunterbunte Comic-Welt, Marvel-Welt die in unendlich vielen, computeranimierten Fantasie-Universen spielt, in denen immer wieder Raumschiffinnereien und majestätische Arenen oder Thronsäle als Kulisse für die Schauspielerauftritte herhalten, in denen in der Manier des Monumentalfilmes oder des großen Staatstheaters die Dinge, die die Stories vorwärtsbringen, besprochen werden. James Gunn ist der Regisseur und hat mit 9 weiteren Autoren das Drehbuch nach dem Marvel Comic von Dan Abnett verfasst.

Dabei gibt es eine breite Palette realer, aber auch animierter Figuren im Grenzgebiet zur Freakshow, welche ihre Dialoge gerne mit comickurzen Jokes würzen. Die Figuren selber, eher Ritter des Mummenschanzes denn der traurigen Gestalt, bleiben trotz aller opern- bis geisterbahn- und faschingshafter Kostümierung lebensnah, haben familiäre Konflikte.

Die Hautpfigur ist ein junger Everybody im Sinne der sanften Variante eines Protoypes des jungen Mannes, der sich für einen Halbgott hält und der weiß, dass er, wenn er seine Kräfte spielen ließe, ziemlich dumme Dinge anstellen würde, denn er ist laut Story ein Mischling aus Mensch und Gott. Gespielt wird er von Chris Pratt und heißt im Film Peter Quill / Star-Lord. Er lernt seinen leiblichen Vater Ego (Kurt Russel) kennen; dieser wiederum träumt von unendlicher Ich-Expansion ins Universum, typisch Ego. Alles ganz nah am Urmenschlichen und der offenbar in diesem angelegten Hypris.

Die engste Partnerin von Peter ist Gamora (Zoe Saldana). Sie ist grün geschminkt im Gesicht. Ihr Problem wird ihre bösartige Schwester Nebula (Karen Gillan) sein.

Zum Team der Nicht-comme-il-faut-Gestalten, die das Universum schützen sollen, gesellen sich ferner der animierte Hund Rocket, der ist so ein witziger Geselle und Macher, ein comicartiges Strichmännchen mit Pep. Hinzu kommt das sogenannte Baby, eine von Natur aus noch unbeholfene Figur, die Niedlichfigur, das Nachwuchs-Süßwesen, das ein bisschen an eine Voodoo-Puppe aber mit dem Kopf einer langgezogenen Kokosnuss erinnert.

Das Baby guckt gerne großäugig und blöd wie eine Kuh und es ist schon riskant, ihm einen Schaltapparat in die Hand zu drücken, bei welchem der rechte rote Knopf eine sofortige Atomexplosion auslöst, er also zuerst zwei andere und dann den linken roten Knopf drücken soll, damit er noch einige Minuten Zeit hat, sich in Deckung zu bringen.

Allerliebst ist auch die Gefängnis-Szene, in welcher Baby dem gefangenen Drax (Dave Bautists) und dem Rocket, einen bestimmten Gegenstand zur Befreiung bringen soll. Da kann man sich über Kommunikationsprobleme und die komischen Folgen von Missverständnissen leicht ergötzen.

An das alte Ägypten erinnert die goldgeschminkte, goldbekleidete Priesterin Ayesha (Elzabeth Debicki), die auf einem goldenen Thron sitzt.

Eine Sympathieträgerin wird sicher auch das leichte Dummchen von Frau mit den beiden Glühwürmchenfühlern, die ihr auf der Stirn wachsen, Mantis (Pom Klementieff), sie scheint von herzerweichender Naivität. Vor der braucht niemand Angst haben.

Trotz der im Laufe des Filmes sich massiv verstärkenden, galaktischen und intergalaktischen Action- und Effektensause von Explosionen, Detonationen, Raumschiffarmeen, durch die Luft fliegenden Figuren, kommt diese Truppe liebenswürdig und lebensnah rüber, auch wenn die Darsteller sicher oft vorm Blue- oder Green-Screen sich mit Regie auf Zuruf begnügen mussten.

Gut zum Andocken für den Zuschauer dürfte auch die generell populäre Musik und die Songs auf der Tonspur sein, da kommt original Walkman-Musik vor; für die zeitliche Einordnung des Sounds gibt die einführenden Szene in Missouri einen Hinweis, sie spielt 1980.

Er meint es metaphorisch!

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Bestechend an diesem Kölner Filmschulfilm von Martin Hawie, der mit Laura Harwarth auch das Drehbuch geschrieben hat, sind die Schwarzweiß-Fotografie (Kamera Brendan Uffelmann) und die sorgfältige Inszenierung mit einem gelungenen Cast und einem Hauch Poesie gedämpfter Hoffnung des italienischen Neorealismo.

Damit behaupten diese Filmemacher ein ungewönliches Stück deutscher Realität, deren Protagonisten der Pole Toro (Paul Wollin), der Spanier Victor (Miguel Dagger) und der Franzose Benoit (Kelvin Kilonzo) sind. Sie bewegen sich im Stricher-, Call-Boy-, Kokser- und Boxermilieu. Sie hausen in Innenräumen mit einer Einrichtung und kaum Blick nach draußen, die erzählen, dass ihr Leben hier nur ein provisorisches ist. Deutsche kommen lediglich als Schläger oder in Winzrollen vor. Fürs Ohr spannend ist, dass diese nicht nativen Deutschen kein beknacktes Ausländerdeutsch sprechen, sondern eines, das grammatikalisch perfekt ist, aber von der Musik her sich wunderbar unterscheidet von der eingeschliffenen Fernsehsprecherei der Routine-Schauspieler.

Mit der Geschichte tu ich mich schwer.
Toro, der Würger, arbeitet seit zehn Jahren als Call-Boy für Damen, trainiert das Boxen, sammelt das Geld in seinem Boxsack gut versteckt. Er ist befreundet mit Victor. Der ist Stricher und ein Junkie. Victor und Toro sind Kumpels. In einer leerstehenden Boxhalle, in der nur noch zwei Boxsäcke hängen, trifft Toro auf Benoit. Der will boxen lernen und hat ein Auto von seinem Bruder. Victor ist hochverschuldet und schnorrt Toro um Geld an. Toro hat ihn in das Geheimnis seines Geldversteckes eingeweiht. Die Geldeintreiber sind hinter Victor her. Nach 50 Minuten kommt eine Pistole, die Toro versteckt hat, ins Spiel. Ungefähr zu dem Zeitpunkt versagt seine sorgfältig vor der Kamera versteckte Manneskraft bei einem Job. Die Kundin behauptet, er sei schwul. Daraufhin erwürgt er die Kundin. In ihm hat sich etwas verändert. Inzwischen haben die Geldeintreiber Victor bedroht und einer hat das Geld von Toro gefunden. Das kann Tor, der die Pistole hat, nicht ungeschehen lassen. Nachher, auf dem Weg nach Polen, erwürgt Toro Victor. Am Schluss wartet der Film mit einer Pointe zur verlogenen Moral der katholischen Kirche auf. Toro ist ein gläubiger Katholik, er geht zur Kirche, überm Bett hat er ein Kruzifix mit dem ans Kreuz genagelten Christus hängen.

Die Geschichte lässt zu vieles über ihre Figuren im Unklaren, als dass ihre Handlungen Schlüssigkeit bekämen; so dass der Film nicht viel mehr bleibt, als eine schöne Fotostrecke – mit leerer Narration. Was aber ist das Entscheidende für einen guten Film? Das Buch, das Buch, das Buch! Oder eben: die Geschichte – und das ist das, worauf es ankommt, wenn man die geschützte Gemarkung der Filmschule verlässt und sich in die freie Kinowildnis mit dem Gerangel um Marktanteile hinauswagt.

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Eine reiche Palette beachtlicher Einzelleistungen, die vom fernsehversauten, kinounfähigen Drehbuchautor Gernot Gricksch (Das Hochzeitsvideo, Mann tut was Mann kann) nach einer Idee von Michael Eckelt und in der wenig einfühlsamen Regie von André Erkau (Das Leben ist nichts für Feiglinge, Arschkalt und Winnetous Sohn) zu keinem genießbaren Kinostück verwertet werden können; zu sehr tendieren die Figuren zur Volltrotteligkeit. Es scheint dieser Regie nicht um den Menschen zu gehen, sondern um eitles Machertum, zu zeigen, was sie können; was im Hinblick auf das hier verhandelte Thema „Burnout“ kontraproduktiv wirkt.

Die Grundidee liest sich nicht schlecht: Fussel (Wotan Wilke Möhring) ist eine Art Lebenskünstler ohne Lust zur Lohnarbeit. Bei aller Systemverweigerei lässt er sich gerne vom System aushalten. Förderlich dabei ist die Sympathie, die seine Betreuerin vom Arbeitsamt ihm entgegenbringt und die ihn deckt und schützt, solches ist aus der Lebenspraxis zu hören, aber hier leider nicht sorgfältig und glaubwürdig genug herausgearbeitet und daher oberflächlich in der Darstellung, man hat es halt, wenn man sich so im Subventionskuchen tummelt und labt wie Gricksch und Erkau, nicht nötig, sich um die Verbindlichkeit von Details zu kümmern; Einhaltung des Schreibr- und Drehplanes scheint das A und das O zu sein.

Mit der Verschreibung einer sofortigen Burnout-Kur für Fussel, will sich die Sachbearbeiterin vor der anstehenden Revision schützen. Die Kur findet in einer speziellen Einrichtung statt, die in einem Schloss untergebracht ist.

Hier wirken die Handlungen von Fussel allerdings erratisch, einerseits spielt er das Dummerchen, andererseits versucht er, sich um die Mitpatienten zu kümmern, sich für sie zu interessieren. Das ist theoretisch auch ablesbar, in der Performance allerdings kommt es zweischneidig rüber, schnoddrig gar; seine Haltung wird nicht klar. Könnte reizvoll sein, wenn es denn nachvollziehbar dargestellt würde, wie ein unkonventioneller Mensch einen (auch das ist lediglich theoretisch ablesbar) eingefahrenen Menschen-Sanierungsbetrieb durcheinanderbringt.

Liederliche Fallskizzen. Es wirkt so, als scheiße es den Autor an, sein Thema gründlich und exakt herauszuarbeiten. So werden der Form halber einige Mitpatienten-Fälle lieblos erfunden. Das Beispiel des Versandhandels für Kondome und Duftbäumchen wirkt so gesucht – und just antiburnoutig.

Auffällig und auffallend ist einmal mehr die Kamera von The Chau Ngo; wobei die vermutete Eigenschaft von ihm, nämlich, dass er sich überlegt, was mit einer Szene erzählt werden soll, nur noch deutlicher das verwahrloste Drehbuch und die mangelhafte Behandlung der Figuren, ihrer Geschichten und Konflikte herausstellt.

Es gibt Schauspieler, das sind wohl die richtig guten, die auch bei schwachem Drehbuch und schwacher Regie bestehen können, denen man immer gerne zuschaut. Hier ist es Anke Engelke als Ärztin Alexandra. Genauso glaubwürdig ist Kostja Ullmann als Datty, der Puppenspieler. Und Michael Wittenborn als verschminkter Günther schafft es sogar, wie er die eigene Geschichte erzählt, Empathie und Rührung zu erwecken. Torben Liebrecht dagegen hat es schwer, denn seine Figur ist vom Drehbuch her hundslausig konstruiert, was da an Rückblenden aus seinem Geschäftsleben kommt, das ist Küchentischschreiberei.

Andere Figuren mit wenig Fundament tendieren dagegen schnell ins Billig-Parodistisch-Klischeehafte. Merkwürdig ist auch, dass Leslie Malton bei einem ihrer Miniauftritte explizit als „Petra“ angesprochen wird – damit der geneigte Zuschauer sich im Abspann kundig machen kann, mit welch wichtigen Schauspielerin er es zu tun hatte?

Möhring rettet sich gegen die Drehbuchmängel ins Handwerkliche, mit einem naiven Watschelgang, was nicht dem Typen, den er spielt, gerecht wird, das ist mithin schauderhaft. Mit unidfferenzierter Lautstärke (im Sinne von: Kritik will ich gar nicht hören) und chronischem Overacting (Beispiel: Briefkastenleerszene hat nicht das richtige Maß zur Komik, ist nicht lustig; wirkt krampfig) versucht er gegen die Figurprobleme anzukämpfen; dadurch hackt er alles links und recht klein. Er liefert eine panische Soloshow ab, wirkt wie getrieben von der Angst, nicht wahrgenommen zu werden – und manövriert grad aus diesem Grund sich selbst ins Abseits. Auch seine Wandlung, die er angeblich durchmacht in dem Film, ist keineswegs nachvollziehbar, allenfalls theroretisch; eben nur angedacht, nicht nachvollziehbar umgesetzt; eklatante Mängel. So wirken die Kommentare der Mitpatienten merkwürdig hohl: Andreas hat sehr viel getan für uns in letzter Zeit … echt guter Freund -… bedeutet uns echt viel…..

Einen Negativpunkt trägt die Musik bei, die wie von einem Zufallsgenerator auf die Tonspur aufgepresst wurde nach der Devise, Hauptsache laut (Daniel Hoffknecht). Entweder ist die Musik von sich selbst begeistert oder will uns weis machen, was für ein krass fetziger Film doch hier angedacht sei.

Irgendwann wird sich bei mir ein Burnout einstellen, immer wieder von Neuem mich mit hochsubventionierten deutschen Kinofilmen zu beschäftigen und mich zu fragen, warum sie so wenig Chance bei Publikum, Kritik und auf dem Kinomarkt haben. Wobei die Erkenntnis, dass es an der Kultur des Drehbuchschreibens abgrundtief mangelt, immer wieder die gleiche ist, und der Fakt dazu führt, dass so ewig viel Talent, Energie, Steuer- und Gebührengeld für nichts und wieder nichts verpulvert werden. Weil sie sich nur zur Erbringung einer Schuld der Subvention gegenüber verpflichtet fühlen, nicht aber dem Menschen, dem Zuschauer und der Neugier auf den Menschen. Lieber wird man moralinisch und diskutiert die Verantwortung gegenüber Kindern, die man in die Welt gesetzt hat.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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Die Hasen, die Häschen und das Glück.

Blaise Pascal ist der Mottogeber für diese groteske Komödie von Barnaby Metschurat in Koregie mit Lavinia Wilson, dass das Unglück der Menschen daher rühre, dass er nicht ruhig in seinem Zimmer zu bleiben vermöge. Dagegen träumen hier die Forscher von der Kreation einer friedlichen Hasengesellschaft mittels der Happy-Formula-Versuchsreihe.

Der emeritierte Forscher (Patric-Luc Doueyrou) ist dement (Alzheimer ist eine schwere Krankheit). Er hat 40 Jahre für Frieden und Glück auf der Welt geforscht, mittels Tierversuchen das Glücksgen gesucht. Die Glücksforschung ist in eine private Firma „Ideals“ ausgelagert und wird von Frau Professor Spiegelberg (Marie Gruber) resolut zielbewusst fortgeführt.

Der Professor wohnt in einem behaglichen, stilvollen alten Professorenhaus. Seine Frau hat ihn, aus guten Gründen, wie später zu erfahren ist, längst verlassen. Er hat drei Söhne. Adam (Barnaby Metschurat), Äffchen genannt, ist außer Haus und wohnt in einer Hipster-Wohnung. Er ist ein Computerprofi und Hackerspezialist und gleichzeitig Prototyp des dauerbeleidigten deutschen Intellektuellen. Er hat eine komplizierte Liebesbeziehung zu einer Frau, die in Afrika den armen Menschen hilft und ihn dazu motivieren möchte.

Toni hat meist die Kapuze über, so dass Sabin Tambrea, der ihn spielt, noch verschlossener und geheimnisvoller wirkt als sonst und der ist irgendwie grad zuhause; er muss eine Vergangenheit als Musiker haben. Alen (Harald Schrott) ist offiziell zu Hause geblieben, kümmert sich um den Papa, der Paperkraniche faltet und diese an die Decke hängt.

Alen braucht nicht den beleidigten Intellektuellen und Glückssucher spielen, denn das Glück liegt so nah, am Flughafen gabelt er gestrandete, mollige Frauen aus aller Welt auf, die klare, unkomplizierte Vorstellungen vom Glück haben und diese lustvoll mit Alen teilen.

Die Schilderung des Wissenschafts- und Intellektuellenmilieus gelingt Barnaby Metschurat spitzenmäßig, die Dialoge wirken wie dem Leben abgeschaut, authentisch; das ist selten im deutschen Kino.

Die großzügig mit lockerem Talent zu Faden geschlagene Criminalstory beginnt mit einem Hackerangriff (Yum Yum auf den Bildschirmen) auf die Computer der Firma IDEALS. Dieser passiert kurz nachdem ihr Geschäftsführer, der glatt-geschmeidige Menschengewinnler und Mann von Welt Mirko Özer (Edin Hasanovic), Adam als Computerspezialisten engagiert hatte, um Sicherheitsprobleme auszumerzen.

Grad weil Adam jetzt Zugriff zu den Passwörtern hat, wird er mit kurzer Logik schnell als Hacker verdächtigt und verfolgt. Ab sofort hat er nicht nur die Polizei, sondern auch die Wissenschaftlerin mit Brille und Herz, Helen (Lavinia Wilson), auf seiner Fährte, sie, die heftig zwischen Tierliebe und Tierversuchen hin- und hergerissen ist. Sie ist eine hartnäckige Stalkerin.

Adam versucht, sich in Rapper-Verkleidung oder als bärtiger Ethnograph zu tarnen. Er verschwindet aus seiner polizeilich versiegelten Wohnung (zur Plausibilierung solcher Veränderungen gibt es allerdings im Film das eine und andere, erzählerische Missing Link) und campiert im Garten des Hauses seines Vaters.

Je mehr der Kriminalfall Fahrt aufnimmt, desto mehr schwenkt der Film in Richtung fröhliche Klamotte im Sinne einer fröhlichen Wissenschaft, die just unter Verzicht auf diese Grund-Beleidigtheit deutscher Intellektueller diese und ihr Gehabe auf die Schippe nimmt.

Im Hinblick auf einen breiteren Erfolg wäre allerdings zu empfehlen, die Criminal-Story stringenter zu bürsten. So aber bleibt die genussvolle, tendenziell anekdotische Schilderung gebildeter deutscher Lebensverhältnisse mit der Zusatzqualität, dass ein Schauspieler als Regisseur die Schauspieler interessant und spannend, mithin glaubwürdig agieren lässt, eine nicht zu unterschätzende Qualität.

Also die Firewall muss stehen, sach ich mal.

Siehe auch stefes Interview mit Lavinia Wilson und Barnaby Metschurat.

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Kinderaugen sehen die Welt anders und können grauenhaften Kriegsgeschichten Charme und Witz und Warmherzigkeit abgewinnen; denn sie bilden sich mit dem, was sie sehen, ihre Welt, die nicht unbedingt vom Positiv-Negativ- oder Nütz-Unnützdenken geprägt ist. Ein Film also mehr über kindliche Weltbildung denn ein Kriegsbericht.

Christine Nöstlinger ist eine begnadete Erzählerin. Sie erzählt in dieser Geschichte, die Sandra Bohle zum Drehbuch umgearbeitet und Mirjam Unger regielich betreut hat, ihre eigenen Erinnerungen an die Zeit des Zweiten Weltkrieges, 1945 als Wien bombardiert wurde bis zu den ersten Tagen des Russeneinmarsches.

Christine (Zita Gaier), so heißt die Protagonistin in erblühter Kindheit und Selbstbewusstheit noch ohne die Belastungen der Pubertät, eine bildhübsche und sinnliche Besetzung dazu, flieht mit ihrer Mutter (Ursula Strauß) und der älteren Schwester aus dem bombardierten Wien in eine vornehme Villa von Bekannten.

Die Kindersicht der Dinge kommt spielerisch gezeigt gleich in der ersten Szene zur Geltung: das Mädchen wühlt in den Schuttbergen und findet eine Schachtel mit Christbaumkugeln. Durch diese hindurch betrachtet sie ihre Umgebung, die aufgeregten Menschen vor den Trümmern ihrer Häuser und wie sie auf Hitler, der daran schuld ist, schimpfen. Dieses optische Mittel der Verträumtheit und Realitätsverfremdung wird von der Kamera noch öfter eingesetzt, um dieser Kindheit eine gute Portion Verspieltheit zuzuschreiben.

Das ist aber nur ein Teil. Denn das Mädel ist eigensinnig, will sich seine Welt zusammenreimen. Da gibt es besonders viel zu sehen, einerseits die Nachbarsvilla, andererseits die Russen, die die feine Villa für einen Major, einen Feldwebel, Ivan und Cohn (Konstantin Khabenskiy) requirieren. Cohn ist ein Schneider, der aus Überlebensgründen behauptet, er sei Koch. Zu ihm entwickelt das Mädchen ein Vertrauensverhältnis, nutzt später eine Fahrt von ihm in die Stadt, um sich in seinem Pferdewagen zu verstecken und so Oma und Opa zu besuchen. Oma wird in der kurzen Zeit eine gravierende Veränderung durchgemacht haben, sie ist nicht mehr die Frau, die sich vor gar nichts fürchtet.

In die Villa auf dem Land kehrt bald auch die Herrschaft zurück, Frau von Braun (Bettina Mittendorfer) mit ihrem blonden Buben (trauriges Symbol: er schläft mit einer kopflosen Puppe, sein Vater ist als Nazi-Pilot abgeschossen worden) und führt sich entsprechend auf. Doch die Not, der Mangel an Essen, macht solidarisch.

Der Einmarsch der Russen wird mit Bangen erwartet, denn der Vater von Christine (Gerald Votava) , der sich auch in der Villa versteckt, ist ein Deserteur und muss befürchten, liquidiert zu werden. Gefährliche Momente, wie sowieso bei den Russen dank Alkohol und Triebhaftigkeit schnell die Situationen eskalieren.

Es ist eine facettenreiche Welt, die Christine Nöstlinger schildert voll menschlicher Nuancen und Mirjam Unger inszeniert sie mit gefühlvoll leichtem Fluss, gelegentlich untermalt von leichten Pianotönen oder eine Schellack-Platte sorgt für Stimmung. Ein Kindheitsrausch vor katastrophal zeitgeschichtlichem Horiziont, erlebt und genau beobachtet von einem hellwachen Mädel.

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Jim Jarmusch widmet diese seine Fleissdoku über Iggy Pop (bürgerlich: Jim Osterberg) den bereits verstorbenen Mitgliedern von dessen Band „The Stooges“. Deshalb ab und an kurz tonloses Schwarzbild. Ein Gedenk- und Erinnerungsfilm. Vor allem für jene, die Erlebnisse mit dieser Band und ihrer Musik verbinden.

Es geht um eine chronologische Nachzeichnung von der Kindheit Igy Popps (Aufgewachsen in einem Wohnwagen als Familienheim – und immer wieder dorthin zurückggekehrt) bis zur Aufnahme in den Rockhimmel, die Rock and Roll Hall of Fame und seiner „Cool“-Dankesrede.

Leitfaden bildet ein eigens aufgenommenes Interview. Dieses wird immer wieder mit schnell ablaufenden Schnipseln aus Archvimaterialien, Fotos, Animationen, bearbeitetem Material, weiteren Interviews, TV-Footage und Dokus unterschnitten im Rhythmus der Atemlosigkeit des Lebens von Iggy Pop.

Faszinierend an der Geschichte ist dieser unbändige Musik- und Performance-Wille von Iggy Pop und seiner Gruppe. Jahrelang noch mit hoher Unprofessionalität, wie er selber sagt, stürzen sie sich immer aufs Neue wagemutig bis zur Verzweiflung, wenn ein Musiker ausfällt und einer ein Instrument spielen muss, was er gar nicht beherrscht, in die Konzerte und Iggy Pop ins Bad in der Menge; auch wenn einmal die Mädels auseinanderstieben und er aufs Parkett fällt.

Oft kommen Wut und Aufregung und Flaschen aus dem Publikum zurück, so dass Iggy Pops stets nackter Oberkörper – meist in nach vorne gebeugter Haltung – auch mal blutüberströmt ist.

Die Geschichte dieser Band ist alles andere als eine programmierte Erfolgsgeschichte, sie hat lange Unterbrüche, Abstürze, furchtbare Pleiten erlebt, Drogen und Entzug, Ausnutzung durch windige Produzenten.

Nur die Musik zählt. In keine Kategorie wollen sie gepresst werden, Geschäftssinn hat nie eine Rolle gespielt. Und ist so doch höcht beeindruckend auch für den musikalischen Laien.

Jim Jarmusch hat sich Mühe gegeben, greift auch mal mit kleinen Bearbeitungsspielereien ein, wenn Iggy Pop erzählt, wie er in eine Limousine gestiegen ist, lässt Jarmusch auf der Tonspur eine Limousinentür zuknallen und versetzt das nicht unterbrochene Inteview in die Innenraum-Atmosphäre.

Symbol für das bis an die Grenzen gehen: das erste Konzert mit seiner Jugendband, das auf einer alten Pier stattgefunden hat: die ist beim Konzert eingebrochen; wirkt wie ein Omen für Iggy Pops Geschichte.

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Gefühle um einen Hausverkauf.

Wie Perlwein sprudelt diese filmische Erzählung über eine Hausauflösung in der Bretagne über die Leinwand, mal von ein paar Harfenklängen begleitet, einigen Streichern oder einem Chanson.

Eine Frauenstimme als auktoriale Erzählerin erweckt erst den Eindruck, es handle sich lediglich um die Illustrierung ihrer Geschichte. Dann entschlüpft sie ihr doch in die Selbständigkeit, nimmt den Zuschauer gefangen, als passiere sie direkt.

Der Vater von Eléonore (Emma de Caunes) ist gestorben. Um das Haus zu räumen und da sie keinen Führerschein hat, bittet sie ihren Ex-Freund Samuel (Yannick Renier), Historiker an der Uni und inzwischen mit Laure (Gaelle Bona) zusammen, sie zu fahren und ihr zu helfen. An diesen belasteten Ort, an dem die zwei sich an allen Ecken und Ende geliebt haben. Das ist ein Wissen, das dem Zuschauer dezent früh mitgeteilt wird, so dass die Räume schnell als Intimräume erfahren werden, das Haus als Ort unbändiger Intimität.

Aber auch der Vater hat sein Leben darin gehabt. Er war Fotograf. Zuletzt war er mit Maelle Prigent (Christine Brücher) zusammen, die ist Buchhändlerin; er hat sie von der Tochter ferngehalten, obwohl die beiden sich bestens verstanden haben, er war Ratgeber in Liebesdingen zur Tochter, zu seiner „verängstigten Katze“.

Schnell ist der Zuschauer involviert in die Liebesregungen der Protagonisten. Was ist zwischen Eléonore und Samuel noch lebendig, wie steht es um die Beziehung zu Laure, die übers Internet ihren Auftritt hat, die viel Ansprache braucht von ihrem Samuel?

Es gibt Handwerkliches zu tun. Dielen der Terrasse sind morsch. Die will Samuel über das Wochenende erneuern.

Die Immobilienmaklerin hat ihren Auftritt, Claire Andrieux (Jeann Rosa), eine Figur, die sich selber immer sagt, wie glücklich sie ist, nach jedem Aufstehen bestätigt sie sich das vor dem Spiegel. Sie ist erfolgreich im Beruf. Aber sie ist allein. Das emfpinden wir schmerzhaft, wenn sie mit den gefühlsumwehten Samuel und Eléonore zusammen ist. Diesen Gefühlskonstellationen gegenüber werden mehrere Kauf-Interessenten gestellt, die das Haus besichtigen. Sofort fängt die Fantasie an zu rattern, wie die das Haus wohl intim nutzen würden.

Dass die Fantasien leicht laufen, dafür sorgt auch der sorgsam ausgewählte und inszenierte Cast mit den hervorragend geschriebenen und subtil charakterisierten Figuren nach dem Drehbuch von Diastèe und Olivier Jahan, der auch die ausgetüftelte Regie besorgt hat.

Nach und nach filtriert Jahan heraus, woran die Beziehung von Samuel und Eléonore nach 5 Jahren gescheitert ist. Überraschende Befunde.

Das künstlerische Element fehlt nicht. Ab und an schießt Eléonore selbst Fotos; es gibt zudem welche von ihrem Vater zu sehen in Schwarz-Weiß und der Film macht Ausflüge ans Meer, Sand, Strand, bizarres Gestein, fotogen vom Feinsten.

In der Nachbarschaft hat Georges Brassens sein Haus gehabt, was zur anrührenden Rezitation eines Songs von ihm über ein Waisenkind führt. Gibt es denn kein friedliches Glück auf Erden?

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Puzzle zu Europa.

Der Titel dieses Filmes von Angela Schanelec ist vielleicht ein Hinweis oder gar die Lösung selbst zu Interpretation der ruhig inszenierten Fotostrecke „Neues Europa“.

Griechenland noch zur Zeit der Drachme, junge Leute verdienen sich von Touristen mit Gitarre und Singen ein Geld. Es kommen Europaenthusiasten mit einem Banner für Europa ins Bild. Wirkt titelgebend. Oder untertitelgebend.

Die philosophisch-meditative Methode von Frau Schanelec besteht in einer signifikanten Sujet-Ausschnittsauswahl aus minimalen Storyfragmenten. Sie stellt den Geldsammler-Hut des Musikers zentral ins Bild, die Leinwand im fast quadratischen Format erhöht diesen Eindruck eines zentralen Fokus, um den sich, ohne dass man es zeigen muss, die Geschichte dreht.

Die Kamera bleibt statisch auf den Ausschnitten. Die Schauspieler werden wie Fotomodels eingesetzt. Ihre Sätze sprechen sie in emotionslos, informativem Ton – Methode Bresson. Sie wirken so ganz bei sich und ziehen Interesse und Aufmerksamkeit auf sich.

Später im Film fängt der Eiserne Vorhang an, zu erodieren. Das ist über Archivfootage in einem Fernseher zu sehen, die Zaunöffnung in der Tschechoslowakei. Die letzten Szenen des Filmes spielen am Berliner Hauptbahnhof von Heute. Ein zentraler Ort in Europa, insofern als Berlin ein wichtiger Player ist. Ein Bild ist lediglich auf einen ICE gerichtet, der rauscht bildfüllend vorbei. Züge verbinden.

Der Drogenmensch, der beim U-Bahn-Eingang sitzt samt Hund gehört zur Möblierung; es ist der junge Mann aus der Szene in Athen von vor 30 Jahren. Später wird evident, dass es sich um ein Film-Set handelt.

Eine Schauspielerin unter einem Regenschirm gibt Antwort auf Fragen. Sie mag das Rollenspiel, fühlt sich aber auch darin einsam. Das scheint mir im ganzen Film der einzige Etepete-Satz zu sein.

Sonst geht es um alltägliche Themen, die zu einem Europabild zusammengesetzt werden können, der Lebensstandard und dessen Anforderungen, Musik, Tourismus, Trennung, Familie, Kind, eine Wohnungsbesichtigung (das Bad hat keinen Schlüssel), Packen, einen Bus besteigen, Begegnung, Morphium, Heroin, Krankheit, Fußball, Familien, Mutter im Spital, ein zerbrochenes Glas, Wiederbegegnung, Behinderung (blind, lahm), Schwimmbad, Bibliothek. Dieses Europa ist leise und von keinem Dauersound auf der Tonspur überlagert.

Der Zuschauer kann sich aus den Bild- und Szeneelementen, wenn er mag, sein eigenes Europa in Patchworkmanier zusammenstellen.

Das Buch „In den Tropen“ von David Hayes, wird fast bildfüllend ausgebreitet.

Schön herauspräpariertes Bildmaterial, Fotomaterial in feiner Differenz zum Realismus, sicher geeignet für eine Fotoausstellung, was ein schönes Betrachtungskino abgibt.

Musik: grade mal eine Kassette, auf der „you be happy“ gesungen wird.

Wandtteppichkino zu Europa.

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