Verlangen: Attraktion und Abstoßung.

Etwas ist zwischen Damien (Kacey Mottet Klein) und Thomas (Corentin Fila). Beide sind 17, sind auf derselben Schule in derselben Klasse in einem kleineren Ort in den französischen Alpen. Thomas reagiert allergisch auf Damien.

Damien guckt Thomas an und dieser stellt ihm ein Bein. Sie scheinen unversöhnlich, „Wir mögen uns nicht“ – „Erregst gerne Mitleid?“. Es stellt sich die Frage, ob Menschen im Allgemeinen und Jungs im Besonderen sich überhaupt vertragen können. Wie zwei Elemente, die nicht miteinander in Berührung kommen dürfen.

Das schildert Altmeister André Techiné im ersten Drittel seines Filmes, zu dem er mit Céline Sciamma auch das Drebhbuch geschrieben hat, übertitelt mit „erstes Trimester“; hier lässt er die Dramen, die in den Figuren ablaufen, vermuten. Hier ist noch Winter.

Techiné als Autor wird dafür sorgen, dass die beiden Jungs sich nicht auskommen, damit er genau studieren kann, was los ist mit ihnen und woher das Explosive in diesem Verhältnis/Nicht-Verhältnis kommt. Er wird den Gefühlen und dem Aufruhr oder dem Panzer der jungen Männer auf den Zahn fühlen.

Damien lebt mit seiner Mutter, der Ärztin Dr. Marianne Delille (Sandrine Kiberlain) in einem stadtnahen Einfamilienhaus. Ihr Mann, der Vater von Damien, Nathan (Alexis Loret) ist Pilot und auf einem Fronteinsatz der französischen Armee in Afrika im Rahmen des Antiterrorkrieges, für Téchniné Anlass für eine kritischen Seitenblick in das aktuelle Kriegsgewerbe.

Die Mutter von Damien ist eine engagierte Hausärztin, sie besucht ihre Patienten auch zu Hause, nicht selten verzichtet sie auf ihre Honorarforderung oder wird mit Naturalien entlohnt. So führt sie ihr Beruf auch zum Bergbauern Chardoul (Jean Fornerod), dessen Frau Christine (Mama Prassinos) immer Probleme mit Schwangerschaften hatte und noch keine mit einer Geburt vollenden konnte.

Deshalb haben die Chardouls den Jungen Thomas, der aus dem Maghreb stammen dürfte, adoptiert. Es ist jener Thomas, der wie allergisch auf den Arztsohn Damien reagiert. Zudem hat Thomas Mühe in der Schule, er hat einen langen Weg, erst Fußmarsch, dann Schulbus und verliert so täglich 3 Stunden. Er möchte Veterinär werden.

Die Mutter von Damien schlägt vor, Thomas solle doch zu ihnen ziehen, weil sie seine Mutter wegen einer erneuten Schwangerschaft ins Spital einweist. So ist die spannende Voraussetzung für das zweite und das dritte Trimester gegeben, wie die Zwischentitel heißen.

Zur Verschärfung der Auseinandersetzung der jungen Burschen, schickt Téchiné Damien zu Boxstunden beim Nachbarn Paulo (Jean Corso). Ob die Mutter, die mit ihrem fürsorglichen Einsatz, das Leben ihrer Mitmenschen geregelt haben möchte, das wirklich erreicht, ist fraglich.

Die beiden Protagonisten werden gleich zu Beginn als in sich gekehrte, eigenwillige, von den anderen nicht besonders geliebte Außenseiter charakterisiert, wie in der Turnstunde zwei Mannschaften gebildet werden sollen; diese beiden will erst mal keiner.

Das erste Trimester, das die Ausgangslage der Geschichte bildet, baut geschickt auch die Erwartung auf, dass Schlimmes passieren wird und lässt sich genügend Zeit, den Protagonisten auf langen Wegen weg oder hin zu Konfliktsituationen zu begleiten, wenn der innere Monolog wort- und mimiklos rumort.

Zwischendrin eine essentielle Diskussion über den Begriff „Verlangen“ von Platon bis Leibniz, ob dieses natürlich sei oder überflüssig.

Das Blumen-T-Shirt von Damien hat die Inschrift: „My dream is alive“
Er muss sich aber auch sagen lassen: „Du hast nicht genügend Vertrauen in dich und die anderen“.

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