Ein Autor verschwindet.

Er heißt Deniz (Nejat Isler), wohnt mit seiner Mutter in einem großzügigen roten Haus direkt am Bosporus und ist ein erfolgreicher Drehbuchautor und Filmregisseur. Um ihn dreht sich einiges in diesem Film von Ferzan Ozpetek nach seinem eigenen Roman. Deniz wird bald spurlos verschwinden. Raum für Spekulationen, Offengelassenes, Für Nicht-Ausgesprochenes aber auch für Unklarheiten, die der Film reichlich nutzt.

Die Hauptfigur ist eine andere. Es ist Orhan (Halit Egenc), der aus London für einige Tage nach Istanbul zurückkehrt, um mit Deniz an seinem neuen Drehbuch zu schreiben. Nach einem trinkreichen Abend und dem Ausklang auf Liegestühlen direkt am Bosporus bei Gesprächen über Gott und die Welt, schlafen sie im Freien vor dem roten Haus ein. Am Morgen ist Deniz weg.

In der Manier redlichen Intellektuellentums und in smarter Filmsprache schwenkt ab jetzt der Fokus des Filmes wie ein Pendel seines Interesses zwischen der ebenfalls bitteren Geschichte von Orhan, der vor Jahren ein erfolgreiches Märchenbuch herausgegeben hat und seither unter Schreibblockade leidet und sich nach London abgesetzt hat, zur Mutter von Deniz, die kurz vorm Auszug aus dem Haus am Bosporus steht, und überhaupt zu den vielen Frauen, unter deren Obhut Deniz aufgewachsen ist, ein Haushalt ohne Männer, zur kurdischen Hausangestellten Sultan (Cembre Ebuzziya) und sowieso peripher zum Kurdenproblem, zur attraktiven Neval (Tuba Büyüküstün), die einmal mit Deniz was hatte, jetzt sind sie gute Freunde, und die mit einem Architekten verheiratet ist und an sensationeller Lage mit Blick über Istanbul wohnt, zu Yusuf, der plötzlich ins Spiel kommt und der Bildhauer ist, der Deniz verehrt und ihm wohl den Zugang zum Künstlertum zu verdanken hat und schließlich zur erotischen Spannung, die sich zwischen Orhan und Neval aufbaut.

Außer dem kurzen Blick auf die Kurdenthematik bleibt die Politik außen vor, lediglich eine türkische Fahne weht gut sichtbar auf dem kleinen Boot, das Orhan zu seinem Besuch über den Bosporus fährt.

Im wohlverhüllten Kern dieser Geschichte scheint es um eine künstlerische und erotische Amour Fou zwischen Yusuf und Deniz zu gehen; der Hinweise sind viele; aber so direkt scheint man das in der Türkei heute nicht auf die Leinwand bringen zu können; weitere Indizien ergeben sich auch aus Bildern, die Orhan im Zimmer von Deniz findet.

Die flüssige Erzählweise erinnert in Momenten tendenziell an die Daily-Soap-Methode, Szenen fangen damit an, wie die Leute zusammenkommen, sich vorstellen, sich begrüßen; dem Zuschauer erleichtert das das Folgen; es wirkt in solchen Momenten wie ein Kino zum täglichen Gebrauch; gleichzeitig werden in die Dialoge Weisheiten zum Leben oder zum Schreiben eingeflochten, auch zur Schilderung des literarisch-gebildeten Milieus, in dem der Film spielt und das sich hier spiegelt inklusive dem Thema der Einsamkeit des Autors.

Merke: wer an die Vergangenheit denkt, der verpasst die Gegenwart.

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