Ein Vielfaltfilm: ein Journalistenfilm, ein Arbeitslosenfilm, ein Revengefilm, ein Therapiefilm, ein Beziehungskistenfilm, ein Kinderwunschfilm, ein Wienfilm, ein Rummelplatzfilm, ein Selbstjustizfilm, ein Liebesfilm, ein Selbstmordfilm, ein Ehekrisenfilm, ein Wiener-Schmäh-Film, ein Kabarettistenfilm, ein Journalistenfilm, ein Dialektfilm, ein Lakoniefilm, ein Veganerfilm, ein Wutfilm, ein Freundschaftsfilm, ein Typenfilm, ein Josef-Hader-Film, ein Was-du-nicht-willst-dass-man-dir-nicht-tu—-Film, ein Schön-Gedacht-Film, ein Intellektuellen-Portrait-Film.

Josef Hader, Autor, Regisseur und Protagonist dieses Filmes pflügt wohlbedacht und mit einem exzellent ausgewählten und geführten Ensemble durch all diese Themen und noch mehr am Faden der Story, dass er als renommierter Musikkritiker Georg von seinem Chef Walter (Jörg Hartmann) entlassen wird. Seiner Frau Johanna (Pia Hierzegger) verheimlicht er diesen Tatbestand. Sie ist Therapeutin, wünscht sich mit 43 endlich ein Kind und verlangt Ehrlichkeit und Offenheit in der Ehe. Georg sinnt auf Rache an seinem Chef. Gleichzeitig freundet er sich mit Erich (Georg Friedrich) an, der auch seinen Job verloren hat als Lokfahrer der Liliput-Bahn im Vergnügungspark Prater. Zusammen wollen sie dort die Wilde Maus, eine stillgelegte Achterbahn, reaktivieren und damit Geld verdienen.

Mit dem Schicksal des Journalisten bringt Hader ein weitherum stimmloses Thema aufs Tapet. Dass Journalisten immer weniger Geld mit Print verdienen können, dass auf den Redaktionen radikal ausgesiebt wird, dass die Autoren immer weniger pro Artikel verdienen. Filmjournalisten dürfen schon froh sein 20, 30 oder 50 Euro für eine Kritik zu erhalten. Das ergibt, wenn man bedenkt, dass sie ins Kino gehen, sich den Film anschauen, sich Gedanken darüber machen, allenfalls recherchieren und dann einen Text aufstellen und diesen redigieren, oft nicht mal den Mindestlohn – wobei offen bleibt, wie viele solcher Reviews sie pro Woche an den Mann oder an die Frau bringen.

Immer mehr Journalisten verdienen immer weniger (wenn sie denn überhaupt ihren Lohn bezahlt erhalten). Aber keiner schreibt darüber, weil die, die im Job sind, wollen keine schlafenden Hunde wecken und es nicht mit ihren Arbeitgebern verderben und die anderen wehren sich nicht, arbeiten als Verkäufer im Supermarkt, an der Kasse eines Kaufhauses und haben so kaum noch Zeit, Pressevorführungen zu besuchen oder sind gar von einer Räumungsklage bedroht, weil ein mieser Chef seit Monaten das Honorar nicht bezahlt. Ein trauriges Thema mit der noch traurigeren Pointe in diesem Film, dass der Chef zu Georg, der sich mit einem zu erwartenden Aufstand der Leser wehrt, meint, die seien doch eh schon alle tot. Er muss auch erleben, wie die junge Kollegin, die keine Ahnung von Musik hat (Nora von Waldstätten als Redakteurin Fitz), als sei nichts gewesen, unter seinem Namen weiterschreibt.

Ein Wien-Film. Auf Österreichisch gesprochen die meisten Rollen, mit dem Wiener Schmäh gespielt. Der Prater als Kulisse. Für die Zeitung Express hat Georg geschrieben. Hier wird brutal entlassen: für das Honorar von Georg kann sein Chef drei Praktikanten finanzieren.

Ein Kinderwunschfilm. Johanna möchte unbedingt ein Kind von Georg. Aber es funktioniert nicht. Sie diskutiert offen. Er schiebt es von sich. Das ergibt einen kleinen Storyfaden. Sie denkt an künstliche Befruchtung mit seinem Sperma. Er ist nicht begeistert. Durch seine Abwehr lässt Johanna sich auf Abenteuer mit anderen Männern ein, kommt allerdings in Konflikt mit ihrem Berufsethos im Falle des jungen Schwulen, der sie plötzlich, nachdem sein Freund ihn verlassen hat, privat aufsucht.

Ein Praterfilm, ein Wiener Charme-Film. Viele Szenen spielen im Prater. Erst mit der Liliput-Bahn, in der Georg Zeitung liest. Dort lernt er Erich kennen (Georg Friedrich einmal mehr 100prozentig stimmig), der grad seinen Job verliert. Der hat eine Beziehung mit Nicoletta (Crina Smiciuc) aus Rumänien. Sie wiederum möchte einen Mann, mit dem sie sich unterhalten kann. Da ist sie bei Erich beim falschen gelandet; während es bei Georg anders aussieht. Erich und Georg wollen die Wilde Maus wieder in Betrieb nehmen.

Ein Selbstjustizfilm. Georg kann überhaupt nicht umgehen mit seinem Jobverlust. Er war sich scheinbar seiner Sache und seiner Unersetzlichkeit allzu sicher. Er fängt mit simplen Sachbeschädigungen am roten Porsche seines charakterlosen Chefs an. Dann beginnt er sich für Waffen zu interessien, Kauf und Umgang, auch Üben auf dem Rummelplatz. Bis er mit dem geliehenen Auto von Erich den Chef auf dessen niederösterreichischen Datsche zwecks Count-Down aufsucht. Aber mit seinen großen, zweifelnd-hilfeheischenden Augen (es muss doch irgendwo einen Humanismus geben, scheinen sie zu sagen) ist er nicht ordinären Manns genug, auf einen Menschen zu schießen.

Hader zeichnet somit auch das Bild eines hadernden Intellektuellen, in der Art eines Intellektuellen-Portraits. So wie er schaut und agiert, spiegelt er den unfassbaren Zustand dieser Welt. Ganz nebenbei mischt er Sätze von hoher politischer Brisanz bei, dass man ein ungutes Gefühl habe, beim Kauf von Käse aus Israel, der sich für einen Veganer anbiete. Er sieht sich selbst als Menschen, der sich wie ein Ausserirdischer fühlt. Dafür hat er das Irdische recht gut beobachtet und berichtet, erzählt uns etwas aus unserer Zeit, setzt sich mit Phänomenen dieser Jetzt-Zeit auseinander.

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