Archiv für 9. März 2017

Eine Mischung recht individueller Geschichten. Ein Coming-of-Age mit Verzögerungen in den USA, ein Vielfaltsfilm aus Wien, King Kongs Urwelt im Südpazifik und eine Dokumentation über ein Kino in Indien wie vor Zeiten. Auf DVD ein Must und ein Meisterwerk aus Tschechien. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gab es einen Tiefpunkt im Sinne der Pfründenplünderei, ferner Lebenslinien als Schleich-Werbung.

Kino
MOONLIGHT
Über ein Coming-Out der vorsichtigen und langwierigen Art in Florida.

WILDE MAUS
In Wien muss ein Musikkritiker mit dem Jobverlust fertig werden. Josef Hader liefert ein bittersüßes Zeitgemälde.

KONG: SKULL ISLAND
Abgesehen von den Gerippen ist diese Insel im Südpazifik ein Traum von ethnographischem und Tier- und Pflanzenweltmuseum.

ORIGINAL COPY
Doku über das Traditionskino „Alfred Talkies“ in Mumbai.

DVD
MARKETA LAZAROVA
Ist überhaupt Platz für Humanismus in diesen physisch-fleischlichen Gewaltwelten? Gehört in jede DVD-Sammlung mit Anspruch.

TV
LEBENSLINIEN: HELMUT SCHLEICH – ALLE MEINE LIEBEN
Helmut Schleich macht sein Geschäft mit Franz-Josef-Strauß-Imitationen.

MILBERG & WAGNER, FOLGE 1
Die Pfründenplünderer können es nicht lassen; salonfähiger wird die Chose dadurch nicht.

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Ein Vielfaltfilm: ein Journalistenfilm, ein Arbeitslosenfilm, ein Revengefilm, ein Therapiefilm, ein Beziehungskistenfilm, ein Kinderwunschfilm, ein Wienfilm, ein Rummelplatzfilm, ein Selbstjustizfilm, ein Liebesfilm, ein Selbstmordfilm, ein Ehekrisenfilm, ein Wiener-Schmäh-Film, ein Kabarettistenfilm, ein Journalistenfilm, ein Dialektfilm, ein Lakoniefilm, ein Veganerfilm, ein Wutfilm, ein Freundschaftsfilm, ein Typenfilm, ein Josef-Hader-Film, ein Was-du-nicht-willst-dass-man-dir-nicht-tu—-Film, ein Schön-Gedacht-Film, ein Intellektuellen-Portrait-Film.

Josef Hader, Autor, Regisseur und Protagonist dieses Filmes pflügt wohlbedacht und mit einem exzellent ausgewählten und geführten Ensemble durch all diese Themen und noch mehr am Faden der Story, dass er als renommierter Musikkritiker Georg von seinem Chef Walter (Jörg Hartmann) entlassen wird. Seiner Frau Johanna (Pia Hierzegger) verheimlicht er diesen Tatbestand. Sie ist Therapeutin, wünscht sich mit 43 endlich ein Kind und verlangt Ehrlichkeit und Offenheit in der Ehe. Georg sinnt auf Rache an seinem Chef. Gleichzeitig freundet er sich mit Erich (Georg Friedrich) an, der auch seinen Job verloren hat als Lokfahrer der Liliput-Bahn im Vergnügungspark Prater. Zusammen wollen sie dort die Wilde Maus, eine stillgelegte Achterbahn, reaktivieren und damit Geld verdienen.

Mit dem Schicksal des Journalisten bringt Hader ein weitherum stimmloses Thema aufs Tapet. Dass Journalisten immer weniger Geld mit Print verdienen können, dass auf den Redaktionen radikal ausgesiebt wird, dass die Autoren immer weniger pro Artikel verdienen. Filmjournalisten dürfen schon froh sein 20, 30 oder 50 Euro für eine Kritik zu erhalten. Das ergibt, wenn man bedenkt, dass sie ins Kino gehen, sich den Film anschauen, sich Gedanken darüber machen, allenfalls recherchieren und dann einen Text aufstellen und diesen redigieren, oft nicht mal den Mindestlohn – wobei offen bleibt, wie viele solcher Reviews sie pro Woche an den Mann oder an die Frau bringen.

Immer mehr Journalisten verdienen immer weniger (wenn sie denn überhaupt ihren Lohn bezahlt erhalten). Aber keiner schreibt darüber, weil die, die im Job sind, wollen keine schlafenden Hunde wecken und es nicht mit ihren Arbeitgebern verderben und die anderen wehren sich nicht, arbeiten als Verkäufer im Supermarkt, an der Kasse eines Kaufhauses und haben so kaum noch Zeit, Pressevorführungen zu besuchen oder sind gar von einer Räumungsklage bedroht, weil ein mieser Chef seit Monaten das Honorar nicht bezahlt. Ein trauriges Thema mit der noch traurigeren Pointe in diesem Film, dass der Chef zu Georg, der sich mit einem zu erwartenden Aufstand der Leser wehrt, meint, die seien doch eh schon alle tot. Er muss auch erleben, wie die junge Kollegin, die keine Ahnung von Musik hat (Nora von Waldstätten als Redakteurin Fitz), als sei nichts gewesen, unter seinem Namen weiterschreibt.

Ein Wien-Film. Auf Österreichisch gesprochen die meisten Rollen, mit dem Wiener Schmäh gespielt. Der Prater als Kulisse. Für die Zeitung Express hat Georg geschrieben. Hier wird brutal entlassen: für das Honorar von Georg kann sein Chef drei Praktikanten finanzieren.

Ein Kinderwunschfilm. Johanna möchte unbedingt ein Kind von Georg. Aber es funktioniert nicht. Sie diskutiert offen. Er schiebt es von sich. Das ergibt einen kleinen Storyfaden. Sie denkt an künstliche Befruchtung mit seinem Sperma. Er ist nicht begeistert. Durch seine Abwehr lässt Johanna sich auf Abenteuer mit anderen Männern ein, kommt allerdings in Konflikt mit ihrem Berufsethos im Falle des jungen Schwulen, der sie plötzlich, nachdem sein Freund ihn verlassen hat, privat aufsucht.

Ein Praterfilm, ein Wiener Charme-Film. Viele Szenen spielen im Prater. Erst mit der Liliput-Bahn, in der Georg Zeitung liest. Dort lernt er Erich kennen (Georg Friedrich einmal mehr 100prozentig stimmig), der grad seinen Job verliert. Der hat eine Beziehung mit Nicoletta (Crina Smiciuc) aus Rumänien. Sie wiederum möchte einen Mann, mit dem sie sich unterhalten kann. Da ist sie bei Erich beim falschen gelandet; während es bei Georg anders aussieht. Erich und Georg wollen die Wilde Maus wieder in Betrieb nehmen.

Ein Selbstjustizfilm. Georg kann überhaupt nicht umgehen mit seinem Jobverlust. Er war sich scheinbar seiner Sache und seiner Unersetzlichkeit allzu sicher. Er fängt mit simplen Sachbeschädigungen am roten Porsche seines charakterlosen Chefs an. Dann beginnt er sich für Waffen zu interessien, Kauf und Umgang, auch Üben auf dem Rummelplatz. Bis er mit dem geliehenen Auto von Erich den Chef auf dessen niederösterreichischen Datsche zwecks Count-Down aufsucht. Aber mit seinen großen, zweifelnd-hilfeheischenden Augen (es muss doch irgendwo einen Humanismus geben, scheinen sie zu sagen) ist er nicht ordinären Manns genug, auf einen Menschen zu schießen.

Hader zeichnet somit auch das Bild eines hadernden Intellektuellen, in der Art eines Intellektuellen-Portraits. So wie er schaut und agiert, spiegelt er den unfassbaren Zustand dieser Welt. Ganz nebenbei mischt er Sätze von hoher politischer Brisanz bei, dass man ein ungutes Gefühl habe, beim Kauf von Käse aus Israel, der sich für einen Veganer anbiete. Er sieht sich selbst als Menschen, der sich wie ein Ausserirdischer fühlt. Dafür hat er das Irdische recht gut beobachtet und berichtet, erzählt uns etwas aus unserer Zeit, setzt sich mit Phänomenen dieser Jetzt-Zeit auseinander.

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Inmitten des mit großer Kelle angerührten und mit den modernsten technischen Mitteln verfeinerten, liebevoll überwiegend die Augen schmeichelnden, musealen 70er Jahre Abenteuer-, Forscher- und Urweltfilms wird doch kurz eine hochbrisante, hochaktuelle Diskussion angetippt: Forschertum gegen Kriegertum, dem Unbekannten mit Neugier und Respekt oder mit Waffengengewalt begegnen?

Das ist der Streit zwischen dem zivilen Forscher- und dem militärischen Beschützerteam in einem blinden Punkt auf der Landkarte, einer geheimnisvollen und traumhaft urweltlich schönen Insel mit überbordendem Grün im Südpazifik.

Dort ist schon im 2. Weltkrieg ein US-Pilot abgestürzt und hat überlebt (John C. Reilly als Hank Marlow). Er kennt sich aus mit den ethnographischen, Fauna-, Flora- und Umweltphänomenen, er ist integriert. Er wird eine wichtige Stütze für das Überleben des Forscherteams von 1973. Dessen militärische Unterstützertruppe unter Samuel L. Jackson als Preston Packard wird kurzerhand vom tobenden Vietnamkrieg abgezogen, ist heiß auf das Kriegerische und wird später den Pyroeffekten zuliebe ein Fass Napalm entsorgen.

Der von den Forschern als Expeditionsleiter angeheuerte James Conrad ist mit Tom Hiddleston besetzt. Er wirkt wie die Idealbesetzung für einen 70er-Jahre-Abenteuer-Urwald-Urtier-Film mit seine blauen Augen, dem wachen Blick und dem markanten Profil. Um ihn herum ist eine kompetent zusammengestellte Typen-Mischung an Schauspielern die glaubwürdig eine Forschertruppe hergeben mit Brie Larson als weiblichem Blickfang mit dunklen Haaren, braunen Augen in der Rolle der Fotografin Mason Weaver, wodurch auch die Fotografie bereichernd Eingang in das Bildwerk findet. So eine Frau gehört zum Abenteuer-Menü wie das Spiegelei zum Spinat.

Bis auf den kurzen Moment ernsthaften, auch heute relevanten Disputes zum Thema Gewalt, hat Jordan Vogt-Roberts nach dem Drehbuch von Dan Gilroy (Nightcrawler) und Max Borenstein + 5 seine Regie mehr auf Unterhaltung und Vergnügen und Augenschmaus inszeniert, denn auf Angstmachen mit dem Urtier Kong, das auf dieser Insel die große Gefahr darstellt, mit der aber auch versöhnlich umgegangen werden kann, das sogar einen Beschützerinstinkt zeigt. Aber der Film spielt ja auch fernab jeder Großstadt in einer Urwelt, in der es – und allein das ist schon ein dankenswerter Effekt dieses Filmes – weder Internet noch Handy noch Snapchat noch Whatsapp noch irgend eines der modernen Dauerkommunikations- und Dauerüberwachungsgeräte gibt.

Damit die entspannende Urwelt-Idylle mit ihren Grünvariationen, ihren Tälern und Seen nicht zu fad wird, gibt es noch den „Großen“, das ist das böse Urtier und das muss in einem Kampf der Titanen erledigt werden und auch, damit wir den Krieg nicht vergessen, mit einigem Geschütz- und Trommelfeuer.

Das geht aber schnell vorbei, all die andere Ausstattung wirkt romantisch ob Schiffs- oder Flugzeugwracks, selbst einem Skelettmassengrab fehlt es nicht am malerischer Entschärfung des Grauens.

Kino mehr gedacht als unterhaltsames Vergnügen im Sinne der Jahrmarktstradition, zwei Stunden abschalten oder Tourismus-Kino.

Schöne Pointe: der Zweitweltkriegsveteran kennt das Wort „Kalter Krieg“ nicht und hakt nach, ob die sommers Pause machen.

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Eine ausgesprochen gemütliche und ausführliche Indien-Reise bieten Georg Heinzen und Florian Heinzen-Ziob mit diesem Bericht über das Auslaufmodell eines indischen Kinos.

Es könnte einem ganz nostalgisch werden. Noch wie in der guten alten Zeit mit Kinorollen aus Zelluloid und mit von Hand eingeschobenen Werbe-Dias, mit Tickets, die vorher gedruckt werden für jede Vorstellung, mit Süßigkeiten-Verkauf zwischendrin, mit Platzanweiser mit Taschenlampe und vor allem mit einem kleinen Stab von erfahrenen Plakatmalern.

Der Betrieb macht oft Verlust, die Filme laufen nicht mehr so. Das dürfte heutzutage niemanden wundern. Aber der Betrieb wird aufrechterhalten, weil so viele Arbeitsplätze damit verbunden sind, obwohl sich in dem riesigen Gebäudekomplex mit Schuhen oder Textilien deutlich mehr verdienen ließe.

Es ist ein kommerzielles Kino. Die Betreiber wissen ganz genau, was läuft, der Film braucht einen Helden und der muss kämpfen. Nur Romantic-Comedy, das geht gar nicht.

Die Plakatmaler wissen genau, wie das Haar der Protagonistin fallen muss, welchen Teint die hübsche Frau, der weibliche Star verdient und was er bei den Männern riskieren kann. Wobei der alte Plakatmaler Sheik Rehman, der sich heute nicht mehr zu sehr um den Publikumsgeschmack schert, sich sicher ist, dass seine Bilder auch schon mal einen langweiligen Film gerettet hätten.

Rehmans Vater hatte noch Kunstwerke geschaffen. Aber Sheik richtet sich nach den Kundenwünschen, Feuer, Explosionen, Hubschrauber, Autos und Pistole oder Messer für den Helden – und der Held darf nicht sterben – Rezepte, auf die sich der deutsche TV-Themenfilm durchaus ab und an etwas besinnen könnte.

Das Kino „Alfred Talkies“ in Mumbai rentiert kaum mehr. Der Sohn des Geschäftsführers, der einen Handy-Laden betreibt, fährt einen schickeren Wagen als sein Vater.

Die Gespräche der Maler drehen sich gerne um Filmsszenen und Dialoge. Sie leben mit den Filmen. Die Kinobesitzerin erzählt, wie sie einen dramatischen Moment aus ihrem Leben beschreibt, der ihr wie im Film vorgekommen sei.

Täglich werden bei der Öffnung des Kinos Räucherrituale durchgeführt. Wir würden das Segnung nennen. Eine gesegnete Kinozeit.

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Ein ganz ungewöhnlicher Coming-of-Age- und Emanzipationsfilm aus Miami.

Ein Stück Lebensweg von Chiron. Barry Jenkins hat die drei Kapitel i) „der Kleine“, ii) „Chiron“ und iii) „Schwarz“ mit einer lebendigen Kamera, die sich wie ein Magnet an die Geschichte heftet, und nach der Geschichte von Tarell Alvin McCraney inszeniert.

Chiron kommt aus verlotterten Verhältnissen; die Mutter hat ihr Leben nicht im Griff, ein Vater ist nicht vorhanden; die Wohngegend ist entsprechend. Chiron wird von den Schulkameraden blöd angemacht, geschubst, geschlagen, gehänselt, als Fag bezeichnet, bloß weil er ein in sich gekehrter Junge ist.

Im ersten Kapitel ist er noch vor der Pubertät. Da leidet er besonders darunter, dass er immer der Kleine gerufen wird und nicht mit seinem Vornamen. Hier lernt er einen älteren Mann, Juan (Mahershala Ali) kennen, der sich väterlich um ihn kümmert, der ihn ab und an bei seiner Freundin aufnimmt, der ihm einen Rückzugsort bietet, wenn seine Mutter wegen einer Männergeschichte ihn nicht zuhause reinlässt. Die Freundin von Juan heißt Teresa (Jeanelle Monáe) und ist eine patente Frau.

Die Beziehung zu diesen beiden Menschen wirkt aufbauend für Chiron, so dass er im zweiten Kapitel, hier ist er schon weit fortgeschritten in der Pubertät, endlich den Chiron durchsetzen kann. Das geht nicht ohne Gewalt ab. Er landet im Knast. Das wird seine nächste Bildungsphase, wodurch die Voraussetzung für das 3. Kapitel gegeben ist, das mit „Schwarz“ überschrieben ist.

Dieses „Schwarz“ hat Metall über die Zähne gestülpt, trägt goldenen Schmuck, fährt eine kraftvolle Limousine und ist viel mit Geldzählen beschäftigt. Dieser Chiron ist ein totaler Bruch zu der doch in den beiden vorherigen Kapiteln bemitleidenswerten Figur, dem Geschubsten, Verlachten, ja dem Zarten, der mit Kevin nächtens am Strand ein für ihn sensationelles Erlebnis hat. Dies ist beim titelgebenden Mondlicht passiert.

Von diesem Chiron ist Jahre später nichts mehr vorhanden. Er hat sich seine „schwarze“ Existenz in Atlanta, Georgia, aufgebaut. Doch dann ruft Kevin (jetzt von André Holland dargestellt) ihn wieder an und erinnert ihn an verdrängte Probleme und Gefühle.

Dass Jenkins Szenen gerne fast in real-time spielen lässt, macht das Kinoerlebnis so intensiv, auch wenn dadurch in der Geschichte größere Sprünge nötig werden. Es steckt einerseits eine Sicht der Illusionslosigkeit hinter der Geschichte, andererseits entlässt Jenkins uns nicht ohne einen Funken Hoffnung aus dem Kino.

Von Intensität und Engagement her erinnert mich der Film an Nächster Halt Fruitvale Station.

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