Archiv für 2. März 2017

In einem Schweizer Sanatorium wird das Männerproblem einer keuschen Ehefrau auf die Probe gestellt. In Frankreich lässt Maler Depardieu seine Staffelei von einem jungen Hip-Hopper hinter sich herschleppen. In Paris, Brüssel, London und Ostende passieren die Dinge, die zum kommunistischen Manifest führen. Im Action-Land kämpft Wolverine seinen letzten Kampf und Japan bildet die unchristliche Kulisse für Scorsese inbrünstiges Glaubensbekenntnis.

DIE FRAU IM MOND – ERINNERUNGEN AN DIE LIEBE
Ehe ohne Geschlechtsverkehr, wenn im Sanatorium nicht der Kurschatten wär.

TOUR DE FRANCE
Depardieu als Förderer eines jungen Hip-Hop-Talentes und uns zeigt er französische
Küstenstädtchen.

DER JUNGE KARL MARX
Die Vorgeschichte der Entstehung des kommunistischen Manifestes, das von den jungen Männern Karl Marx und Friedrich Engels anno 1848 verfasst wird; anschaulich aufbereitet als Begleitmaterial für den Geschichtsunterricht.

LOGAN – THE WOLVERINE
Zwischen all den blutigen Kämpfen auf Leben und Tod lässt der Film dem mitgenommenen Logan Minimomentchen des Denkens an Häuslichkeit und menschliche Beziehung.

SILENCE
Jesuitenmissionars-Leidensgeschichts-Erbauungsmaterial für den gläubigen Katholiken.

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Endspiel.

Das kann an die Eingeweide gehen. So schlecht sieht Logan (Hugh Jackman) aus, so fertig, so zerfurcht, so zerkratzt und humpeln tut er auch. Fährt als Chauffeur eine dräuend schwarze Stretchlimousine von Chrysler. Es ist das Jahr 2026. Futuristisches Design, keine Ecken, Rundungen, die wie Panzerungen aussehen, unnahbar, bedrohlich, verschwiegen, gnadenlos.

Er soll für Charles (Patrick Stewart), der im mexikanischen Grenzgebiet in einer merkwürdigen Schrott- und Laborromantik aus Blech und Tüchern lebt, die Medizin für dessen heimtückische Krankheit, beschaffen; kann den Auftrag nur unbefriedigend erfüllen.

Unterwegs bedrängt ihn eine Mexikanerin, Gabriela (Elizabeth Rodriguez); sie hat einen lukrativen Auftrag für Logan.

Zermürbend ist das alles, Logan muss fliehen mit Charles, zurück bleibt der pantomimenglatzköpfige Caliban (Stephen Merchant), der bald in die Hände der Verfolger um Dr. Rice (Richard E. Grant) gerät. Dieser wiederum ist hinter dem Mädchen her, Laura (Dafne Keen), das Logan für viel Geld im Auftrag von Gabriela an einen Ort weit nördlich bringen soll.

Immer wieder stoßen nicht zimperlich gebaute Männer zusammen, kommt es zu Kämpfen auf Leben und Tod, blutige Kämpfe, die akustisch noch mit Schlägen unterstützt werden. Logan selbst ist als Mutant ein Opfer des Vaters von Dr. Rice mit der genetischen Fabrik. Der züchtet jetzt mutierte Kinder. Eines davon ist Laura. Aber Gabriela weiß auch, dass Laura eine Tochter von Logan ist.

Zwischen all den Verfolgungen und Kämpfen sucht sich der Film von James Mangold (Wolverine: Weg des Kriegers) nach dem Drehbuch von Michael Greenn + 9 ab und an Verschnaufpausen, die Bilder und Gedanken eines Zuhauses, einer Geborgenheit ermöglichen, eines Hauches einer Idee vielleicht gerade noch erahnter Humanität: bei der Familie, bei der Logan, Charles und Laura für eine Nacht Unterschlupf finden, weil sie deren auf der Autobahn entlaufenen Pferde einzufangen geholfen haben. Häuslichkeit, Geordnetheit, wie befremdlich für einen Hartgesottenen, Dahinserbelnden, wie aus dem letzten Loch pfeifenden. Ist noch ein Plätzchen frei für Vatergefühle?

Obwohl, interessant sieht Logan aus, wenn er die Lesebrille aufsetzt, wo immer er sie bei den physischen Auseinandersetzungen auch bruchsicher verstecken mag; wirkt wie ein Ausbruch aus der Leiderei. Besonders wenn er die Comics der X-Men studiert, die Lauras Lektüre sind. Da wirkt er plötzlich wie ein Literat. Keine Spur von Überlebens- und Endkampf. Was Brillen alles ausmachen.

Aber auch auf der friedlichen Ranch, auf der das Wasser bösartigerweise abgestellt wird, tauchen schnell böse, unerfreuliche, muselbepackte und finster drein schauende Männer auf mit Gewehren in der Hand. Da sind die Eisenkrallen, die Logan aus seinen Händen ausfahren kann schon mal nützlich, quer durch den Kopf oder in den Bauch oder auch mal Kopf ab. Grausam, blutig, nur Kampf und schweres Atmen zwischendrin und immer um Leben und Tod. Kein schönes Leben ist das. Besonders wenn Logan mit sichtlicher Mühe Verfolger, die Kinder vor sich hertreiben und einfangen wollen, erreichen und erledigen soll und wenn es dabei noch einen steilen Bergwald hinaufgeht. Puste, Puste, wo bleibst du? Was ist mit den Superkräften geschehen?

Zwischendrin fragt sich Logan sogar nach dem Sinn seines Tuns. Fast möchte man Mitleid bekommen mit einer dermaßen abgekämpften Figur. Mangold filmt das alles in grober, lauter, detailherausarbeitender Action-Manier, in adäquaten Settings wird geklotzt und nicht getüdelt. Nichts Überraschendes insofern, wenn Logan nur nicht so fertig wäre.

Etwas ungewöhnlicher ist das Ziel der Reise: eine Gruppe von Kindern, die aus der Fabrik von Dr. Rice geflohen sind und in einer einsamen Gegend in den Bergen sich für die Flucht über die Grenze vorbereiten. Mühsal allerorten. Ist das eine Qual. Und unter grösster Anstrengung, es geht fast nicht mehr, mit letzter Energie sich doch noch ein Stimulans spritzen können für den Aufbäumkampf.

Das Leiden von Charles, das sind Anfälle, die wie ein Erdebeben über seine nähere Umgebung kommen, die Leute verfallen in zeitlupenhaften Stillstand. So fühlte sich mein Geist in diesem Film. Am Ende wandelt dieser sich, ganz kurz nur noch, zum besinnlichen Begräbnisfilm und lässt Gedanken zum Töten zu. Dieses ist keine feine Sache.

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Ein Gespenst geht um in Europa.

Dieser Film von Raoul Peck, der mit Pascal Bonitzer auch das Drehbuch geschrieben hat, skizziert in gepflegt antiquisierenden, statuarischen Bildern die Vorgeschichte zum Kommunistischen Manifest, nach dessen Erscheinen die Revolution von 1948 ausbrach. Federführend dabei sind die jungen, kritischen Geister Friedrich Engels (Stefan Konarske) und Karl Marx (August Diehl).

Als Beilage zum geistigen Storyfaden gibt es teils in romantischen Bildern die Geschichte der Freundschaft dieser beiden Männer, die sich 1843 in Paris kennenlernen. Garniert wird die Geschichte außerdem mit Einblicken in zeitgeschichtliche Entwicklungen, die Arbeit in den Fabriken, die Behandlung der Leute, Razzien bei aufrührerischen Geistern, aber auch einem Einblick ins Malatelier von Courbet, Dispute, Ausweisung aus Frankreich, die wirtschaftliche Situation.

Der geistige Faden der Geschichte startet mit einem Montesquieu-Zitat, es gebe zwei Arten der Verderbtheit, diejenige des Volkes, wenn es Gesetze nicht befolge und diejenige, die mittels Gesetzen das Volk verderbe. Illustriert wird diese Einsicht in malerisch schönen Bildern von armen Leuten, die im Wald Holz sammeln und dafür von den Herrschaften gejagt und verfolgt werden, wobei der Eigentums-Begriff brisant in Erscheinung tritt.

Karl Marx lebt mit seiner attraktiven jungen Frau Jenny von Westphalen (Vicky Krieps) und einem kleinen Kind bereits in Paris. Auch Jenny ist, obwohl aus adeligem Hause, eine Unterstützerin und Verfechterin der Ideen von Karl Marx („den Hegel vom Kopf auf die Füße stellen“).

Den Deutschen Friedrich Engels lernen wir in einer der Baumwollspinnereien seines Vaters in England kennen. Hier wird die ausbeuterische Klaue des frühindustriellen Kapitalismus deutlich sichtbar. Wenn eine Maschine defekt ist, wird sie repariert, aber die Reparaturkosten werden den Arbeitern vom Lohn abgezogen. Die Entwicklung des Proletariats. Und wer aufmuckt, wird rausgeschmissen. So geht es Mary Burns (Hannah Steele), der Irin aus Tipperary. Engels geht ihr nach, spürt sie in einem irischen Pub auf.

Engels fängt an, Feldforschungen zu machen über die Folgen des ausbeuterischen Verhaltens seines Vaters. Außerdem verliebt er sich in Mary. In Paris lernt er Marx kennen. Sie beschnuppern sich erst misstrauisch, spielen Schach, saufen zusammen, Friedrich pennt sogar bei Marxens, was seine Frau als ein Zeichen außerordentlicher Zuneigung interpretiert. Friedrich vermittelt Karl sein Wissen über die Praxis der Industrie in England, die krassen Folgen und er weist ihn auch auf die führenden englischen Ökonomen hin, gibt Marx somit wichtige Impulse.

Die beiden stehen in Paris auch in Kontakt und Auseinandersetzung mit dem Anarchisten Bakunin und Pierre Proudhon (Olivier Gourmet). Dessen „Philosophie des Elends“ provoziert von Marx das „Elend der Philosophie“, womit die unmittelbaren Voraussetzungen für das kommunistische Manifest, so zeigt es dieser Film, gegeben sind.

Auslöser für den Weg zum Kommunistischen Manifest ist die britische Gesellschaft „Bund der Gerechten“ in London, die Proudhon für einen Vortrag einladen will. Statt dessen reist Marx, der in Brüssel lebt, weil er Frankreich hat verlassen müssen, mit Engels an.

Engels darf dort reden. Diese Rede ruft auf zum gewaltsamen Kampf, zur Revolution, begründet den Kommunismus, der jetzt noch der Arbeit von Marx und Engels am kommunistischen Manifest bedarf. „Arbeiter aller Länder vereinigt Euch“. Auch die private Vorgeschichte dazu wird als ein kleines Kapitel an der Nordsee, idyllisch und familiär zugleich gezeigt inklusive Frauentalk über Kinderwunsch.

Dann hocken sich die beiden hin und schreiben Tag und Nacht, so dass das Manifest gedruckt und verbreitet wird. Einen Monat später bricht die 48er-Revolution aus.

Während Stefan Konarske seinen Friedrich Engels realiter als einen grübelnden, forschenden intellektuellen Geist spielt, er das vielleicht als Typ auch ist, muss August Diehl in der perfekten Maske von Karl Marx, die aber nicht mit seiner Seele übereinstimmt, sich auf die theatralen Mittel besinnen, die er allerdings gut beherrscht und bedient.

Ordentliches Bildungskino geeignet als Begleitmaterial für den Geschichtsunterricht. Möglicherweise hat Degeto mitfinanziert, jedenfalls setzen beide Protagonisten, Marx mehr als Engels, etwas zu oft das freundlich-unverbindliche Degeto-Smiling auf. Schade, das mindert den Kinogenuss.

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Mit diesem Film von Rachid Djaidani scheint sich ein junger Rapper, Sadek, einen idealistischen Traum zu erfüllen.

Aus dem harten Ghetto der Pariser Beaulieu hinaus auf eine Tour mit Gérard Depardieu entlang den Küsten Frankreichs, vom Sumpf und der Menschenfeindlichkeit der Abgehängten der Pariser Vororte auf die Spuren von Kultur und Liebe sich zu begeben und in Dépardieu einen väterlichen Freund, womöglich einen künstlerischen Förderer, zu finden, um damit die Welt zu verbessern, zu Toleranz und Verständnis beizutragen gegen den alltäglichen Rassismus und die religiösen Vorurteile im Lande.

Sadek spielt den Rapper „ohne Gesicht“ Far‘ Hook mit der tief ins Gesicht gezogenen Rappermütze. Far’Hook ist eine Anglisierung von Farouk, seinem Einwanderer-Geburtsnamen.

Far‘ Hook liegt in Paris im Clinch mit dem Rapper Sphinx (Mabo Kouyaté), der auf ihn schießen lässt. Deshalb findet sein Manager Bilal (Nicolas Marétheu) der zum Islam konvertierte Christ Matthias, er müsse untertauchen.

Dazu schickt er ihn zu seinem Vater Serge Desmoulins (Gérard Depardieu), womit die Voraussetzungen für ein originelles, herzerwärmendes Road-Movie gegeben sind. Zwei Abgehängte, diskriminiert sich Fühlende unterwegs: der alte Knurrige und der junge Hoffnungsvolle.

Der Koloss, das Monster Depardieu als Landschaftsmaler und hinter ihm her Staffelei und Malerutensilien samt Sonnenschirm schleppend sein Adlatus, offiziell sein Fahrer.

Es kommt, wie es kommen muss bei diesem Idealismus: die Vorurteile des Alten weichen auf, er findet Zugang zum Rap und der Zuschauer bekommt jede Menge schöner Küstenstriche von Frankreich zu sehen, erfährt etwas über den Maler Vernet der zur Zeit Louis XV aktiv und berühmt war, sensible, wildromantische Landschaftsmalerei; vielleicht ein Vorgänger zum eben so romantischen Umgang mit dem Medium Film des Filmemachers Rachid Djaidani, der einen spontan-intuitiven Regiestil pflegt mit der entsprechenden Kamera dazu, die sich gibt, als sei sie eine Handy-Kamera, vielleicht war es ja auch eine, und die auch ein Auge für am Wegrand Liegendes hat.

Wenn Maude (Louise Grinberg) die beiden Abgebrannten nach einer Autopanne als Tramper mitnimmt, so sind die Voraussetzungen für eine süße, kleine Liebesgeschichte gegeben. Man möchte fast vergessen, dass Far’Hook auf der Flucht ist und auf dem Weg zu einem Konzert in Marseille. Dort will ihm Sphynx den Auftritt vermasseln. Aber jetzt hat Far’Hook einen bärenstarken Freund gewonnen, der auf seine eigene Weise Rache für den Mordanschlag in Paris übt, depardieusch.

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Scorseses Glaubensbekenntnis.

Wie im Mittelalter, aber es gibt Unterschiede. Es ist Kino. Der Film spielt im Zeitalter der Aufklärung und statt einer Heiligenlegende erzählt Martin Scorsese als Meister seines Faches die Legende eines Abtrünnigen, eines abtrünnigen Jesuiten.

Um allfälligen Vorwürfen von Seiten der katholischen Kirche vorzubauen, lässt er die Geschichte aus der Sicht eines holländischen Kaufmanns erzählen, des Katholizismus unverdächtig, nachdem dort die Reformation längst Einzug gehalten hat.

Und, um sich gegen den Vorwurf des Unkatholizismus oder der Häresie zu wappnen, lässt er mit seinem Schlussbild eindeutig und zweifelsfrei erzählen, dass der Glauben (am Symbol des Kreuzes) überleben wird.

Der Film spielt im 17. Jahrhundert, fängt um 1834 an. In Japan herrscht grausliche Christenverfolgung wie zu Herodes Zeiten im alten Rom, Inquisition und Kreuzigungen. Ständig müssen die Menschen den Behörden klar machen, dass sie keine Christen sind. Das Bild dazu, was sich aus diesem Film einprägen wird, ist ein Christus-Bild, auf welches die Probanden mit den dreckigen Schuhen oder den bloßen Füßen treten müssen. Wer sich weigert, ist ein Christ. Wer drauf tritt, der ist frei. (Da wir im heutigen Kino und nicht in der mittelalterlichen Kirchenmalerei sind, bietet sich die neckische Assoziation an Hollywoods Boulevard der Stars an, die ihre Hand- oder Fußabdrücke auf den Boden geben). Wer nicht auf das Heiligenbild tritt, den erwarten Torturen bis hin zur Köpfung. Ein weiterer Test: den Verdächtigen wird ein Kruzifix vors Gesicht gehalten; sie sollen drauf spucken und den Gekreuzigten einen Hurensohn schimpfen.

Durch die Geschichte führen zwei junge Jesuitenpadres (Andrew Garfiel als Rodrigues und Adam Driver als Garrpe). Ihre Stimmen wirken in den ersten Szenen kastratenhaft. Sie hören in Rom von den Christenverfolgungen in Japan und vom Verschwinden von Pater Ferreira (Actionstar Lliam Neeson). Diesen wollen sie suchen. Ihr Glaubensfeuer überzeugt ihren Boss. Sie machen sich über Macao auf den Weg.

In Japan werden sie an Land geschmuggelt. Sie bekommen Kontakt zu untergetauchten Christen. So könnte man sich die Urchristen in Rom vorstellen. Mit ihrem Mitreisenden Kichirjiro (Yosuke Kubozuka) ist auch eine Judasfigur eingeführt.

Die beiden Jesuiten – und mit ihnen der Zuschauer – erleben unfiltriert die Härten der Christenverfolgung im Japan des 17. Jahrhunderts, ausführlich und detailliert.

Kunstgeschichtler, die sich für die Kirchenmalerei des ausgehenden Mittelalters und der Renaissance interessieren, dürften an Scorseses Filmwerk ihre helle Freude haben, an seiner Nebel-Kerzenlicht-Grotten-und-Heilslicht-Aesthetik, auch daran, wie er diese speziell katholische Geschichte nutzt, um die traditionelle Ikonographie des Kreuzweges cineastisch auf die Leinwand zu zaubern.

Die Frage ist, was der nicht unbedingt christliche Zuschauer und Heutemensch mit dem Bildwerk anfangen soll, wenn er kein Kunstgeschichtler und kein speziell Kunstinteressierter ist.

Dass das Kino offenbar allen Ernstes Zuflucht in einer religiösen Legende sucht, lässt tief blicken für ein offenbar total verunsichertes Amerika.

Ist das Scorsese Antwort auf Trump? Will Scorsese mit diesem Film dem Lutherjahr mit nicht-reformiertem Katholizismus Winke-Winke machen?

Insgesamt ist die Inszenierung ausgestellt, schwerblütig, statisch wie die Kirchenmalerei jener Zeit. Klassische Jesus- und Jüngerbilder. Und für Rodrigues fällt der Kostümabteilung noch im entlegensten Versteck immer mal was Neues ein. Behaarte Männerbrüste sollen aber bei den Jesuiten womöglich zur Geltung kommen, scheint eine Devise der Kostümabteilung gewesen zu sein.

Scorseses Widmung: Für Helen und Francesca.

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Ehe ohne Ehebett. Eine Ehe eingehen aus Vernunftsgründen und zum Vornherein die ehelichen Bettpflichten ausschließen, das Thema ist nicht ganz neu, aber auch nicht ohne Pikanterie, denn der Trieb, der will seinen Auslass.

In diesem Film von Nicole Garcia nach dem Drehbuch von Natalie Carter + 6 nach dem Roman von Milena Augus heiratet Gabrielle (Marion Cotillard in traumwandlerischer Sicherheit) José (Alex Brendemühl). Er nimmt sich Samstag Abend jeweilen frei und es kostet ihn 200 Francs – der Film spielt in den 50er Jahren.

Jose Rabascalle ist Maurer und hat mit Gabrielle zusammen ein eigenes Geschäft am Meer. Er baut für sie und die trotz gegensätzlicher Abmachungen wohl doch erhoffte Familie ein schönes Haus.

Dass Gabrielle nicht ganz einfach ist, das lässt schon diese Eheverabredung vermuten. Nicht nur, dass sie ab und an Krämpfe hat, später werden Nierensteine diagnostiziert. Sie ist schon zuhause unberechenbar, ordnet sich nur schwer ein und unter.

Die Eltern bauen in der Provence Lavendel an. Einmal provoziert die gerade erwachsen gewordene junge Frau die Arbeiter am Feierabend mit einem Nacktauftritt.

Gabrielle und die Liebe, das erzeugt heftige Dissonanzen, Verhaltensauffälligkeiten, nicht vorhersagbare Ausbrüche. Den Eltern zuliebe geht sie die Beziehung ein.

Zwingend erfordert diese Konstellation, damit eine Geschichte draus wird, die Begegnung mit einem Mann, der sie fasziniert. Es ist André Sauvage (Louis Garrel). Der liegt in einer Klinik in den Schweizer Bergen, in der Gabrielle sich einige Monate von ihren Nierensteinen und überhaupt erholen soll. Er war als Leutnant im Indochinakrieg. Er liebt die Musik. Die Barcarole von Stravinsky wird für die weitere Entwicklung der Geschichte eine entscheidende Rolle spielen.

Natalie Carter, die eine lange Biographie als Schauspielerin hat, inszeniert die Geschichte wie ein Protokoll, unkommentiert illustriert sie die Szenen, die die Geschichte vorwärtstreiben. Es wirkt als fehle jede tiefere Dimension, eindimensional. Die kann man nur im Gesicht und der Haltung von Marion Cottilard finden, das Rätsel – und in den Handlungen.

Eine gewisse Färbung entsteht dadurch allerdings in Richtung Groschengeschichte, besonders in der Klinik in den Bergen wirkt die Inszenierung gelegentlich wie eine pikante Kurschattengeschichte wie sie, wenn man den Ondits glauben will, allzugerne vorkommen; allerdings aus dem Grund, weil die Leute in der Kur Zeit haben und die Partner oder Partnerinnen fehlen; wodurch hier der triftige Grund von Gabrielle zumindest wie hinfällig wirkt, was sich mir als Schlagseite ins Schnulzige darstellt.

Schön ist andererseits, dass Nicole Carter die Geschichte wie ein offenes Buch behandelt, das ist ein wohltuender Gegensatz zum Geheimnis von Gabrielle, wobei sie Sätze wie „Wird es immer Krieg geben?“ und das sei doch etwas Schmutziges, überaus naiv erscheinen lassen.

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