Archiv für März 2017

Grenzgängergeschichten. Ein Liebespaar, das dem Gesetz ein Dorn im Auge ist, ein Flüchtling, der in Finnland nicht erwünscht ist, eine Ehe, über die die britische Krone nicht amused ist, eine Stadt im Amazonas-Dschungel, die vor allem aus Gerüchten existiert, ein Palästinenser aus dem Gefängnisstreifen Gaza, der von Hawai träumt, in Japan wird die Grenze zwischen Mensch und Roboter aufgehoben, im Animations-Hollywood kommt ein Baby als CEO zur Welt und in einem deutschen Film will ein Untalent in eine MTV-Show. Auf DVD ist das entzückend bunte Molly Monster erschienen. Im Fernsehen gingen zwei öffentlich-rechtliche Tiefpunkte ohne jede Selbsterkenntnis in eine weitere Runde.

Kino
UNA UND RAY
… und die Liebe war doch ungleich.

DIE ANDERE SEITE DER HOFFNUNG
Ungleiche Lebensveränderungsansätze im Norden.

A UNITED KINGDOM
Ungleich und Ungleich kommt gegen politischen Widerstand zusammen.

DIE VERSUNKENE STADT Z
Wie eine Idee einen Menschen in den Urwald treibt.

GAZA SURF CLUB
Die Meereswellen sind sich gleich; die Lebensbedingungen in Gaza und auf Hawaii krass unterschiedlich.

GHOST IN THE SHELL
Wenn dem Roboter ein menschliches Hirn eingepflanzt wird, ist seine Kampfkraft schier unschlagbar – und manipulierbar wird er auch.

THE BOSS BABY
Hier können sich Einzelkinder mental auf die Geburt ihres ersten Geschwisterchens vorbereiten, falls sie denn schon ins Kino dürfen; von der FSK-Freigabe ab Null Jahren her wäre es theoretisch möglich.

ZAZY
Extreme Disparität zwischen Anspruch und Können lassen diesen Film auf dem Weg zur Leinwand zerbröseln.

DVD
MOLLY MONSTER
Molly muss den Eltern ins Eierausbrütland nachreisen, denn sie haben die Mütze für den erwarteten Nachwuchs vergessen.

TV
BIERLEICHEN. EIN PASCHAKRIMI
Auserzählt noch vorm ersten Komma.

MILBERG & WAGNER
Ein „echter“ Milberg wird zum Ladenhüter.

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Aesthetisch-elegische Bildersymphonie in futuristischem De-Luxe-Design zum ewigen Thema Mensch und Roboter, Mensch und Maschine, Manipulation und Freiheit untermalt mit luftkissengefederter Air-Wave-Musik, wobei einige abgedroschene Schießereien durchaus konträr zum techno-poetischen Grundtenor stehen.

Eine Welt, die unter andauerndem Datenstrom steht. Major (Scarlett Johannson), die mit ihrer schwarzen Perücke an den Spatz von Avignon erinnert, und die von der Regie gelegentlich etwas zu lang auf den fixen Blick mit den großen Augen reduziert wird, hat einen Verkehrsunfall erlitten. Lediglich ihr Gehirn überlebt. Dieses wird in den Labors von Hanko Robotics in einen Roboterkörper eingebaut und zusätzlich manipuliert, so dass sie zu einer sensationellen Kampfmaschine wird. Als solche wird sie vom Verteidigungs Department 9 zur Bekämpfung des Staatsfeindes und Hackers Cutter (Peter Ferdinando) eingesetzt.

Durch diese Entfremdungen von sich selbst kann sie auch in das Gehirn beispielsweise einer suspekten Roboter-Geisha (Jacqueline Lee Geurts) eindringen. Solche Vorgänge bildlich plausibel zu machen setzt Regisseur Rupert Sanders (Snowwhite and the Huntsman) ein, was ihm die moderne Computertechnik an Hologrammen und anderen Raum- und Wunderwelten bietet. Molto elegante tutto.

Das Drehbuch stammt von Jamie Moss nach dem Manga von Masamune Shirow, das schon 1995 als Anime verfilmt wurde. Insofern ist diese Produktion ein Stück Repertoire-Kino, das einen bekannten und bewährten Stoff neu auflegt.

Kateshi Kitano spielt den Chef von Hanko Robotics, Juliette Binoche die Wissenschaftlerin Dr. Ouelet. Sie bringen einen Hauch menschlicher Regungen in diese futuristische Roboterwelt, in die Megacity mit ihren Häuserschluchten und mehreren Etagen von Verkehrswegen, in die sich Major in voller Roboternacktheit vom Dach eines Hochhauses hinunterstürzt.

Es gibt eine merkwürdige Begegnung mit der Mutter von Major, die in einem Hochhauskomplex wohnt. Die beiden erkennen sich nicht. Die Mutter hat die Asche ihrer Tochter längst begraben. Dadurch allerdings kapiert Major etwas, was sie auf die radikale Suche nach ihrer eigenen Vergangenheit machen lässt.

Das Thema der Menschlichkeit und dessen, was den Menschen ausmacht, ob es eine Vergangenheit ist, die sie mit einem Ausreißer und Außenseiter, dem Kapuzenmann, gemein hat, oder ob der Mensch sich durch seine Taten definiere, wird in den Raum gestellt. Allerdings sind diese Themen mehr rhethorisch eingesetzt und nicht auf dem Wege von Konflikten und deren Entwicklungen dramatisch untersucht, mehr illustriert durch einen überwältigenden Bilderbogen futuristischen Computer- und Roboterweltdesigns, diese momentweise allerdings mit dystopischem Unterton.

Wobei ein Begriff, wie der des Tiefentauchens in einer andere Person hinein, doch nichts anderes illustriert, als einen anderen Menschen zu studieren, ihm auf die Schliche kommen, was aber wohl in einem guten Krimi doch deutlich spannender sein dürfte, wo das Psychologische mehr Gewicht hat als das hier dominierend Technologische und Designhafte. Überwältigende Illustration geht hier vor Analyse und Konflikt.

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Erster Eindruck: einer der abstrusesten Kinder-Animationsfilme, der anfangs zu verstehen gibt, dass er ein Rechenschieberfilm sein möchte im Sinne einer statistischen Erfassung der Aufmerksamkeitseinheiten, die auf ein Kind abfallen; ganz spät im Film stellt sich jedoch heraus, dass die Macher Michael McCullers als Drehbuchautor nach dem Buch von Marla Frazee in der Regie von Tom McGrath (Die Pinguine aus Madagascar) wohl außer der typisch industriellen Animations-Fantasiearbeit nach dem Motto alle 30 Sekunden ein Gag und hoffentlich ein Lacher doch noch eine ernste Absicht mit dem Film zu bezwecken scheinen.

Es gibt Bücher und Filme, die auf Schwangerschaft und Geburt vorbereiten. Hier scheint es sich um einen Vorbereitungsfilm (Schulungsfilm) für Einzelkinder in Erwartung eines Geschwisterchens zu handeln. Das Kind muss das Teilen lernen. Und soll das schon vor der Geburt des Brüderchens oder Schwesterchens begreifen.

Das dürfte allerdings den Kreis der Interessenten merklich einschränken, denn weitaus häufiger trifft, nach meiner Schätzung, das zweite Geschwister innerhalb einer Zeitspanne ein, in der das Ältere noch zu jung für das Kino und erst recht für so einen Film wäre.

Vielleicht ist das den Autoren bewusst gewesen. So haben sie sich etwas ganz Besonders für unser fantasievolles Kind Tim, das in Dschungel-, Wildwest- und Seeräuberwelten sich hineinträumt, ausgedacht. Sie schicken ihm in seinen Träumen das Boss Baby.

Das Boss Baby kommt nicht vom Storch, es steigt aus einer Limousine, ist noch im Babyalter, trägt, Windeln, Anzug und Aktentasche und bald stellt sich heraus, dass es bereits sprechen und sogar spionieren kann.

So werden dem Film Elemente aus dem Geschäftsleben beigemischt, damit die erwachsenen Begleiter der Kinder auch etwas davon haben. Tims Eltern arbeiten im Marketing.

Das Baby selbst stammt aus einer Babyfabrik. Hier werden, dabei dürfen sich die Animations-Zeichner am Bau automatischer Fabrikationsanlagen austoben, Babies am Fließband produziert, die meisten mit dem Ziel Familie.

Diese Babies sind ein übers andere Mal auf die Leinwand gebracht für erwartbare Mama- und Tanteninstinktreaktionen, „so süß“, „so niedlich“. Allerdings steht den Babies eine Konkurrenz ins Haus, Entwicklung und Züchtung eines Hundes, der ewig ein Baby bleibt, just aus den Gründen eines perennierenden Niedlichkeitseffektes. Das muss verhindert werden.

Deshalb werden das Boss-Baby und das Einzelkind zusammen Abenteuer bestehen, eine wilde Verfolgungsjagd durch das Lady-Mann-Kindermädchen erleben und pausenlos Effekte um der Effekte willen bedienen.

In der wenig charmanten deutschen Nachsynchronisation wird der Baby-Boss von einer routinierten und wenig interessierten tiefen Männerstimme gesprochen; man glaubt sie aus x öden Werbesendungen zu kennen.

Es gibt auf der deutschen Tonspur original amerikanische Einspieler, das Beatles-Lied „Blackbird Singing in the Dead of Night“, wobei mir der Zusammenhang zwischen diesem poetischen Lied und dem robusten Restfilm schleierhaft bleibt. Auch die Notwendigkeit von 3D erschließt sich mir keineswegs.

An der oberen Bandbreite dieser industriellen Fantasiewelt mit dem Dauerbeschuss mit nicht personalisierten Gags steht der Begriff „Chief-Executive-Officer-Säugling“ – andererseits offenbart gerade dieser Begriff jeglichen Mangel an Spontankreativität.

Literarischer Höhepunkt der deutschen Synchronisation: Furz Pups Kaka. Irgendwie anstrengend. Was sollen wir von einer Welt denken, in der Säuglinge bereits ein Siegerdenken entwickeln, die Sätze von sich geben wie „Wir haben es geschafft“?

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Eine schauderhafte Genre-Pampe aus Erpressser-Liebes-Traum-vom-MTV-RomCom-Glamour-Gossip-Beziehungskisten-Biest-im-Mann-Medienkritik-Movie mutet uns Matthias X. Oberberg mit einem wenig erheiternden Cast und mit noch weniger Handwerk auch nur in einem der Genres zu. Wenn er wenigstens eines davon beherrschen würde.

Aber dieser Autor und Regisseur scheint vor allem ein Windmacher zu sein, der Fernsehredaktionen mit Schlagwörtern, vielleicht Medien-Kritik oder weiß nicht was, zu überzeugen versteht und so die Gelder für solchen Quas zusammenbekommt. Er glaubt wohl, alles zu können und kann nichts.

Er fängt den Film mit durchschnittlich begabten Videoimprovisationen zu MTV an. Davon, dort Moderatorin zu sein, träumt seine Titelfigur Zazy (der Name wirkt schon aufschneiderisch und hat rein gar nichts weder vom Aussehen der Besetzung mit Ruby O. Fee noch vom Habitus noch der Charakterisierung der Figur zu tun), eine etwas hochgeföhnte Sue oder Susanne, also etwas Gewöhnliches, was Ungewöhnlich sein will, das scheint mir sowieso der tiefere Impetus des Filmes zu sein.

Zazy träumt davon, Moderatorin bei MTV zu werden. Sie arbeitet als Schneiderin in einem feinen Atelier in einem italienischen Städtchen an einem italienischen Bergsee. Schon da gehen Besetzung, Spiel, Inszenierung und theoretische Behauptung vom Drehbuch her nicht zusammen. Denn das Schneideratelier von Patrizio (Claudio Caiolo) ist meisterhaft eingerichtet, atmet Meisterhaftigkeit, just die Fähigkeit, die unserem Regisseur und Drehbuchautor in allen Belangen abgeht.

Ihm geht auch jedes Feeling und psychologisches Händchen ab, die erste Begegnung und die Entwicklung der Beziehung zwischen Sue und der schwedisch-deutschen Kundin Marianna (Petra Hultgren) glaubwürdig und spannend zu inszenieren.

So holpert sich die Geschichte der Begegnungen weiter, bis Susanne herausfindet, dass der Mann dieser Kundin ein MTV-Moderator ist (Philippe Brenninkmeyer). Die Erpresserstory fängt damit an, dass Sue dahinter kommt, dass ihr Chef bei einem Ausflug mit dieser Kundin zu Tode gestürzt ist von einem malerisch in den Fels gehauenen Kappellchen, ein wahrhaft schönes Sujet.

Susannes Freund, der auch keine rühmliche Geschichte hat, Tomek (Paul Boche) ist bei der Erpresserei der treibende Faktor. Man kann dem Film in etwa ablesen, was Matthias X Ölberg sich gedacht hat. Überzeugend inszeniert hat er es nicht. Er hangelt sich von einer Unglaubwürdigkeit zur nächsten, verliert sich in Drohnenspielereien oder Liebesimprovisationen, die auch wiederum nicht allzu aufregend und begabt zu bezeichnen sind oder schneidet Aufnahmen rein, die an sich Kinobilder sind, aber just in seiner Erzählung keine Funktion haben.

Wenn Tomek aus dem Studio rausgeworfen wird, so poltert er noch heftig an die Tür, dann verfolgt die Kamera ihn auf seinem langen Weg durch eine leere Halle. Aber die Hauptfigur ist doch Zazy und es gibt nichts, was den Zuschauer nach diesem Rausschmiss an Tomek beschäftigen könnte, als dass er so einen Drüberstreuer bräuchte, denn da ist ihm viel zu viel Info über Tomek vorenthalten, so dass er sich nicht ausmalen kann, wie jetzt gewisse Mechanismen in ihm, die sich vielleicht der Drehbuchautor gedacht, die er aber dem Zuschauer mitzuteilen vergessen hat, wirken könnten. So eine Szene ist der schönste Beleg für die reine Windmacherei dieses Filmemachers.

Der einzige im Cast, der seine grimmige Haltung zur Angelegenheit und zum MTV in seine Rolle legt, das ist der Studioregisseur Bernhard Marsch (wobei er sich besser hüten sollte, sich mit diesem Film zu schmücken).

Weiteres Beispiel für die Unsorgfalt der Arbeit, falls es sich denn nicht um einen Gag handelt: das Hotel, in dem die Schauspielerin absteigt, heißt, wenn die Drohne überm Dach hinter ihm steht „Le Palme“, wenn aber die Kamera das Hotel vom See aus aufnimmt, dann steht da zu lesen „Sole“, Details, die bei einem gut gemachten Film keinesfalls stören würden, einem aber aufstoßen, wenn einer so aufschneiderisch daherkommt. (Weiterer Beleg für die Aufschneiderei ist der Titel eines anderen Filmes dieses Autor/Regisseurs: „Ein Ton Blau“ – als ob er ein leibhaftiger Enkel von Kieslowsky sei…(Drei Farben Blau).

Warum soll die Schauspielerin, die indigen Deutsch spricht, Schwedin sein, während doch ihre Schwedisch-Sätze wie mühsam auswendig gelernt klingen?

Krasse Dikrepanz zwischen Idee und Realisierung. Wobei auch die Idee, die möglicherweise hinter dem Film steckt, recht konfus zu sein scheint, möchtegernhaft, wie die Ambition mit dem Namen „Zazy“ klar macht. Eine verwirrkopfte Angelegenheit eines Windmacherbürschchens. Es sollte sich vielleicht mal ein paar sorgfältig gemachte Filme anschauen, wie Hell or High Water.

An Susanne, die besser Maria heißen würde oder Eva, konnte sich immerhin die Maske austoben, um draus mit großem Aufwand am Ende ein MTV-telegen-leeres Gesicht zu machen.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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Una und Ray haben mal was miteinander gehabt.

Der Song über der Anfangssequenz fängt so an „Ich verlor mein Herz unter der Brücke, das kleine Mädchen … jetzt bin ich alt“, das umreißt exakt die Spanne des Filmes.

Una hat Ray angemacht, provoziert. Sie waren Nacharn. Sie haben eine geheime Zeichensprache entwickelt, einmmal das Telefon klingeln lassen oder das Auto so oder so geparkt hat bedeutet, ich habe Zeit. Dann war die Luft rein. Sie trafen sich im Park.

Dort folgt die Kamera den beiden bis vor eine grüne Wand aus prächtigen Laubbäumen mit einem kleinen Durchlass. Hier verschwinden unsere Liebenden. Die Kamera bleibt lange auf dem Grün. Ein alter Trick des Filmens, um die Fantasie des Zuschauers anzuregen, zur Erzeugung von Geistarbeit.

Die musikalische Untermalung der Geschichte wirkt wie Geräusche aus einem Nebenraum oder wie Rumoren im Unterbewussten, dass vielleicht was an den Tag kommt, sie erzählt von Dingen, die keine Ruhe finden.

Denn die Liebe zwischen Ray und Una ist keineswegs legal und gleichwertig. Una ist minderjährig, eine junge Frau im knackigsten Moment ihres Aufblühens, voll wilder Gefühle, Ahnungen, Neugierde und Sinnlichkeit.

Ray dagegen ist ein erwachsener Mann, ein Nachbar und ein Freund des Vaters von Una. Er ist schwach und verführbar. Die Sache kommt an den Tag und vor Gericht. Die Aussage von Una wird aus Kinderschutzgründen auf Video aufgenommen. Sie fragt nur traurig, wo denn Ray sei und wieso er plötzlich verschwunden sei. Eine unvollendete Geschichte mit einem abrupten Schnitt.

Dieser Film von Benedict Andrews nach dem Drehbuch von David Harrower auf Grundlage seines eigenen Theaterstückes erzählt die Geschichte mit einer diskreten Verhaltenheit und Distanz, als suche er aus dem Haufen des Materials die Szenen, die ihr am gerechtesten werden.

Der Film beginnt 15 Jahre nach dem gewaltsamen Abbruch der Liebesbeziehung und verwebt sofort klug und sachte Vergangenheit und Gegenwart, wobei die Vergangenheit Una (Rooney Mara) umtreibt, denn die Sache ist für sie nicht erledigt. Sie hat Schaden genommen durch das Auffliegen der Geschichte und deren Konsequenzen.

Una lebt ein, hm, ängstlich-behütetes Leben mit ihrer Mutter, die alles daran setzt, diese Geschichte als ein abgeschlossenes, abgelegtes Kapitel zu behandeln, das heute nichts mehr zu bedeuten hat, das faktisch inexistent ist. Wohnlichkeit in der Stube der Verdrängung.

Aber die Geschichte lässt Una keine Ruhe. Sie findet heraus, dass Ray (Ben Mendelsohn) unter anderem Namen gar nicht allzuweit entfernt ein neues Leben angefangen hat, in welchem die Geschichte mit Una nicht vorkommt. Una dringt, ohne sich um die Sorgen von Ray alias Peter zu scheren, in dessen Leben ein. Sie möchte die Fragen beantwortet haben, die sie als Minderjährige damals gestellt hat. Dadurch bringt sie unweigerlich Turbulenzen in das ruhige und geordnete Familien- und Berufsleben von Ray.

Der Film zeigt eindrücklich und sensibel, dass der Begriff Kindsmissbrauch ein ziemlich fragwürdiger Begriff sein kann, ja dass er mit seinen juristischen Konsequenzen weitaus mehr Unheil anrichten kann als es möglicherweise der Fortgang jener Geschichte vor 15 Jahren getan hätte; wobei das Spekulation bleibt.

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Dass der Gazastreifen ein Landstrich ist, der von Israel, Ägypten und der Hamas im eisernen Griff gehalten und von der Welt abgeschottet wird, darf als bekannt vorausgesetzt werden, auch dass dort über eine Million Menschen in Flüchtlingslagern leben.

Umso mehr überrascht der Film von Philip Gnadt und Mickey Yamine, der sich eine zarte Blüte von Lebenslust aus dem Elendsstreifen herauspickt: Wellenreiter. Wie andere Surffilme auch fragt er nicht nach dem wirtschaftlichen Hintergrund der Surfer. Sie entstammen offensichtlich einer Schicht, die sich das leisten kann. Über Skype halten sie Kontakt mit Surfern auf Hawaii.

In der Phase, in der der Film in Parallelmontage zwischen Hawaii und dem Gazastreifen ausläuft und in dem die Wonne an den Wellen und den Brettern und den Menschen, die sie benützen, überwiegt, stellt er wortlos die Behauptung auf, dass Wasser nur die Physik kenne und keine Politik und stellt so indirekt die Frage, wozu diese kriegerische Politik überhaupt nötig sei, wenn die Menschen doch nur ihr kleines Vergnügen haben wollen, wenn sie sich dem Rausch des Wellenreitens hingeben wollen.

Mit Ibrahim haben die Filmemacher einen sympathischen jungen Mann, attraktiv und wach, gefunden. Er arbeitet teils als Schreiner, teils in einem Spital, aber wenn Wellen vor Gaza sind, dann ist er flexibel in seinen Arbeitszeiten, dann ist er auf dem Meer.

Er träumt davon, in Gaza einen Surfladen aufzumachen, sein amerikanischer Freund Matthew aus Hawaii rät ihm, den Laden „Gaza Surf Club“ zu nennen und als Treffpunkt für die surfbegeisterte Jugend aufzubauen. Allerdings ist es praktisch unmöglich, Surfbretter zu importieren; auch die Herstellung ist nicht möglich, weil es an wichtigen Materialien fehlt.

Das Elend von Gaza kommt genügend zur Geltung, die einfache Lebensweise, der dünne Fischfang, die Ruinen allerorten noch vom letzten Krieg, in dem Israel Gaza in keiner vertretbaren Weise kaputt gebombt hat.

Aber es entwickelt sich offenbar eine kleine schicke Szene, die nicht nur surft, sondern auch zum Tanz ausgeht. Bescheidene Anfänge, attraktive Bilder, man möchte am liebsten hinreisen.

Immer wieder sieht man Ibrahim am Beten, das Thema Frauen und Frauen und Surfen kommt vor oder wie eine Frau es trotzdem schafft mit ihrem lustigen Vater, die Aussichtslosigkeit der Lebens im Gazastreifen, zeitweilig vergessen zu lassen.

Ibrahim wartet auf ein Visum für Hawaii, um dort den Surfbrettbau zu lernen und selbstverständlich zu surfen. Er bekommt es tatsächlich und fliegt hin. Der Film begleitet ihn und benutzt die letzte Phase vielleicht etwas zu ausdrücklich dafür, um im Hin- und Herschneiden zwischen Gaza und Hawaii auf die Gemeinsamkeiten der Natur und die Ungleichheiten, die die Politik geschaffen hat, hinzuweisen. Darunter leidet die Spannung, denn Ibrahim scheint sich abgesetzt zu haben; aber darüber und über seine weiteren Ziele erfährt man im Film nichts mehr.

Wegen der Abgeschottetheit des Gaza-Streifens ist es allerdings wichtig, immer wieder Original-Dokumentarmaterial zu sehen zu bekommen, wie zuletzt in Ein Lied für Nour oder in Junction 48.

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Eine Liebesgeschichte der Herzen, nicht aber der Politik.

Ein Stück Geschichte aus Botswana Land, als es noch Betschuanaland hieß und – als britsches Protektorat – von einem Regenten anstelle des verstorbenen Königs regiert wurde und von der Liebes-Angelegenheit, die 1947 den Prozess in Gang setzte, der 1966 zur Unabhängigkeit führte.

Der betschuanische Thronfolger Seretse Khama (David Oyelowo) studiert in London, soll sich dort für die Übernahme des Thrones von seinem Onkel fit machen. Kurz vor seiner Rückkehr in seine Heimat verliebt er sich in Ruth Williams (Rosamunde Pike), die aus einfachen Verhältnissen stammt und in einem Büro arbeitet.

Ruth ist eine junge, unkomplizierte Frau wie viele andere junge Frauen und wird im Laufe des Filmes eine bemerkenswerte Entwicklung durchmachen, wird das unbeschriebene Blatt, das sie anfangs ist, mit eindrücklichem Inhalt füllen.

Der Liebesfunke springt über, lange bevor sie von Seretses Status in seinem Heimatland Bescheid weiß. Sie heiraten noch in London und entscheiden sich, gemeinsam nach Afrika zu fahren und dort ihre Verantwortung wahrzunehmen.

Die Stör- und Verhinderungsfigur, die immer wieder direkten Kontakt zu dem Paar hat, ist Alistair Canning (Jack Davenport); er ist das Sprachrohr für die Machtspiele, Intrigen und Verlogenheiten der großen Politik im Hintergrund, der diese Hochzeit nicht passt, aus Rücksicht beispielsweise auf Südafrika, wo noch strengste Apartheid herrscht; aber auch mit Rücksicht auf Prospektionsinteressen der Allied American Mining Company im Hinblick auf mögliche Diamantenfunde.

Diesen spannenden Prozess, wie Liebe und demokratisches Denken gegen übermächtige politische und Industrieinteressen sich verteidigen, der mühsam und langwierig ist, bei dem es wichtig ist, an Informationen zu gelangen, vertrauenerweckende Journalisten zu finden, schildert Amma Asante nach dem Buch von Guy Hibbert nach dem Roman „Colour Bar“ von Susan Williams, minutiös und sorgfältig, wie in Großbuchstaben und in ganz einfachen Sätzen, so dass auch der in der hintersten Reihe mitgehen kann, wobei Thrill-Momente nicht ausbleiben, wenn die Schwangerschaft von Ruth gegen die politischen Vorgänge in London geschnitten wird.

Nebst der Liebesgeschichte, dem Stück Historie und der Lektion in Demokratie wartet der Film noch mit Sehnsüchte weckenden Afrikabildern auf. Und auch für Churchill scheint gegolten zu haben: in der Opposition zu sein ist eines, ein anderes, auf der Regierungsbank zu sitzen.

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Die Akkuratesse, die sich Regisseur James Gray, der auch das Drehbuch nach dem Roman von David Grann geschrieben hat, für die Inszenierung, weil er mit 35 mm drehte, auferlegt hat, steht im Gegensatz zum Geheimnisvollen, auf das die Geschichte hinausläuft und in welchem sie sich auch verläuft.

Auf Geheimnis deuten in der Machart einzig die Lichtbestimmungen, die weg von Fröhlichkeit, Buntheit, Klarheit tendieren – die paar richtig romantischen Bilder machen da keine Ausnahme.

Es ist die Geschichte des Adeligen Percival Fawcett (Charlie Hunnam), der in der Auswahl seiner Vorfahren ein unglückliches Händchen gehabt hat, wie ein Hofschranze zwischen den Zähnen preisgibt.

Er ist ein Major und ein mutiger und treffsicherer Schütze, das beweist die Hirschjagd am Anfang des Filmes. Die einführenden Szenen in Cork in Irland geben bereits zu verstehen, dass es sich um eine breite, detailreiche, epische Erzählweise handelt, die sich Zeit nimmt – dafür muss sie ab und an, da die biographische Zeitspanne von Fawcett sich bis weit in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts hineinzieht, größere und abrupte Sprünge machen.

Fawcett leidet darunter, dass er noch keine Ehrungen oder Orden erhalten hat und erhofft sich solche durch den mutigen Hirschabschuss in einem für die Pferde hochgefährlichen Waldstück. Aus der Auszeichnung wird jedoch wieder nichts, da sind seine Vorfahren davor.

Fawcett ist verheiratet mit Nina (Sienna Miller). Im Laufe des Filmes vergrößert sich die Familie auf 5 Mitglieder, zwei Buben, ein Mädchen. Das Geheimnis aber, das sein Leben wesentlich bestimmen wird, liegt im Amazonas. Dort soll er, er hat Kartograph gelernt bei der National Geographic Society, im Regierungsauftrag mit einem kleinen Team, unter anderem mit Henry Costin (Robert Pattinson), den Grenzverlauf des Rio Verde zwischen Bolivien und Brasilien vermessen, denn es wird wegen unklaren Grenzverlaufes ein Kautschukkrieg erwartet.

Die Mission ist nicht ungefährlich. Die Expedition dringt in unbekannte Gebiet vor mit Schiffen oder mit einem selbst gebastelten Floss. Bald schon gibt es riskante Begegnungen mit 35-mm-filmtypischen Ureinwohnern, die giftige Pfeile schießen oder gar Kannibalen sind, was klar macht, dass es sich hier nicht um eine Dokumentation, sondern um eine explikative Bildergeschichte handelt.

Erinnert an Der Schamane und die Schlange, der in Schwarz-Weiß mehr dem Doku-Impuls frönte; während wir es hier mit einem absolut künstlichen, nicht realistischen, teils fast bühnenartigen Kammerspiel zu tun haben, in welchem ab und an die große rhethorische Keule geschwungen wird oder bedeutungsvoll geflüstert; fast wie didaktisch aufbereiteter Lehrstoff eines auktorialen Erzählers, der einen kleinen Zettel mit Botschaft genau so exakt einarbeitet wie einen bedeutungslastigen Kompass.

Auf dieser Expedition, die mit einem Opernerlebnis im tiefsten Amazonas garniert ist, stößt Fawcett auf die ersten Spuren früherer Kulturen. Das Geheimnis lässt ihn nicht mehr los, auch verdichten sich die Hinweise auf eine versunkene Stadt.

Zur Zeit des Ersten Weltkrieges kommt es zu einem Einschnitt in seinem Forscherdrang und zu einem Extempore der Story in die Schützengräben; auch das comme-il-faut in 35mm und arbeitet präzise die Qualität der Kanonenfutterhaftigkeit eines Soldaten im Ersten Weltkrieg heraus. Reizgas beschädigt Fawcetts Augen. Er zieht sich ins Privatleben zurück.

Wie sein Sohn Jack (Tom Holland) erwachsen ist, schafft dieser es, seinen Vater zu einer weiteren Expedition zusammen mit ihm zu bewegen. Jack brilliert gleich bei seinem ersten Auftritt, wie er einen Hasen in grünen Hügeln jagt, mit einer Leichtigkeit der Bewegung wie ein Federball.

Pathetischer Satz zu Beginn des Filmes: der Tod ist die Würze des Lebens.

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Vom Glück mit dem Glücksspiel.

Antörnend karg erzählt Aki Kaurimsäki (Le Havre) zwei Geschichten aus dem heutigen Finnland, die sich wie ganz natürlich begegnen und in einander involviert werden, aber erst da, wo man es nicht mehr erwartet, nachdem man schon eine Paralle zum Dokumentarfilm Seefeuer – Fuocoammare gezogen hat, in dem zwei unabhängige Welten ganz selbstverständlich nebeneinenanderher existieren, die eine von stupender Alltäglichkeit, die andere von stupender Nichtalltäglichkeit um Leben und Tod.

Ganz ähnlich hier. Ganz schwarz buddelt sich Khaled (Sherwan Haj) aus den Kohlen eines Schiffes, das ihn aus Litauen nach Finnland gebracht hat und geht in Helsinki von Bord. Russ wegwaschen, die Polizei aufsuchen und um Asyl bitten.

Khaled ist ein Aleppo-Flüchtling, dessen Haus in Schutt und Asche liegt, seine Schwester hat er auf der Odyssee durch Europa verloren. Er spricht Englisch, pflegt sich akkurat, ist ruhig, konzentriert, unaufgeregt. Er weiß, auf was er sich eingelassen hat.

Nicht anders ergeht es Wikström (Sakari Kuosmanen), einem älteren Finnen. Er hat sein Leben als Textilvertreter satt, möchte was Neues. Von seiner Frau trennt er sich, das wird minimalistisch skizziert von Kaurismäki, Wikström hinterlässt seiner Frau den Ehering. Später mehr davon.

Einer Kundin möchte Wikström sein Lager, 3000 Hemden abtreten, aber die ist selber dabei, ihr Geschäft aufzulösen, die möchte nach Mexiko emigrieren und dort High-Life zelebrieren.

Ein Film um Neuanfänge allerorten, um Hoffnungen und Wünsche. Wikströms Traum ist es, eine eigene Kneipe aufzumachen. Mit dem Geld, was er aus seinem Lager löst, geht er schnurstracks in einen verborgenen Spielklub, das ist schon eine Überraschung, und spielt so lange – nun, bis er glaubt, sich die Kneipe leisten zu können. Ihm arbeitet das Glück positiv zu. Dem Mutigen – oder auch dem von allen guten Geistern verlassenen – hilft hier das Glück.

Er, der Nicht-Wirt übernimmt zu einem günstigen Preis den Laden „Zum Goldenen Krug“ samt zwei Personen Stammpersonal – finnisch-kaurismäkisch eben. Das sind weitere, eigene Geschichten, wie sich die Kneipe entwickelt und wie Khaled dazukommt.

Das Amtspersonal wie Heimleiter, Flüchtlingshelfer, Polizisten, die sind alles sonntäglich korrekt gekleidet, haben einen hochanständigen Habitus, frisch gebügelte Hemden, sorgfältig geknotete Krawatten und einen sachlichen, höflichen Umgangston.

Vielleicht benutzt Kaurismäki die Geschichten auch nur, um immer wieder Musiker auftreten zu lassen, Straßenmusiker, Tanzband, ein Duo oder die Musik aus der Musikbox, volksnah.

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Ein fröhlicher, abenteuerlicher, bunter, charmanter, verständlicher Kinderkinofilm; die Nachwuchsmonster kommen aus dem Ei; dazu müssen die Eier auf eine ferne Insel verfrachtet werden. Siehe Review von stefe

Molly Monster – Der Kinofilm

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