„Über 1000 Spielfilme wurden in den Jahren 1933 – 1945 in Deutschland hergestellt“, so ist es nachzulesen im Presseheft zu Rüdiger Suchslands zweitem Dokumentarfilm, der sich mit dem deutschen Kino befasst. (Der erste beschäftigte sich mit dem Kino der Weimarer Zeit: Von Caligari zu Hitler).

Wie viele von den über 1000 Filmen aus der Nazi-Zeit noch existieren und wie viele davon Suchsland gesichtet hat, verrät er uns nicht; er versucht aber den Eindruck zu erwecken, er habe alle gesehen, indem er Kracauer zitiert „Alle Filme zu sehen, heißt auch einen Kontrollgang durch seine eigene Vergangenheit machen“. Jedenfalls war Suchsland dieser Kontrollgang nicht Stoff genug, er hat auch noch jede Menge tönende Wochenschauen und anderes Archivmaterial beigezogen, außerdem zitiert er Kracauer, der ihm schon Wegweiser für den ersten Film war, sowie Hannah Arendt und Susan Sontag.

Er gibt im Presseheft zu verstehen, dass er „sehr wenig gewusst“ hat über diese Zeit. So wirkt denn auch der Film in seiner fernsehasthmatischen Kurzschnibbeligkeit nach der Methode Heu- oder Mistgabel: Suchsland hat in den endlosen Archiven und Filmen gewühlt, verwechselt die Archive mit einem Wühltisch, stößt mit der Gabel rein, spießt auf, wirft in die Luft und ein paar Brocken bleiben hängen. Diese werden nach einem zu vermutenden Beliebigkeitsprinzip dem losen Faden der Chronologie nach aneinandergeschnitten.

Da es jetzt Tonfilme sind, muss Quasselstrippe Suchsland immerhin ab und an eine Pause in seinem schier endlosen Monolog einlegen, damit der Zuschauer wenigstens ein paar Dialoge aus Szenenausschnitten verstehen kann.

Dass seine Recherche nicht allzu sorgfältig gewesen sein dürfte, ist im Abspann schon daran ersichtlich, dass er Wolfgang Liebeneiner, den er zwar im Film zitiert und von dem er auch Filmausschnitte und ein Bild bringt, nicht mehr erwähnt, obwohl der nur schon als Regisseur zwischen 1937 und 1984 eine nahtlos ununterbrochene Biographie in Deutschland aufweist, nachzulesen bei IMDb, ein Phänomen, zu schweigen von seiner Wichtigkeit hinter den Kulissen, als Leiter der Fachschaft Film in der Reichsfilmkammer (Wolfgang Liebeneiner).

Neugierig haben mich Ausschnitte auf manche Filme gemacht, Paracelsus von Georg Wilhelm Papst und vor allem der geschmähte Propagandafilm Kolberg von Veit Harlan (bei dem übrigens auch Wolfgang Liebeneiner als „uncredited“ Regisseur bei IMDb vermerkt ist!), der in der letzten Kriegsagonie aufwändig gedreht wurde und der normalerweise nur bei betreuten Veranstaltungen gezeigt werden darf.

Suchsland behauptet, er möchte herausfinden, was das Kino wisse, war wir nicht wissen, aber irgendwie entgleitet ihm dieses Ziele augenblicks vor lauter Fülle und chaotischer Präsentation und seinen zum Teil doch recht hemdsärmeligen Kommentaren.

Kaum Ahnung von einem Gebiet haben und es in seiner Gesamheit präsentieren zu wollen, ist vielleicht doch etwas zu ambitioniert. Wobei es ein Desiderat wäre, wenn Fachleute, die den Überblick und Einblick haben, dieses Gebiet systematisch erfassen und vorstellen würden, so dass auch der gemeine Zuschauer es sich in großen Zügen merken kann, unterteilt in Kapitel oder Kategorien oder Szenenvergleiche und versehen mit einem klaren Postulat der Herangehensweise; allerdings sichert sich Suchsland im Presseheft gegen solche Einwände halbseiden ab, in dem er schreibt „Ich wollte meine Fragen, manchmal auch meine Unsicherheit und mein Unbehagen mit den Zuschauern teilen. Darum sollte es kein didaktischer Film im schlechten Sinne werden, der so tut, als wüsste ich auf alles eine Antwort. Aber es sollte ein Film sein, der den Zuschauern etwas zutraut: Klugheit und selbständiges Denken und der neugierig macht, sich mit diesen Filmen noch einmal neu zu beschäftigen.“

Nun ist Suchslands Film allerdings nicht mal ein guter didaktischer Film und zum selber Denken kommt der Zuschauer schon gar nicht vor Suchslands Plapperejakulat; so bleibt einzig das Teilen von Unbehagen, Unbehagen an einem schwachen Film. Und warum verwendet Suchsland in diesem Film, der sich rein um deutsche Filmkultur dreht, den Begriff Court-Room-Drama, wobei er doch genauso gut hätte Gerichtsdrama sagen können?

Warum hat sich Suchsland nicht der dramaturgischen Mitarbeit oder der Beratung von ausgewiesenen Fachleuten auf diesem Gebiet versichert? Dann könnte man allenfalls von einem verantwortungsvollen Umgang mit öffentlichem Gebührenzwangsgeld reden.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahler für die Redakteure von ZDF und arte, die dieses Schnellschnell-kursorisch-Blabla-Werk auf seine Kosten finanziert haben.

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