Archiv für 15. Januar 2017

Sich auskennen.

Den Politikerhabitus hat sie schon voll drauf, sei es, dass sie im Fond der Limousine sitzt und arbeitet, sei es, dass sie vor dem Bundestag redet, sei es, dass sie ihrer Chefin, der Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles, ihre Aufwartung macht. Wie andere Politiker auch, lässt sie sich coachen, trainiert die Verbesserung ihres öffentlichen Auftrittes und von Reden. Beim Anhören eines ihrer Auftritte ist sie direkt perplex, wie sie selbst schon die Berufspolitikerin verinnerlicht hat.

Sie ist die ‚Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen‘: Verena Bentele. Sie stammt aus der Bodenseegegend, ihre Eltern sind Obstbauern. Sie ist seit ihrer Geburt wegen eines genetischen Defektes blind, wie einer ihrer Brüder auch. Sie hat eine beeindruckende Karriere als Olympionikin mit jeder Menge Goldmedaillen in Winterdisziplinen hinter sich. Sie hat Germanistik studiert und fühlt sich in ihrer politischen Position und Funktion sehr wohl.

Uli Kick (Redaktion: Christiane Hahn) portraitiert diese Ausnahmeerscheinung unter den Politikern in einer spannenden Mischung aus Rückblicken aus der Sportlerkarriere, einem Interview mit ihren Eltern, einem neu aufgenommenen Interview mit ihr selbst, Footage aus ihrer Tätigkeit als Bundesbeauftragte und wie sie in Berlin erst in einer WG wohnt.

Kick lässt auch ihre engste Mitarbeiterin und ihren Fahrer zu Wort kommen. Zu diesen Personen entwickelt sich ein besonderes Vertrauensverhältnis, das geprägt ist von einem sensiblen Gespür dafür, welche Hilfe sie braucht und welche nicht. Wobei Verena Bentele selbständig und souverän lebt in den Räumen, die sie kennt und ihren Blindenstab erst in dem Moment aufklappt, wie sie ihn braucht, wenn sie auf die Straße geht.

Ein Problem bei Empfängen ist, dass sie die Leute nicht sehen kann, dass sie auf ihre engsten Mitarbeiter angewiesen ist, zu reportieren, wer sich gerade in ihrem Blickfeld bewegt. Sonst hält sie es wie andere Politiker auch. Sie kämpft für ihre Belange, das sind die der Behinderten und zwar aus intimer Kenntnis der Probeme. Sie ist frustriert, wenn zu wenig zustande kommt, sie freut sich, wenn sie etwas erreicht, sie steht im Kreuzfeuer verschiedenster Interessen, die Behinderten sind nicht zufrieden mit dem Bundesteilhabegesetz, anderen geht es zu weit.

Sie empfiehlt Unternehmern die besonderen Fähigkeiten, die sich Behinderte in ihrem alltäglichen Kampf aneignen, zu nutzen.

Im Sport hat sie gelernt, mit Niederlagen umzugehen. Das hilft ihr in der Politik. Ihre These: Behinderung ist ein Thema für alle Menschen, keiner kann das für sich ausschließen. Insofern ist auch dieser Film ein Film für alle Menschen.

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