Archiv für 12. Januar 2017

Hors Classe: eine Familien-Bankräuber-Story aus Texas.
Topclass: Nicht einfach läuft der Drogenentzug in England, leichter dagegen ist die Hollywood-Hommage an ein vergangenes französisches Kino und auch die Luftsprünge der animierten Ballerina in Paris.

Keine Luftsprünge dafür dokumentarisch ist die Suche eines deutschen Träumers nach Zwischenorten der Ruhe, einfach ist die Geschichte von der Verteidigung der chinesischen Mauer mit Pfeil und Bogen, schwerer und doch christlich leicht ist die amerikanische Ostküsten-Tumorbewältigung, schwer tut sich auch, aber professionell komödiantisch, der kalifornische Papierfabrikant mit dem IT-Hippie und ohne Erlösung ist der deutsche Versuch, Komödienpotential zu schöpfen aus dem Zusammenprall von Eventindustrie und Holocaustverarbeitung. Im Fernsehen wollte eine Diva Diva spielen und entblößte sich als kettenrauchendes Flittchen.

Kino
HELL OR HIGH WATER
Eine ganz gewöhnliche Familiengeschichte – in aufregend cineastischer Machart.

BOB DER STREUNER
Dank Katzenliebe nicht nur Drogenentzug, auch Absetzen der Ersatzdroge und ein Interneterfolg dazu, jetzt auf dem Weg zum Kinoerfolg.

LA LA LAND
Schöner und verführerischer kann heute eine Hommage an große Vorbilder in der Kinogeschichte wie Demy und Godard kaum ausfallen.

BALLERINA
Wenn wir diese Tänzersprünge könnten, wär unser Leben leichter; aber die Animation hats auch leichter als das Leben und bewältigt es traumhafter.

WILD PLANTS
Hier sind gesucht Orte der Ruhe, des Werdens und des Vergehens, Zwischenorte zwischen wilder Natur und materialistisch-mechanistischer, durchorganisierter und total beherrschter Zivilisation.

THE GREAT WALL
Artistik statt Freiheitsliebe zur Verteidigung der chinesischen Mauer.

THE HOLLARS – EINE WAHNSINNSFAMILIE
Amerikanische Ostküste nimmt den Tumor der Mutter mit christlicher Gelassenheit; jeder hat sein Päckchen zu tragen; ein Tod bedeutet im christlichen Sinne ja auch nicht das Ende der Welt.

WHY HIM
Der Moschusochse ertrinkt im eigenen Urin. Amerikanische Komödie.

DIE BLUMEN VON GESTERN
Aus der Verknüpfung von Event- und Holocaustaufarbeitungsindustrie soll Komödienpotential geschöpft werden.

TV
DIE DIVA, THAILAND UND WIR
Hannelore Elsner macht auf Kosten der Zwangsgebührenzahler Werbung fürs Kettenrauchen und versucht tumorbedingte Zusammenbrüche zu spielen. Oder wie sich ein TV-Team vom Zwangsgebührengeld einen Thailand-Aufenthalt finanzieren lässt.

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In den besten Familien.

Das kommt in den besten Familien vor, dass nach dem Tod der Mutter sich finanzielle Probleme auftun. Es kommt in den besten Familien vor, dass ein Sohn gut gelingt und der ander schlecht, dass ein Sohn heiratet und zwei Kinder hat, während der andere, hier der ältere, seine ‚Ausbildung‘ im Knast macht und auch, dass der verheiratete Sohn geschieden ist, und dass dieser Sohn sich bis zum Ende um die Mutter kümmert. Insofern eine ganz gewöhnliche Familiengeschichte.

Nicht ganz so gewöhnlich ist die Weltgegend, in der Taylor Sheridan (auch Drehbuch von Sicario) seine Geschichte ansiedelt, in Texas, im Wilden Westen, wo Waffengebrauch und Selbstjustiz keine Fremdwörter oder nur im Kino zu sehen sind, da wo es weite Prärien und menschenarme Siedlungen mit nur einer Bank gibt, bei der man es mit der Viedoüberwachung nicht so genau nimmt, aber auch eine Weltgegend, in der immer noch Öl gefördert und gefunden wird – in einer Kinogegend par excellence.

Die Brüder Toby, der Geschiedene (Chris Pine), und Tanner, der grad nicht im Knast sitzt (Ben Foster), stehen nach dem Tod ihrer Mutter vor dem Problem, dass deren Anwesen überschuldet ist. Um die Erbschaft zu retten und sich das dafür nötige Geld zu besorgen, fangen sie an, Banken zu überfallen, denen das Unglück geschuldet ist.

Mit ihrem ersten Überfall fängt der Film an. Die Brüder agieren dilettantisch, geben sich mit wenig Bargeld zufrieden, der Bankdirektor wird in der nächsten Szene recht verbeult aussehen, wenn die Gegenspieler auftreten, die zwei Cops Marcus, kurz vor der Rente (Jeff Bridges) und Alberto (Gil Birminghanm). Diese wiederum agieren aus einer Position der Erfahrung und es ist eh nie was los bei uns heraus. Statt Hektik zu verbreiten, geben sie lieber mal ein philosophisches Statement ab oder hocken sich hin, gerne auf den typischen Veranden in den typischen Stühlen, und versuchen sich in der Kunst des Profilings, was ihnen insofern recht gut gelingt, als sie zum Count-Down genau mit der Verspätung zur Stelle sind, die der Erzählung Spannung verleiht, auch wenn sich just hier ein Stück allzu bekannten Geschichtsverlaufs kurzzeitig einschleicht.

Dagegen setzt Sheridan ganz am Schluss noch eine Drüberstreuerszene, die sich über den Selbstjustizgedanken erhebt, derweil die Kamera ins Grab beißt – bildlich gesprochen.

Überhaupt die Kamera, Giles Nuttgens zeichnet für sie. Sie kennt die Geschichte in- und auswendig, umkreist sie, geht mit ihr mit, begibt sich in sie hinein, versucht, sie in jeder Sekunde aufregend zu erzählen, sie macht Räume auf, gibt Spielräume vor oder frei, weitet oder verengt sie, sie macht sich einen Spaß daraus, einem fahrenden Auto Konkurrenz zu machen, sie kann aber auch ablassen davon und das Auto aus dem Bild brausen lassen. Nie lässt sie ein Auto einfach ins Bild hineinfahren und anhalten, nein, wie beim Hasenzickzack sind da meist zwei Kurven zu bewältigen. Sie arbeitet als Drohne oder Stedaycam, sie hat aber auch die Ruhe weg, wenn die exzellenten Männerdarsteller in der betörenden Regie von David Mackenzie ihre Denkpausen und spröden Dialoge haben, wenn sie mehr gurgeln als sprechen.

Um den Film qualifiziert loben zu können, müsste ich ihn mindestens nochmal anschauen, um detailliert nachzuerzählen, wie die Musikstücke passgenau ausgewählt worden sind, wie eine kleine Szene in einem Restaurant mit einer alten Frau als Bedienung zum literarischen Kabinettstückchen (die Nummer mit den T-Bone-Steaks) avanciert oder wie die unwissentliche Begegnung einer weiblichen wie naiven Bedienung im Schnellimbiss mit einem Bankräuber von kribbelnder Erotik sein kann, denn das Trinkgeld lässt sich sehen. Wie dank Drehbuch und Regie die Figuren einen höchsten Grad von Glaubwürdigkeit entfalten; das sollten die Macher des Fernsehfilmes Die Diva, Thailand und Wir, der gestern im Fernsehen gezeigt wurde, mal ganz genau studieren. Es geht auch dort um kaputte Familienverhältnisse in exotischem Ambiente.

Oder die Zeichnung der beiden Cops, wie kraftvoll die sind, wie bei ihnen im Countdown Adrenalin und Jagdfieber sich hochschaukeln, wie korrekt sie immer angezogen sind bis auf das kleine Kettchen auf halber Höhe der Krawatte und immer den Mexikaner-Hut auf.

Mackenzie brilliert mit exakter Milieuschilderung, mit haarscharfer Menschenbeobachtung und schafft so glaubwürdige Charaktere und in jedem Moment packende Situationen.

Kleiner Gag en passant, wie Jeff Bridges im Sitzen den Hut abnimmt und auf dem Fuß des Beines, das übers andere geschlagen ist, selbstverständlich wie auf einem Garderobeständer ablegt, denn man muss auch mal plaudern und nachdenken dürfen. Hut ab.

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Der entmannte Wilhelm Tell.

Die Axt im Haus erspart den Zimmermann und Matt Damon in einem Abenteuerfilm rettet das chinesische Reich vor der Invasion der Tao Tei, das sind computergenerierte, mystische Bestien die sich in ihrem Aussehen an den Dinowelten orientieren.

Das Schillerzitat vorneweg aus „Wilhelm Tell“ deutet auf Damon als William, ein Meister im Bogenschießen. Sein Glanzstück ist nicht der berühmte Apfelschuss, in diesem Film von Zhang Yimou nach dem Drehbuch von Max Brooks, Edward Zwick + 4 schießt er eine in die Luft geschleuderte Trinkschale mit einer Kanonade von Pfeilschüssen erst an die Wand, um die letzten zwei Pfeile als Halterung für diese in die Wand zu bohren – auf die Idee, noch einen Pfeil für Gessler, resp. die Herrscherin, die ihn gefangen genommen hat, im Köcher zu lassen, käme ein Matt Damon nie.

Der phlegmatische Matt Damon in einem Abenteuerfilm, das garantiert für Biederkeit und Jugendfreigabe ab 12 (siehe Der Marsianer). Er selbst bewegt sich kaum noch, wenige Schritte und oft ist er in Ruheposition, schaut ernsthaft nachdenklich und besorgt.

Denn die Welt um ihn herum ist alles andere als bieder und geerdet. Wobei auch seine Biederkeit diejene eines tugendstrotzenden Rumtreibers, Söldners, Halunken, Diebes, Betrügers und Mörders ist – eine abenteuerliche Figurkonstruktion.

Egal, der ganze Zirkus, das Märchen von den beiden Rumstreichern (der andere ist Pedro Pascal als Tovar), die auf der Suche nach dem Schwarzpulver an der chinesischen Mauer in Gefangenschaft geraten, ist opulent, ist ein gigantischer Aufwand an Kostümen und Bühnenbildern und Massen von Darstellern und Aufmärschen und Kampfhandlungen und Effekten und einer schier auktoritativ erzählenden Kameradrohne.

Die Chinesen sind im Krieg mit den Massen von Tao Tei. Nur wenn man ihre Königin tötet, kann man sie erledigen, verlieren sie ihre invasive Gefährlichkeit. In diesem Kampf machen sich Damon und sein Kumpel nützlich. Dankbare Gefangene, die bereitwillig für ihre Peiniger kämpfen, die in die spektaktulären, aufwändigen, mittelalterlichen Auseinandersetzungen entscheidende Aktionen einbringen, entscheidende Pfeile abschießen, sich mutig, wie einsten Winkelried, um nochmal auf die Schweiz zu referieren, in die Schlacht stürzen (aber im Gegensatz zu diesem Helden opfert sich ein Matt Damon selbstverständlich nicht). Die chinesische Generalin Lin Mae (Tian Jing) beobachtet das mit verwunderten Augen.

In der Gefangenschaft findet sich ein weiterer Europäer, Ballard (Willem Dafoe). Der weiß Genaueres über das Schwarzpulver, hat welches gebunkert, ist über 20 Jahre hier gefangen und sieht deshalb ganz ausgemergelt aus.

Damons Biederkeit verleiht der Story das Cachet einer Pfadfindergeschichte. Die Texte sind einfach „Ich hab dich gesucht, um dir zu danken“, „Wenn ich Euch helfen soll, brauch‘ ich meinen Bogen“. – Lin: „Ich hab Euch freigegeben“, William: “Doch steh ich nun hier“ oder „Geduld, William“. Die deutsche Synchro versucht erfolgreich Damons Biederkeitsimpetus aufzunehmen.

Besondere Effekte werden gerne zweimal vorgeführt, wenn die blauen Kriegerinnen tollkühn auf weit über dem Abgrund der Mauer hinausragende, spitze Vorsprünge sich stellen, um sich fallen zu lassen und wie sie davor den ihnen zugeworfenen Pfeil auffangen; Artisten in der Zirkuskuppel … oder wenn nach dem Tod eines Generals zur Verabschiedungsfeier kleine Heißluftballons in riesiger Zahl in die Luft gelassen werden, so kann auch so ein Start zweimal gezeigt werden, so schnell wird der Himmel nicht voll.

Die Dominanz der physischen Immobilität von Damon entbehrt nicht der unfreiwilligen Komik, der Gegensatz zur Rolle und die ganz offensichtlich irren Fähigkeiten, die ihr zugeschrieben sind und die die Figur im Kampf und im Bogenschießen beweist und wie ganz schnell auf die Doubles oder auf die Postpro umgeschnitten wird. Bis er im nächsten Moment wieder wie belämmert irgendwo in der Ecke hockt und die Welt zu begreifen versucht.

Der Film ist großes Opern-Zirkus-Effekten-Spektakel, ein magischer Bilderbogen, kindlich sorglos mit einer schlichten Abenteuer-Geschichte; die Tonspur lässt sich Bombastisches einfallen.

3D ist einmal mehr viel zu düster und bei schnellen Bewegungen oder rasanten Schnitten driften die Gegenstände kurzzeitig auseinander, verlieren ihren eigenen Zusammenhang.

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Aufrichtig profund christliche Haltung zum Leben, zur Liebe, zur Familie und deren Zerwürfnis, zur Krankheit und Tod in ernsthafter Komödienform, US-Ostküstenformat, dargeboten in der Regie von John Krasinski nach dem Buch von James C. Strouse.

Die Haltung könnte fast anthroposophisch genannt werden: diese Gleichberechtigung im Leben von Glück und Unglück, von Trennung und Sehnsucht, von Heirat, Tod und Geburt. Den kirchlichen Akkord trägt an einer Stelle ein Harmonium bei.

Die Hollars, diese Wahnsinnsfamilie, wie der Titel marktschreierisch verspricht – dabei dürfte es sich um recht gut beobachtete und erstklassig dargestellte Durchschnittsverhältnisse handeln, das sind der Vater Don (Richard Jenkins), Mutter Sally (Margot Martindale), Söhne Ron (Sharlto Copley) und John (der Regisseur John Krasinski).

John ist verliebt und befreundet aber nicht verheiratet mit Rebecca und wohnt nicht in New York wie der Rest der Familie. Vater Don hat finanzielle Schwierigkeiten in seinem Geschäft und deshalb auch Sohn Ron entlassen. Dieser stalkt seine Ex Stacey (Ashley Dyke), die mit den beiden Töchterchen mit dem Pfarrer (Josh Groban) abgehauen ist. Aber Ron kann nicht von ihr lassen.

Das zentrale Malheur in der Familie ist der Tumor der Mutter, der schon seit einigen Jahren gewachsen sein muss, und die bevorstehende Operation. Diese führt die Familie am Krankenbett zusammen in Erwartung der Operation. Ein zackig-knapp sich ausdrückender Asiate als Arzt Dr. Fong (Radall Park) soll das Vertrauen in die Operation herstellen. Gleichzeitig erfährt Rebecca, dass sie nicht nur ein Kind, sondern Zwillinge erwartet.

Die Operation und die Folgen sind der Kulminationspunkt des Filmes, vor welchem die Familie vorsichtshalber die Patientin für ein „letztes Mahl“ in den Ausgang entführt. Vorsichtshalber stimmt die Familie schon mal den humoristischen Abschiedssong „I went to the doctor“ an.

Komödie als harte, menschliche Arbeit mit steter Konversation. Sie entwirft das Bild einer amerikanischen Mittelklasse, die sich im Spital ein schönes Einzelzimmer leisten kann. Die Musik nimmt die Haltung einer leicht dahersprudelnden Erzählung ein. Ein Tumorfilm ohne Bedröppeltheit aber mit Humor. Egal, was passiert, Bedröppeltheit ist nicht unser Ding. Nicht doch christlich?

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Antiimperialistische Poesie,

in dem Sinne, dass Nicolas Humbert, der Macher dieses Filmes, ganz unmacherhaft sich magisch angezogen fühlt von Stellen auf unserem Planeten, die nicht beherrscht und kontrolliert werden von der modernen Industrie- und Beherrschungswelt, vernachlässigte Ecken, Ruinen und was da wuchert, verkommene öffentliche Orte wie Rabatten zwischen Bäumen am Straßenrand.

Mit den ersten Bildern gibt uns Humbert zu verstehen, was ihn beschäftigt, was für ihn die Motivation ist zum Aufsuchen seiner Sehnsuchtsorte: ein Hund, der auf brüchigem Eis nur schwer vorwärtskommt, ein Baum, der gefällt wird, ein Vogelkücken in einer schützenden Hand. Es geht um die Natur, um Verletzlichkeit, um Brüchigkeit, um Schutz. Und daraus folgernd um die Suche nach Geborgenheit, Frieden, Ruhe. Also um einen Zwischenbereich, ein Zwischenreich zwischen industrialisierter Zivilisation 4.0 und der reinen, wilden Natur, in der brutaler Überlebenskampf herrscht. Es sind dies Bereiche einer ausfransenden Zivilisation im weitesten Sinne die Prärie eines Dakota-Indianers über ein zerfallendes Detroit, von dem die Natur (und ein wilder Gärtner) sich einiges zurückholen, oder nicht beachtete Straßenränder bis zur landwirtschaftlichen Kooperative bei Genf, die bei der Ernte auch mal die scherbelnde Internationale erklingen lässt.

Der Dakota-Indianer mit seiner Allharmonielehrer und dem Lied der Natur, der Rituale auf einem Friedhof durchführt; der amerikanische Gärtner in Detroit, der seine Lebensphilosophie des ewigen Kreislaufes am Kompost verdeutlichen kann und Äpfel und Früchte erntet, wo er sie findet, und Holz auf dem Friedhof klaut, die Kooperative bei Genf, die den Bezug zur Natur wiederherstellen möchte und das als Akt des Widerstandes sieht, der Anarcho-Gärtner in Zürich, der ganze Straßenzüge wild mit Malven bepflanzt und ein Samensammler ist; er sieht Pionierpflanzen als politische Gesinnungsgenossen, bei seiner Arbeit als Koch fällt so einiges ab an Samen.

Zwischen den Übergängen zu den Sehnsuchtsorten gibt es bildnerische Improvisationen. Humbert kann sich begeistern für eine schier endlose Parade weißer Blütenschirmchen vor dunklem Himmel, von chaotisch wirkendem Vogelflug oder von einem von den Scheinwerfern eines fahrenden Autos erleuchteten, leicht vernachlässigten Straßenbelag, von Blättern, die es über den Schnee fegt oder zerschlissenen Fahnen an einem Mast in Detroit, genauso wie ihn das Wort „Transform“ begeistern kann, das ein Kohlestift als Schraffur auf weißer Fläche hervorzaubert.

Humbert wirkt wie ein verträumter, versponnener Knabe, der einem Flugzeug oder einem Radfahrer in einsamer Straße hinterhersinniert, der als künstlerisches Zwischenspiel einen Eisenbahnzug dazwischenschneidet, der bei nächtlichem Gegenlicht zwischen den einzelnen Waggons einen kurzen Lichtstreifen aufblinken lässt. Er tritt in stummen Dialog mit einer Vogelfeder an einem verdorrten Halm, mit einem hilflosen Kücken in der Hand oder mit Regenwürmern in der Dreckhand oder wie viele Künstler mit dem verfallenden Detroit. Ihn törnen Philosophien des harmonischen Kreislaufes des Lebens an.

Humbert interessiert ein Zwischenraum, den der industrielle Mensch in der Natur gelassen hat; ihn interessiert nicht die reine Wildnis, sondern der Ort, wo die Natur sich vom Menschen etwas zurückholt, aber auch der Ort, dem der Mensch nach einer ganzheitlichen Philosophie der Natur als Pfleger und Gärtner etwas zu entlocken sucht.

Ein Film als Ausdruck der Suche nach Ruhe, Ausgeglichenheit, Einklang mit der Natur. „To be in peace and quiet“. Seine Protagonisten scheinen ausgeglichene Menschen zu sein und sehen gesund aus, ein wohltuender Nicht-Tumor- und Nicht-Kotz-Film. Die Musik ist zurückhaltend, geht auf das ein, was im Bild passiert, gelegentlich in Richtung eines leicht esotoerischen Techno-Jazzes tendierend. Die Photographie ist uneitel: die Kamera scheint wie magisch dem Interesse von Humbert zu folgen, dem was ihn berührt, was ihn beschäftigt ohne jeglichen Hinweis auf Photoehrgeiz. Der Vorrang gehört den Dingen, die sich wie autonom im Kreislauf der Natur bewegen, die da sind, ohne sich Privilegien oder Vorrechte herauszunehmen.

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Warum muss Töchterchen Stephanie (Zoey Deutch) von Ned Fleming (Bryan Cranston) ausgerechnet an Laird Mayhew (James Franco) geraten?

Die Titelfrage wird in diesem Film von John Hamburg, der mit John Hill und Ian Helfer auch das Drehbuch geschrieben hat, den ordentlichen Betreiber einer Druckerei zur Verzweiflung und am Schluss wohl auch zu neuen Erkenntnissen bringen.

Es hat durchaus mit seinem Charakter zu tun, dass er gar nicht mitkriegt, dass die Tochter, die in Kalifornien studiert, einen Freund hat, dass sie gar mit ihm zusammenlebt. Dad feiert im Kreise seiner Familie und seiner Angestellten den 55. Geburtstag. Der pfiffige 15-jährige Sohn Scott hält einen launigen Vortrag. Per Internettelefonie schaltet sich Töchterchen Stephanie zu. Ihr Freund taucht im Hintergrund auftaucht und zeigt der perplexen Familie den nackigen Hintern, so exzessiv und überdreht, wie nur ein James Franco es zustande bringt.

Das soll der Freund der Tochter sein, so eine ausgeflippte Type? Das ist erst der Anfang. Die industrielle, amerikanische Komödie, der industrielle amerikanische Familienfilm, Hochzeitsfilm, der versteht es ausgezeichnet, krasse Gegensätze aufeinanderprallen zu lassen.

Laird ist ein Nerd, hat ein eigenes Unternehmen, extravaganter ausgestattet als unsere Phantasie es dem Silicon Valley zutraut. Mit dieser Welt wird die Familie von Stephanie konfrontiert und entkommt ihr nicht; denn Stephanie lädt sie zu Besuch ein. Extreme prallen komödienwirksam aufeinander.

Laird macht sein Geld mit Viedospielen, dem Gorilla-Game. Klar, dass er sich mit Sohn Scotty schnell versteht. Während die Annäherung an den Vater Reibstoff bietet.

Ein Beispiel für die Ausstattung mit Kunst in der Villa, die offenbar Wohn- und Arbeitsort für Laird und teils auch die Mitarbeiter ist (wirkt wie eine Hippie-Kommune 4.0), ist eine wandgroße Installation, ein Moschusochse in einem Glaskasten, der mit dessen Urin gefüllt ist. Das zu vergagen kann eine professionelle Komödie nicht widerstehen. Das ist Komödienhandwerk: Dinge, die vorhanden sind, einzusetzen, sie auf ihre Komödientauglichkeit, auf ihr Sinnverdrehungsmöglichkeit, ihr Missverständnis- und Pannenmöglichkeit hin zu untersuchen und entsprechend anzuwenden.

Schön ist der Gegensatz der Druckerfamilie, deren Erwerb auf dem Bedrucken von Papier fußt, während die Laird-Villa radikal papierlos ist, nicht mal auf dem Klo gibt es welches (auch daraus wird eine ergiebige Sketchsequenz: „Hier lernen sie den Tesla der Toiletten kennen“ (bitte nicht näher darüber nachdenken) und statt Notizpapier gibt es die allgegenwärtige Automatenstimme von Justine, die sich alles merkt und notiert.

Bis die Komödie aus all dem Chaos herausfindet und wieder zu den Flemings zurück, da dauert es noch ein bisschen, da stockts zwischen den Gags, denn die Welten müssen zueinander finden – und irgendwie sind sie doch alle Menschen und sich so unähnlich nicht, wie die Lebensstile augenfällig vorgeben.

Die Darsteller bringen das mit Mordskomödienpower und dem entsprechenden Spaß auf die Leinwand. In der Laird-Welt ist wenig Zeit, hier wird ‚totally‘ mit ‚tods‘ abgekürzt. All die Anwendungen der modernen Welt in der Villa bis hin zum eigenen Molekularkoch sind wie eine Führung durch futuristisches Wohnen und Leben. Neuheit über Neuheit. Sensation über Sensation.

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Aus dem Zusammenprall von moderner Eventindustrie mit der Holocaustaufarbeitungsindustrie satirisches Potential zu schöpfen, das scheint anfänglich die Absicht dieses Filmes von Chris Kraus (Poll). Da eröffnen sich ungeahnte Minenfelder. Da ist kein Wort mehr frei von rassistischem Doppelsinn, da ist kein Sponsor aus der deutschen Industrie, der in diesem Zusammenhang keine betrübliche Geschichte aufzuweisen hätte.

Es geht um einen Auschwitz-Kongress, der von Professor Norkus (Rolf Hoppe) initiiert wurde, eine Kapazität der Holocaust-Forschung. Er erleidet den Tod in seinem Büro, wie seine beiden Mitarbeiter Toto (Lars Eidinger) und Balthasar (Jan Josef Liefers) handgreiflich werden und sich schlägern.

Dem Film beschert dieser Zwischenfall einige hübsche Bilder von Liefers mit Zahnspange und eingebundenem Kopf, einen herrenlosen Hund und ein Problem für den Kongress. Denn die Hauptholocaustzeugin Tara Rubinstein (Sigrid Marquardt) ist auf Professor Norkus fixiert. Konfrontiert mit Toto fängt sie an, Schwierigkeiten zu machen. Auch diese Begegnung artet in ein argumentatives Minenfeld aus.

Die Schauspieler absolvieren diesen Teil des Filmes mit brillantem Komödienpower, sie geben zu verstehen, dass sie dieses Handwerk erstklassig beherrschen; das lässt uns etwas vom Könnens-Rausch junger deutscher Filmleute erahnen, in dem sie sich zu befinden scheinen (und über die Schlägerei schweigen wir uns aus).

Damit ist aber erst etwa ein Drittel des über zweistündigen Filmes durchgestanden. Und es scheint, als habe Chris Kraus damit das Satirepotential aus dem eingangs geschilderten Konflikt ausgeschöpft. Was mit dem Rest anfangen?

Es gibt da eine Option, die Regisseur und Drehbuchautor wohlweislich eingeführt haben, es ist Zazie, Adèle Haenel, die uns schon in Liebe auf den ersten Schlag imponiert hat. Sie taucht mitten in diese Kongressvorbereitung als Praktikantin auf und wird Toto zugeteilt.

Um den Rest des Filmes aber zu verstehen, sollte man vielleicht versuchen, die Rolle von Lars Eidinger, Toto, nachzuvollziehen. Das erweist sich als kein leichtes Unterfangen. Von ihm ist zu erfahren, dass er aus einer strammen Nazidynastie stammt, die offenbar auch noch Jahrzehnte und Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg die völkische Ideologie verinnerlicht hat und vertritt.

Jedenfalls scheint Toto noch mit 17 „Juden gerochen“ und sich überhaupt als voller Neonazi aufgeführt zu haben. Das werden wir sehr spät erst von seinem Bruder, der im Knast hockt, erfahren.

Es stellen sich zwei Fragen: wieso diese Lebensphase von ihm ein Geheimnis ist, wieso offenbar nur sein Bruder und sein Kollege Balthasar das wissen. Zweitens würde man schon gerne nachvollziehen, wie es zum Bruch mit dieser Ideologie kam, ob lautstark oder leise, ob öffentlich oder privat. Und wieso er ausgerechnet in der Holocaustforschung gelandet ist (nebenbei wird ihm noch eine Familie zugeschrieben, eine Frau und wegen Unfruchtbarkeit ein Adoptivmädchen mit dunkler Hautfarbe). Denn wenn er ein lautstark Bekehrter gewesen wäre, dann hätte er das ja als Qualitätsmerkmal herausstellen müssen, vom Nazi zum Naziforscher mutiert zu sein. Wenn nicht, dann ist schon fragwürdig, wieso er ausgerechnet diesen Job gesucht hat, wo er doch damit rechnen muss, dass im Institut von Professor Norkus auch seine Familie zu finden sei; und wenn ja, warum er sich, im Falle der Heimlichkeit, das nicht gezielt gemacht hat, um die Unterlagen über seine Familie zu vernichten.

Diese Unklarheit mag dazu führen, dass Eidinger den Forscher übelgelaunt anlegt, äußerst theatral, wodurch alle Leute wieder sagen können, was für ein guter Schauspieler er sei; und es dann offenbar egal ist, was für eine Rolle er spielt. Allerdings verflüchtigt sich dieser Duktus zusehends durch das Zusammentreffen mit Zazie. Da blutet die Holocaust-Farce plötzlich aus, schickt die beiden nach Riga (Farce, Satire hin oder her, ein paar ernsthafte Bilder von Holocaust-Gedenkstätten gehören in so einen Film, sonst würden die vielfältigen Förderer nicht mitmachen) und mutet uns ein merkwürdiges Liebesmelodram, was zum Qualodram mit AIDS-Witzen wird, zu, in welchem der Eisprung nach dem Geschlechtsverkehr mit einem Unfruchtbaren zu hören ist.

Vorschlag zur Güte: zeichnen wir diesen Film mit allen möglichen Filmpreisen aus, loben wir die Darsteller, so zeigen wir, dass wir uns der Ernsthaftigkeit des Themas bewusst sind und uns aber gleichzeitig davon entbinden, uns weiter und eingehender damit zu beschäftigen, den themenbedingten Obulus pflichtschuldigst abgedrückt. Eine weitere, kuriose Blüte für das Museum der deutschen Holocoaustaufarbeitungs-Filmindustrie.

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Das können die Engländer, eine rührende Geschichte dick rührend erzählen, nahrhaft wie ein Plumpudding, ohne auch nur eine Sekunde ins Rührselige oder in den Kitsch abzugleiten.

Der hier diese Gefühlszügel meisterhaft in der Hand hält, das ist der Regisseur Roger Spottiswoode, der ein Drehbuch von Garry Jenkins und James Mowen zur Umsetzung hatte.

Es ist die wahre Geschichte eines ehemals Drogensüchtigen und wie er dank der Beziehung zum Kater Bob den gefährlichen Seilmarsch bis zur Befreiung auch vom Methadon geschafft hat. Seine Geschichte hat er als Buch veröffentlicht „ A Street Cat named Bob“. Es wurde ein Bestseller. Ein Youtube-Clip hat schnell die Million Aufrufe geknackt hat.

Soziodram mit glücklichem Ausgang zur spannenden Filmstory gebürstet. Wie einer aus den sozialen Netzen fällt, das Scheitern der Ehe der Eltern dürfte der Anlass gewesen sein. James wird Straßenmusiker, landet im Drogenmilieu, ist obdachlos; der Film schildert das so realistisch, dass man mit dem Darsteller von James, Luke Treadaway, richtiggehend aufatmet, wie er im Gegenzug zum Einstieg in ein Methadonprogramm eine Wohnung zugewiesen bekommt und es kaum fassen kann, dass er fließend heißes Wasser hat.

Ohne dass er es sich versieht, hat er einen Mitbewohner, den Kater Bob, wie er bald genannt wird, einen Streuner. Aus Verlegenheit nimmt James ihn mit zu seinen Straßenmusikauftritten mit seiner Gitarre. Ab dem Moment tritt der Erfolg ein. Die Leute freuen sich über den Sänger mit der Katze auf den Schultern. Er kann jetzt anständig einkaufen für sich.

Allerdings ist er nicht weit von seinem Drogenmilieu entfernt; der Rückfall droht ständig und die strengen Auflagen des Programms sind eine extreme Herausforderung.

Ein positives Element stellt die Entwicklung der Beziehung zur Nachbarin Baz, Darren Evans, einer Hundewalkerin dar; aber auch hier gibt es Fallen. Hinzu kommt eine Begegnung mit dem Vater, dessen neue Frau nichts von dem Drogensüchtling wissen will.

In England haben sie die Tradition, die Filmkultur und auch das nötige Personal dazu, solche Geschichten, Soziodramen, überzeugend rüberzubringen; selbst wenn am Schluss der Original-James Bowen zu sehen ist, Luke Treadaway braucht sich keinesfalls verstecken, der transportiert die Geschichte fabelhaft und mit ihm alle Figuren um ihn herum.

Der Film wirft ein grelles Schlaglicht auf ein gewaltiges soziales Problem, ähnlich wie Ich Daniel Blake von Ken Loach.

Es gibt zu denken, wenn man sieht, wie enorm schwer es ist, aus einem Suchtkreislauf hinauszukommen trotz aller staatlichen Bemühung von Methadonprogrammen über den Verkauf von der Zeitschrift „The Big Issue“ und wie einer über seinen Schatten springen muss, wenn er auch aus der Methadonschlaufe herausfinden will; wie außerdem einiges an Glück dazukommen muss, damit das gelingt.

Soziodram, das zu Soziohappiness führt.
Nie kitschig, nur folgerichtig – und ein bisschen Glück gehabt.

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Zum Steinerweichen,

das ist nicht zynisch gemeint. Das Herz und die Liebe zur Kunst, in diesem Falle zum Tanz, können Menschen, die fast schon zu Stein geworden sind, erweichen. Das ist die Moral von diesem animierten Märchen von Eric Summer und Éric Warin nach dem Buch von Carol Noble, Eric Summer und Laurent Zeitoun.

Es ist eine Art Aschenputtel-Geschichte. Zwei Kinder leben in einem traurigen, abweisenden, schlossartigen Gemäuer von Waisenhaus in der Bretagne, Félicie und Victor. Sie haben höhere Träume. Félicie träumt vom Tanz und Victor davon, ein Erfinder zu werden, er möchte einen Flugapparat konstruieren.

Die versteinertste Figur im Waisenhaus ist eine Nonne, der ist wohl nicht mehr zu helfen. Aber der Hausmeister hat noch ein Herz, das sich nach Anläufen bewegen lässt. Mit seiner Hilfe fliehen Victor und Félicie nach Paris. So eine Flucht ist eine turbulente Angelegenheit und bietet schöne Möglichkeiten für die Phantasie der Figur- und Gagentwerfer.

In Paris sind die beiden erst verloren und verlieren sich. Aber ihre Instinkte führen sie zu ihren Zielen. Félicie findet die Oper, kann verstohlen einen Blick auf die Primaballerina werfen. Victor wird im Büro des Erbauers des Eiffelturmes arbeiten. Denn dieses Wahrzeichen ist gerade im Aufbau begriffen.

Eine weitere historische Referenz ist die probehalber aufgebaute ‚Freizeitsttatue‘, die auf ihren Transport nach New York wartet.

In der Oper stolpert Félicie auf Odette. Auch sie ist eine versteinerte Figur, die am Stock geht und für eine reiche Familie Magddienste leistet. Ihr ist ein schweres Schicksal und dass sie schönere Zeiten erlebt hatte, anzusehen; sie ist einer der erweichbaren Figuren.

Während ihre Herrin eine dieser klischeehaft extrem auf Böse gestylten Märchenfiguren im Spekturm der Hexe ist. Sie trimmt ihr Kind Camille wie eine Eis- oder Rabenmutter zum Ballett. Camille will deshalb zum Ballett der Oper.

Sie wird mit Félicie, die es mit Glück und List und etwas Betrug zum Vortanzen schafft, bald um die Hauptrolle im Nussknacker kämpfen. Das Tanzduell der beiden wird der Höhepunkt sein in diesem tendenziell, vor allem auch durch die Musik, eher süßlichen Film.

Die animierten Tanzbewegungen sind ein Traum von Gechmeidigkeit und wenn die Zeichner eine Tänzerin oder einen Tänzer beim Sprung in die Luft verlangsamen und schier stehen lassen, dann dürfte das Herz eines jeden Tanzfans höher schlagen.

Die englische Sprachspur in der Originalversion ist attraktiv und wonnevoll.

Was ist ein tänzerischer Rohdiamant? Hat ein Gewicht wie ein Geschoss und die Depressivität eines Elefanten – das ist schön zu sehen bei einer Übung im Garten: von einer Pfütze aus soll Félicie ein Glöcklein an einem Ast hoch in der Luft mit einem Sprung zum Klingen bringen: beim Landen darf kein einziger Tropfen Wasser spritzen. Das ist tänzerische Leichtigkeit. Die wohnt dem Film inne.

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Kinozauber.

Entstanden aus der Bewunderung fürs Kino, für den Tanz, für die Musik, für den Rhythmus und getragen vom Flow der Liebe und dem Rhyhtmus und dem Tanz und der Musik und der Begeisterung fürs Kino beschehrt uns Damien Chazelle eine beglückende Hommage an das Kino, die Liebe und das Künstlertum.

Mit leichter Hand bedient er sich, ohne sie zu verleugnen, bei seinen Vorbildern. Godards stehende Autoschlange wird ungefragt auf eine Autobahnbrücke verlegt und gleich schießt Demy die Idee des Tanzes dazu, auf den Autos wird wild getanzt und später wird das Liebespaar Sebastian und Mia aus dem Kino heraus gleich zum Planetarium aus dem James-Dean-Film fahren, den sie eben noch angeschaut haben.

Das erste Mal funkt es bei den Beiden schon bei der rhythmischen Autobahnbrückensession; Sebastian (Ryan Gosling) hupt, weil Mia (Emma Stone) trödelt; er überholt sie und sie zeigt ihm den Stinkefinger.

Das Schicksal wird die Wege der beiden bald wieder kreuzen lassen. Sie ist eine junge Schauspielerin, hangelt sich von Casting zu Casting und wohnt in einem Dreimädelhaus; er ist Pianist, träumt von Jazz, signalisiert Kulturanspruch auch mit seiner abschätzigen Bemerkung über Hollywoodstudioprodukte als „bitchikaka“. Jazz ist für ihn die wahre Kunst, sie ist begründet in Konflikt und Kompromiss und ist jedes Mal neu.

Diese Intention atmet der Film durchaus; er wird sogar bitterböse zum Schluss die Protagonistin als schier erstarrte Hollywood-Göttin abfilmen, wie sie im Jazzclub sitzt. Das ist der Drüberstreuer 5 Jahre nach der Jahreszeitenstory der Beziehung zwischen Sebastian, der Seb’s Club gründen möchte und Mia, deren Ziel überbrückenderweise ein Ein-Frau-Theaterstück ist.

Auch die Diskussion Kunst versus Brot findet ihren Niederschlag. Seb kann bei einem Routine-Jazz-Orchester einen Jahresvertrag erhalten. Das aber wird ihn von Mia entfernen. Denn Musiktourneen können aufreibend sein (das hat zuletzt der Beatles-Film gezeigt) und zwischen dem Reisen müssen neue Titel aufgenommen werden.

So verpasst denn Seb die Premiere von Mias Stück mit überschaubarem Publikum und das heizt auch nicht so richtig zum Applaus an. Hier findet die Trennung statt. Wobei für Mia noch eine positive Wendung eintritt vor dem 5-Jahres-Filmschnitt gegen Schluss.

Es wird viel getanzt und gesungen, schöner Jazz geboten; Gosling und Stone sind ein wunderbares Tanzpaar, gerade weil sie sich auf das bescheiden, was sie können, aber das sitzt und ist schön zum Zuschauen genau so wie ihre kurzen Gesangskostproben es zum Zuhören sind.

Chazelle verliert nie den Flow seiner Geschichte und des ihn antreibenden Rhythmus aus den Augen, überrascht mit unerwarteten Schnitten und Schwarzbildern lange bevor der Zuschauer das Gefühl von Länge empfindet.

Besonders Emma Stone brilliert nicht nur bei vielen Castingszenen, wobei die mit dem Gesang schon ein Höhepunkt für sich ist, sondern generell schüttet sie großzügig das Füllhorn ihrer Gefühlsempfindungen über ihr Gesicht aus; während Gosling Momente hat, wo er an die Haltung eines Peter Sellers erinnert; mehr Komödiant als bierernster Mime; das kommt gut; besonders komisch das Fotoshooting für die Band, er mit Baseballemütze und Sonnenbrille vor dem Elektropiano, kurzes Highlight wie ein Wetterleuchten am Horizont, er der sich eben noch als „Phönix aus der Asche“ charakterisiert hat; auch saukomisch, wenn er mit der Feuerwehrjacke, wie Mia sie nennt, und dem Umhängepiano in einer Band spielt.

Chazelle bietet seinen Film nostalgisch in Cinemascope, so dass der Zuschauer sich wie in einem Lehnstuhl wohlig leicht zurückgekippt vorkommt, aber keineswegs klein, sondern auf Vertrauen erweckender Augenhöhe mit den Stars.

Der Film atmet Liebe zum Kino, zur Musik, zum Tanz, zu schönen Bildern ist auch heute zu zeigen unbeschwert möglich, ohne von den Vorbildern erdrückt zu werden. Man kann ja, statt sich zu einem Date verarbreden, sich zum „research“ treffen. Dazu eine geschickt eingebaute Tesla-Werbung kurz vom klassischen Filmriss…

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