Archiv für 5. Januar 2017

Mit bemerkenswerten Filmen fängt das Jahr 2017 an. Mit Profidieben in britisch-japanischer Architektur in Südkorea, mit einer Hauserkundung in Vietnam, mit einem Franzosen, der in London gleich schnell Papa wie Stuntman wird, mit einer SpaceRomCom in einer Schrottlaube von Raumschiff, mit einem Finnen, dem eine Frau Weltmeisterambitionen gefährdet und mit einem erfolgreichen Designer in New York, der für die kinematographische Suche nach dem Glück nicht geboren ist.

DIE TASCHENDIEBIN
Die Lüge ist erst perfekt, wenn sie als nicht hinterfragbare Wahrheit genommen wird.

EIN HAUS IN NINH HOA
Wie in einem Brennglas konzentriert sich in diesem herrschaftlichen Haus an der Küste Vietnams die Geschichte von Krieg und Emigration.

PLÖTZLICH PAPA! – DEMAIN TOUT COMMENCE
Vom Loslassenkönnen als einer elementaren Lektion.

PASSENGERS
Zwischenfall in der Zukunft: ein Passagier wacht auf einem 120 Jahre dauernden Raumflug zu einer Kolonie zu früh aus dem künstlichen Tiefschlaf auf.

DER GLÜCKLICHSTE TAG IM LEBEN DES OLLI MÄKI
Kann Liebe karriereschädigend sein?

THE HAPPY FILM
Lassen sich Glück und Design im Kino vereinbaren?

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Von besonderem Interesse.

Zwischen den Antipoden unseres eingeschränkten Vietnambildes von ‚Apocalypse Now‘ einerseits, dem monumentalen, filmischen Mahnmal zum Vietnam-Krieg und ‚dem Vietnamesen‘ an der Ecke mit dem schnellen Reisgericht andererseits erweitert Philip Widmann, der mit dem Protagonisten Nguyen Phuong-Dan auch das Drehbuch geschrieben hat, unseren Vietnamhorizont mit der eingehenden Betrachtung des Hauses der Familie von Phuong in Ninh Hoa.

Phuong lebt seit 42 Jahren in Deutschland. Er möchte sich seines Bildes von Vietnam als Auslandsvietnamese vergewissern, denn er ist sich nicht sicher, ob seine im Ausland geprägte Vorstellung seines Heimatlandes mit den realen Begebenheiten in Einklang zu bringen ist.

Phuong kehrt mit dem Dokumentaristen Philip Widman zur Familie und dem Familiensitz in Ninh Hoa, das am Meer liegt, zurück. Es ist ein Drei-Generationen-Haus, herrschaftlich in Ausstattung und Ausmaß. Es wird bewohnt von der Oma, 92 Jahre, von drei Geschwistern, zwei ledige Schwestern, ein verheirateter Bruder, dessen Frau und der Sohn, der studiert bereits in Hanoi. Der vordere Teil ist der repräsentable; im hinteren Teil und daran anschließend wird eine bescheidene Landwirtschaft betrieben, Hühner, Obst, ein Reisfeld; die beiden Schwestern betreiben auch etwas Handel.

Ein Anlass für die Reise in die Heimat ist die Suche nach den sterblichen Überresten von Ham, dem Onkel von Phuong, der im Vietnam-Krieg verschollen ist. Dadurch landet Phuong mitten in der lebendigen Tradition des Engagierens eines Mediums, das behauptet, mit den Geistern der Verstorbenen der Familie in Kontakt treten zu können. Eine ernsthafte Angelegenheit, die Geld kostet. Uns ermöglicht das einen Einblick in die Wichtigkeit von Schamanen, Medien und Geistern in Vietnam.

Aus Deutschland trifft auch eine Nichte ein, ganz in Weiß gekleidet, die ein Hausteil hat anbauen lassen und das vermieten möchte.

Der Krieg hat seine Spuren hinterlassen. Aber man muss ihn vergessen können. Zwischen den Ausgewanderten und den Daheimgebliebenen herrschte reger Briefwechsel.

Diese Erkundung ist vielleicht deshalb so eindrücklich, nicht nur weil sie voller Geheimnisse und Andeutungen bleibt und manchen Bezug erst am Schluss klar macht, sondern auch, weil der Dokumentarist die Position des forschenden Betrachters Phuong einnimmt, der Gebäudeteile, Gebäudeansichten auf sich wirken lässt, der mal nur auf dem Bett liegt und sinniert, der den Zuschauer selbst betrachten und nachdenken, Fäden spinnen, Details entdecken lässt und ihn nicht gängelt mit der unsäglichen Mäuschen-Methode (wie besonders häufig bei Abgängern von der HFF-München zu beobachten): sich erst ins Vertrauen der Protagonisten einschleichen, dann dabei sein und die Kamera drauf halten, um anschließend das Material irgendwie zu verwursten und zu verwerten – das ist hier nicht der Fall.

Hier gibt es Hausansichten und solche von tätigen Hausbewohnern und dazu ist der Verkehrslärm zu hören der Hauptstraße, die vorneheraus vorbeiführt und offenbar eine ewige Baustelle ist. Überhaupt scheint die Tonspur vor allem aus O-Tönen zu bestehen; gesprochen wird vietnamesisch; das ist mit gut lesbaren, deutschen Untertiteln versehen.

Eine unaufdringliche Doku, die zwischen den eingangs erwähnten Antipoden vereinfachender Vietnam-Pauschal-Bilder ein subtiles Gemälde voller Geheimnis und Unausgesprochenem entstehen lässt.

Zum Geld scheinen die Vietnamesen ein lockeres Verhältnis zu haben, das lässt eine Geldverbrenn-Opfer-Szene vermuten. Aber eine Regenjacke, in die leicht hineinzuschlüpfen ist und mit Kapuze dazu, die wird von der 92-jährigen Oma mit Dankbarkeit als Geschenk aus Deutschland angenommen. Der Film kann auch gelesen werden als ein mildernder Beitrag zur aus dem Ruder laufenden Migrationsdebatte. Trotzdem verliert Vietnam nach diesem Film sein Geheimnis nicht.

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Der Glühwein und die Weihnachtsplätzchen, die zur Pressevorführung gereicht worden sind, haben diese SpaceRomCom doch recht erträglich gemacht.

Raumschiff Avalon ist mit 5000 in Tiefschlaf versetzten Passagieren auf einer 120 Jahre langen Reise zur Kolonie Homested 2. Eine Kollision mit Raumbrocken beschädigt die auf Automatik eingestellte Raumfähre. Dieser Schaden lässt James Preston (Christ Pratt) aufwachen. Er irrt durch die gigantischen Dimensionen der Räumlichkeiten von Avalon. Kein Mensch da. Nur in der Bar ist der Barmann Arthur (Michael Sheen). Der ist ein Androide.

Der Autor Jon Spaihts (Dr. Strange und
Prometheus – Dunkle Zeichen) exponiert die Geschichte und die weiteren Schritte ruhig und klar. Nach einem Jahr Raumschiffrobinsonade versucht Jim, eine Passagierin, Aurora (Jennifer Lawrence), aus dem künstlichen Tiefschlaf aufzuwecken. Die Romanz kann sich anbahnen. Der Regisseur ist Morten Tyldum (The Imitation Game, Prometheus – Dunkle Zeichen). Er inszeniert den romantischen Stoff wie ein Kammerspiel, auch die Musik ist verhalten. Die Szenen an der Bar erinnern von der Stimmung her an Edward Hoppers „Nighthhawks“. Melancholie auf der Tonspur stimmt auf die Romanze ein.

Eine Situation, die an andere Weltallfilme erinnert: Gravity, in dem es um Existenzielles und atemberaubende Aufnahmen freischwebend im All geht, hier 3D bewusst als Thrill für die Wahrnehmung eingesetzt, was vom aktuellen Film weniger behauptet werden kann. Hier wirkt 3D verdüsternd. Seitenblick auch auf die japanische Fantasie The Whispering Star von der Frau, die als Gepäckbotin im All unterwegs ist, wobei es sich dabei eher um eine Reflexion auf das Atomunglück von Fukushima handelt.

Hier nun scheint der Autor von der schnell gezündeten Idee RomCom im All zu leichtfertig begeistert gewesen zu sein und wusste dann nicht mehr weiter, hat sich offenbar auch nicht allzu sehr in die technischen Details vertieft, solche aber immer wieder verwendet, zB eine herausgerissene Tür als Strahlenschutz; so dass die Geschichte zusehends den Eindruck einer liebevollen Schwärmerei, mit vielen schönen Momenten erweckt. Den Schauspielern schaut man gerne zu. Als weiterer Akteur schließt sich ihnen Gus Mancuso (Laurence Fishburne) an; allerdings erleidet er bald einen nicht ganz erklärlichen Tod.

Mitten in der RomCom verliert sich allerdings der Storydrive; und damit sich der Autor im All; so erfindet er Pannen und Unglücke, es gibt eine Krise zwischen Aurora und Jim, wie Arthur ausplaudert, dass Jim sie aufgeweckt habe und sie ihn deshalb für einen Mörder hält, dabei will er ihr immer schon einen Ring überreichen; auch das eine Kleinkleinaktion, die in merkwürdigem Gegensatz zu den Dimensionen des Alls und seiner Geschichten steht. Es vertüdelt sich; lässt aber viel Raum zum Philosophieren über eine technik- und robotermäßig hochgerüstete Welt bei gleichzeitiger Verlorenheit des Menschen.

Was generell in solchen Filmen reizvoll ist, das offenbare Must, den Gegensatz zwischen hochtechnisierter-computerisierter-roboterisierter und Hologramm-Welt einerseits, auch der Selbstreparaturfähigkeit und andererseits, mit welch primitiven Mitteln, wie einem Hammer, gearbeitet wird (auch zu beobachten in Der Marsianer und das Klebeband). Oder Unhandlichkeiten: Küssversuch im Raumanzug oder Effekte des Gravitiy-Zusammenbruchs. Oder wie trotz Robotern und moderner Kommunikation die beiden sich noch Briefe schreiben, die von kleinen, automatisierten Wanzen wie automatischen Staubsaugern von Robotern, die am Boden herumsausen und Krümel fressen, weitergegegben werden; die Macher scheinen sich in solch entzückende Details verliebt und dadurch die Gesamtstory aus den Augen verloren zu haben.

Nebenbei gibt es einen Hinweis auf die Größe des Geschäftes mit solchen Raumfähren, die Menschen in ferne Kolonien (der Blick auf Homested 2 bestätigt es: paradiesische Kolonien) transportiert.

Es gibt die frühe Phase der Robinsonade, wie Jim allein ist und sein Bart immer länger wächst.

Der Film ist voller reizvoller Sujets nebst den Blicken aus dem Raumschiff in das Weltall hinaus, genauso die Inneneinrichtung, der Pool; die Klassenunterschiede bei der automatisierten Essens- oder Kaffeeausgabe; die Autorin fährt mit Goldcard, der Techniker Jim quasi Holzklasse; allerdings scheinen die Bewohner recht prüde zu sein, wie Schwimm- und Liebesszenen zeigen; aber das hat vielleicht mehr mit dem Thema Altersfreigabe zu tun.

Dann wieder der Eindruck einer Schrottlaube von Raumschiff, das sich geheimnisvoll selbst wieder fixt. Irgendwie halt.

Ce sont les details, qui font la salade.

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Wahrheit ist, was nicht weiter hinterfragt wird, was offensichtlich ist. Das ist die beste Lüge, die sich so unverdächtig als Wahrheit geriert.

Auf solche Wahrheitsdarstellung spezialisiert ist ein koreanischer Clan. Einer ihrer Exponenten nennt sich Graf Fujiware (Ha Jung-woo). Sein Plan ist es, die junge Sookee (Kim Tae-ri) bei einem reichen Japaner unterzubringen. Dieser residiert in einer Villa auf einem Grundstück, bei dem vom Tor bis zum Hauseingang mit dem Auto noch mehrere Minuten zu fahren sind. Er beherbergt in seinem Anwesen eine äußerst kostbare Bibliothek. Besitzerin ist seine Nichte Lady Hideko (Kim Min-hee), eine zurückhaltende, verschlossene Erbin, die das Anwesen noch nie verlassen hat.

Die Absicht des falschen japanischen Grafen ist es, Sookee aus seinem Clan als Dienerin von Hideko unterzubringen und dann selbst als Mallehrer aufzutreten, um sich an sie ranzumachen, sie zu heiraten, sie in eine Irrenanstalt einzuliefern und sich an dem Vermögen gütlich zu tun. Sookee soll Hideko in dieser Richtung bearbeiten, soll deren Gefühle ausspionieren.

Diesen Sachverhalt schildert Park Chan-Wook (Stoker – Die Unschuld endet), der mit Chung Seo-kyung auch das Drehbuch nach dem Bestseller der britischen Autorin Sarah Waters geschrieben hat, in aller Ausführlichkeit, fast plan möchte man sagen, man sucht ständig nach einem doppelten Boden, nach einem Hintersinn – wobei der doch so offensichtlich ist.

Bewusst nimmt sich Park Chan-Wook Zeit für schöne Details aus diesem reichen Anwesen, schildert die Entscheidung im koreanischen Clan für Sookee – und nicht für eine ihrer Schwestern – die Fahrt zum Anwesen, die Ankunft, die Einführung in den Job, die Annäherung von Dienerin und Herrin, die weit über Förmlichkeiten hinausgeht, ja die geradezu den Plan des Grafen zu gefährden droht.

Er schildert ausführlich die Bibliothek, die Innenräume, das Schloss, das – in Korea – in gemischtem Stil gebaut wurde, eine Rarität, mit einem britisch anmutenden Flügel und einem japanischen. Extensives Genusskino.

Park Chan-Wook stilisiert Landschaft und Bäume in Richtung romantischer Gemälde. Wir erfahren, dass Hideko potentiellen Käufern der kostbaren Bücher aus den erotischen Bänden vorlesen müsse, um die Preise in die Höhe zu treiben.

Wir erleben Sookee, die ab und an fast patzt oder wie der Graf versucht, sie zur Raison zu bringen, sie an ihren Job zu erinnern. Doch der Plan funktioniert bei allen Stolperstellen. Wir erleben, wie der Graf, Hideko und Sookee nach Japan fahren, dort eine Hochzeitszeremonie durchführen. Alles funktioniert bestens. Alles nach Plan.

Nur – das war erst Teil I dieses Ganoventhrillers. In Teil II und III beschleunigt die spannender und erotischer werdende Geschichte deutlich, aus der hier aber grad gar nichts weiter ausgeplaudert werden soll.

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Der deutsche Titel ist eine Irreführung. Er lässt ein Klamotte vermuten, dass ein Mann sich plötzlich mit einem eigenen Kind konfrontiert sieht und dann alle Klischees vom unbeholfenen Papa durchdekliniert werden.

Protagonist Omar Sy als Samuel sieht sich zwar dieser Situation ausgesetzt und die ersten Szenen scheinen das durch den deutschen Titel bedingte Vorurteil zu bestätigen.

Doch der französische Titel heißt „demain tout commence“, in etwa, morgen geht das Leben an, und lässt doch auf eine tiefere Dimension von Autor Eurenio Derbez + 8 (wobei möglicherweise so viele Drehbuchköche etwas den Brei verdorben haben könnten) in der Regie von Hugo Gélin (Portugal, mon amour) schließen.

Die kleine Rahmenstory bestätigt das: ein Vater steht mit seinem etwa 8-jährigen Sohn am Rande der Falaises und verlangt von ihm, zu springen. Dann entfernt sich der Vater.

Zeitsprung. Sonne, Meer, Sommer, Yachten, der Bub ist jetzt der erwachsene, gut aussehende Samuel in der Personifizierung durch Omar Sy. Ein Lotterleben führt er als Yachtkapitän, um verwöhntes Volk und attraktive junge Frauen auf dem Meer herumzukutschieren.

Seine Chefin ist unzufrieden mit ihm, seine Kundinnen sind umso zufriedener, wenn der Trip seine Fortsetzung in Clubs und Bars findet und Samuel morgens im Bett zwischen zwei Blondinen aufwacht.

Es folgt der Klamottenmoment: eine Frau mit einem Baby im Arm steht auf dem Bootssteg, drückt Samuel das Baby und eine Tasche in die Hand und verlangt von ihm 20 Euro für die Taxe. Verdattert macht Samuel das mit, er sei der Vater, behauptet Kristin (Clémence Poésy) und sitzt schon in der Taxe Richtung Flughafen.

Man stellt sich jetzt auf den Fortgang in Frankreich am Meer ein, wie Samuel versucht, Lotterleben und Kind in Einklang zu bringen. Die Erwartung unterläuft der Film. Samuel hat mitgekriegt, dass Kristin nach London zurückfliegt. Er kann kein Englisch. Schon sitzt er selber im Flieger. Und kommt nicht zurecht in London.

In der U-Bahn wird er von Bernie (Antoine Bertrand legt die Rolle dieses Filmproduzenten grenzenlos schwul an) angemacht, vergisst das Kind, es ist wirklich eine beachtliche Stuntszene, die folgt, wie er über die ellenlangen Rolltreppen und Zwischengländer nach unten hechtet.

Damit ist die Schiene für eine längere Phase des Glücks im Film gelegt. An Details, wie alles genau zustande kommt, halten sich die Filmemacher nicht auf, einmal kurz geblinzelt und Samuel wohnt bei Bernie, ist von diesem als Stuntman engagiert worden, beherrscht das Metier auf Anhieb, ist gefragt und sein Töchterchen ist 8 Jahre alt.

Samuel kümmert sich liebend aber disziplinlos um sie, während sie ihm bei Sprachproblemen hilft. Er lügt ihr in langen Mails vor, die Mutter arbeite beim Geheimdienst und werde überall auf der Welt eingesetzt. Lügen, die bestens funktionieren, bis die Mutter auftaucht und Anspruch auf das Kind erhebt. Sie, die damals nicht damit zurechtkam.

Jetzt dreht die heiter-sorglos-lustig-helle Geschichte (obzwar in London) in ernstere Gefilde, in Richtung Melodram bis zur Austragung des Konfliktes vor Gericht. Wobei die Verhandlung Individualität aufweist.

Die Geschichte wirkt skizzenhaft entworfen – oder vielleicht nach wahren Begebenheiten nacherzählt. Denn den tieferen Grund für die Erkenntnis der Wichtigkeit des Loslassens, einer für Stuntmen elementaren Eigenschaft, das Genießens des Augenblicks, diese Einsicht erfahren wir erst ganz zuletzt. Getragen wird der Film vom fabelhaften Duo Omar Sy und seiner nicht weniger fabelhaften 8-jährigen Filmtochter Gloria.

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Erfolgreicher Designer auf selbstdokumentarischer Glückssuche.

Er ist ein begabter Formen- und Buchstabenspieler, ein Designer; er macht Objekte und Performances, die Sätze zum Thema Glück als dekorative Texte illustrieren. Er kommt aus geborgenem Elternhaus, ist Konflikte nicht gewohnt und weicht ihnen aus. Er ist erfolgreich in New York, heimst Preise ein, hält Vorträge. Er kann Frauen haben. Aber er heiratet nicht. Er scheint ein Egomane, ein Egoist, ein Egozentriker zu sein.

So legt Stefan Sagmeister als Protagonist und Regisseur auch seinen Film an, mithilfe eines Koregisseurs, Ben Nabors. Er will sich selber und sein Glück peinlich genau beobachten. Vielleicht ist ja gerade seine Unfähigkeit zu partnerschaftlichem Glück seine Design-Stärke, seine Fähigkeit zu systematisieren gegen das fehlende Einfühlungsvermögen. Vielleicht belegt der Film nur diese Diskrepanz. Dass er alles immer im Modus des Designs lösen will.

Seine zu Beginn gefasste Idee ist die mit den Tausenden von Luftballons, die ihn in die Höhe tragen sollen und auf denen das Wort Ende geschrieben steht. Es wird von ihm nur ein entsetzliches Zappeln zu sehen sein. So wie dieser Film. Den hat er vom unbekannten Ende her gedacht, graphisch, dass sich inhaltlich so gar nichts tut, wäre da vielleicht einem Psychologen schon ablesbar gewesen.

Jedenfalls hat es Jahre gedauert, bis es soweit war. Ein Ko-Regisseur Ben Nabors ist inzwischen an einer schweren Krankheit gestorben. Auch diese Trauerfeier muss in den Film und die betroffenen Gesichter dazu.

Außerdem verspricht Sagmeister im Anspann, einen unangenehmen Film zu machen; es ist auch unangenehm, in so eine Ego-eitle-Psyche Einblick zu erhalten. Da tut sich gar nichts. Warum ist er nicht zufrieden, wo er doch so erfolgreich ist? Will er nicht akzeptieren, dass er allein ist?

Das sind nicht die Fragen, die die Therapeuten, zu denen er geht, ihm stellen.

Er kapitelt drei Punkte, die er auf dem Weg seiner Glückssuche durchgeht. Erst meditiert er in exotischem Setting. Dann besucht er Psychiater und schließlich lässt er sich Medikamente verschreiben und verliebt sich im Medikamentenrausch in Veza, die sich dazu hergibt, sich hier ablichen zu lassen. Ach, das ist alles so private, ungewaschene Wäsche.

Immerhin der Film belegt aufs Traurigste den Kalauer vom Widerspruch zwischen Sein und Design, dass dieser wohl unüberbrückbar ist. Derweil fährt Sagmeister mit seiner Happy-Show in der Ausstellungwelt einen Riesenerfolg ein. Den wage ich diesem Film nicht zu prognostizieren.

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Hier versucht eine junge, finnische Filmbegabung, Juho Kuosmanen, der mit Mikko Myllylahti auch das Drehbuch geschrieben hat, im Rahmen jugendlichen Idealismus‘ und der Schulweisheit die Frage abzuhandeln, ob sich denn Karrierismus und Liebe wirklich nicht vertragen. Sie tun es nicht.

Der Fall, anhand dessen er dieses Thema bespricht und den er in schöner schwarz-weiß Kinoschrift vorträgt, ist derjenige eines Boxers, der, wenn er sein Fliegengewicht halten kann, in Finnland einen Weltmeister herausfordern will.

Der Fall spielt 1962. Olli Mäki (Jarkko Lahti) hat schon viele Amateurkämpfe in einer schwereren Gewichtsklasse bestanden und überwiegend gewonnen.

Der Film deckt den Zeitraum der Vorbereitungen auf den Kampf bis zum Kampf selber und die kurze Zeit darnach ab.

Gegen den Kampfehrgeiz, der Olli besondere Disziplin im Gewichtabnehmen abverlangt, um vom Bantam- und Leicht- auf das Fliegengewicht runterzukommen, wird seine Verliebtheit in die Kindergärtnerin Raija (Oona Airola) gesetzt. Die ist bei den Sportlern beim Training dabei, fährt mit dem Fahrrad voraus und sie sind in einem Doppelstockbett im selben Zimmer untergebracht.

Die Welt der Gefühle und Sehnsüchte lenkt Mäki von seinem Training ab. Sein Manager Elis (Eero Milonoff) ist nicht zufrieden. Trotzdem muss er sich den Regeln des Business und des Sponsoring beugen, was ihm schwerfällt.

Auch eine kleine dokumentarfilmkritische Phase ist in den Film eingebaut. Ein Dokumentarfilmteam soll den Weg des Boxers zu seltener nationaler Ehre auf Zelluloid bannen. Das ist aufwändig (anno 1962) und inszeniert so ziemlich alles, lässt kaum Platz für Natürlichkeit und Wahrhaftigkeit. Allerdings wird dieses Dokuteam über weite Strecken wieder ausgeblendet.

Oder das Fotoshooting für einen Herrenausstatter als Sponsor mit einem weiblichen Star, die ein Kopf größer ist als er, das entbehrt nicht der Komik, wie Mäki sich auf einen Schemel stellen muss und später irritiert das Foto in einem Schaufenster entdeckt.

Kuosmanen „zeigt“, dass er Film gelernt hat, „zeigt“, wie er illustrieren kann, dass Mäki beispielsweise lieber in den Ausgang geht. Dafür gibt es eine ausführliche Jahrmarktsszene, in der die Zuschauer mit Ballwerfen Nixen von einem Brett ins Wasser kippen können. Und weils so schön war, wird das Sujet gleich zweimal eingebaut.

Die Fotografie konzentriert sich auf ein Überwiegen beengender – zwar schöner – Nahaufnahmen, die wenig Distanz aufkommen lassen, die die Geschichte im skrupulösen Filmlabor hängen lassen, wobei auch die Zeitstrecken oft unklar bleiben und die finnische Realität ausblenden.

Wie ernst der Satz gemeint ist, dass Liebe eine ernste Sache sei, das ist eine merkwürdige Doppelung, sie als solche zu zeigen und es auch noch zu formulieren, das wirkt, als ob der Film sich selbst kommentieren wolle – das möge er bittschön anderen, den Zuschauern überlassen. Die Filmsprache von Kuosmanen ist allerdings noch nicht so fortgeschritten, dass man sie für etwas Leichtes halten würde. Immerhin gibt uns der Autor zu verstehen, dass er unter dieser Widersprüchlichkeit leidet.

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