Archiv für Januar 2017

Mixed-Pickles vielfältiger Grade an Ernsthaftigkeiten: zweimal großbürgerliche Perspektiven mit heiligem Wim-Wenders-Ernst und mit nicht so ganz heiligem Bruno-Dumont-Ernst vorgetragen, um Leben und Tod im großbürgerlich-mafiösen Milieu geht es in Rom, die Rettung der Welt tief im Hive in Rancoon als eine ernsthafte Angelegenheit, deutsches Girlie-Coming-of-Age mit Pferd und Oma mit einer guten Mischung aus Ernst und Unernst gemeistert, ein ernst genommener amerikanische Umweltkrimi mit Hinkefuß, das Kino und das Sehen, hier vom deutschen Kino nicht ernst genommen, Identitätsverlust durch nicht ernsthaft genug betriebene, amerikanische Identitätsspielerei, in Deutschland das Können, nicht aber die Story ernst genommen und überernste, amerikanische Heldenverehrung, die in Kriegstrash kippt. Auf DVD die Nachfrage, wie ernst es den Sozialismus-Studenten einer geheimen, internationalen Eliteschule in der DDR gewesen ist.

Kino
DIE SCHÖNEN TAGE VON ARANJUEZ
Wie filmische Fayencen: Großbürgerliche Terrassengespräche mit Blick auf Paris – und im Hintergrund wuselt der Autor.

EINE FEINE GESELLSCHAFT
Über diese Furt will man als Großbürger erst mal getragen werden.

SUBURRA
Mafia-Recherche-Thriller aus Rom.

RESIDENT EVIL: THE FINAL CHAPTER
Nur noch wenige Stunden bis zur Rettung der Menschheit.

WENDY: DER FILM
Lebenslustiges Coming-of-Age mit Pferd und pragmatisch-zupackender Oma.

MONSTER TRUCKS
Mollusken und Motoren gehen eine schwer nachvollziehbare Symbiose ein.

MEIN BLIND DATE MIT DEM LEBEN
Drehbuch und Inszenierung stolpern blind durch eine eindrückliche Geschichte über das Sehen mit einem überzeugenden Protagonisten.

SPLIT
Eine Identität zu weit aufgedröselt erweist sich als Hindernis für Perzeption und Empathie.

KUNDSCHAFTER DES FRIEDENS
Wenn Darsteller-Können zum Selbstzweck wird.

HACKSAW RIDGE – DIE ENTSCHEIDUNG
Archaisch wirkendes Kino ehrt einen Waffendienstverweigerer als Kriegs-Helden.

DVD
COMRADE, WHERE ARE YOU TODAY
Wo sind sie nur abgeblieben, die einst glühend verteidigten Ideale des Sozialismus, wie sie auf der Eliteschule Bögensee in der DDR gelehrt wurden?

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Umweltkrimi.

Dir Firma Terravex Energy stößt bei Tiefenbohrungen nach Öl in einem unteriridischen Fluss auf unbekannte Lebewesen, eine Art Oktopus mit Unmengen Tentakeln und mit einem Kopf wie ein Walfisch oder ein Delphin. Sie scheinen sehr intelligent zu sein, sie kommunizieren mit diesen Lauten, die das Kino gerne niedlichen, menschenfreundlichen Tieren zuordnet, die die Zuneigungsinstinkte aktivieren.

Allerdings wohnen diesen niedlichen Tieren unheimliceh Kräfte inne. Durch ihre Entdeckung wurde eine ganze Förderanlage zerstört, ging der Campus drum herum teils in Flammen auf. Das ist der Umweltkrimi an diesem Film von Chris Wedge (Ice Age: Volle Kollision voraus) nach dem Drehbuch von Derek Connolly nach der Geschichte von Matthew Robinson: die Firma Terravex will die Entdeckung vertuschen und diese Lebewesen wie Müll entsorgen, so wie sie es mit ihren giftigen Abfällen hält.

Selbstverständlich bauen die liebevoll tüftlerischen Filmemacher, wie sowohl die eher sensible Orchester- oder Folkmusik, als die Truckfahrten über die grünen Wiesen des Yukon-Valleys als auch der Abspann belegen, die Geschichte anders auf und selbstverständlich werden die neu entdeckten Lebewesen gerettet.

Die Filmemacher erfinden eine formelhaft beschriebene moderne Familie mit dem Sohn Tripp (Lucas Till) im College-Alter, dessen dickste Freundin für das Rettungsabenteuer die Mitschülerin Meredith (Jane Levy) wird. Tripps Vater lebt getrennt in einem Wohnwagen auf dem Öl-Campus, Mutter arbeitet tagsüber und ihr aktueller Freund ist Sheriff Rick (Barry Peper).

Till liebt Motoren und starke Autos. Ihm wird noch ein klischeehaft charakterisierter Hübschi mit Blondine in ganz neuem knallgrünem Pickup als schnöseliger Konkurrent erfunden. Diese Beziehungen sind minimal charakterisiert, um der Story einen elementaren Zusammenhalt zu geben. Des weiteren wartet sie mit Figuren aus dem privaten Wachdienst von Terravex auf, mit einem ziemlich verbogenen Wissenschaftler, der Umweltsünden als Umweltschutz deklariert und der Firma dadurch Kosten spart, sowie der gewinnsüchtige Chef der Firma und dann ist da noch der Inhaber des Autoschrottplatzes. Schnell und strichartig skizzierte Verhältnisse, wie sie für das Funtionieren des Krimis erforderlich sind.

Fix Idee.

Das könnte wunderbar funktionieren. Der Gute, Tripp, kommt in Kontakt mit einem der Tiere, er wird es bald schon liebevoll Creech nennen, entdeckt dessen humanoiden Fähigkeiten, entwickelt eine Beziehung zu ihm, kommt dahinter, dass der Konzern noch zwei weitere Tiere gefangen hält und diese entsorgen will und rettet sie zusammen mit seiner adhoc-Freundin. Reeller Krimiplot.

Aber der Teufel muss unsere Filmemacher geritten haben. Die Toy Story muss in ihrem Kopf herumgeistern: hier werden Autos humane Eigenschaften zugeschrieben und zugezeichnet, hier wird Materie beseelt. Unsere Autoren wollen nun Motor und Kreatur zusammenbringen. Von der Idee müssen sie so begeistert gewesen sein, dass sie sie nicht weiter hinterfragt haben, sondern sie auf Biegen und Brechen umzusetzen versucht haben. Das wirkt, als wollten sie die Toy Story physikalisch-organisch erklären. Da werden sich ausschließende Grundkategorien unserer Welterklärung zusammengemampft: Organik und Mechanik.

Das Monster zwängt sich nun in den Truck von Tripp und verleiht diesem Eigenleben und Riesenkräfte. Wobei einem die Vorstellung richtig weht tut, wie das Tier sich um die Kardanwelle dreht und wie es sich zwischen Fahrgestell und Chassis zwängt, wie es beim Fahren kaum zu sehen ist; eine merkwürdige Doppelmoppelung eines Toy-Story-Autos.

Kreatur und Motor sind realiter nicht zusammenzubringen. Materie zu beleben, ihr eine Seele zu geben, das geht, aber mechanische Materie und kreatürliche Materie eine Symbiose eingehen zu lassen, da zieht sich mir alles zusammen. Das lässt der Phantasie keinen Platz mehr, resp. die Fantasie muss sich drum kümmern, wie sich das Monster wohl krümmt, um nicht unter der Gewalt von Motor und Mechanik zugrundezugehen. Eine Erfindung von wenig Plausibilität.

Bei der Verfolgungsjagd zum Count-Down über enge, bergige, steilabfallende Schotterwege ist das ein ungleicher Wettbewerb, der zu verfolgen schwierig ist, denn es ist nicht klar, worin nun genau die Überlegenheit der öltrinkenden Monster liegt, es werden zwar immer wieder Details illustriert, aber die Info, die es spannend machen würde, wo die Grenzen auch der Monster liegen, die bekommt der Zuschauer nicht und er weiß ja eh, dass die Guten gewinnen werden. „Du wirst mir fehlen Creech, du warst ein toller Truck – keine Sorge, ich weiß, wo ich dich finde“ – Einspruch, der Film ruft nach keiner Fortsetzung.

Der Film macht nicht plausibel, wie eine Molluske, die zwischen Chassis und Motor und Getriebe in eine Auto gezwängt ist, dieses zu höherer Leistung bringt, statt es zu bremsen oder selbst zerquetscht zu werden.

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Das Stück vom Kuchen.

Nr. 8 (Alessandro Borghi) träumt von seinem kleinen Stück vom großen Kuchen, den Oberdrahtzieher Samurai (Claudio Amendola), Motto: jeder ist käuflich, in Ostia aufbauen will: ein Spielerparadies wie Las Vegas. Dort möchte Nr. 8 in Ruhe mit seiner Freudin Viola (Greta Scarano) seinen spießigen Traum im Halbweltmilieu leben, denn Nr. 8 kommt nicht an seinen Vater heran, er wird für kleinere Dienste eingesetzt.

Nr. 8 soll dem Zeugen einer Aktion, bei der eine Leiche entsorgt wurde, eine Lektion erteilen. Denn dieser hat sein Wissen keck auftrumpfend dem politischen Strohmann von Samurai, dem Senator Malgradi (Pierfrancesco Favino) gegenüber geschäftlich ausnutzen wollen; der Senator ist für die angemessene Gesetzgebung im Hinblick auf das Projekt zuständig.

Dem Senator stirbt, das ist der Ausgangsdominostein, der die Kettenreaktion hervorruft, bei einem kleinen privaten Treffen mit zwei Prostituierten in einem Hotel zur Feier des Gesetzeserfolges die jüngere der beiden, die noch minderjährig ist. Diese Leiche muss entsorgt und vertuscht werden.

Die Abreibung des „Stechers“, wie der Leichenbeseitiger heißt, durch Nr. 8 endet tödlich. Der Stecher ist der Bruder von Manfredi Anacleti (Adamo Dionisi), dem Chef des aus Süditalien stammenden Zigeunerclans. So kommt der Zigeuner-Clan überhaupt erst hinter das Projekt in Ostia und fordert seinen Anteil.

Die wahre Apokalypse aber dräut woandes. Sie gibt den Takt vor für den Countdown für die Woche im November 2011, in der der Film spielt. Es ist das Gerücht, dass Papst Benedikt zurücktreten werde. Im Film ist er eindeutig als Benedikt charakterisiert mitsamt seinem engsten Mitarbeiter Georg Genswein. Der reale Rücktritt fand 2013 statt. Das Gerücht kommt auf, weil Genswein die vertrauliche Ankündigung nicht für sich behalten kann. Samurai fürchtet um die Quelle Vatikanbank, denn auch von dort sollen beachtliche Beträge in das Ostia-Projekt fließen.

Figuren, Namen und Termine in diesem Film von Stefano Sollima nach dem Drehbuch von Giancarlo de Cataldo, Carlo Bonini + 8 sind fiktiv. Sie sind das Resultat gründlicher Recherchen. Autor Giancarlo de Cataldo ist als Richter tätig, hat also über seinen Beruf intime Kenntnisse der kriminellen Verflechtungen und hat schon Kriminalromane und andere Drehbücher zu dem Thema verfasst.

So entsteht eine Art fiktionaler Recherche-Thriller, das ist wie ein emotional hochaufgeheizter Durchgang durch die Akte dieses Falles, Spannung statt Aktenstaub, unterlegt mit aufheizender Musik und sowieso nutzt Regisseur Sollima nicht nur die machtvolle Kulisse Roms (aus anderer Sicht als La Grande Bellezza von Sorentino), sondern auch die verschiedensten Lichtquellen und Regen oder auch mal Sturm oder die laute und vielköpfige Familie des Zigeunerclans, um das brisante Thema auf hoher Flamme zu kochen.

Italien hat inzwischen das Genre des gründlich nachgeforschten Mafiafilmes mit hoher Fertigkeit entwickelt, von Stefan Sollima stammt auch Romanzo Criminale.

Der Titel rührt daher, dass das Stadtgebiet um Ostia, das hier im Zentrum steht, Suburra genannt wird. Italianita al meglio. Politmilieu, Prostitutiertenmilieu, Kirchenmilieu, Mafiamilieu, monumentale Architektur und zwischendrin Menschen, die träumen und keinen kriminellen Ehrgeiz entwickeln wie Seb (Elio Germano), der mitansehen muss, wie sein Vater, der dem Anacleti-Clan Geld schuldet, von der Brücke in den Tiber springt. Als Erbe der Schulden wird Seb vom Clan bedroht. Die Gefährlichkeit und dass nicht mit ihnen zu spaßen sei, demonstriert der Clan mit seinem Kampfhund, der in einem riesigen Gitter gehalten wird: „er war ein Lamm, Schläge machten ihn zum Tiger“. Bei Seb findet die überlebende Prostitutierte Unterschlupf, wodurch er mitten in die Geschichte involivert wird.

Selbst das ganz große Tier hinter den Kulissen, Samurai, der sich bei einem allfälligen Regierungswechsel einen neuen Politiker suchen muss, hat noch eine Mama zu versorgen. Allerdings dürfte es ihm schwerer fallen, unter dem neuen Papst Franziskus an die Geldquellen im Vatikan heranzukommmen.

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Vielleicht noch die letzte Möglichkeit, die Menschheit zu retten. Übel sieht es schon aus hienieden. Als hätte Donald Trump die Präsidentenwahl gewonnen: Washington in Schutt und Asche. Die Nebenwirkungen des T-Virus sind dabei, alles menschliche Leben auszurotten, die Menschen zu infizieren und zu grässlichen Monstern mutieren zu lassen; es wimmelt von Untoten – Dystopie pur.

Hoffnung gibt uns die anfängliche Ich-Erzählerin Alice (Milla Jovovich); sie berichtet den Hergang der Geschichte, wie die Forschung in Rancoon ein Mittel zur Beseitigung fast sämtlicher Krankheiten der Menschen entdeckt hat und wie erst nach und nach die gravierenden Nebenwirkungen zu Tage getreten sind.

Dr. Isaacs (Iain Glen) böse Pläne: erst die Menschheit ausrotten und dann mit den sicher aufbewahrten Reichen und Mächtigen das schöne Leben installieren.

Das Hologramm der Red Queen, einem Klon der jungen Alice, ist allerdings widersprüchlich programmiert und verrät aus diesem Grund Alice, dass es ein Heilmittel gibt. Wenn dieser Stoff auf die Welt entlassen würde, so bedeutete das den Tod der Untoten, der Monster und das Ende der verwerflichen Pläne von Dr. Isaac. Es sind noch eine begrenzte Anzahl Stunden, innerhalb derer Alice dieses Mittel aus den Tiefen des Hive in Rancoon beschaffen und freilassen muss.

So ist die Ausgangslage dieser 6. Resident Evil-Verfilmung, Buch und Regie sind von Paul W. S. Anderson (Resident Evil Retribution). Im Gegensatz zum letzten Film von 2012 dominiert in dieser Folge der reine, rasante Videospielcharakter.

In höllischem Tempo rennt die Handlung und das Hit- and- Run durch die Viedospielräume, 3D kommt gelegentlich gar nicht nach. Die Dialoge sind simpel, gut auf Deutsch nachsynchronisiert, die Handlung einfach, die Musik bombastisch – und die Zeit läuft davon.

Die Monster sind gar nicht lieblich. Es fängt an mit einer wilden Szene noch im ruinösen Washington mit dem Angriff eines bösartigen Monstergreifvogels auf unsere Protagonistin, die alle ihre Autofahrkünste zusammenreißen muss, um sich der Bedrohung zu erwehren. Sie kämpft gegen Millionen von Untoten, gegen Isaac im martialischen Panzer, der mit grausamen Finessen der Abwehr ausgestattet ist; auch hier braucht sie viel List und Energie, um diese Armada abzuhängen und sich in Richtung Rancoon loszueisen.

In Rancoon gilt es zuerst den Angriff abzuwehren, auch das ein Fest für die Filmanimateure und die Kulissen- und Kampfapparate-Entwickler. Die Angreifer lassen nicht locker. Immer sind sie wieder da. Zeit zum Verschnaufen gibt es nicht, Zeit zur Vertiefung menschlicher Verhältnisse bleibt nicht; ein paar Gute rotten sich zusammen, die alte Freundin Claire (Ali Larter) stößt dazu, der Doc (Eoin Macken) und noch einige; sie haben einen lebensgefährlichen Hindernislauf vor sich.

Aber sie funktionieren alle prima wie Spielfiguren in so einem Spiel. Der Nachteil eines solchen Videospieles im Kino ist einzig, dass man den Verlauf nicht mit einer Konsole beeinflussen kann.

Paul W. S. Anders hat als Autor dafür gesorgt, dass man das Kino erleichtert verlassen kann und, wenn einer Fan ist, sogar glücklich, denn ein Schlupfloch für weitere Fortsetzungen lässt er offen.

Viedospiel-Effekten-Spektakel mit einigen gröberen Auseinandersetzung zwischen den Gegnern, mit apokalyptischen Vernichtungsmaschinerien und heimtückischen Fallen.

Ein schöner Satz: „Keine Waffen, keine Munition, da fühlt man sich gleich viel sicherer“ in der „gut orchestrierten Apokalypse“.

Allerdings frage ich mich, was das für eine Welt sein soll, wenn die Überlebenden aus der „Arche Noah für Reiche und Mächtige“ wieder anfangen wollen: wer wird dann den Dreck machen, wer wird die Arbeit machen, wer wird die Reichen noch reicher und die Mächtigen noch mächtiger machen, wenn es kein Volk mehr gibt?

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Mädchen, Pubertät und Pferde, Begriffe, die unzertrennlich scheinen, beispielhaft in Ostwind von Katja von Garnier dargestellt. Der Vergleich zeigt interessante Differenzen zu diesem Film von Dagmar Seume nach dem Drehbuch von Caroline Hecht. Hier dürfte die Ttielfigur Wendy (Jule Hermann) etwas jünger sein. Sie steht kurz vor Beginn der Pubertät. Sie ist noch sehr verträumt. Dieser Eigenschaft verleiht der Film Gewicht mit einer Schönwolke von Musik und mit Bildern von intakter, naturnaher Landschaft von Drohnen eingefangen.

Auch hier geht es darum, ein Pferd vorm Schlachter zu retten. Nicht aber um das Erlernen der Reitkunst. Hier geht es darum, dass Wendy wieder Vertrauen zu den Pferden (und damit zu sich selber) fasst.

Wendy fährt anlässlich des Todes von Opa mit ihren Eltern (Nadesha Brennicke und Benjamin Sadler funktionieren prima) und ihrem Bruder Tom (Julie Hotz) auf das heruntergekommene Gut „Rosenborg“. Die Familie soll einige Wochen bleiben. Der ältere Bruder Tom fühlt sich ‚klosterisiert‘.

Der Geist auf dem Gut ist der von Oma (Maren Kroymann), lebenslustig und unkompliziert zupackend. Nur die Finanzen hat sie nicht im Griff. Die Tiere bewegen sich überall in der Küche, im Flur, Hühner, Schweine. Es gibt auch das Gegenmodell des feinen, wirtschaftlich erfolgreichen Reiterhofes.

Wendy entdeckt bei der Ankunft einen Schimmel. Sie wird Zeuge, wie der aus einem provisorischen Verhau vom Metzger abgeholt werden soll. Sie befreit das Pferd und versteckt es, kümmert sich darum. Sie selbst möchte nicht mehr reiten, da sie im vorigen Jahr einen schlimmen Unfall hatte; sie trägt immer noch eine Schiene am Bein.

Die Beerdigung des Opas schildert die Lebenseinstellung der Oma, statt Blumen gibt es Kohlrabi aus dem Garten auf dem Sarg, denn die liebte der Opa.

Es zeigt sich bald auch eine Gegnerin von Wendy. Es ist Vanessa (Henriette Morawe) vom feinen Reitergut, eine gerade erblühende junge Frau mit gelegentlichen Blicken à la Femme fatal. Sie ist neidisch auf Wendy. Sie kommt hinter das Geheimnis mit dem Schimmel und versucht, das sich anbahnende Vertrauen zwischen Wendy und Dixi, wie sie ihn nennt, zu zerstören.

Es gibt auch Hinweise darauf, dass es zu einem Pferderennen kommen könnte, dass es um das Siegen und Besiegtwerden geht. So weit sind wir hier aber noch nicht. Hier kommt es zwar zu abenteuerlicher Verfolgung und am Schluss landen beide Mädchen im Moor, gemeinsam in einer bedrohlichen Lage. Es ist also nicht knallharte Action-Münze, die dem jungen Zuschauer zugemutet wird, sondern pastellen skizziert mögliche Konflikte, Ansätze zu Boshaftigkeit. Noch ist der Ernst des Lebens, wo solche Dinge verbissen ausgetragen werden, nicht in Reichweite. Noch darf geträumt und sich versöhnt werden. Noch darf die Jugend ungebrochen toben und sich wieder vertragen. Noch gewinnt die Lebenskunst von Oma die Oberhand, die Philosophie des Lebenlassens und nicht der geschäftliche Ehrgeiz und der Sinn nach Perfektion.

Der härteste Text in herzlicher Abneigung lautet: „Schluck Schnecken du Broccoli“. RomCom wie es sie das Poesiealbum ersehnt, das präpubertäre, das noch augenzwinkernde Abenteuergeschichten mag.

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Psychiater leben gefährlich, vielleicht umso gefährlicher, je bessser sie eine multiple Persönlichkeit auffächern, ihr auf die Spur kommen. Das ist eine der Lehren aus diesem Film von M. Night Shyamalan (Buch, Regie, Produktion).

Der andere Infogehalt ist der, dass menschliche Identität ein weites Feld ist, vom braven, korrekten Bürger über das Kind, die Frau bis zur Bestie im Manne. Um 23 verschiedene Wesen soll es beim Psychotiker Kevin (James McAvoy) gehen, steht im Begleitblatt zur Pressevorführung, die ich beim besten Willen nicht alle rekapitulieren kann, im Abspann sind auch nur etwa ein halbes Dutzend angegeben.

Der Film wirkt wie ein Konstrukt zur Plausbilisierung und Veranschaulichung eines solch identitätsgestörten Menschen; er ist in psychiatrischer Behandlung; gleichzeitig hat er drei junge Frauen entführt und hält sie in einem unterirdischen Labyrinth gefangen. Es sind ähnliche Frauen-Typen, die sich trotz anderer physischer Eigenschaften am Aussehen von Barbie-Puppen zu orientieren scheinen, auch wenn sie nicht die Figur dazu haben. Sie stellen das Weibchenhafte an der Frau als Frau heraus, was offenbar ganz ins Opferschema passt – und eine eindimensionale Betrachtungsweise ist.

Dem einen der Opfer, Casey (Anya Tylor-Joy) wird in Zwischenschnitten eine eigene Geschichte zugeschrieben, die die Eigenschaft der Opferhaftigkeit erläutern soll. Die mentale Präparation für die Rolle übernimmt ein Onkel.

Das Zuschauerinteresse soll damit aufrecht erhalten werden, dass ungewiss ist, wie die Angelegenheit ausgeht, ob der Psychopath im Identitätslosen, ob die wilde Bestie siegt oder ob die Opfer sich befreien können.

Der Vorteil an der häufig geforderten Maxime für den Filmschreiber, nichts zu spoilern ist hier, dass er auch nicht verraten muss, ob er denn den letzten Schluss wirklich verstanden hat, sich also keine Blöße geben braucht.

Berichten darf er sicher, das er den Eindruck hat, den Titel „Split“ habe auch die Kameraabteilung als Direktive genommen, indem sie die Zeichnung des Lebens auf der Bühne oder dem Reißbrett, pardon, auf der Leinwand, mit den verschiedensten Methoden an den Rand des Zweifels an der Realität bringt mit wegfahrendem Heranzoom, mit unverhofften Seitwärtsbewegungen, mit Haftenbleiben an Details, mit Verlangsamung oder Beschleunigung.

Ablenkungsggefahr ist allerdings gegeben just durch den special selling point, dass ein Schauspieler so viele Rollen spielt, indem er – logo – dem Brillanzneed nicht widerstehen kann und uns also damit beschäftigt, wie macht er das, welche Rolle ist am überzeugendsten. Er macht es auf jeden Fall gut.

Themen, die angesprochen werden, ob die Bestie im Mann real sei und es müsse doch zivilsatorisch-humane Grenzen geben; wie definiert sich der Mensch?

So lange an der Identität gezutzelt, bis nichts mehr da war.

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Stoff für einen großen Kinofilm. Fast erblindeter junger Mann trotzt dem Schicksal, trickst es aus, schafft das Abitur und absolviert erfolgreich eine Hotelfachlehre als Normalo.

Stattdessen, da die deutsche Drehbuchkultur darniederliegt und fernsehverseucht ist, bekommen wir 111 Minuten Kinowerbung für ein Luxushotel in München zu sehen als ein Sammelsurium möglichst aller kniffligen Situationen, die der Kandidat zu bewältigen hat und mithilfe einiger wohlgesonnener Mitmenschen auch bewältigt.

Kostja Ullmann hat seine Rolle sorgfälig studiert und spielt sie überzeugend. Wenn die Arbeit am Drehbuch ebenso sorgfältig und mit Kinowissen geschehen wäre, dann hätten wir endlich einen großen, international kompatiblen, deutschen Kinofilm; denn worum geht es im Kino anderes als ums Sehen – und dass der Sehschwache manchmal mehr „sieht“ im Sinnne von Wahrnehmng als der normal Sehende. Dass Wahrnehmung von Welt und Mitmenschen weit mehr als nur die Arbeit der Augen sei. Zu welch enormer Leistung ein Mensch fähig ist mittels Konzentration. Aber das alles interessiert hier herzlich wenig, hier geht es nur darum, ob der Blinde irgendwo reintappt.

111 Minuten Kinowerbung für das Hotel Bayerischer Hof in München (darf also im Fernsehen nicht gezeigt werden) nach Ruth Tomas Weihnachtsplätzchen-Drehbuchrezept unter Mitarbeit von Oliver Ziegenbalg nach der Geschichte von Saliya Kahawatte in der Regie von Marc Rothemund.

Immerhin ist es eine Geschichte und ein Traum, der in Erfüllung geht, da verrät man nicht zuviel, das offenbart der Film in seiner saloppen Machart mit der Dauer-Musik-Mayonnaise drüber gleich von selbst.

Kostja Ullmann spielt Saliya Kahawatte, einen Deutschen ceylonesischer Herkunft. Sein Traum ist es, Hotelfachmann zu werden. Aber eine Netzhautablösung bei beiden Augen reduziert seine Sehkraft auf 5 Prozent und auch die sieht er nur verschwommen, das nutzt die Kamera weidlich aus für verschwommene Sichtweisen.

Wie er das verstecken kann und wie er sich durch seine Lehre durchtrickst, das ist eine ungewöhnliche Geschichte. Sie wird hier leider verkitscht und verschnulzt, mordsmäßig veroberflächlicht.

Zum Glück gibt es im Hotel Bayerischer Hof in München lauter verständnisvolle Mitarbeiter, vielleicht nicht ganz so smart wie in Wirklichkeit. Und dann ist da noch der Mitlehrling Max (Jacob Matschenz), der mit Saliya gemeinsame Sache macht und mit ihm übt oder ihm aus der Patsche hilft.

Und wie es sich für eine Rezept-Geschichte gehört, kommt nach einer Stunde ein große Krise, nach 90 Minuten die Katstrophe und es bleiben noch 20 Minuten, um die Dinge wieder einzurenken, um jeden Handlungsstrang ordentlich zu einem Ende zu bringen.

Es ergeben sich Komplikationen aus dem Privatleben, der Vater stirbt und Sali lernt eine blonde Frau mit Kind kennen (Anna Maria Mühe); auch das gefährdet den Balance-Akt, oder wie Max es einmal nennt, das Kartenhaus, was er sich da in Jahren mühevoll aufgebaut hat.

Nach 90 Minuten kotzt übrigens Saliya, ein Phänomen, was inzwischen in fast jedem deutschen Themen- oder Problem-Film vorkommt und die Wetten der Kritiker laufen vor den Screenings, nach wie vielen Minuten das der Fall sein wird.

Kostja Ullmann und Jakob Matschenz spielen das wirklich gut mittemang in einem Holter-die-Polter-Cast, wie ihn Frau Volkhardt, die rührige Inhaberin dieses Luxus-Hotels, nicht unbedingt einstellen würde.

Interessant wären die Rahmenverträge, die sie mit der Filmproduktion geschlossen hat, denn wenn man sein Hotel schon zur Verfügung stellt, dann darf kein Makel sichtbar werden (hier gibt es keine Kakerlaken in der Küche). Wird auch nicht. Die Unglücke, die passieren, sind sorgfältig rollen- und schwachsichtigkeitsbedingt.

Insgesamt haben die Filmemacher den Teig für dieses Weihnachtsplätzchendrehbuch allerdings zu dünn und somit zu breit ausgewalzt, weil sie auch noch einen Hotelfach-Lehrfilm draus machen wollten, als PR fürs Gewerbe.

Wobei die Bewältigung der Blindheit doch recht traumhaft leicht geht. Ein aufbauender Augenkrankheitsfilm. Ein Mutmachfilm. Auf den äußeren Effekt hin erzählt. Ausgehend von der realen Geschichte wollten die Autoren so viel wie möglich reinpacken, dadurch wird es zu viel und der Film zu lang.

Es scheinen einige grundsätzliche Überlegungen, was hier wirklich erzählenswert und spannend ist, nicht gemacht worden zu sein; eher scheint es die Frühstücksküchentischdrehbuchschreibmethode: die Originalgeschichte liegt da, wird von den Autoren Seite für Seite durchgeblättert und auf drehtaugliche Szenen abgeklopft. Dabei geht der Hauptkonflikt der Hauptfigur flöten, wird auf anekdotische Tauglichkeit reduziert. Wodurch die Filmfigur nicht die Stärke entwickeln kann, die sie verdiente und die sie erst richtig erinnernswert macht. Hier mussten Oberflächlichkeitschecks ausreichen. Markante Sehschwäche des Drehbuches.

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Können zeigen.

Wie der perfekte Klon einer Agentenparodie mit erstklassigen Darstellern kommt mir dieser Film von Robert Thalheim vor, der mit Oliver Ziegenbalg auch das Drehbuch geschrieben hat.

Verräterisch und der Hinweis auf das Klonhafte (das Uneigentliche) ist der einmal mehr zu häufig vorkommende Satz – oder Varianten davon – „Was ist denn hier los?“, Symptom der deutschen Drehbuchkrankheit. Insofern dürfte der Film seinen besten Wirkraum im Fernsehen finden.

Im einem Film sollte immer spürbar sein, dass der Autor und mit ihm das Team etwas Besonderes ausdrücken wollen, einer Sache auf die Spur kommen wollen, ein Geheimnis zu lüften oder einzukreisen versuchen; hier allerdings dominiert der Eindruck, dass das Team zeigen will, dass es Agentenkomödie „kann“. Insofern wirken die vielen Jokes und Pointen darin insiderisch und sind nicht von bemerkenswertem Erkenntnisgewinn.

Das Modell ist altbekannt. Eine alte Agentenmannschaft (Henry Hübchen, Thomas Thieme, Michael Gwisdek und Winfried Glatzeder) mit einer jungen Frau (Antje Traue) sollen nochmal zum Einsatz kommen, weil sie sich in Katschekistan, wo die Wiedervereinigung bevorsteht, auskennen und eine Geiselnahme dieses Projekt gefährdet.

Begeistern lässt sich die Truppe um die zentrale Figur von Henry Hübchen, der eine Show ist, aber erst, wie er erfährt, dass er gegen Kern (Jürgen Prochnow), der ihn einst verpfiffen hat, antreten muss, dass er also eine alte Rechnung begleichen kann. Wobei sich zwischen den beiden noch eine ganz besondere Beziehung herausstellen wird.

Robert Thalheim bürstet die Szenen in kurzen Streichen wie ein Meisterfigaro. Leute, die emotional noch der alten Bundesrepublik verbunden sind, werden sich ergötzen an Aufnahem aus dem alten Parlamentssaal in Bonn und dem trauten Kanzlerbungalow, in welchem eine Dauertonaufnahme den Kanzler Kohl von blühenden Landschaften sprechen lässt.

Die Musik betont etwas zu stark, dass es sich hier um Pointen und Parodie handeln soll, zirkustuschartig setzt sie ab und an ein. Durch dieses strikte Kämmen wirkt der Film auch geheimnislos; er erzählt uns nichts über die Befindlichkeit unserer Zeit; als sei er nicht für das heutige Publikum gemacht. Der Film will zeigen, dass er es „kann“ – und er kann es, auch dass er Schmierentheater kann, auch das kann er.

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Dieser Film von Bruno Dumont (Kindkind) illustriert eine Beruhigung für die Clans des industriellen Kapitals, nämlich dass die leicht degenerierten van Peteghems, wie die stellvertretend für diese Schicht hier fungierende Familie heißt, nicht untergehen werden.

Möge der Film ebenso der Beruhigung der unteren Schichten, der Muschelsammler und Elenden, für die hier die Familie Rohbrecht steht, dienen. Sie brauchen sich gar nicht erst Hoffnungen machen und können so viele Menschen fressen, wie sie wollen. Dies ist vielleicht Ausdruck der verzweifelten Erkenntnis von Bruno Dumont, dass sich so gar nichts ändern lässt am Lauf der Dinge.

So erzählt er sie, um sie wenigstens bildnerisch aufzuwerten, in der Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts an einem malerischen Flecken Dünenland in der Nähe von Calais. Sein Stil wird prinzipiell, wenigstens das, gegen den korrekten Strich gebürstet, die Darsteller agieren einen Tick zu theatralisch, entwickeln eigenene Gänge der Dekadenz – Commedia-del-Arte-haft – , der Brüchigkeit, die individualphysisch bleibt; den Tschechow an seinem Stück inszeniert er einen Mü zu wenig subtil und den Slapstick á la Dick und Doof einen Mü zu wenig tortenschlachthaft und in die eine oder andere Figur lässt er einen Mü George-Grosz-Sichtweise einfließen.

Die von Peteghems haben hoch überm Meer in der Normandie eine Mordsvilla (im ägyptisch-ptolemäischen Stil, wie sie sagen) hingestellt, halb Fort und verbringen dort die Sommerfrische. Das sind André (Fabrice Luchini) und seine Gattin Isabelle (Valeria Bruni Tedeschi) mit ihren beiden halbwüchsigen Töchterchen und mit der Nichte Billie, die sich gerne als Bub verkleidet, dann stößt ihre Mutter Aude dazu (Juliette Binoche) und auch deren Mann Christian (Jean-Luc Vincent). Sie haben Personal und fahren ein grandioses ‚Typhorium‘.

Die Armen sind die Familie Rohbrecht mit Papa (Thierry Lavieville) und Mama (Caroline Carbonnier), drei frechen, verlausten Buben und dem bereits großen Ma Loute (Brandon Lavievielle), so heißt der Film auch auf französisch.

Ma Loute ist der lebende Beweis, zwar auch für die Liebe, nämlich zu Billie, also über die Schranken der Klassengesellschaft hinweg, aber auch dafür, dass die Dinge wie immer ihren Lauf nehmen.

Als Symbol für die Staatsgewalt steht das Dick-und-Doof-Duo von Herrn Dings und Malfoy. Herr Dings, der Zivilpolizist, ist etwas aufgebläht, fällt leicht hin und bekommt auf der Tonspur für jede seiner Bewegungen ein spezielles Geräusch, was die Figur nicht weniger kasperlhaft macht. Die beiden sollen aufklären, weshalb an diesem schönen Küstenstreifen immer wieder Menschen verschwinden. So wie die Figuren charakterisiert sind, ist nicht allzuviel Aufklärung von ihnen zu erwarten, ein kleiner Gruß an einen mit sich selbst beschäftigten Staat.

Schöne Bebilderung der Klassenschicht ist auch das Fährgeschäft über ein kleine Bucht: bei nur einzelnen Passagieren werden diese von den Bruforts auf Armen rübergetragen.

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Vor lauter Ehrfurcht und Andacht traut man sich beim Abspann kaum aufzustehen und das Kino zu verlassen, so hat einen dieser großbürgerlich-fürstliche Kinozauber aus der Werkstätte Wenders/Hanke eingesponnen, hat er einen aus dem Trubel der Stadt in eine andere Welt entführt und diese Qualität und Differenz am Schluss noch, ausgehend von einem Flugzeug, das über das Filmset vor den Toren Paris rauscht, thematisiert. Andachtskino mit meditativer Nebenwirkung.

Man könnte vergleichen mit der Innigkeit, die eine Tropfsteinhöhle verbreitet, oder mit der Konzentration beim kontemplativen Betrachten von Manets Seerosen im Pariser Musée de l’Orangerie.

Es ist der Versuch, nach einem Theaterstück von Handke, das Thema Liebe über Wörter und Texte, nur über Dialog und keinesfalls Action, einzukreisen. Dazu braucht es Ruhe und Distanz zur Stadt. Die hat Wenders in einem herrschaftlichen, erhöht liegenden Anwesen vor den Toren von Paris gefunden; mit dem Feldstecher ist die Skyline im leichten Smog auszumachen (Zeitungsschlagzeile im Dezember 2016 „Paris verhängt Lkw-Fahrverbot wegen Smog“).

Die Ausgangslage ist der Dichter selbst. Das ist eine Erfindung von Wenders zum Theatertext von Handke. Jens Harzer spielt ihn konzentriert und verhalten. Mehr denkend und suchend als brummelnd. Er benutzt eine schöne alte, portable Schreibmaschine, so wie Handke selbst (siehe die Dokumentation über Handke). Klar, das sind eitle Selbstreferenzen.

Und noch ein Privatismus: einmal taucht Handke selbst als Gärtner mit Baumschere im Hintergrund auf.

Der Dichter sitzt vor geöffnetem Fenster an einem geschmackvollen Schreibtisch, bürgerlich bis großbürgerlich, vor sich ein kleines Bühnenbild bestehend aus zwei Stühlen und einem runden Tischchen mit einem Apfel drauf.

Das ist die Maquette der Bestuhlung des „Bühnenbildes“ für die realen Darsteller Reda Kateb als Mann und Sophie Semin als Frau. Sie werden authentisch von Hans Löw und Eva Mattes auf Deutsch nachgesprochen. Sie führen im realisierten „Bühnenbild“, das ist ein Art hervorgehobener, pergolabedachter Terrasse, vor welcher die Landschaft weich abfällt, lange Gespräche über die Liebe und das Verhältnis des Mannes und der Frau zueinander.

Dichterisch, poetische Gespräche. Ein Wortfilm. Ein Dialogfilm. Von Wenders mit diskreten Schnitten vorwärts gebracht. Ohne jede Anschlusspingekligkeit. Mal scheint die Sonne, mal weht ein heftiger Wind. Da die Drehzeit kurz war und die Darsteller erstklasssig vorbereitet, konnten wohl größere Stücke in einem gedreht werden, so dass der Sonnenstand sich nicht innert kürzester Zeit total verändert hat.

Das Spiel ist das, dass der Dichter im Haus sich das ausdenkt und das Kino sie als dieses Stück sichtbar macht. Ein Terrier ist ab und an zu sehen, mal knurrt er oder läuft aus dem Bild und liegt im nächsten Moment woanders. Das bringt Leben in die Dialoglastigkeit, lässt aber die Gedanken auch leicht abschweifen.

Wobei durch die kontinuierlichen Stimmen – wenn sie nicht gerade durch die Entscheidung für eine neue Platte aus der Juke-Box durch den Dichter unterbrochen werden – eine Art Poesie-Liturgie-Stimmung aufkommt, Grenznähe zu einem liturgischen Kino mit großem Entspannngseffekt, Nähe zur wiedereingeführten lateinischen Messe in der katholischen Kirche.

Die Texte sind liebesgrüblerisch bis liebesskeptisch und liebesradikal, brauchen en Detail nicht reflektiert werden. Vielleicht ist der Effekt mehr der, dass einzelne Schlag- oder Reizworte beim einen oder anderen Zuschauer den einen oder anderen Gedankenausflug in Gang setzen, eigene Erlebnisse Revue passieren lässt.

Zwischendrin sitzt Nick Cave höchstpersönlich am Flügel vorm offenen Fenster und gibt einen Song zum Besten. Kult pur.

Zu dieser erhabenen und irgendwie laut betonend: ehrlichen Stimmung gesellt sich die Leidensstimme des Dichters. Einmal fährt ein gelbes Trikot unten über eine vom Feld verdeckte Straße. Einmal spricht der Mann vom Rotkehlchen. Über die Offenheit von Schönheit und über das Springkraut „Noli me tangere“, über die Epoche der Erlebnislosigkeit, der Ratlosigkeit.

Als Hinweis auf Thomas Bernhard dürfte die kleine Aktion des Dichters gelesen werden, dass er einmal das Haus verlässt, am Waldrand ein Holzscheit zu hacken.

Literatur und deren Produktion als ein Ereignis ab von der Welt an einem Sommertag. Versuch des literarischen Einkreisens des Themas Liebe. Und was war Minne? Gibt es eine glückliche Liebe? Der Wenders hat einfach Geschmack in der Zubereitung von Handkes liebesseziererischen Texten und ist ein Meister des unmerklichen Schnittes … und gibt doch nichts zu sagen über die Liebe – „ist doch nichts passiert“.

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