Archiv für Dezember 2016

Glücklich, wer ein Ticket zu diesen durchs Band empfehlenswerten Filmen als Weihnachtsgeschenk erhalten hat: in Kanada eine Dolansche Figur, ein Autor, im Kreise seiner Familie, in Italien zwei starke Frauen deplaziert in der Psychiatrie, in Britannien eine intrigante Adelige, die nicht wohnt, sondern mit ihrer Tochter zu Gast zu sein pflegt und Heiratsabsichten hat, als Gewerkeevent ein Film, der seine Ambition aus dem Paradiese herleitet und selbst im Baumarkt ist die attraktive Französin vor allem eines: weiblich. Im Fernsehen gab es einen sehenswerten Tatort, der sich des Bettler-Banden-Themas annahm und zwei zusehends problematische Verkostungsberichte aus Kalifornien. Auf DVD lebt Captain Fantastic seine Erziehungsideale aus.

Kino
EINFACH DAS ENDE DER WELT
So aktuell und heutig kann vielleicht keiner außer Dolan das Alleinsein eines Sensiblen im grobgestrickten Rahmen der Familie schildern.

DIE ÜBERGLÜCKLICHEN
Das Temperament der beiden Protagonistinnen verleiht dem Thema der Psychiatrie Schub und Power.

LOVE & FRIENDSHIP
Wie dieser Dialogfilm mit britischem Humor und bösen Heiratsabsichten ins Ohr quirlt, das ist aufregend.

ASSASSIN’S CREED
Eine sehr erfundene Geschichte als Anlass für ein furioses Zusammenspiel und Austoben der verschiedensten Filmgewerke.

BADEN BADEN – GLÜCK AUS DEM BAUMARKT?
Rein weiblich und unbegabt für das Leben.

TV
TATORT KLINGELINGELING
Die Geburt eines Kindes bringt nicht nur die Bettlerbande durcheinander und versetzt sie in Aufruhr.

GERNSTL UNTERWEGS – WO SIND DIE BAYERN? – LOS ANGELES
Die Begegnung mit Siri, der Sterbebegleiterin rettet den Beitrag.

GERNSTL UNTERWEGS – WO SIND DIE BAYERN? – San Francisco
Hier wird klar: wenn es ums Verkosten und ums Zuprosten geht, dann strahlt Gernstl am meisten und die Zwangsgebührenzahler haben nichts mehr zu lachen.

DVD
CAPTAIN FANTASTIC
Wer diesen Film, der witzig in die Erziehungsdebatte eingreift, im Kino verpasst hat, sollte jetzt zugreifen.

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Aphoristisches Portrait einer hübschen jungen Frau, Salomé Richard als Ana, als reinem, weiblichen Geschöpf und unbegabt für das Leben, sei es beruflich oder im Hinblick auf Mutterschaft.

Arbeiten, Planen, Vorschriften erfüllen, ein Bad reparieren, Geschwindigkeit auf der Autobahn einhalten, vorm Geschlechtsverkehr mit einem Mann an die Verhütung denken, das ist alles nicht ihr Ding.

Sie kommt nicht zurecht. Sie ist nur und ist nur Frau. Wenn ein Mann ihren Weg kreuzt, scheint sie sich wie ein Magnet unweigerlich von ihm angezogen zu fühlen, mag er noch so entschieden keine Zeit haben und das Betreten der Baustelle für fremde Personen verboten sein. Das ignoriert sie einfach.

Es wirkt so, als habe Rachel Lang (Drehbuch und Regie) ein paar Grundkonstanten im Leben von Ana comicbildhaft im Kopf und sie so auch inszeniert, Szenen und zwei Menschen darin, die vorgeblich eine Badewanne abtragen und stattdessen eine Dusche montieren wollen, die sie vorher, nicht minder ungeschickt in einem Baumarkt in Deutschland erstanden haben, hat nichts mit Baden Baden zu tun, der Titel scheint mir eher auf Baden als Baden und vielleicht auch Baden als Duschen zu referieren.

Denn es geht um eine weitere Konstante im Leben von Ana, um ihre Oma, die nach einem Sturz bettlägrig wird und die müsste auch mal wieder gewaschen werden; dann kommen Szenen in einem Schwimmbad dazwischen mit einer Vorrichtung um Mobilitätseingeschränkte auf einem Sitz ins Wasser zu lassen. Auf dem sitzt Ana, das allein gibt schöne Bilder und nicht unbedingt viel Sinn, aber Assoziation.

Anfangs arbeitet Ana als Fahrerin, die sich verfährt, Dienst nach Fahrplan liegt ihr nicht, eine Stunde Verspätung für den Auftraggeber untragbar. Aber in solchen Kategorien denkt Ana nicht, wenn sie überhaupt denkt, wenn ihr Fühlen nach irgend was anderem ausgerichtet ist als nach Männern; was nicht meint, sie ist eine Nymphomanin; die Regisseurin stellt lediglich Situationen her, in denen Männer sich in ihrer nächsten Nähe befinden, auf einem Ausflugsboot beispielsweise, auf dem sie mit dem Kind einer Nachbarin fährt und der Mann der vor ihr sitzt, hat augenblicks für sie keine andere Funktion, als dass er ein Mann ist. Er springt daraufhin malerisch ins Wasser.

Von einem skrupellosen dieser Männer wird sie schwanger. Nur Abbruch kommt für sie in Frage. Das muss emotionslos diskutiert werden, dass das mit Absaugen passieren müsse. Auf der Autobahn fährt sie viel zu schnell, merkt das gar nicht und ist verwundert, dass die Polizei sie anhält; diese wiederum kann den Mann in sich angesichts dieser Frau nicht zum Verstummen bringen und findet eine Lösung, zwar Führerschein weg, aber ein junger Mann darf sie weg fahren.

Einmal spielt Shelley, der Romantiker eine Rolle, sie sitzt gerade vor einem romantischen Oelgemälde. So zufällig, wie offenbar ihr Leben abläuft. Sie selbst ist nicht romantisch. Aber wir sehen sie wie Eva durchs Paradies wandeln. Mit der Mutter klaut sie Mirabellen von Nachbars Boden.

Momentaufnahmen einer Frau, die nicht für das bürgerliche Leben geschaffen ist, aber auch nicht für die Romantik, und schon gar nicht für die Planung oder für verzehrende Treue oder für die Ehe; irgendwie eine rein gegenwärtige Frau. Eine Erforschung des Phänomens Frau? Zu schön, zu viel Frau für diese Welt.

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Diese multinationale Produktion (als Produzentenländer stehen bei IMDb England, Frankreich, Hong Kong und die USA) hat 15’000 Menschen für kürzere oder längere Zeit einen Job gegeben.

Um das zu erfahren, muss man Geduld haben bis zum Ende des schier endlosen Abspanns. Der Regisseur, Justin Kurzel, ist in Australien geboren ist, von ihm gab es hier schon Macbeth zu sehen, auch Michael Lesslie war dort in den Credits bereits als Autor zu finden, ferner Adam Cooper (Die Bestimmung – Allegiant, The Transporter Refueled, und Exodus: Götter und Könige – ferner war bei diesen immer auch, wie jetzt hier wieder, Bill Collage mit von der Autorenpartie).

Die Geschichte, die uns die Autoren verbraten wollen, die greift weit zurück. Sie startet beim Apfel, mit der die Schlange im Paradies Eva verführt haben soll. Dieser Film weiß nun, dass jener Apfel das genetische Material für den Freien Willen des Menschen enthalte. Das hört sich so recht nach Humbug an, vielleicht nennen sie es Fantasy, es ist vieles möglich.

Die Story macht einen Riesensprung vom Paradies ins 15. Jahrhundert, in jenes der Inquisition, nach Sevilla. Die Erzähler wollen uns weiter weis machen, dass zwischen dem Orden der Templer und einer Gruppe namens Assassins ein Kampf um diesen Apfel entbrannt sei.

Wir werden Zeuge der Verbrennung eines Häretikers, den der Koproduzent des Filmes, Michael Fassbinder, in einer Doppelrolle spielt. Hier heißt er Aguilar und entkommt mit handwerklich ausschweifend hergeleiteten Details der Verbrennung, was eine wilde Verfolgungsjagd über die Dächer von Sevilla zusammen mit einer ebenfalls zur Verbrennung ausersehenen Frau führt.

Dann macht die Geschichte einen gewaltigen Sprung, bei drei Autoren geht das vielleicht leichter, und landet in der Nähe unserer Zeit, 1986, um dann bald nochmal einen Lebensalterssprung von 30 Jahren ins Heute hinzulegen.

Bis hierher ist Michael Fassbender als der Heute-Protagonist Cal Lynch erwachsen geworden und ist bereit, in das Spiel um Evas Apfel einzusteigen, ein Spiel, das bereits den Tod seiner Mutter zur Folge gehabt hat.

Weiter haben die Autoren eine Rolle für Marion Cotillard ersonnen. Sie ist Sofia. Sie ist gewisserweise eine Mittlerin und Mitstreiterin von Cal, sie arbeitet für eine Organisation, die sich die Perfektion des Menschen zum Ziel gesetzt hat; deshalb ist sie am Paradies-Apfel interessiert.

Um an den Apfel zu gelangen, wird mittels Retrosimulationen über eine gigantische Robotermaschinerie versucht, Kämpfe und Situationen aus dem Sevilla von 1492 zu reenacten, so einzugreifen, dass die Assassins an den Apfel gelangen können, der da bei den Templern aufbewahrt wird. Fassbender als Aguilar ist ein Assassin und hinter dem Apfel her. Die Roboter- und Zeitmaschine ist ein bildergiebiges Sujet: Fassbender hängt dran, wie ein Gnom an Gullivers Fingerspitze. Das machen sie toll, diese Überblendungen von Kämpfen im Mittelalter mit der Robotermaschine, dieses Infiltrieren in die Handlungen und Gedankengänge der vergangenen Figur, um dadurch dem Verbleib des Apfels auf die Spur zu kommen.

Das sind vermutlich die Elemente der Geschichte, die die Macher zur Produktion verführt haben, die Begeisterung über ein Sujet wie dieses; das dem Star auch noch die Möglichkeit gibt, sich in Posen antiker Götterfiguren mit nacktem, muskulösem (postproduktiv deutlich bearbeitetem) Oberkörper zu zeigen.

Insegsamt wirkt der Film überhaupt eher so, als diene die Geschichte lediglich als Vorwand für die diversen Filmgewerke, auf den Putz zu hauen mit Ausstattung, Überblendungs-,Verlangsamungs-, Flug- und Hologrammtricks, alle die Ideen für geile Settings und postproduktive Eingriffe, für Lichtspielereien und aufregende Kamerapositionen, vor allem Fahrten und Flüge und Greifvogelflug; mit all den technischen Möglichkeiten sich auszutoben, durch die Zeiten zu brausen, genau so mit der Musik, die die Fülle von tiefen, archaischen Basstönen mag, die immer so klingen, als kündigen sie Erdrutsche an.

Viele der Bilder, die an große Malerei erinnern, täte man gerne in Ruhe nochmal studieren, wie Lichteffekte und Perspektiven zustande gekommen sind, was alles hineinwirkt in die Gestaltung. Malerkino.

Der Film wirkt wie eine Gemäldegalerie, wie eine Ausstellung sich gegenseitig stimulierender Filmgewerke. Vor der Kamera agieren Leute, mit denen den Produzenten nichts passieren kann, nebst den topclass Protagonisten sind Jeremy Irons, Brendan Gleeson, Charlotte Rampling zu sehen.

Der Film ist voller Museums-Galerie-Moment. Nur die entscheidende Frage kann er nicht beantworten: was will er uns erzählen, außer einer Muster(und Nabel-?)schau höchst sehenswerter Filmgewerksarbeiten? Hier gibt es viel über die bildnerisch-malerischen Effekten und Möglichkeiten des Kinos zu sehen. Ein Handwerkerfilm, in dem die einzelnen Gewerke in ihrem Zusammenspiel brillieren.

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Die unergründlichen Wege des Charmes, des Flirts, seine tieferen Beweggründe und Absichten und die Reaktionen der (arglosen, willfährigen?) Opfer brillant vorgetragen in Dialogen wie eine leichte, vierhändige Klavierétüde, ein Hörerlebnis, bitte nicht auf Deutsch nachsynchronisieren.

Ein unvollendets Frühwerk von Jane Austen, ein Briefwechsel, fabelhaft dramatisiert und inszeniert von Whit Stillman und ausgestattet mit wunderschönen Kostümen und alten Kutschen und britischen Schlössern und Stadthäusern.

Das Hauptsetting heißt Churchill und der begehrteste der Junggesellen ist Tom Bennett als Sir James Martin, so reich wie einfältig, zu keinen Zwischentönen oder verhaltener Sprechweise fähig, alles kommt ungebremst und unfiltriert raus bei ihm, es spricht nicht von Bildung, er weiß nicht mal wer König Salomon war, trägt den Begriff aber unzerkaut weiter. Unter Churchill versteht er Church und Hill und guckt sich bei seiner Ankunft erstaunt um, wo denn die Kirche und wo der Hügel sei. Erstere hat er entdeckt, den Hügel sucht er bei dem gefängnishaft aussehenden Anwesen vergeblich.

Sir James ist eine von den Figuren, auf die die Reize von Kate Beckinsale als Lady Susan zielen. Sie ist verwitwet und verarmt. Sie ist es nicht gewohnt, Rechnungen zu begleichen, sie und ihre Tochter sind „zu Gast“ statt dass sie wohnen. Bei ihrer adeligen Verwandtschaft immerhin ein feines Vergnügen.

Lady Susan ist der intrigante Mittelpunkt all der Verwicklungen. Ihr einziges Ziel ist es, sowohl sich selbst, als auch ihre Tochter Catherine (Emma Greenwell) wirtschaftlich sinnvoll zu verheiraten.

Ihr erstes Ziel bei ihrer Schwägerin, die auf Churchill verheiratet ist, Jemma Redgrave als Lady DeCourcy, deren Bruder Reginald DeCourcy (Xavier Samuel) an seiner Neugier zu packen, in langen Spaziergängen mit geistvollen Gesprächen ihn bereit zu machen, seine Gefühle anzubohren und aufflammen zu lassen.

Gleichzeitig flieht ihre Tochter Frederica (Morfydd Clark) nach Churchill, da sie aus der Schule rausgeworfen worden ist und bereichert die Flächen für die Gefühlsspiele, denn Reginald ist ein höflicher, gebildeter, aufmerksamer junger Brite.

Kulturelle Köstlichkeit: der Tochter von Lady Susan werden Gesangsqualitäten zugeschrieben, die „Kentsche Nachtigall“ nennt sie Susans Schwager Charles (Justin Edwards) – und es verlangt von ihm jedes Mal die Anstrengung eines artistischen Aktes, das Wort zu buchstabieren.

Der große Unbekannte in dem Stück bleibt Mr. Manwaring, der oft erwähnt, mal gehört, aber nie gesehen ward; er ist ein weiteres Opfer der Anmache von Susan; und seine Frau Lucy (Jenn Murray) hat herrlich hysterische Auftritte.

Dem Film ist keine deutsche Synchronisation zu wünschen, da er eh eine gehobene Unterhaltung für ein anspruchsvolles, gebildetes Publikum bietet, dem Untertitel zuzumuten sind, wobei das von den Darstellern gesprochene Englisch sowieso gut verständlich ist.

Es ist die Art von Konversationsstück, in dem die Figuren den Raum betreten, sich setzen oder im Stehen die Dialoge geschliffen vom Stapel lassen, die ganze Aufmerksamkeit des Zuschauers, der hier mehr Zuhörer ist, fesselnd. Für so ein Milieu und so eine Lebensauffassung gilt zuvörderst: „Facts are horrid things“, Tasachen sind fürchterliche Dinge.! – die Texte ganz und gar nicht.

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Xavier Dolan
Mommy
Sag nicht, wer du bist
Laurence Anyways
Herzensbrecher
I killed my Mother
bleibt seinem Thema treu: der Außenseiter, der Sensible, der Schwule, der Künstler im Schoße der Familie.

Höchst sensibel und theaterstückfundiert (von Jean-Luc Lagarce) umkreist er die Inkompatibilität eines solchen Außenseiters mit seiner Familie, die Disparität, die im Schosse der Familie nicht aufgehoben ist.

Familie heißt Vollzähligkeit, Kompaktheit; jeder Mensch ist in eine Familie hineingeboren, aber nicht jeder Mensch für die Familie, so könnte man es sehen.

Der typische Muttersatz, schön, dass wir alle beisammen sind, dass es zuhause am schönsten sei, erstickt im Keime der Absicht, ihn auszusprechen.

Wobei noch die Differenz Stadt und Land diskrepanzverstärkend hinzukommt.

Louis (Gaspard Ulliel) ist dieser Außenseiter. Er ist vor über zehn Jahren von zuhause ausgezogen, lebt in der Stadt, ist erfolgreicher Autor, in den Zeitungen wird über ihn geschrieben. Er ist nie wieder zuhause aufgetaucht. Vater ist abwesend, irgendwie. Der kleinen Schwester Suzann (Lé Seydoux) hat er über die Jahre immer wieder Ansichtskarten geschickt mit elliptischen Sätzen drauf. Aber er kennt sie nicht. Der ältere Bruder Antoine (Vincent Cassel) lebt noch da mit seiner Frau Catherine (Marion Cotillard) – sie siezt Antoine bei seinem Besuch, denn auch sie kannten sich nicht; über ihre Kinder gäbe es dringend etwas zu berichten; auch dazu kommt es nicht.

Mutter (Nathalie Baye) provoziert förmlich den Klatsch aus purer Angst und Abwehr, es könnten Dinge angesprochen werden. Es versteht sich von selbst, dass Louis nicht dazu kommt, das zu sagen, was er sagen möchte, nämlich, dass er sie einfach noch einmal wiedersehen möchte vor dem Ende und dass er das ihnen persönlich ausrichten möchte. Themen wie die Farbe des Fingernagellackes übertönen alles.

Dolan setzt solche gegenläufigen, doppelschienigen Prozesse auch filmisch meisterlich um, wie der Klatsch wie in einer eindimensionalen Welt abläuft und parallel dazu Louis immer mehr sich verabsentiert, in inneren Monolog versinkt.

Oder wie sich ein Gespräch zwischen ihm und seinem älteren Bruder, der offenbar auch die größte Panik vor persönlichen Äußerungen schiebt und vor Wahrheiten, festhakt am einführenden Satz von Louis, dass er früher angekommen sei und am Flughafen einen Kaffee getrunken habe und nachgedacht habe, da fällt ihm schon der Bruder ins Wort, ja, um ihm just dies zu sagen, das steigert sich schier ins Groteske, diese Ersatzdiskussion, bis zur Erschöpfung, bis sie endlich wieder ‚zuhause‘ sind und entbehrt nicht einer abgrundtiefen Komik.

Meisterlich auch, wie Dolan Erinnerungen einflicht, Bilder aus der Jugend von Louis, seine erste große Liebe und wie er in einem Abstellraum mit Gegenständen aus der Zeit sitzt, ganz nebenbei baut Dolan sein Faible für textile Strukturen als bildverdichtend ein.

Einen humoristischen Kommentar erlaubt er sich auch, den Gag mit der Kuckucksuhr, vielleicht etwas platt für das Kuckuckskind, aus dem, nachdem Louis schier schwindlig ist vor Familienverdrängungsmechanik und -getöse, tatsächlich ein kleiner Vogel zu fliegen kommt und am Boden liegen bleibt. So hatte er sich den Abschied nicht gedacht. Da war er wohl doch zu optimitisch, was Familie anlangt. Selbstredend, dass Dolan mit seinem erstklassigen Cast so umgeht, dass von einem Traumcast gesprochen werden kann!

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Wer ist glücklich, der „Normale“ oder der „Ausgestoßene“ oder derjenige, der in der Psychiatrischen untergebracht ist, der Patient in der Villa Biondi, einer exklusiven geschlossenen Anstalt, die von Nonnen geführt wird im grünen, hügeligen Mittelitalien in einem ehemaligen Kloster?

Man betreibt Landwirtschaft. Die Patienten werden zum Arbeiten herbeigezogen. Maria Beatrice Morandini Valdirana (Valeria Bruni Tedeschi) pflegt dabei ihre Mitpatienten mit einem Redeschwall zu überziehen und ihnen Anleitungen zu geben. Arbeiten liegt ihr nicht, die aus superreichem Hause kommt, welche Exzesse auch immer zu ihrem Absturz und zur Verbannung aus ihres Gatten Anwesen geführt haben mögen.

Jedenfalls plappert sie pausenlos drauf los, gscheiter als jeder Psychiater über ihre Bekanntschaften im Weltprominentenmilieu von Showstars bis zum amerikanischen Präsidenten. Sie ist auch in so einer Anstalt ein unterhaltsam belebendes Element.

Der Autor und Regisseur Paolo Virzi, der schon mit Die süße Gier gezeigt hat, dass er ein waches, sozialkritisches Auge hat, lässt nun als neue Patientin Donatella Morelli (Micaela Rmazzotti) in die Villa Biondina bringen. Sie muss in die geschlossene Psychiatrie, weil ihr Selbstmord und versuchter Mord an ihrem Baby vorgeworfen werden, ein Skandal in den Zeitungen.

Mit Donatella und Beatrice stoßen zwei rebellische Elemente aufeinander. Beatrice stürzt sich gleich auf die widerwillige, tätowierte und fertig aussehende Donatella, spielt zuallererst die Ärztin, eine Szene in der sich zeigt, wie gut eine Patientin sich darin auskennen kann.

Beatrice arrangiert, dass sie beide ein gemeinsames Zimmer bekommen. Sie schnüffelt in Donatellas Dingen und wie klar wird, dass in der Gärtnerei, einer Außenstation, zwei Kräfte gebraucht werden, hat sie sich längst als Pflanzenkennerin ins Gespräch gebracht und fix ist auch Donatella mit dabei. Die zwei Unzertrennlichen.

Wie der Bus, der sie zurück in die Villa Bionda bringen soll, Verspätung hat, machen sich die beiden selbständig auf den Rückweg. Sie nehmen Bus Linie 63. Eine Eigenschaft solcher Buslinien scheint zu sein, dass ihre Endstation ein opulentes Einkaufszentrum ist.

Aus diesem selbständigen Heimweg, beide haben immerhin 120 Euro Arbeitsentgelt in der Tasche, entwickelt sich unversehens ein Roadmovie mit anderen Zielen als dem Rückweg in die Psychiatrie. Es ist ein Weg, Vergangenheiten zu treffen, Dingen auf die Spur zu kommen, die so nicht richtig gelaufen sind, aber auch mit den Mitteln der klamottigen Gaunerkomödie Leute um Geld und Essen anzuhauen oder ein Auto zu entwenden.

Das setzt Virzi ohne Berührungsängste vorm Klischee ein, weil er auf etwas sehr Ernstes hinaus will, auf das Thema der leichtfertigen Freigabe eines Kindes zur Adoption, weil die Ämter die Mutter für nicht fähig halten und genau so das Thema der leichtfertigen Einlieferung und Sedierung von schwierigen, auffälligen Mitmenschen in die Psychiatrie.

Die beiden Damen und auch das übrige Ensemble bringen das mit vergnüglichem Temperament zum Ausdruck, die Darstellung, dass sie Opfer gerichtlicher Verfehlungen sind, die nach außen als gestrauchelte Frauen gelten; und genau das Gegenteil beweisen sie mit komödiantischem Input; sie schenken dem Opferstatus nichts und bleiben doch nah am Leben – auch nah am Hamletsatz vom „Schlafen, Träumen, vielleicht auch Sterben“.

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Gibt es die ideale Erziehung? Gibt es überhaupt die richtige Erziehung? Oder muss man wie Captain Fantastic erkennen, dass dem Idealismus etwas Totalitäres innewohnen kann und Kompromisse gar nicht so schlecht sind? Siehe Review.

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Sendung aus der guten, lieben, alten öffentlich-rechtlichen Rundfunkzeit, wie es sie schon bald nicht mehr geben wird, da einerseits das Finanzierungsmodell ungerecht ist, antidemokratisch: je schwächer ein Haushalt finanziell ausgestattet ist, desto stärker muss er sich beteiligen und umgekehrt, je besser ein Haushalt finanziell dran ist, desta vernachlässigbarer wird sein Anteil; und wenn der Rundfunk schon dank seines neuen Finanzierungssystems auf absehbare Zeit nicht mehr haltbar ist, so ist er es noch weniger durch seine innere Entwicklung: Pfründensysteme, Pensionssysteme, bürokratische Wasserköpfe. Er muss also an allen Ecken und Enden sparen trotz steigender Zwangsgebühreneinnahmen.

Die holde Zeit, in der ein verdienter Franz Xaver Gerstl noch mit seinem Ton- und seinem Kameramann sich ein Altherrenreislein auf Rundfunkkosten in fremde Länder leisten kann, die dürfte bald vorbei sein. Wir schauen hier in die Vergangenheit eines intakt sich fühlenden öffentlich-rechtlichen Rundfunks, wir betrachten ein Unikum, eine vom Aussterben bedrohte Gemütlich-Sendung, fühlen uns in die Vergangenheit versetzt.

Allein, was es in San Francisco alles zu verkosten und zum Zuprosten gibt, das erweckt die Assoziation von Gernstl als wandelnder Heim- und Handwerkmesse: Essen vom kostenlosen Imbiss (dazwischen erhält der Tonmann einen Anschiss eines Bürgers, weil er in der Öffentlichkeit raucht), dann gibt es Pot-Pies, Leberkäs und selbstgemachten, amerikanischen Käse. Es folgen Haselnussschnaps, Brotzeit im Biergarten, Prost mit Bier und Schnaps dazu eine Musikdarbietung. Zwischendrin gibt es Namedropping nur vom Berühmtesten und einen Operndirektor, der für 1800 Dollar in einem WG-Zimmer haust. Weiter geht es mit Brezen, es folgen Rindsroulade mit Püree, schließlich noch Anstoßen auf einem Hausboot mit „Mimose“, einem Gemisch aus Sekt und O-Saft. — Nee, mit dem Zwangsgebührenzahler ist solches nicht mehr zu machen.

So geht das nicht mehr, nicht mit dem undemokratischen Zwangsgebührenmodell. Das kann nicht sein, dass Menschen sich die Zwangsgebühr vom Mund absparen müssen – und die gibt es! – damit ein alter, wohlbestallter Herr auf deren Kosten sich ein schönes Reislein inklusive Verpflegung finanzieren lässt. Das ist ein Affront gegen den Gebührenzahler, der sich dieses Zwangsgeld von bescheidenstem Budget absparen muss. Gernstl würde der Republik helfen, wenn er mal eine Reise zu Zwangsgebührenzahlern machte, die Lebensqualität und Kulturteilhabe einbüßen, damit ihnen der sogenannte Beitragsservice nicht den Gerichtsvollzieher schickt: Arbeitslose, deren Arbeitslosengeld nur leicht über der HartzIV-Bemessungsgrenze liegt oder Rentner, mit kleinen Renten, aber gerade so über dem Limit, das ihnen Grundsicherung gewähren würde (welches wie HartzIV eine Befreiung vom Rundfunkzwangsbeitrag bedeutet). Nein, so geht das nicht mehr, so ist dieser öffentlich-rechtliche Rundfunk kein Gemeinschaftswerk mehr, so ist er nur noch eine Abzockanstalt: Wohlhabender lassen es sich auf Kosten von Bedürftigen gut gehen. Nein, das geht so nicht, nein, nein und nochmal nein.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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Der alte Gernstl, irgendwie is er scho a Hund. Da fängt er eine Sendung an, wo man gleich alle bekannten Register ziehen möchte: alter Herr, kann nicht aufhören, möchte auf Zwangsgebührenkosten mit seinem Team von HP Fischer und Stefan Ravash ein bisschen in der Welt rumreisen, bestätigt erst mal die ganzen Klischees von Amerika, Lassos und Burger nebst einigen billigen spontantouristischen Einschüben und Westernstadt und Harley Davison und das abgelutschte Motto „jeder kann es schaffen“, fährt zu einem Musiker der aus Depperl-Reihen von Tönen Verwertbares macht, zu einer Aussteigerin, die mit einem Amerikaner in den Bergen einen Bauernhof führt; es wird unendlich oft verkostet und zugeprostet, du liebe alte Zeit, du Auslaufmodell von öffentlich-rechtlichem Rundfunk — doch dann findet der Gernstl zuletzt eine ausgewanderte Bayerin, Siri, mit einer aufregenden Laufbahn, schon als 20jährige als Kriegsberichterstatterin für die ARD in aller Welt unterwegs und betreibt jetzt ein alternatives Bestattungsunternehmen inklusive Sterbebegleitung. Malerin ist sie auch.

Für Siri ist Sterben wie der Abflug zu einem neuen Leben und gehört in die Familie. Sie erzählt, wie sie in der eigenen Familie mit den Kindern einen Tag neben ihrer toten Schwester verbracht hat. Da macht es Klick, und gibt einen Gedankenwischer an die BR-Checker-Sendung von diesem Tobi und wie wenig Ahnung der hatte und damit hat Gernstl seine Haut fürs Erste gerade noch gerettet.

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Ein Tatort wie eine kleine Weihnachtsgeschichte mit einer melancholischen Wunderkerze zum Schluss.

Ein Tatort, der alle Anforderungen an einen Tatort erfüllt. Er erzählt eine Geschichte aus unserer Zeit. Er bringt Licht in ein gesellschafltiches Feld, von dem wir nur wie beim Eisberg den kleinen sichtbaren Teil über Wasser sehen, das sind die rumänischen Bettlerbanden/Bettlermafia, Bettlergruppierungen, denen jeder Heutemensch, der sich in einer deutschen Stadt bewegt, auf Schritt und Tritt begegnet oder direkt drüber stolpert.

Stein für Stein wird die Geschichte von Dinah Marte Golch (Redaktion Stephanie Heckner vom BR und Birgit Titze von ARD/DEGETO) aufgebaut, nachvollziehbar aufgedröselt und in spannendem Wechsel zwischen Fortschreiten des Falles und dessen Aufklärung durch die Polizei erzählt.

Unter der subtilen Regie von Markus Imboden und vor der uneitlen Kamera von Peter von Haller sind den gut besetzten Schauspielern (Casting: Siegfried Wagner) die Bemühungen um die Figur nicht zehn Meter gegen den Wind schon anzusehen.

Zur Glaubwürdigkeit der Story trägen genau so das Szenenbild von Oliver Hoese und die Kostüme von Birgitta Lohner-Horres bei.

Auf Musikuntermalung wird weitgehend verzichtet, einmal tragen die Straßenmusiker einer Mariachi-Gruppe Sound bei, lediglich, wenn es härter zur Sache geht, versucht eine diskreter Hinergrund-Musik das erträglich zu machen. Lediglich konzertante Klingeltonmelodien bilden lebensnah eine sporadische Tonkulisse.

Eine Busladung rumänischer Bettler kommt in München an. Mit dabei sind die beiden Schwestern Tilda (Mathilde Bundschuh) und Anuscha (Cosmina Stratan). Tilda ist hochschwanger; nach brutaler Behandlung durch ihre Chefs Calin (Alexandru Cimeala) und Radu (Florin Piersic Jr.), setzt eine Frühgeburt ein. Mithilfe ihrer Schwester bringt sie versteckt vor der Öffentlichkeit den Jungen zur Welt.

Das Kind birgt Risiken für die Mutter und für die Geschäfte der Bettler. Die erste Szene der Bettler erinnert an Bert Brechts Dreigroschenoper, zeigt die Bettler beim Empfang ihrer Bettelschilder und der Aufteilung der Touren.

Die Geburt des unerwünschten Kindes löst eine Reihe von Brutalitäten und Verbrechen aus. Der Zuschauer weiß meist ein bisschen mehr als die Kommissare, bekommt Einblicke hinter die Kulissen der Bettlergesellschaft in ihrer geräumigen Kellerabsteige oder wie die Bosse das Geld abkassieren und in einem kleinen Automaten zählen (egal wie realistisch oder nicht).

Ist schon die erwähnte Konstruktion publikumsfreundlich, so ist es auch die Schauspielerführung durch Markus Imboden. Er verlangt offenbar eher Unterspielen, stellt die Sache, das Ziel der Szene in den Vordergund, ganz im Sinne der Spannung und nicht des Hangs der Darsteller zum Brillieren.

Durch diesen Ernst der Regie wirkt das Stammpersonal glaubwürdiger, wobei Udo Wachtveitl als Franz Leitmayr sich mit der Tendenz zum Unterspielen leichter tut als sein Kollege Miroslav Nemec als Ivo Batic. Ganz auf sein häufiges Kasperltheater verzichtet der Pathologe von Robert Joseph Bartl, während Ferdinand Hofer als Kalli Hammermann noch zu unerfahren wirkt, um solche Details der Performance am Set schnell umsetzen zu können.

Auch die beiden rumänischen Schwestern kommen glaubwürdig. Schöne Funktionsfiguren bieten ferner Doris Buchrucker als Flaschensammlerin, Florian Karlheim als Busfahrer Bernauer, Alexander Gastner als André Szymanski von der „Hilfe für Rumänien“ und Attila Georg Borlan als Zivilermittler Josef Waducek, die Mittelsfiguren zu den Rumänen sind.

Der eingebaute Humor kommt nicht mit dem Holzhammer, so ganz nebenbei zeigt mal einer den Druck auf seinem T-Shirt, auf welchem das Christkind in der Krippe liegt, daneben zwei Geistliche, Text: „Maria, wir müssen reden“. Oder die kleine Szene mit Leitmayr neben zwei Pennern, einer bettelt eine Passantin an, sie wirft einen Zwickel dem Leitmayr in den Kaffee, der offenbar so dünn ist, dass das Geldstück darin identifizierbar wird.

Ein auffallend angenehm, schön zu schauender Tatort im Vergleich zu all den aufgedonnerten Versuchen, zuletzt Tatort: Die Wahrheit.
Ganz unterschwellig spielt Weihnachten als Fest der Familie mit; wohldosierte Einschüben aus dem Privatleben offenbaren viel Einsamkeit der Figuren.

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