Wieviel Text verträgt die Welt? Es ist noch nichts erzählt.

Die Dokumentaristin Corinna Belz hat ein Händchen für sehr berühmte und nicht ganz mürrische, alte Männer, die Künstler sind, und über die nicht alle 14 Tage eine Dokumentation erscheint.

Mindestens hat sie das schon einmal bewiesen mit ihrem spannenden Début Gerhard Richter Painting, der zudem ein erfolgreicher Film war. Wobei es bei Richter den Prozess des Malens, des Entstehens eines Werkes oder auch einer Ausstellung zu erzählen gab, es also um Bilder ging.

Bei einem Literaten ist das schwieriger. Mei, der schreibt Texte. Oder er kann erzählen, wie er Texte schreibt – oder allenfalls geschrieben hat. Oder man kann ihn an der Schreibmaschine filmen (kommt auch vor). Oder ihn erzählen lassen, wie er sein Haus in Paris nicht mit einer Party, sondern mit dem Verfassen eines Textes im kleinsten Dachzimmer eingweiht hat.

Man kann auch Einblicke von fotogener Schönheit (Bilder, die beim Zukneifen der Augen sogar an Gerhard Richter erinnern könnten) von krakeligen, bearbeiteten Autografen filmen, auch zu diesem Mittel greift Corinna Belz.

Und natürlich bewegt sie sich in seinem lauschigen Haus in Paris, stellt ihm ab und an Fragen, damit was über den bekannten Schriftsteller zu erfahren ist. Gut plaudern lässt sich bei seinen Hobbies. Er ist ein Sammler, Pilze, Muscheln, Federn, Farbstifte.

Ein Wunder, so einen Pilz aufzuschneiden. Über jedem Gegenstand lässt sich philosophieren oder dichterisch reden. Jeder Satz von Handke wirkt druckreif, wenn auch vorsichtg geäußert wie mit leichter Sprechhemmung vorgebracht. Nie ist Blabla.

Wenn Handke ein Hemd auf seinem Stickstuhl bestickt. Allein der Akt des Einfädelns. Oder wenn er mit Muscheln die Ränder eines Weges im Garten markiert, wenn er den Sand, der gar nicht salzig sei, rausrieseln lässt.

Handkes Schriftsteller-Geschichte ist nicht unergiebig. Corinna Belz hat sich in Archiven umgesehen. Hat Filmausschnitte beigebracht, köstlich, wenn Hannah Schygulla aus einer Bahnfahrt eines Filmes mit einer aktuellen Bahnfahrt von Handke zusammengeschnitten werden, ein verblüffender Effekt. Der Dichter begegnet seinem Werk, seinen Figuren.

Wie die Zeit vergeht. Die Dokumentaristin zitiert Ausschnitte aus einem Interview mit dem berühmten Kritiker Friedrich Luft, von Pilzkopf-Handkes Auftritt vor der Gruppe 27 in Princeton 1966, (vielleicht könnte der heutige Literaturbetrieb so einen Auftritt mal wieder brauchen!) in welchem er spontan den ganzen Literaturbetrieb basht und sofort bekannt wird. Auffallen, das wollte er, seinen Selbsthauptungstrieb negiert er nicht.

Es gibt einen Ausschnitt von der Premiere seines berühmten Theaterstückes aus der Peymann-Uraufführung der „Publikumsbeschimpfung“.

Über den Schreibprozess spricht er, über Kreativität, wie die Bilder, die er beschreibt, nach einem Rhyhtmus entstehen; er liest auch ein Stück Text, die Dokumentaristin, das ist schon hilfreich im Kino, lässt den Text auch als Schrift über der Szene entstehen.

Auch einen Einblick in das Familienleben gibt es, die Geschichte mit dem Selbstmord seiner Mutter; seine Töchter erscheinen, eine schaut mit Glacéhandschuhen Fotos im Wiener Literaturarchiv an, Super-8-Filme aus der Kindheit oder Polaroidaufnahmen. Auch damit spielt die Dokumentaristin stilistisch.

Sein wichtigster Satz in diesem Film scheint mir „es ist noch nichts erzählt“ und das Problem der Literatur, an der Wirklichkeit vorbeizuschrammen. Handkes Wort in des Filmschreibers Ohr!

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