Archiv für 27. Juli 2015

Diese BR-Dokumentation von Werner Biermann über Franz Josef Strauß dürfte wohl kaum so provozieren, wie Strauß es zu Lebzeiten zu tun pflegte. Ist ja eh alles Geschichte. Biermann versucht auch gar nicht erst zu ergründen, warum Strauß so provoziert hatte, warum er so heftige Reaktionen und unversöhnliche hervorgerufen hat. Vielmehr skizziert er seine Karriere einfach und verständlich nach, gibt Hinweise auf seinen Charakter mit Rückblenden aus Kindheit, Jugend und Militärzeit bei den Nazis, inklusive Glück-gehabt-mit-Stalingrad, dieses gepaart mit hoher Intelligenz.

Die erste Begegnung mit den Nazis, als sie noch klein waren und gegenüber der Metzgerei von Stauß‘ Vater in der Schellingstraße, und der Hitler und der Himmler, die seien ja so nett, heißt es in einer nacherfundenen Szene, aber Vater Strauß war da anderer Meinung.

Wie erfahren, wie der katholische Pfarrer die Latein- und Sprachbegabung beim Ministranten Franz Josef aus der Maxvorstadt entdeckte. Wie dieser sich Jahre später kurz vor Ende des Krieges weigerte, Soldaten auszuliefern, die bei absehbarem Kriegsende desertieren wollten. Wie ihn die vielen Toten aus dem Krieg verfolgten und wie der Kommunismus für ihn zum menschenverachtenden Feind wurde. Wie er sich in der Nachkriegszeit nicht um die Gesetze kümmerte, wenn er großangelegte Schwarzmarktaktivitäten im Interesse der notleidenden Bevölkerung organisierte, dabei wurde er von den Amis gedeckt („halb Krimineller, halb Politiker“); denn dank seiner brillanten Sprachkenntnis hatte er bald einen guten Draht zu den Besatzern.

Später, als er schon Verteidigungsminister war, bekam ein Rüstungsdeal mit den Amerikanern insofern ein Geschmäckle, als er einen Ami-Soldaten, mit dem er sich nach Kriegsende angefreundet hat, zum Agenten machte, der gigantische Provisionen kassierte.

Der Spiegelherausgeber Augstein sah in Strauß ein Schreckgespenst, welches unbedingt als Kanzler verhindert werden sollte. Strauß war im Gegenzug zu den Spiegelstories nicht zimperlich im Umgang mit der Legalität (Verhaftung von Ahlers in Spanien; laut nachgestellter Szene im Einverständnis mit Adenauer).

Strauß war ein Mensch, der nach den Entbehrungen des Krieges das Feiern liebte, in eine reiche Familie aus Rott am Inn hineinheiratete und nach erfolglosem Streben nach dem Kanzleramt und diversen Skandalen ein Ministerpräsident in Bayern wurde, der das Land erfolgreich nach vorne brachte, um die Welt düste und sich mit den Großen der Welt traf. Wobei sein Einfädeln des Milliardenkredites an die DDR hier nur erwähnt und dessen Folgen nicht weiter untersucht werden; wie weit Strauß mit Geld der inneren Erosion des DDR-Systems gezielt Schub verliehen hat.

Nebst viel historischem Newsmaterial und Interviews mit Personen aus dem politischen Umfeld und der Familie sind immer wieder Nachspielszenen eingefügt, denen wohl mehr an daily-soap-hafter Leichtverdaulichkeit denn an genauer Historie lag. Unverständlich besonders aus diesem Grund, warum diese interessante und informative Doku spät abends kurz vor elf erst gesendet wird.

Strauß hat in seiner Jugend erlebt, wie ein Land zerstört wurde, das war ein entscheidendes Motiv für seinen politischen Einsatz. Kritiker, die dies aus ihrem Bewusstsein ausklammerten, schimpfte er Gehirnprothesenträger. Von letzter Sorte gibt es auch heute noch genug.

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