Axel Prahl spielt den Dachs. Also, wenn er den Dachs spielte, die Hauptfigur in der Erzählung von Franz Kafka, die dem Drehbuch von Jochen Alexander Freydank zugrunde liegt, dann wäre die Verwendung des Namens Kafka im Titel möglicherweise nicht präpotent.

Aber Axel Prahl spielt nicht den Dachs, sondern den von Alexander Freydank bearbeiteten Franz. Da der nach Drehbuch kaum zu spielen ist, so spielt Axel Prahl Axel Prahl oder wie Axel Prahl den großen Schauspieler spielen würde, den der Regisseur Alexander Freydank sich laut Presseheft für die Rolle vorstellt, mit Zuckungen im Gesicht beim Warten auf der Bushaltestelle oder mit bösem Blick je nach Situation. Er spielt später einen Mörder und einen Würger und den denkt er von Anfang an mit. Und so bewegt er sich auch, das ist immer im Hinterkopf. Boshaftigkeit und schlechtes Gewissen statt Einsamkeit.

Axel Prahl hängt sich voll rein, er kämpft gegen ein Drehbuch, was hinsichtlich Kafka unter jeder Sau ist, so drastisch ist noch nicht zu drastisch beschrieben und gegen ein Designkino, was ein Eigenleben entwickelt und alles andere niederstampft und unter die Räder kommen lässt, wie die computeranimierte Ruinenlandschaft, die den letzten Teil des Filmes dominiert.

Dieses Drehbuch haben gelesen (oder sollten es gelesen haben) und haben es anschließend zur Vernichtung von Steuer- und Gebührengeldern freigegeben: Deutscher Filmförderfonds DFFF (Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters), Landesregierung des Saarlandes (Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer), Saarland Medien GmbH (Geschäftsführer Dr. Gerd Bauer), Nordmedia Fonds GmbH (Geschäftsführer Thomas Schäffer), Saarländischer Rundfunk (Intendant Professor Thomas Kleist), Bayerischer Rundfunk (Intendant Ulrich Wilhelm).

Fasziniert von einem Text sein, heißt noch lange nicht, ihn verstanden haben und noch weniger, ihn filmisch umsetzen können. Vielleicht habe ich den Kafka falsch verstanden. Mir scheint es bei ihm um Einsamkeit zu gehen, um die Verspinnung in der Einsamkeit. Davon zu berichten, kann eine wunderbare Aufgabe für das Kino sein. Im Idealfall schafft es das Kino, mit einem Bericht über Einsamkeit, dem Zuschauer diese porös zu machen, ihm das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein.

Hier ist es genau umgekehrt: hier vermittelt das Kino dem Zuschauer das Gefühl endloser Einsamkeit, lässt ihn allein, selbst wenn hundert andere neben, vor und hinter ihm sitzen. Hier verrät das Kino eine seiner edelsten Aufgaben mit einer Großspurigkeit, die es noch für nötig befindet, naserümpfende Texte zu einem Kafak-Text hinzuzufügen.

Die ersten Bilder sind sogar atemberaubend. Sie erinnern in ihrer Aesthetik und Sterilität an einen der großartigsten Filme der Filmgeschichte, an Jacques Tatis „Playtime“, die Einsamkeit der Menschen in der modernen Architektur. Und die ist hier pointiert aufgenommen, alles gerastert und geometrisch, die Farben meist rausgezogen in der Postpro, und ein geleckter Neubau, der ist rot. Aber dann, aber dann. Aber dann kommt auf, dass Freydank gar keine Geschichte hat, dass er nichts zu erzählen hat, außer dass ihn solch computeranimierten Bilder und später ruinöse Innenaustattungen faszinieren, die er mit Musik übertönt, als sitze man in einem Flugzeug. „Das ist ein großer emotionaler Film, der spannend und intelligent zugleich ist“, das schreibt der Autor und Regisseur Freydank selbst über seinen Film. Entlarvender könnte ein Filmemacher sich selbst nicht bloßstellen.

Freydank lässt dem Zuschauer keine Zeit, sich in die Situation, in die endlose Angstituation von Prahl hineinzufühlen. Er überdeckt das mit Aktivismus. Türschlösser, Sicherheitsschlösser einbauen. Das ist Geschäftigkeit und nicht Angst. Übertönen statt hinschauen. (So hat der verschenkte Striesow einen Auftritt als Schlüsseldienstmann und es kommt zu einer gestelzten Texterei mit Prahl, ob er keine Schlüssel mehr habe und Prahl fragt, ob er von einem anderen Unternehmen noch weitere Schlösser einbauen soll; dann kommen ihm aber Bedenken, die Schlüsseldienstleute könnten sich ja kennen).

Der Rahmen ist geometrisch, stilisiert, der Prahl spielt einen merkwürdigen TV-Realismus oder wird vom Regisseur dazu angehalten. So bleibt kein Raum für Empathie. Freydanks Ersatzhandlung ist stilistische Prinzipienreiterei, statt dem Kafka auf den Zahn zu fühlen, gibt es signalhafte Ausstellung von graphischen und bildlichen Einsamkeitshinweisen. Den Prahl aber kann man sich nach oder vor jeder Szene vorstellen, wie er Small-Talk mit dem Team hält. Die Effekte ersetzen die Kafka-Substanz. Design statt Kafka. Die Eitelkeit ästhetischer Brillanz und computeranimierter Perfektion ist der prahlerische Untertext unter dieser Inszenierung.

Der Schnitt ist problematisch, siehe die Szene wie Prahl die Tapete runterreißt oder wie er das Essen für den 50. Geburtstag zubereitet. Der Schnitt ist hier ziemlich larifari.

Freydank versucht krampfhaft, irgend etwas zu illustrieren, was das Kino so nicht illustrieren kann. Er kennt vielleicht das Geheimnis des Kinos nicht. Die Bemerkung würde sich erübrigen, wenn er sich nicht so ein anspruchsvolles Stück Literatur vorgenommen hätte; so schreit er förmlich nach dem höchsten Maßstab. Wenn er behaupten würde, er hätte hier einen ambitionierten Vorschlag für einen Werbefilm für einen Baumarkt gemacht, so könnte man möglicherweise darüber diskutieren.

Ein Beispiel für den vollkommen ahnungslosen Umgang mit Kafka ist meiner Meinung nach die Szene, wie Prahl dem Hausmeister, den er später wie in schlechter Tatort-Manier erwürgt, einen Brief übergeben will. Der Hausmeister steht von der Regie allein gelassen auf einer hohen Bockleiter. Eine Szene, wie nicht durchdacht, wie nicht vorbereitet, aber ohne jede Spontaneität oder Funktion im Film. Was hat das mit dem Thema zu tun? Und lustig ist es auch nicht.

Schwache Dialoge vorm Kafkahintergrund: „Ich sagte die Tür steht offen“. „Dann machen Sie sie wieder zu“. Und Freydank ist sich nicht zu dämlich, die Frage „ Was machen Sie denn hier“ ins Drehbuch zu schreiben. Kafka würde sich im Grabe umdrehen mit so schlechter Drehbucherei in Verbindung gebracht zu werden oder sich in seinem Endruck von der Schlechtigkeit der Welt bestätigt finden.

Irgendwann hat Prahl einen ordentlichen TV-Tobsuchtsanfall. Cui bono? Oder: aus welchem Need? Und was soll hier bittschön eine – noch dazu miserabel gespielte – Komiknummer mit einem Ikea-Gestell?

Weil es ein geförderter deutscher Film ist, muss auf Teufel komm raus eine Disco-Szene rein. Was Prahl da sucht, ist unverständlich.

Warum raunzt Prahl den Hausmeister an, er solle sich gefälligst an die Arbeit machen? („Jetzt machen Sie sich gefälligst an Ihre Arbeit!“). Was hat Prahl gegen die Obdachlosen im Treppenhaus? Müsste eine Kafka-Figur nicht zutiefst fühlen, dass sie mit denen etwas gemeinsam hat?

Kündigung durch den Chef: „Es tut mit leid, aber es geht nicht anders“. Dazu laufen auf einem Computerbildschirm Zahlenkolonnen erratisch auf und ab. Ok, wenn Prahl schon nicht den kafkaesken Dachs spielen darf, dann spielt er halt den kriminellen Franz. Aber das kann jeder durchschnittliche Fernsehdarsteller auch. Da hätte man dem Steuerzahler sowie dem Rundfunkzwangsbeiträger nicht so viel Gage aufhalsen müssen. Die Rübezahl-Figur, die Prahl am Schluss spielt, dafür hätte man sogar Komparsen nehmen können, das wäre noch billiger, das ist primär eine Angelegenheit von Maske und Kostüm – und es gibt imposanteren Bartwuchs.

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