Selbestbespiegelung einer kulturellen Haute-Volée, die noch von New York als ihrem kulturell-intellektuellen Mekka träumt.

Diese Selbstbespiegelung einer wächsern gewordenen (früher war die Zeit bleiern), elitären Gesellschaftsschicht ist von erlesenster Art. Sie wird sich jedoch wundern, dass ihr das Publikum nicht die Bude einrennt. So ging es eben Wim Wenders mit seinem ähnlich gelagerten Selbstbespiegelungsfilm Everything will be fine. Wenders kann, so war es in Presse zu lesen, überhaupt nicht begreifen kann, dass die Welt mit anderen Problemen beschäftigt scheint als mit dem seiner eigenen Befindlichkeit.

So ist es hier bei Margarete von Trotta. Sie schildert eine exklusive Gesellschaftsschicht in exklusivem Setting und Kostüm, besetzt mit dem Besten was das deutsche Wachsfigurenkabinett an Stars herzugeben hat und inszeniert staatstheaterlich tragend, wogegen die Protagonistin, Katja Riemann ab und an etwa Flachs in die Sprache spinnt.

Als Vorwand für diese Schilderung ihrer Gesellschaftsklasse, ihres intellektuell-künstlerischen Milieus erfindet von Trotta die Geschichte einer Familienerkundung und -zusammenführung, die über den Ozean bis New York reicht. Erzähltechnisch hat sie sich für eine wenig spannende Variante entschieden, die einen Konflikt erst am Ende findet, statt diesen als Motor zur Spannungserzeugung einzusetzen. Das zu monieren trauten sich die fördernden Gremien offenbar nicht, falls es ihnen überhaupt aufgefallen ist.

Somit wirkt der Film wie eine Pfadfinderübung, eine Schnitzeljagd. An deren Beginn steht das Portraitfoto einer Frau. Aufgabe der Scouts ist es nun, herauszufinden, was es mit dieser Frau auf sich hat. Das wird aufklären darüber, dass es zwischen zwei Brüdern, von denen der zweite überhaupt erst sehr spät im Film als existent erwähnt wird, einen Konflikt gegeben hat und offenbar immer noch gibt. Wie zu guter Letzt ein Konfliktchen zwischen den beiden ausbricht, entwickelt dieses beim Publikum Kicherpotential.

Die dramaturgische Entscheidung für die Schnitzeljagd und gegen den Konflikt als Motor, hat allerdings zur Folge, dass die Theaterei der Stars oft an die Grenze der Kindertheaterei geht. Oder Frau von Trotta hält ihr Publikum a priori für schwer von Begriff und meint, sie müsse in einer gewissen Überdeutlichkeit, bei aller dankenswerten Klarheit der Erzählung, inszenieren. Wobei erschwerend die Kamera von Axel Block hinzukommt (Frage eines Bekannten: Hat sie wieder einen so schlechten Kameramann, bei dem man immer die Bilder aus den Bildern herausschälen muss?).

Matthias Habich, hier der Vater von Katja Riemann – da es sich um explizites, altmodisches Startheater handelt, brauchen uns die Rollennamen nicht weiter interessieren – hat im Internet (das ist einer der wenigen kurzen Einbrüche der Heutezeit in diesen Film, sonst werden wie im klassischen Drama Briefe aus Schatzkästchen und Schatullen hervorgekramt und anschließend wie bei ABC-Schützens vorgelesen) ein Foto von Barbara Sukowa entdeckt, die ihm sehr bekannt vorkommt.

Die Schnitzeljagd geht jetzt so: Riemann wird von Habich nach New York geschickt, um dem Geheimnis dieser vertraut erscheinenden Person auf die Spur zu kommen. Da Sukowa eine Operndiva spielt, gibt es Anlass für phänomenale Opernstarfotos von ihr und auch einen Auftritt an der Met – hier darf Katja Riemann dann in Kindertheatermanier zu spät kommen und sich durch die erste Balkonreihe quetschend schleichend drängen und damit ein beliebtes Ärgernis des Kulturmenschen illustrieren; insofern auch ein kleiner Benimmfilm.

Zu so einem wächsernen Selbstbespiegelungsfilm dieser gewissen Eliteschicht gehört im Zeitalter der Vergreisung auch mindestens eine Szene in einem feinen Altenheim. Hier handelt es sich um die „Magnolia Residence“ in New York, in der das Personal problemlos deutsch spricht und Karin Dor als Referenz an älteres, deutsches Starkino als Mutter von Barbara Sukowa in einem Rollstuhl Diva sein darf. Es gilt, verwandtschaftliche Bande zu erkunden.

Da Katja Riemann offenbar Ambitionen als Sängerin hat, werden ihr mehrere Möglichkeit zu Gesangsauftritten gegeben. Wobei einer auch des Künstlers Scheitern thematisiert, aber selbstverständlich darf sie in New York bei einer Jazzband einsteigen. Mich persönlich erbaut dieser Gesang nun nicht gerade, mir scheint ihre Gesangsstimme entweder zu klein oder nicht frei genug. Aber das passt hervorragend zum Thema Selbstbespiegelung.

Frau von Trotta ist auch überzeugt, dass ihr Publikum nach einer Liebesgeschichte schreit. So lässt sie Katja Riemann gleich am Anfang des Filmes den Freund verlieren, so dass sie in New York mit dem Opernagenten der Sukowa anbandeln kann; für die Sahne auf der schweren Torte ist somit gesorgt.

Als eine Art Rahmenhandlung, offenbar um der Godardschen Forderung nach einem Beruf von Hauptfiguren zu genügen, verdient Frau Riemann nebst den bescheidenen Gesangseinkünften noch ein Geld als nichtreligiöse Hochzeitszeremonienmeisterin. Das schafft die Möglichkeit von Improszenen á la Schauspielworkshop.

In der Welt, im Lifestyle der von Trotta fliegt man/frau einfach mal so mir nichts dir nichts nach New York. Diesem Lebensstilideal ist selbstverständlich auch der Doorman in New York Szene wert, als ob es sich um ein Tier im Zoo handle.

Wachsfigurenkabinettveranstaltung. Erzählung, die auf viel zu breiten Füßen daher kommt. Das Startum, die Garderobenbesuche nach dem Konzert, haben ihren Auftritt. Eine Gesellschaftsschicht, in der eine Erkenntnis auch mal zu dem Satz führen kann: Ich glaub, wir brauchen einen Scotch.

Ein Selfie der kulturellen High-Society, ulkig bis verwackelt.

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