Hier feiert die ungehobelte Provinz, deren Gesicht nicht für Anpassung und Bürgerlichkeit steht, Urständ, teils gewollt, teils urwüchsig. Auf der einen Seite der Aktion steht der Bub Quinquin, Kindkind, mit seinem schiefen Mund, seinen nicht anbiedernden Blicken, vielleicht einem Hauch von Inzucht, seiner Rebellion gegen alles Gefällige und Geordnete, seiner skeptischen Haltung gegen Leben und Familie (dann aber doch artig Kind, lehnt er sich an die Schulter der Mutter) aber auch seiner Neugier dem Leben, der Provinz und den Mädchen gegenüber, einer Zukunft, die wenn man die Erwachsenen und ihr Tun beobachtet, nicht gerade verheißungsvoll ist. Ein idealer Junge für das Genre des Schlingelfilms.

Auf der anderen Seite ist der Kommissar mit seinem zahnlückigen Assistenten Carpentier. Der Kommissar selbst, eine unruhige Ebene von Gesicht mit einem Zucken in jedem Moment, mit buschigen Augenbrauen und schlohweiß-lockigem Künstlerhaar. Er weist die Kinder eher gutmütig zurecht.

Auf dem Bauernhof wirft Quinquin Knaller in den Hauseingang oder erschreckt damit Radtouristen bei ihrem Picknick in den Dünen. Objekt des Interesses sowohl von Kommissar als auch vom Kid: eine Kuh, eine tote Kuh, die in einer Screen-ergiebigen Aktion mit einem Heli aus der Ruine eines Weltkriegsbunkers gehoben wird. In ihrem Inneren findet der Tiermediziner die Rückstände einer Frau, lauter kleine Teile bis auf den Kopf. Der fehlt. Es wird sich ergeben, dass es Frau LeBleu ist, ihr Mann ist mit ähnlichen Ticks im Gesicht gesegnet wie der Kommssar, aber der Kommissar, der hat auch noch erhebliche Probleme beim Gehen, er hat einen richtig wackeligen O-Bein-Gang.

Das Geheimnis von Kommissars O-Beinen wird in Folge eins nicht gelüftet, genauso wenig wie das Geheimnis der Toten in der Kuh. Ja es scheint sogar, dass das das Spannungsmittel für die Fortstetzung dieser 4-teiligen, skurrilen französischen Fernseserie ist, denn der letzte Anruf in Folge 1 ist, dass eine tote Kuh gefunden worden sei.

Bei der Beerdigungsszene von Frau Lebleu allerdings haut es die bisher wie naturbelassene Provinz aus den Angeln, da wird mutwillig geblödelt mit einem Mikro, das an einer nicht fixen Angel hängt und grässliche Rückkoppelungen verursacht und einem Organisten, der auf seinem Harmonium nicht aufhören kann und einer Sängerin, die sich wohl am liebsten selber hört und mit Gelächter und weit übertriebenem Spiel: der Komik Zunder geben.

Die deutsche Synchronisation ist plump, vor allem die Stimme des Buben schlecht ausgewählt. Das nimmt der Angelegenheit merklich von ihrem provinziell beabsichtigten Reiz, von Menschen die in einem prägnant reduzierten Bewusstsein leben, deren Gesichter sich den Furchen der Erde oder der Meeresoberfläche anpassen.

Aber auch: Das Fernsehen kauft hier die Marke „Bruno Dumont“ als Autor und Regisseur, bei uns am ehesten bekannt mit „Das Leben Jesus“ von 1997. Da ist er als eigenbrödlerischer Provinzkopf aufgefallen. Und hier hat er sich das Business mit dem Fernsehen teils etwas leicht gemacht, minutenlang einen Gesangswettbewerb zu zeigen oder Majorettennummern und überhaupt der ausgiebige Fahnengruß der Blaskapelle vor dem Kriegerdenkmal zum 14. Juli.

Nach der breiten Islamismus-Amokschützen Szene gibt es einen großartigen Moment des Kommissars, ein Spiel seiner Ticks, die schwanken, ob sie weinen oder lachen sollen. Diese Gesichtspantomime dürfte recht einmalig sein im Fernsehen.

Und gegen das Klischeebild der Provinz am Rande des Zombitums und der vorherrschenden Asymmetrie. Nach einiger Zeit zeigt Dumont, dass der Film in einem modernen Dorf mit Neubauten spielt und auch modernem Restaurant mit Pianomusik; Provinz nicht nur billig hinterwäldlerisch; wie denn sowieso keine der Entwicklungen in den Serienteilen vorhersehbar sind, immer wieder lässt sich Dumont auf Äste hinaus, nimmt Abzweigungen, die man nicht erwartet oder freut sich über einen Behinderten, der tanzt, als ob er ein Kreisel sei oder am Organisten, der nur mit Tastenklimpern an seinem Harmonium übt ohne die Luftpedale zu bewegen. Oder seine Inszenierung gerät in den Bereich moderner Kunstperformance bei der Schweigeminute vor der Nixe. Dann aber wieder die Behauptung, die Provinz, das sei die Hölle. Ein bisschen Achternbusch, nicht primär auf Storytelling konzipiert, sondern sich die Narrenfreiheit nehmend, umso mehr als ihm hier das Fernsehen blanco 200 Minuten Film gespendet hat.

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