Kino, das Gefühl und das Geschäft mit diesem.
Assoziation zum Titel: Sparkasse, Sparkasseneinlage. Die Savings auf der Bank.

In diesem hollywood-selbstreflexiven, selbstvermarkterischen Film der Disney-Studios geht es zentral um die Figur Mr. Banks. Der ist ein biederer Bankangestellter. Er ist nämlich in der Geschichte von Mary Poppins deren Vater. Der leibliche Vater der Autorin von Mary Poppins, Pamela L. Travers, gespielt von Emma Thompson, war ein Banker. In Australien. Und ist also die reale Vorbildfigur für eine Filmfigur, mit der Walt Disney persönlich, ihn spielt Tom Hanks als ob er aus dem realen Hollywood jener Zeit kommt, ein großes Geschäft wittert.

Im Film geht es nun darum, dass Disney seit 20 Jahren versucht hat, von Frau Travers die Rechte zur Verfilmung dieses Stoffes zu ergattern. Sie hat das immer abgelehnt, sie ist nicht mal in Verhandlungen eingetreten. Jetzt aber sieht es anders aus. Sie wohnt inzwischen in London und ist eine gefühlskalte, enttäuschte britische Lady geworden, die finanziell in einer Notlage steckt, wie ihr Agent in einer Szene anfangs ihr klar zu machen versucht. Sie steht unter Druck. Sie steht kurz davor, ihr geliebtes British home verkaufen zu müssen, my home ist my castle. Mit all ihren Vorurteilen nicht nur gegen die ewige Dutzerei in Hollywood fügt sie sich diesem Druck, lässt sich zu einem Flug nach L.A. überreden, um mit Walt Disney persönlich über die Rechte zur Verfilmung zu verhandeln.

Jetzt darf sich der Zuschauer über ein Musterbeispiel darüber freuen, wie Hollywood nach bewährtestem Rezept diese zwei krass gegensätzlichen Welten von britischer Etepete-Lady und nonchalantem Hollywood-Produzenten aufeinander loslässt mit garantiertem Rühreffekt aus dem Effeff. Die britisch-spitze, distanziert gefühlsverkapselte my-home-is-my-castle Welt gegen die überbordende, oft ungenaue, übertreibende, keine Grenzen kennende, gefühlsmäßig überquellende Hollywood-Welt. Die Kunst, die Gefühlskälte so lange und so überzeugend zu schildern, dass im Moment wo das Eis bricht, auch beim Zuschauer kein Bremsen für die Emotionen mehr da sein dürften.

Kein wegweisender Film, viel eher ein Film auf der Suche nach einst Wegweisendem, der Rückbesinnung auf einst fundiertes Selbstbewusstsein von Hollywood. Denn heute will das Kalkül mit den Blockbustern nach diesen Rezepten oft nicht mehr aufgehen. Vielleicht ein Ansatz zu einer Neubesinnung des amerikanischen Industrie-Kinos?

Wie Disney ein kaltes Herz knackt, das ist der knackige Vorgang in bester Hollywood-Tradition. Und ausgerechnet das möchte dieser Film zeigen, dass Hollywoods Filmproduzenten keine kaltherzigen Berechner sind, dass auch Walt Disney eine Rührstory über seine Kindheit aus dem Ärmel schütteln kann, und dass seine Geschäftsidee den Menschen nur Gutes tun will. Mit ihren tiefsten Gefühlen. Das war das Erfolgsmodell von Hollywood über lange Zeit. Aber nachdem einige Blockbuster sensationell gescheitert sind, nachdem schon vorletztes Jahr in vielen europäischen Ländern ein französischer Film die Charts angeführt hat („Ziemlich beste Freunde“), nachdem letztes Jahr in Deutschland, einem nicht unwichtigen Markt für Hollywood und hier mit allerlei Gewohnheitsprivilegien, Marktvorrechten ausgestattet, ein deutscher Film „Fack Ju Göhte“ und der als Blockbuster intendierte und seine Funktion auch erfüllende „Medicus“ die Charts angeführt haben, nachdem die alten Rezepte Hollywoods ausgeleiert, hohl angewandt worden waren, ist wohl Zeit für so ein Nachdenken, Nachforschen nach den eigenen Werten. Das wirkt gewissermassen doppelt anrührend. Weil als Antwort ja die alten Rezepte herauskommen.

Disney wird sein Ziel erst nach mehreren herrlichen Twists erreichen, denn kaum ist Frau Travers mal mit einem Ansatz an Ideen der Kreativen in Hollywood halbwegs gewonnen, schon findet sie wieder etwas Entsetzliches, zum Beispiel gezeichnete Pinguine. Es geht eben auch um die Wahrhaftigkeit in der Kunst. Um den Ernst, mit dem Mary Poppins ihr Leben lebt. Das darf nicht verblödet werden. Genau das will der Film beweisen. Dass Hollywood eine ernst zu nehmende Unterhaltungsindustrie ist.

Herrlich stachlig und besser nicht zum Küssen wie Emma Thompson diese britische Lady spielt, wie sie entsetzt gucken kann, wie sie sich über „this filthy, disgusting world“ aufregen kann, wie sie vor ihrem Abflug nach L.A. trocken meint, „I hope we crash“, wie sie sich empört über die frivolen Süßigkeiten, die bei der ersten Leseprobe des Drehbuches serviert werden, wie sie schwer aus dem Busch zu locken ist, wie sie noch irritierter schaut, wenn Disney ihr gesteht, er habe sie nur auf das Karrussell in Disney-World gelockt, weil er mit einem seiner Mitarbeiter eine Wette um 20 Dollar abgeschossen hätte, er schaffe das, wie sie den ganzen Kitsch von Disney-Stofffiguren, mit denen das Studio ihr Hotelzimmer vollgestopft hatte, sofort in einen Kleiderschrank packt.

Wenn der Film auch keine Lösung für die Probleme Hollywoods bieten kann, so erinnert er immerhin anrührend daran, was Hollywood einmal konnte, und wie es verstand, die Herzen zu gewinnen und gleichzeitig damit ein Vermögen zu machen. Und so schön der Film ist, und so sehr ihm ein großer Erfolg zu gönnen wäre, so sehr bin ich skeptisch, ob der mittlere Mitteleuropäer im Moment an so einer Geschichte interessiert ist, denn wir brauchen Lösungen für die Währungskrise, für die Gerechtigkeit in der Gesellschaft, für die Probleme im Zusammenhang mit der Alterung der Bevölkerung, für die Krisen auf der Welt, für die immer rasendere Ökonomisierung des ganzen Lebens, für die extremen Wohlstandsunterschiede, die gewaltige Migrationsströme auslösen. Wen interessiert es da, wenn uns einer aus Hollywood und mag er es mit noch so viel Pfiff und Schmalz und Selbstironie tun, erzählt, wie gut und ehrenhaft er doch Geschichten erzählen kann. Wenn er uns denn eben nicht die Geschichten erzählt, die uns betreffen.

Banksavings. Es geht um die Ersparnisse Hollywoods. Und gerade Ersparnisse haben bei uns zur Zeit keinen guten Ruf, sie schmelzen weg durch die Währungspolitik wie die Polkappen durch die Erderwärmung. Was interessiert uns da, wenn einer uns aus Hollywood von seiner Sparkasse erzählt. Und wenn wir im Zusammenhang mit den Freihandelsgesprächen zwischen USA und EU ein Wegdrücken europäischen, subventionierten Filmschaffens durch die Hollywoodindustrie befürchten müssen.

Hm, wenn sich allerdings so mancher Filmproduzent und Filmemacher hier ansieht, wie viel Mühe Kelly Marcel und Sue Smith auf das Drehbuch verwendet haben, das John Lee Hancock angemessen verfilmt hat, und sich davon ein Stück abschnitte, so wäre es wohl deutlich besser um unsere Filmkultur bestellt.

Ihr Vater und seine Krankheit, auch Alkohol; ihre Jugend in Australien.
Die Verknüpfung Autorentum, eigene Kindheit und also Wahrhaftigkeit der filmischen Realisierung hier als zwei Erzählstränge ineinander verknüpft.
Die Enttäuschung im Leben, auf die macht Disney die Autorin aufmerksam.
Mary Poppins muss nicht die Kinder retten, es ist ihr kranker Vater.
Disney als der Psychologe, der die Schwachstelle, die Wunden seiner Autorin erkennt.
Tom Hanks spielt diesen Disney mit einer Souveränität, wie sie heute im Zeitalter des Internets, wo von jedem Promi schnellstens jeder Faux-Pas und jede Schwäche offenbar wird, keiner mehr haben kann, wie sie heute wohl ausgestorben sein dürfte. Souveränität eines Dinosauriers.

Hinterlasse einen Kommentar

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>