Mit „Die Königin und der Leibarzt“ hat der Drehbuchautor Nikolaj Arcel bereits einen Film von erinnerungswürdiger, nordischer Klarheit vorgelegt. Jetzt hat er den Thriller „Erbarmen“ des Bestseller-Autors Jussi Adler-Olsen zu einem Drehbuch umgearbeitet, das Mikkel Norgaard verfilmt hat. Mit nicht weniger Klarheit exponiert er diesen Film mittels einer Diskussion über das Auswechseln einer Glühbirne, die drei Kriminalpolizisten im Auto in einer Beobachtungs- und Warteposition vor einer heruntergekommenen Hütte führen. Dabei wird auch das entscheidende Charaktermerkmal der Hauptfigur bereits eingeführt: es ist die Ungeduld von Kommissar Carl Morck, gespielt von Nikolaj Lie Kaas.

Morck will lieber Aktion statt warten und rumhängen. Er schlägt vor, in die Bude einzudringen noch bevor Verstärkung eintrifft. Der übereilte Einsatz endet in einer Katastrophe. Einer seiner Kollegen stirbt, der zweite wird für den Rest des Lebens gelähmt sein. Carl selbst erholt sich bald von der Verletzung, die er sich zugezogen hat. Die Wunde war das am wenigsten Schlimme, mehr zehren an ihm das schlechte Gewissen seinem gelähmten Kollegen gegenüber und auch seine Frau hat ihn verlassen. Er greift zu Tabletten, er hat ein Zittern an der Hand. Allein wie dieses filmisch gelöst wird, wenige Male im Unscharf angedeutet, bis er sich dezidiert mit seiner Hand beschäftigt.

Das macht den bildlichen Charme dieses Filmes mit aus: dass die handelnden Personen immer ganz scharf im Bild sind, aber vor leicht verschwommenem Hintergrund: die Gesichter erzählen die Story und nicht die Ausstattung, macht sie gut nachvollziehbar gerade für Zuschauer, die das Buch nicht kennen.

Für sein forsches Vorgehen wird Morck vom Dienst an der Front abgezogen, er wird in den Keller in Raum K11 versetzt, in die neu gegründete Abteilung Q. Diese soll in schnellem Rhythmus von drei Stück pro Woche ungelöste Altfälle der Kriminalpolizei ohne Bohei zum Abschluss bringen.

Im Keller erwartet ihn bereits laute Musik und sein Assistent Assad, ein Hüne von Mann, muskelbepackt, der nun so grad gar nicht ins Archiv passt. Zwischen den beiden wird sich eine Art spröder Kollegschaft entwickeln. Häufig ähnliche Bewertung von Fällen wird sie zusammenschweißen.

Assad hat Blätter von allen zu erledigenden Fällen an die Wand geheftet. Carl entscheidet sich für den Fall einer Politikerin, die vor einigen Jahren auf einer Ostseefähre verschwunden ist, in den Akten als mutmaßlicher Selbstmord vermerkt. Carl kann sich daran erinnern, die Frau war eine politische Hoffnung, und das liegt nur wenige Jahre zurück. Dass dieses der Fall für diesen Film werden wird, ist nicht zu viel verraten, auch dass er Marc und Assad bald aus dem Archiv hinaus zu Nachforschungen nicht nur in Dänemark sondern auch nach Schweden treiben wird, auch nicht. Noch dass der Zuschauer Zeuge von einigen ganz grauenhaften Vorgängen werden wird

Es lebt noch der behinderte Bruder Uffe der Verschwundenen. Um diesen zu befragen, denn er war bei der Überfahrt der Politikerin dabei, muss man allerdings sein Vertrauen gewinnen. Hierbei erweist sich der Charakterzug der Ungeduld, der Unbeherrschtheit von Carl als ziemlich hinderlich. Das kommt in der Szene am schönsten zum Ausdruck, in der Assad sich mit diesem Bruder unterhält und Carl muss auf einem Stuhl im Flur untätig rumsitzen, zum Mitleiden schön.

Warum mir die Angelegenheit fürs Kino dann möglicherweise doch nicht gut genug erscheint, mag vielleicht daran liegen, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt in Rück- und Parallelblenden das Schicksal von Meret, so heißt die Politikern, auch filmisch erzählt wird. So steht der Zuschauer plötzlich auf beiden Seiten des Falles, weiß zum Teil mehr als der Kommissar und muss diesem bei seinem Wissensdefizit zuschauen, muss zuschauen, wie er hinter dem Wissen des Zuschauers herjagt.

2 Antworten zu “Erbarmen”
  1. Zunächst mal habe ich mich – ich weiß selbst nicht recht warum – sehr darüber gefreut ausgerechnet hier auf die wunderschöne Worthülse „Bohei“ gestoßen zu sein.
    Nun habe ich seinerzeit das Buch gelesen und den Film natürlich noch nicht gesehen. Aber die von dir angesprochene Struktur mit der Verwendung von Rück- und Parallelblenden würde mir auf Anhieb als einzig sinnvolle erscheinen. Denn mal ehrlich: Besonders komplex oder gar anspruchsvoll ist der gesamte Plot, wie bei den meisten Krimis aus Skandinavien, nicht.

  2. Vielen Dank, Frank, für Ihr Feedback, der Bohei hat es mir auch angetan. Vielleicht können Sie noch mal ein Statement abgeben, falls Sie den Film anschauen, wie er auf jemanden wirkt, der das Buch kennt?

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