Die Grundlagen für diesen Spielfilm über den WikiLeaks-Gründer Julian Assange und seinen Kompagnon Daniel Domscheit-Berg waren die Bücher von Daniel Domscheit-Berg „My Time with Julian Assange at the World’s Most Dangerous Website“ und von David Leigh und Luke Harding „WikiLeaks: Inside Julian Assange’s War on Secrecy“.

Das Problem für den Drehbuchautor Joseph Singer war dramaturgisch insofern knifflig, als er aus zwei biographischen Büchern über zwei Hauptfiguren ein Drehbuch schreiben sollte/wollte. Bill Condon als Regisseur musste diese Dualität ausbaden. Das Material ist hochaktuell und brisant und ergibt unter diesen Umständen eine über zweistündige für den internationalen Markt intendierte Kinounterhaltung, die sich als Dokuthriller sieht und angereichert ist mit einer eher stereotypen Mann/Frau-Beziehung, den AgitProp nicht ganz auslassend: wir brauchen Mitstreiter, wir brauchen die Transparenz, die Offenheit im Netz, um Diktatoren ihr Handwerk zu legen. Wobei der Zwiespalt, sich zwischen Faktentreue, eben der Dokuhaltigkeit und dem Bürsten und Auslassen von Material hinsichtlich eines spannenden Thrillers zu einer Art Reportagehaftigkeit führt, die gelegentlich eher gedehnt als spannend wirkt; wobei am spannendsten die Entwicklung ist, die zur Veröffentlichung des brisanten Materials des Gefreiten Mannings führte und die Welt, die amerikanische Diplomatie, viele gefährdete Geheimdienstler in Aufruhr versetzte und als Thema wochenlang die Medien beherrschte.

Der Fall kommt im Film als der Höhepunkt vor. Aber bis es so weit ist, wird meines Erachtens viel zu ausführlich der Weg dahin geschildert. Und auch viel zu viel Energie darauf verwendet, das Milieu der Computernerds stimmungsvoll mit vielen Bildschirmen und Computerclub-Konferenzen und die Suche nach Mitstreitern von Assange verwendet; was allerdings hervorragend gelingt.

Hier im Film, da Daniel Domscheit-Berg auch einer der Autoren eines der zugrunde liegenden Bücher ist, wird auch viel Filmzeit auf ihn verwendet. Und natürlich auf seine Beziehung zu Assange, der zusehends irrationaler wurde. Aber keiner ist so richtig die Hauptfigur.

Daniel Brühl spielt Daniel Berg und beweist zusehends internationales Format. Das fällt besonders auf im Hinblick auf deutsche Zubesetzungen, die hier in Deutschland große, lokale Subventions-Heroes (Milberg und Selge) sind, und die in ihren kleinen Auftritten sich fragen lassen müssen, ob sie das nötig haben und ob sie damit Profil gewinnen.

Gut mithalten auf diesem internationalen Parkett können von den Deutschen lediglich Michael Kranz als Otto und Moritz Bleibtreu als Marcus, der in Skandinavien seine Computerei im Kuhstall versteckt und gelegentlich fassungslos ist, wie leicht Assange und Berg zu knacken seien. Denn es geht um den Schutz der Whistle-Blower.

Ein Film also über ein brandaktuelles Thema würde man meinen. Manning, das ist doch erst zwei Jahre her. Das Video über die Tötung von unbewaffneten Zivilisten durch Amis vom Apache-Kampfhubschrauber aus in Irak. Das hat damals die Gemüter erhitzt und bewegt. Und heute? Es scheint wie vergessen. Als ob innert kürzester Zeit Gras drüber gewachsen sei. Es ist allerdings auch schwer feststellbar, inwieweit diese Skandale etwas verändert haben. Alle berühmten Whistleblower sitzen irgendwo immobilisiert. Assange immer noch in der Botschaft von Costa-Rica in London. Snowdon in Moskau. Und Mannings in den USA im Gefängnis. Der Film zeigt insofern auch auf, wie schnelllebig doch so eine Zeit ist.

Oscar Wilde: Gib einem Menschen eine Maske, dann sagt er die Wahrheit. Der Satz wird zum Schutze der Whistleblower angeführt.

Mit Schilderung des Tacheles auch viel Zeit zum Lob der Berliner Szene. Inhaltlicher Anspruch wird angemeldet mit Blick auf die durchsichtige Reichstagskuppel: so transparent soll Demokratie sein.

Vom Standpunkt des gut gebürsteten Thrillers aus: zu viel Zeit für Julius Bär, für Kenya.
Und der typisch karrieristische Konflikt: Liebe und Familie; Anke in Berlin von Daniel. Assange mit Sohn in Australien. Aber die Mission der Männer ist wichtiger. (Thema wird aber auch nicht vertieft, nur stereotyp angeführt), fast möchte man sagen: der Vollständigkeit halber.

Nach Kochbuch: reeller Reportagerealismus.

Diskussion zwischen Assange und Daniel: was Assange schon getrieben habe, während Daniel noch mit Mama und Papa zu Judokämpfen ging und Trophäen gesammelt habe.

Ob sich die Tyrannen dieser Welt nach diesem Film glauben in Acht nehmen zu müssen?

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