Archiv für 14. Februar 2013

Eindrücke auf die Schnelle:

Tschernobyl und Grenoble, dass man die beiden aussprachetechnisch verwechseln kann, signalisiert die Spannbreite des Humors und den Grad der geistigen Ermüdungserscheinung (vollendet noch durch die lähmende deutsche Synchronfassung) der Erfolgsmarke „Stirb langsam“ über die Jahrzehnte. Der Zusatz im Titel „ein guter Tag zum Sterben“ sollten treffend abgewandelt werden in „ein guter Tag zum Aufhören“. Denn für einen Abgesang auf die Marke „Stirb langsam“ würde die Ausgabe von 2013 vielleicht gerade noch taugen, als Sterbebildchen könnte man die andächtig schönen Zeitlupenaufnahmen vom in Agonie taumelnden russischen Mil Mi-26-Hubschrauber in den Ruinen von Tschernobyl hernehmen.

Waren die ersten Stirb-langsam-Filme vielleicht noch so aufregend wie Tschernobyl anno 1986, so ist der Nachkomme von heute mit einem Bruce Willis im Rentner-Alter noch so filmergiebig wie eine Après-Ski-Party in Grenoble.

John McClane verbringt einige Abenteuer-Tage mit seinem Sohn Jack in Moskau. Sie spielen dort CIA-Agenten in einem den Zuschauergeist wenig fesselnden, routiniert hergestellten Böse-Russen-Gute-Amis-Weltbild (Buch: Skip Woods und Roderick Thorp, Regie: John Moore), ballern viel um sich und müssen sich selbst oft in Sicherheit bringen. Der Torso des Films besteht vornehmlich aus einer einzigen massenhaften Autoschredderei auf den Straßen Moskaus. Der Schlüssel zur Lösung des Falles liegt in Tschernobyl. Das angereicherte Uran dort mag zwar realiter noch Jahrtausende strahlen, cineastisch ist es längst angestaubt und wenig sinnstiftend, wird lediglich verwendet für ein moderates Leichenbegängnis im geistig entsprechend verlangsamten Rhythmus.

Es ist eine süß-sentimentale, konfliktfreie Vater-Sohn-Geschichte eingebettet in ein unehrliches, raues Milieu, dessen Schilderung durchaus belegt, dass das formal-technische Know-How für Action-Kino vorhanden wäre, das zeigt die flotte Eingangspassage.

Nostalgie-Urlaub eines Altstars. Dafür und für das Stehengebliebensein in einer anderen Zeit spricht, dass Bruce Willis auf seinem Flug nach Moskau eine uraltmodische CIA-Papp-Kladde mit sich trägt, was möglicherweise als Gag gedacht ist.

Bruce Willis zeigt: alte Helden können am Filmset sehr müde, aber glücklich strahlend wirken, selbst wenn um sie herum das Agenten-Actionalphabet gebetsmühlenartig durchdekliniert wird. Dekorativ wird ihm ein Sohn zur Seite gestellt, der dem Hollywood-Pensionär garantiert nichts entgegensetzen wird. Darüber können auch die hochprofessionell hergestellten Pointen nicht hinwegtäuschen, die immer in die heftigsten Gefechtslagen eingeschoben werden und gelegentlich eine Vater-Sohn-Differenz vortäuschen sollen.

R.I.P. John McClane.

Comments Keine Kommentare »

Der Erfolgsfilm „Findet Nemo“, der 2003 in die Kinos gekommen ist, hat laut IMDb bis Ende Dezember 2012 über 900 Millionen Dollar eingespielt. Jetzt, zehn Jahre später, reicht der Autor und Regisseur Andrew Stanton eine sorgfältige 3D-Fassung nach, die wunderbar die Tiefen von Meer und Aquarien, aber auch von Korallenriffen und Fischschwärmen und versunkenen Schiffen und dem Hafen von Sydney und das Innere eines Walfisches cineastisch auslotet.

Man sitzt als Zuschauer wie mit plattgedrückter Nase an der Glaswand einer Wunderwelt und lässt sich atemlos bezaubern. Denn auch die Geschichte ist stark, nicht umsonst der Erfolg.

Schon die Geburt von Nemo, dem kleinen Clownfisch, ist mit Unglück verbunden. Ein Hai dringt ins Korallengebiet ein, in dem Marlin mit seiner Frau vierhundert, nun was sind das: Eier abgelegt hat; sie haben noch diskutiert, wie sie ihren Nachwuchs nennen wollen. Die Hälfte sollte Marlin heißen, die andere Hälfte nach der Mutter Cora. Und einen einzigen wollte der Papa Nemo nennen.

Nach dem Unglück nun blieb ein einziger übrig. Das war Nemo. Dann kommen die Titel. Nemo geht jetzt zur Schule. Er soll alles lernen über die Gefahren des Meeres. Nemo hat noch einen weiteren Makel, außer dem Verlust der Mutter, er hat auch eine Behinderung, denn eine Seitenflosse ist verkümmert, ist viel zu klein. Brisant-Thema Inklusion auch ganz nebenbei noch großartig abgehandelt.

Jedenfalls schon am ersten Schultag schwimmt Nemo zielbewusst dorthin, wo es verboten ist: in die Tiefsee. Und prompt wird er von einem Taucher gefangen. Es ist ein Zahnarzt aus Sydney, der diesen Goldfisch mit den drei Streifen für das Aquarium in seiner Praxis mit Ausblick auf die Oper von Sydney mitnimmt.

Der Papa will Nemo unbedingt wiederfinden. Aber wo? Da wo er verschwunden ist, findet sich noch die Taucherbrille des Zahnarztes und auf dem Brillenband ist seine Adresse aufgeschrieben. Aber Marlin kann nicht lesen (auch das durchaus ein aktuelles Thema). Zum Glück trifft er auf Dorie, ein blaue Fischdame mit Gedächtnisverlust (noch so ein Thema). Aber sie kann lesen. Das kann ja heiter werden. Und Sydney ist weltenweit entfernt.

So ist Platz genug für unglaubliche Gefahren und Verfolgungsjagden; Minenfelder aus dem Krieg müssen durchquert werden genau so wie Gebiete mit giftigen Quallenfeldern. Aber auch Haifische, die Veganer werden wollen, sind immer noch eine Gefahr. Fischschwärme kommen vor, die wie bei einem Figurentanz Antworten auf Fragen geben und Schildkrötenmassen auf ihrer langen Reise um die halbe Welt kennen die besten Strömungen von Kontinent zu Kontinent. Dann sind aber auch industrielle Fischer mit riesigen Fangnetzen unterwegs.

In Sydney schließlich hat es die Zahnarztpraxis mit den nicht eben sensiblen Behandlungsmethoden in sich mit ihrem Aquarium mit einer wiederum ganz speziellen Lebensgemeinschaft und dem Neuankömmling Nemo. Die planen nun den Ausbruch, was uns Einblick in das technische Funktionieren des Drumherums eines solchen Aquariums gibt, aber auch darin, dass alles was flüssig ist in dieser Praxis, direkt ins Meer fließt. Kommen noch die Pinguine hinzu, nachdem Marlin mit Dorie glücklich den Walfisch überlebt hat.

Aber auch in der Tierwelt zu Meer und zu Luft gibt es einen Gerüchtestrom, und der wird das Missing Link zwischen Vater und Sohn herstellen. Nach dem Happy End in Sydney muss schleunigst die Schulbank im Korallenriff gedrückt werden. Der Alltag hat Nemo – und uns – wieder nach diesem exzeptionellen Abenteuer.

Comments Keine Kommentare »

Ein Film, haarscharf an einem aktuellen Thema vorbei (das wäre: mittels Samenspende gezeugte Kinder suchen ihre biologischen Väter), ein Film, der in einer Zeit spielt, als künstliche Befruchtung der Frau mit Spendersamen noch nicht möglich war. Ein unfruchtbarer Schwarzwaldbauer greift einen vor den Nazis fliehenden Juden auf und zwingt ihn, mit seiner Frau Nachwuchs zu zeugen. Auf die Review anlässlich des Filmfest München hin meldete sich sogar einer der Hauptdarsteller zu Wort.

Comments Keine Kommentare »

Oskar Roehlers ausführliche Saga einer kaputten Familie, die auch so tut, als sei sie ein Abriss der jüngeren deutschen Geschichte, wobei nicht ganz sicher ist, wie weit sie es vielleicht gerade nicht ist.

Kaputt, kaputt, alles ist kaputt. Die ganze Vorgeschichte der Familie von Oskar Roehler, mit der der Film anfängt. Sein Großvater Erich Freytag kehrt 1949 kaputt vom Russlandfeldzug nach Steinbach in Franken zurück. Unangemeldet, unbegleitet taucht er vorm Wohnblock auf, in dem seine Frau mit den Kindern und die verhasste, grobklotzige Marie wohnt, die mit seiner Frau ein Liebesverhältnis angefangen hat.

Der Sohn Klaus (jung gespielt von Kostja Ullmann, älter von Moritz Bleibtreu) ist schon den Kinderschuhen entwachsen. In ihm sprießen literarische Ambitionen, die von seiner Mutter durchaus unterstützt werden. Jetzt kehrt der stinkige, zerlumpte, zahnlose Vater aus dem Krieg zurück. Seine Schwester will ihn gar nicht ins Haus lassen. So wendet er eine Kriegsweisheit hinsichtlich zermürbender Belagerung des Feindes an und schlägt sein Quartier, obwohl nicht mehr Sommer ist, auf der Parkbank vorm Haus auf.

Sein Sohn bringt ihm Kaffee. Bringt ihn zu einer öffentlichen Dusche. Zivilisiert ihn ganz schnell. Die erste Begegnung des Zuschauers mit ihm war eine von hinten, die Ruhr hat ihm furchtbaren Durchfall verursacht, wovon er sich im Gebüsch zu entledigen versuchte. Die Kamera hat Roehler im Gebüsch aufgestellt. Auch beim ersten Betreten der Wohnung furzt und stinkt der Kriegsheimkehrer was das Zeugs hält.

Unter der Dusche ist „der Dreck der Jahre von ihm abgeflossen“ wie in etwa der Ich-Erzähler und spätere Enkel Robert, wie er im Film heißt, erzählt. Der Sohn kümmert sich um seinen Vater. Beschafft ihm auf dem Schwarzmarkt ein neues Gebiss. Sie besichtigen eine verrottete Fabrik. Die Porzellan-Öfen sind noch brauchbar. Wir befinden uns in Steinach im Fränkischen.

Bald schon wird der Vater zum Unternehmer. Er baut eine Gartenzwergproduktion auf. Roehler erzählt das als ob er die Geschichte an wichtigen Punkten illustriere. Krank macht den Vater schier, dass Mutter zwischen ihm und Marie schwankt, dass Marie ihn kurzentschlossen verlässt.

Auf einer Party des erwachenden Nachkriegslebens in Deutschland, wo vor allem Anwälte den Ton angeben, lernt Klaus Gisela Ellers kennen. Eine ziemlich verrückte, spontane Begegnung. Gisela ist mit einem langweiligen Juristen zusammen. Den schickt sie zum Zigaretten holen, um Klaus anquatschen zu können. Bald schon läuft ihr Gespräch über Literatur, Sartre. Die amour fou hat begonnen mit dieser höchst eigenwilligen Dame Gisela Ellers, die von Lavinia Wilson brillant und im Verlauf des fast dreistündigen Filmes immer exzentrischer gespielt wird, die eine richtig scheussliche Mutter zu Robert sein wird, die dem Kind nicht mal die Brust geben will, weil doch ihr Mann sicher keine Hängebrüste mag. Aber das ist vorgegriffen.

Gisela ist das Kind neureicher Geschäftsleute mit einer Mutter, die nur schreien kann, wenn das auch in der Wahrnehmung des Erzählers so wirkte, für den Filmzuschauer kann es irgendwann nerven, hier streiten sich Filmkunst und realistische Kindheitserinnerung oder ein gewisser Hang zum Schrillen. Die Industriellen-Eltern sind nicht einverstanden mit der Liebe ihrer Tochter zu einem lebensuntauglichen Literaten, der noch nicht mal Erfolge vorzuweisen hat. Einmal ist er im Lokalblatt erwähnt worden. Das hat seine Mutter, eine sehr zurückhaltende, Vertrauen erweckende Darbietung der sonst gerne überdrehten Meret Becker, ihm vorgelesen und war still glücklich darüber.

Klaus selbst würde sich als skeptischen Realisten bezeichnet haben. Dieses Etikett würde vielleicht auch ganz gut zu seiner Mutter passen. Die Ellers wollen nun das junge Paar auseinanderdividieren. Sie schicken die Tochter nach Wien zum Studieren. Da ist die Defloration, eine bilderbuchschöne Szene mit wenig Aufwand, merkwürdig kurz dazu, aber schon längst geschehen.

Manchmal kommen mir die Bilder aus Gründen des gewissen Aufwandkinos, was Roehler hier dank vieler fördernder Institutionen doch betreiben kann, etwa überstatisch vor. Das erinnert aber auch an die Impressionen, die Kinder vom Leben haben. Was er uns bietet, ist eher eine skizzierte, illustrierte Biographie denn eine kinospannende Geschichte, die sich auch immer wieder gerne bei einzelnen Szenen überlang aufhält, zum Beispiel, um wieder vorzugreifen, wenn der kleine Robert in die Pubertät gekommen ist und mit seiner Laura einen Spaziergang in den farnbedeckten Wald macht und sie an einen schlammigen Tümpel kommen und er wie eine Performance anfängt erst sich selber und dann seine Verehrte, er im weißen Hemd, sie im weißen Kleid, mit Schlamm einzudrecken. Also ob Roehler sich kaum von der Erinnerung trennen könne. Er hängt ihr nach. Wobei diese Art von Erinnerung womöglich ganz schön Eigenleben entwickelt.

Wienaufenthalt von Gisela, Sisi. Sie führt ein Bohème-Leben und wie sie kein Geld mehr hat, geht sie auf den Strich. Klaus besucht sie unangemeldet und nimmt sie mit. Ein Kind ist unterwegs. Das wird Robert, der Ich-Erzähler. Jetzt kaufen Giselas Eltern der jungen Familie eine schöne Wohnung. Aber diese junge Bohème-Mutter ist eine schlechte Mutter. Sie ist nur an ihrer Literatur interessiert. Klaus geht es auch nicht gut, er hat prinzipiell Schreibhemmung. Er leidet. Die Familie kann nicht zusammen bleiben. Das Kind kommt erst mal aufs Land zu den Großeltern ins Fränkische. Dort lernt der Bub das Nachbarmädchen Laura kennen. Dann kommt er zu seinem Vater nach Berlin. Wird ein Straßenkind, denn Vater kümmert sich nicht um ihn. Romantik der Verwahrlosung. Bis ihn die Industriellen-Großeltern ins Hotel Kempinski am Kuhdamm einladen. Und gleich mitnehmen. Eine zerrissene Jugend im Nachkriegsdeutschland unter lauten kaputten Leuten. Gern spiegeln die Werke von Roehler diese Zerrissenheit wieder auch als Verweigerung einer wohlig-geborgenen Erzählweise. Drei Jahre im Subproletariat in Berlin.

In der Villa der neureichen Großeltern, die Oma sagt mit lang gedehnten Endsilben Pommees Frittees, erwächst Robert zum aufsässigen Teen, besprayt die Wand mit der Parole „Freiheit für Angela Davis“.

Dann wieder zu den Gartenzwergfabrikanten-Großeltern aufs Land. Neue Beziehung zu Laura, sie abfragen und ficken wollen, sie will aber noch nicht, sie ist noch nicht bereit, so muss er auf Toilette Druck ablassen. Ständig werde ich von meiner Mutter behelligt, was wir den ganzen Tag machen. Man sieht diesem Satz an, dass das nicht alles nur naturalistisch geschrieben worden ist. Oskar Roehler ist kein Gerhard Hauptmann. Er kommt ja aus bereits künstlerisch überdrehten Kreisen. Darum ist ein Gespräch über die Entwicklung der Zentralperspektive bei Breughel ganz selbstverständlich. Genau so wie die erstaunliche Entdeckung, dass auf einem Altdorfer-Gemälde der Weiler auszumachen ist, in dem Laura wohnt.

Ausgiebig ausgebreitet wird die Internatsphase von Robert mit seinen Freunden, der eine, der sich nachts unter der Decke mit Bildern von Nazi-Großadmiral Dons befriedigt, oder der skrupellose Frauenaufreißer, gespielt von Wilson Gonzalez Ochsenknecht („dieser Song ist ein Dosenöffner“).

Auch diese Bündelung und Wertung der Erinnerung ist sicher mehr nach dem Gewicht in der Erinnerung von Roehler ausgewählt, denn nach den Gesichtspunkten einer auf Spannung gebürsteten Geschichte. Das wirkt sehr privat bis privatistisch, was zwar Sympathie erweckt, aber es könnte den Wirkungsrahmen eines solchen Filmes auch deutlich einschränken.

Dann kommt noch das rührende Nierenopfer des kriegsgeschädigten Opas an Oma. Auch wieder so eine Szene, in der Roehler sich ausgiebig suhlt.

Das ist keine Weltraumnutte, das ist deine Mutter.
Der ganz normale Wahnsinn, hämmerte seinen Kolben in die Mutter wie eine Dampfmaschine.
Berlin in den 60ern. Die Mauer.
Marx hatte recht, das ökonomische Denken bestimmt den Menschen.

Wir werden Zeuge der Geschichte einer Familie, in welcher von Anfang an der Wurm drin ist, und in die immer wieder die Weltgeschichte und die Deutsche Geschichte mit hineinspielen, in Form von Krieg oder des aufkommenden Wohlstandes ebenso wie Italienreisen. Oder der Berliner Mauer. Oder eines Willy Brandt am Fernsehen. Nicht systematisch oder nach erzählerischen Standpunkten gestrafft, sondern nach den individuell roehlerschen ausgebreitet; wie soll sich ein Mensch mit so einem kaputten Hintergrund auch den sowieso schwer erlernbaren Regeln cinematographischer Spannungserzeugung und Erzählens beugen.

Ein höchst persönliches Werk, was 60 Jahre Bundesrepublik in ein grelles Schlaglicht taucht.

Comments Keine Kommentare »

Heiraten oder gute Freunde bleiben; sich trennen von Wohnung und Bett, und trotzdem gute Freunde bleiben, darum geht es hier, ein sicher nicht zu weit hergeholtes Thema, das uns Lee Toland Krieger nach einem Drehbuch von Rashida Jones und Will McCormack schmackhaft zubereitet.

Celeste und Jesse sind ein verheiratetes Paar. Und getrennt. Er wohnt jetzt in der Garage, ist wenig erfolgreicher Künstler. Sie ist im Haus wohnen geblieben und ist erfolgreich mit ihrer Agentur. Seit sie sich getrennt haben und sich zu nichts mehr verpflichtet fühlen, haben sie Spaß miteinander wie kleine Kinder. Besonders ein Spiel amüsiert sie königlich: sie hält einen kleinen Gegenstand, zum Beispiel einen Mini-Maiskolben in der Hand und er reibt daran und so spielen sie mit kindlicher Freude und wie unschuldig Sex bis zum Erreichen des akustischen Orgasmus. Aber es darf sich auch um eine Tube mit Lippencreme handeln, bis das Weiß herausquillt.

Ein mit unserem Protagonisten-Paar dick befreundetes Paar, das dabei ist heiraten zu wollen, kann sich nun mit dieser demonstrativ vorgespielten Lebenspraxis von Celeste und Jesse gar nicht anfreunden. Sie drängen auf richtige Trennung und Neuorientierung der beiden.

Das verläuft bei Jesse schneller und erfolgreicher. Bald schon hat er eine Belgierin geschwängert. Er steht zu seiner Vaterschaft. Die Belgierin hat aber keine Green Card. Also müssen sie heiraten. Davor muss er sich jedoch von Celeste scheiden lassen. Der fällt es allerdings immer schwerer, mitzukriegen, wie sich Jesse emanzipiert. Allerdings wird sie es am Schluss verstehen. Sie wird Gelassenheit gelernt oder auch: das Loslassen gelernt haben.

Das wird an einer Reihe von Szenen klar, in denen es um das Schlangenstehen geht, vor einer Kasse, einem Schalter oder beim Einchecken zum Flugzeug. Diese Reihe von Szenen verdeutlicht auch, was diesen Film so sympathisch macht: dass die Autoren Rashida Jones und Will McCormach, die beide auch mitspielen, Rashida die Hauptrolle der Celeste, von ihrer eigenen Lebenswelt aus gehen, von Dingen um sich herum, die sie beobachten und dann zu symptomatischen Szenen verdichten.

In der ersten Schlangenstehszene herrscht Celeste einen arroganten Vordrängler noch an bis zum Kreuzverhör. In der letzten dieser Szenen zeigt sie große Gelassenheit, lässt einem Gecken cool den Vortritt. Wer nach dem Kino bei der nächsten Schlangstehgelegenheit cool bleibt, der dürfte vom Film was mitgenommen haben.

Jesse und Celestes Lebenswelt, das zeigen auch Inhalte und Vokabular im Film. Es sind junge Menschen in einer In-Welt, keine Außenseiter, keine besonders komplizierten, problembehafteten Menschen. Es sind Wonnepfropfen von jungen Menschen, optimistisch nicht schwerenöterisch, sie nehmen das Leben leicht und am Ende auch gelassen. Vielleicht auch etwas oberflächlich.

Celeste hat ein Buch verfasst mit dem Titel Shitegeist. Auch so eine Szene, wie sie es im Buchladen auf das Gestell der vom Personal vorgeschlagenen Bücher umplatziert und gleich nachfragt, ob genügend Exemplare vorrätig seien.

Ein Film im Life-Style junger Menschen, die sicher Modemagazine mögen und Life-Style-Magazine; denen moderne In-Nahrung wie veganes Essen nicht fremd ist, die Yoga-Kurse nehmen. Die wenn sie eine IKEA-Kommode, so wie Jesse, nicht richtig zusammenbauen können, gleich von Koos und Serra und solchen „Brands“ sprechen. Leute, die auch einen Kostümball mögen und sich da womöglich als originelle Serienkiller verkleiden, mit lauter DVD-Hüllen. Leute, denen auch eine Asia-Massage – bei der sich gleichzeitig mit dem ebenfalls massierten Partner zu unterhalten sehr schwierig werden kann – nicht fremd ist.

Gegen die Vorstellung von ihrem eigenen Geschmack nimmt Celeste eine Sängerin von leicht problematischem Niveau in ihre Agentur auf. Für die Brötchen. Alles dem Leben abgeschaut. Und Spaß haben sie an den Namen der Kanzlei, die die Scheidung vornimmt: „Stein, Weinberg, Steinberg und Jimenez“ (oder ähnlich). Aber auch am Disney-Gebäude aus modernster Architektur in L.A können sie sich genau so ergötzen, wie sie den berühmten Hollywood-Schriftzug offenbar in ihrem Film haben wollen. Selbst Justin Bieber spielt in der Welt ihrer Wahrnehmungen, aus der sie quasi authentisch berichten, ein kleine Nebenrolle.

Bericht aus einer sorglosen, randintellektuellen aber nicht ganz verschlafenen amerikanischen Mittelschicht mit einem guten Feeling fürs Kino und die darin gegebene Möglichkeit zur Selbstdarstellung.

Comments Keine Kommentare »