Stefan Schwietert, der uns mit „Heimatklänge“ schon einen wundervollen Kinofilm über moderne Varianten des Jodelns anhand von drei Künstlern beschert hat, versucht sich jetzt mit einem komplexeren Thema. Einerseits geht es, wie der Titel sagt, um Balkanmelodien.

Der Sachverhalt wird insofern komplexer und dadurch leider unübersichtlicher, als der Film gleichzeitig eine Dokumentation über das Schweizer Ehepaar Marcel und Catherine Celliers ist, die diese Balkanmelodien schon zur Zeit des Eisernen Vorhanges dem Westen vermittelt haben. Also ein Film über Vergangenheit und Gegenwart, über Vermittler und Vermitteltes. Zur Zeit der Dreharbeiten sind die Celliers schon 55 Jahre verheiratet. Sie wohnen in einem kleinen Anwesen hoch über dem Genfersee mitten in den Rebbergen mit Blick auf den See. Es dürfte sich um eine ähnlich feine Wohnlage handeln wie die von Godard, in dessen autobiographischen Film so ein Blick auf den Genfer See auch zu sehen war.

Es sind wie schon bei den Heimatklängen ein kleine Anzahl von Gruppen und Musikern auf die Schwietert sich konzentriert. Aber das Thema ist ausufernder. Und immer ist wieder Cellier gefragt. Sein Beruf war im Management einer Erz- und Metallfirma. Für diese reiste er oft in die vom Kommunismus beherrschten Balkanländer.

Es geht vor allem um Rumänien und Bulgarien. Hier wurde Cellier aufmerksam auf die indigene, die autochthone Musik, die zu Zeiten des Kommunismus staatlich spitzenmäßig gefördert worden ist (Putin, war neulich zu lesen, wolle jetzt die Don Kosaken staatlich fördern). In großen Betrieben gab es eigens angestellte Orchester.

Cellier fing an mit einem 25 Kilogramm schweren Telefunken-Gerät, später mit einer Nagra, diese Musik aufzunehmen und sie dann auf Schallplatten und in Radiosendungen im Westen bekannt zu machen. Das führte bis zum Gewinn eines Grammys.

Das erste Kapitel ist dem weltberühmten Panflötenspieler Gheorghe Zamfir gewidmet, dem Cellier mit Aufnahmen aus Panflöte und Orgel zum Durchbruch verhalf mit weit über einer Million verkaufter Schallplatten. Mit wachsendem Erfolg, von dem Cellier für sich nur 40 % in Anspruch nahm und damit noch sämtliche Unkosten schulterte. Aber mit dem Erfolg sei auch Zamfirs Gier und damit sein Misstrauen erwacht, was schließlich zur Trennung führte. Heute experimentiert Zamfir noch und unterrichtet.

Das zweite Kapitel fängt mit einem Friedhofsbesuch in Rumänien an. Gräber mit liebevoll angemalten Holzschnitzereien mit Musikern als Sujets. Die Überlebenden erzählen von damals und musizieren noch heute. Auch böse Songs von damals haben sie noch präsent: das Kollektiv hat uns alles gestohlen, gefickt sei die Mutter des Kollektivs.

Das dritte Kapitel widmet sich den Mysterien der bulgarischen Stimmen, „le mystère des voix bulgares“, das sind vier Alben, die Cellier damals mit Gesängen eines Frauen-Elite-Chores herausgegeben hat. Sie singen immer noch. Der Dokumentarist macht mit einigen von diesen Frauen eine Busfahrt mit und besucht eine Probe.

Es gibt ein weiteres Kapitel, das ist dem Gipsy-Pop aus dem Balkan gewidmet. Dazu erzählt Cellier die schöne Anekdote, dass damals, nachdem die Aufnahmen beendet gewesen seien und das Aufnahmegerät im Auto verstaut war, die Musiker ihn nochmals reingeholt hätten und ihm gesagt, jetzt würden sie für seine Seele spielen.

Trotzdem kann man sich von diesem kunterbunten Film mit viel aufregender Musik leicht berieseln lassen, sich auch wundern über die scheusslichen Stadt-, Straßenbahn- und Industriegebietsaufnahmen, die Schwietert über die nervenberuhigendste Musik noch legt.

Das Montagematerial für den Film setzt sich zusammen aus neu erstelltem Dokumaterial und Stadtimpressionen, eigens gedrehten Interviews mit den betagten Celliers in ihrem Haus hoch über dem Genfer See und mit einigen der Musiker, die Cellier damals entdeckt und gefördert hatte, aus Archivmaterial aus Radiosendungen und Fernsehshows und -nachrichten (beispielsweise wie Breschnjew und Ceaucescau Volkstanz tanzen), aus privaten Super-8-Filmen der Celliers, aus Schallplatten und Tonbändern und einer Diashow.

Ein bemerkenswert vielschichtiger Einblick in die politisch geförderte Balkan-Volksmusikwelt zur Zeit des Kalten Krieges.

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