Der Regisseur Niko von Glasow ist hier alles in einem, Autor (zusammen mit Kirstin von Glasow) sowohl der hier dokumentierten Erarbeitung des Theaterstückes mit demselben Titel, als auch des Dokumentarfilmes darüber, in dem er auch noch einen der Protagonisten spielt, nämlich als Regisseur, oder wer weiß als Dompteur oder als Theaterpädagoge oder vielleicht gar, was umso plausibler ist, als er es heftig abstreitet, auch als Psychologe.

Niko von Glasow liefert uns mit vorliegendem Film auf alle Fälle eine spannende Lektion in Theaterpädagogik, die alle Voraussetzungen für einen gut laufenden Sonntagsmatineefilm erfüllt: es geht um Kultur, nämlich ums Theater, um die Suche nach Wahrheit und Liebe, um das zu sich und seinen Defekten und Defiziten stehen, um Überwindung; das alles verpackt in eine prächtige, filmfreundliche Freakshow, meist im theatralem Spotlight präsentiert, das verwirrenden Hintergrund ausblendet.

Niko von Glasow ist nicht mehr oder nicht weniger ein Guru, wie es jeder ist, der anderen das Theaterspielen und Wahrhaftigkeit der Gefühle entlocken will, der Dompteur im Kreise seiner zu Dressierenden, aber auch ein guter Durchschauer der Menschen und einfühlsamer Spielleiter.

Mit Jana, Nico, Mirco, Manon, Jan, Marvin, Christina, Oliver, Christiane, Milena, Leslie und Sofia hat er ein Theaterstück erarbeitet. Es geht um eine Castingshow und seine Mitspieler wollen dort auftreten. Sie werden aber von der Dame, die die Teilnehmer registriert in einer Abstellkammer verwiesen. Dort kommt es zu den verschiedensten Begegnungen und Auseinandersetzungen.

Am Schluss stellt sich heraus, dass sie – wohl nicht ganz zufällig – schlicht vergessen worden sind. Da kriegt Manon dann doch noch ihre Chance zu einem prächtigen Finale.

Bei den Proben, das ist sicher das Spannende und die große Qualität dieses Filme, ist vor allem faszinierend, wie Niko sozusagen auf einen Blick die Schmerzpunkte seiner Schauspieler entdeckt, feinsinnig aufspürt, und gerade diese einsetzt, als Punkte, die sie überwinden müssen. Das läuft nicht immer ohne Tränen oder Ausbrüche ab. Er fragt direkt, wen sein Gegenüber küssen wolle. Er fragt direkt, wo sein Akteur die Akteurin neben sich berühren wolle. Er weist die Angesprochene, die ein Faible für die Ablehnung  männlicher Kontaktsuche zu haben scheint, darauf hin, dass das allerbilligste Masche sei.

Christian erhält die mythische Aufgabe der Wahrsagerin. Der größte Schicksalsschlag im Leben von Manon ist ihre Mutter. Ihr ordnet er für das Spiel eine Mutter zu. Leslie darf nicht singen. Oliver muss einen extrem erfolglosen Schauspieler mimen, als den er sich vermutlich im Tiefstinneren auch sieht, er wäre auch lieber am Schauspielhaus Düsseldorf als in diesem kleinen Theater in Köln. Christina hat Jura studiert, ihr Handicap ist, dass sie alles zerdenkt. Sie soll eine russische Ballerina von Adel spielen, die sehr erfolgreich ist. Das Downsyndrom muss den Detektiv spielen, der alles auf Kamera aufnimmt.

Die Schauspieler müssen die Mauer, die sie um sich aufgebaut haben, durchbrechen. Ein anderer Schauspieler mit Zweifeln muss den Putzmann spielen und bekommt zwei Lehrmeister zur Seite gestellt, auch keine einfache Aufgabe für einen ausgewachsenen Mann im fast schon besten Alter. Sophia soll singen, soll eine durchgeknallte Opern- besser Operettensängerin darstellen, so wie Miss Piggy.

Ferner haben wir den Wahrnehmungsgestörten, den man nicht alleine auf die Straße gehen lassen kann, weil er sie einfach nicht wahrnimmt, nicht als Gefahr wahrnimmt. Jan, 42, ist der Meinung, er hätte keinen besonderen Schicksalsschlag. Marvin soll mehr Ich sein. Eine Darstellerin soll den Text, den sie sagen möchte, singen.

Ein Brevier über Schauspielerübungen, das Niko von Glasow hier in unterhaltsamer Art vor uns ausbreitet. Oliver muss mehr Mann sein. Und Jan soll mehr Spastiker sein. Kein Wunder dass bei dieser Methode der Exploitation der privaten Defekte und Schwächen für die Darsteller oftmals das Private und die Rolle durcheinander geraten, dass es zu tiefer Verwirrung der Gefühle kommt.

Die Darsteller müssen gehen ohne zu spielen oder in die Hände klatschen ohne zu spielen. Gibt es etwas Leichteres als einfach so über die Bühne zu gehen? Der Regisseur besteht auf der Wahrhaftigkeit der Gefühle. Denn diese Menschen sind auch auf der Suche nach Befreiung. Wer schafft die schon definitiv?

Das Ganze mit einem filmergiebigen Cast auf die Leinwand gebracht.

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