A simple Life (Asia Filmfest München)
Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Filmfest, ReviewEine unprätentiös, schlanke, starhafte Illustration zum Bibelwort „wer gibt, dem wird gegeben“.
Die Haushälterin Ah Tao hat 60 Jahre lang derselben Familie in Hongkong gedient. Möglicherweise ist sie oder die Familie koreanischer Abstammung. Das muss ich mit doppelter Vorsicht anführen. Erstens sind uns Europäern die Unterschiede zwischen Chinesen und Koreanern nicht so augenfällig bewusst und zum zweiten war ich oft zu langsam darin, die Untertitel zu lesen, so dass sich da Rezeptionsfehler einschleichen können.
Wobei in der ersten Phase des Filmes vor allem gegessen wird, was ja in asiatischen Filmen so gerne und so häufig der Fall ist; dabei wird schnell und viel geredet. Vielleicht nicht alles von filmentscheidendem Belang.
Roger, gespielt von Andi Lau, im Filmbusiness tätig als Produzent, ist der letzte Spross seiner Familie, der noch in Hongkong residiert. Die anderen noch lebenden Mitglieder sind in die USA gezogen. Roger hat viel auf dem chinesischen Festland zu tun. Fliegt mal schnell nach Peking für Produktionsgespräche. Derweil kauft Ah Tao auf dem Markt ein. Sie ist dort eine bekannte und beliebte Figur. Sie zieht sich einen Mantel und eine Brille an, um in der Kühlkammer des Marktes feine Sachen auszuwählen. Sie serviert ihrem Herrn, ganz Dienerin, das Essen nach seiner Rückkehr vom Geschäftstermin. Er sitzt am Tisch vor den reichhaltigen Platten. Die Dienerin steht hinten an der Wand mit einer bescheidenen Schüssel Reis und isst im Stehen.
Nach einem Herzinfarkt bittet sie Roger um Entlassung (nach 60 Jahren in der Familie, das muss man sich mal vorstellen, aber das kommt wie die Frage nach einem Glas Wasser); sie möchte in den Ruhestand gehen. Genau so selbstverständlich wie sie fragt, hilft Roger ihr dabei, ein anständiges Heim zu finden; Geld spiele doch keine Rolle.
Im Heim darf allerdings nicht auffliegen, dass sie eine Hausangestellte war, sie wird als Tantchen vorgestellt. Das Heim wird auch ganz spröde und recht glaubwürdig geschildert, apathischere und weniger apathische Figuren. Uncle Kin, der noch Kräfte in sich spürt, der immer mal ein Tänzchen macht und später von Roger einige hundert Hongkong Dollars schnorren wird, um sich mit einer netten jungen Dame zu verlustieren.
Wie Kin Roger ein zweites Mal anbettelt und Tao das mitkriegt und Roger zögert, weil er inzwischen weiß, wofür Kin die Kohle braucht, ermuntert Tao ihn, das Geld rauszurücken, Kin solle sich doch noch vergnügen, so lange das noch gehe. Das bringt Roger dann doch etwas zum Staunen über die Großzügigkeit von Tao.
Zum Mitt-Herbstfest gibt es Darbietungen im Altenheim. Die Regisseurin Ann Hui, die hier ein Drehbuch von Susan Chan und Yan Iam Lee verfilmt, zeigt auch diese Unterhaltungsabfertigung, zuerst mit einer jungen Sängerin und Geschenken und wie die Alten erleichtert sind, wie diese fertig ist, und die Sängerin ebenso, sagt die Leiterin, halt halt, es gebe noch eine Produktion, worauf eine laute Schulklasse in die Runde der versammelten Alten stürmt.
Die Mutter von Roger kommt zu Besuch und freut sich, Tao zu sehen; die Freude ist gegenseitig. Zwischendrin gibt es immer wieder Begegnungen von Roger mit ehemaligen Mitstudenten, da wird gezecht und Karten gespielt und getafelt. Oder einmal verwechselt im Bürohaus eine Mitarbeiterin Roger mit einem Techniker, den sie zu einer Stelle mit einem Schaden dirigieren will, da zückt Roger seine Visitenkarte, die die Dame blass aussehen lässt. Hochmut, ganz unchristlich?
Die Katze Kaka spielt ebenfalls eine Rolle. Dann hat Tao wieder einen Schlaganfall. Es wird überlegt, sie in eine Wohnung, die der Familie gehört, ziehen zu lassen. Um die von einem lästigen Mieter zu befreien, schickt Roger zwei seiner Buddies als Grobiane, die dem Mieter Beine machen sollen. Recht brutale Entmietmethode.
Das Verhältnis von Roger zu seiner Mutter erhält ein paar skizzenhafte Hinweise, wie sie zu Besuch ist in seiner Wohnung. Sie sitzt im Bett und liest und selbst das Umblättern der Zeitung von Roger im Raum nebenan kommt ihr sehr laut vor. Sie ermahnt ihn. Darauf sitzt er wie erstarrt, ganz ohne Mumm, verzagt, niedergebügelt.
Die im Film vorherrschende spröde Ethik findet ihren Ausdruck auch in einem Gespräch zwischen Roger und dem Arzt, wie Tao nach dem zweiten Schlaganfall in der Klinik liegt und Rogers cooler Anweisung, sie nicht künstlich am Leben zu erhalten, sondern die Apparate, an die sie angeschlossen ist, runterzufahren, er müsse geschäftlich jetzt auf Festland fliegen, sei in einer Woche wieder zurück.
Spröd-ethisches Kino aus dem christlichen Fernen Osten, was im christlich geprägten Abendländer noch lange über das Kino hinaus einen merkwürdigen Nachhall erzeugt. Wie soll ich sagen, mir scheint, in diesem Film läuft das Christentum planmässig und korrekt ab. Das ist vielleicht das Überraschende daran, dass es ohne große Konflikte auskommt, dass es pragmatisch als praktische Handlungsanleitung gelebt oder genutzt wird. Oder eben auch nicht, aber genau so unprätentiös nicht. Keiner macht eine Story aus seinen Handlungen.

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