Unverbildetes, herzerfrischend waches Kino aus der Schweiz mit dem Untertitel: eine Kindheit im Herzen der Schweiz.

Ein Jahr lang hat Alice Schmid die Bergbauernkinder vom Napf filmdokumentarisch begleitet. Herausgekommen ist vielleicht einer der schrägsten, frischesten Heimatfilme. Der Napf ist eine abgelegene Voralpengegend in der zentralen Schweiz.

In dunkler Winternacht fängt der Film an. Drei dick vermummte Kinder mit Stirnleuchte versehen und dem Schulranzen auf dem Rücken marschieren in irrem Tempo einen Waldweg abwärts. Es muss ein langer Weg sein. Den Eindruck erweckt Alice Schmid durch die Länge der Einstellung. Dann schlüpfen sie durch eine Tür bei einer Art Schopf. Ein älterer Mann setzt jetzt eine Seilbahn in Gang, mit der die drei Kinder ins Tal befördert werden. An der Straße unten kommt gleich der Schulbus. Ein nahrhafter Schulweg vom 1400 Meter hohen Napf bis hinunter in die Talschaft nach Romoos.

Im Winter fängt der Film an und beim einsetzenden nächsten Winter hört der Film wieder auf. Bis dahin sind 90 unterhaltsame Minuten, richtig spannend sogar, vergangen, obwohl die Autorin gar keine Geschichte erzählt, sondern wie es scheint sehr spontan sich von ihrem fotografischen Auge verführen lässt und immer im besonderen Moment filmt, also im für den Städter wohl besonderen Moment.

Das kann die Kuh sein, die gekalbt hat oder wilde Blitze, der kreisende Habicht, der Truthahn der geschlachtet werden muss, die Bergbauernheuernte oder ein Traktor, der mit Planierraupen, die mit Stacheln versehen sind, noch die steilsten Hänge rauf fahren und Heu einsammeln kann.

Auch in der Schule schießt sie nicht die üblichen Klassenzimmerbilder, die in praktisch jedem Film, der mit Schule zu tun hat, vorkommen, sie lässt die Kinder im Kreis sitzen, ihr Diplom erhalten oder singen oder das ABC aufsagen oder sie platziert sie in der Turnhalle vor eine Matte, setzt sie darauf vor die Wand und lässt sie erzählen oder die Welt erklären. Am der Wand hängt ein Papier mit der Inschrift Thinktank.
Viele Schulszenen handeln von Musik, Musikunterricht. Ein Mädchen erklärt Geschichte und Funktionieren der Klarinette.

Die Kinder im frühen Schulalter, vielleicht bis zehn elf Jahre, können auch ganz genau erklären, wie sie die Hühner vor dem Habicht schützen, wie der Wolf wählerisch die Schafe reißt, viel mehr als er zur Stillung des Hungers braucht, wie der Truthahn geschlachtet wird, oder wie der Donner entsteht (so eine Geschichte kann auch mal eine Fabuliererei sein!), wie die Kuh kalbt oder einer baut immer wieder an einem Holzpodest, ganz langsam kämpft er mit den Schrauben, das ist schon fast valentinesk, die Tücke des Objektes, dafür hat die Autorin ein Auge, bis schließlich klar wird, dass es ein Podest für das musikalische Bubentrio wird.

Die Geschichten, die die Kinder erzählen sind das Spannendste, zum Teil richtige Gespenster-Geschichten, aber auch solche der Natur abgeschaut. Oder erlebt: wie das eine Mädchen morgens keinen Strom hat. Der Vater hat sie aufgeklärt: er wollte die Melkmaschine anschließen, da gabs einen Kurzschluss und alle Kühe lagen am Boden und Stromausfall. Ein Bub erklärt den Köhlerhaufen. Ein Truthahn ist erfroren. Oder ein Bub erklärt die Reifung der Äpfel. Man sieht die Mostproduktion, oder erfährt etwas über die Wetterfühligkeit der Tiere. Wie sie Blitzeinschlag erahnen und sich woanders unterstellen bei Gewitter. Ein Bub referiert über die Schönheit der Kühe.

Oder der Vater erzählt ein merkwürdige Geschichte von einer Kuh, die kurz vorm Kalben war und dabei in der Nähe eines Abgrundes stand. Er hatte dann anderes zu tun. Und wie er zurückkehrt, so ist die Kuh dünn geworden, aber nirgendwo ein Kälblein zu sehen. Hoffentlich ist es nicht den steilen Abhang runtergerutscht. Da wäre es sicher tot. Aber siehe da, unten am Steilhang steht munter auf noch unsicheren Füßen ein Kälblein. Das ist die Geschichte von Lenzi, die jetzt Zwillinge gekalbt hat. Oder die Geschichte vom Lift, wo einer im Nebel die Tür geöffnet hat und hatte keine Taschenlampe dabei und steigt aus und das andere Kind hört nur noch das Knacken von Geäst.

So vergehen die Jahreszeiten mit Schule, Herumtollen, Wanderungen, zuhause helfen, Blödsinn treiben, mit dem Vater arbeiten und die Welt erklären wie im Fluge. Erinnert an eine Art bunten Wandbehang, impulsiv frisch aneinandergereiht lauter fröhliche, lustige Erlebnisse, nein, auch der Tod spielt eine Rolle, der Ernst des Lebens in der Natur, der unerbittliche, aber die Haltung zu den Dingen, die ist so ernst wie aufgeräumt und fröhlich – die ist wach wahrnehmend.

Dieser Dokumentarfilm ist jedoch nicht nur ein Film voller Geschichten, er ist auch ein kleiner Beitrag zur Filmgeschichte, denn Bernhard Wicki ist in Romoos geboren und zum 60 Geburtstag habe er dort seine Mutter besucht.
Kein Wunder also, dass die Schüler auf die Frage, was man tun könne, damit Romoos nicht aussterbe, antworten: so was wie Hollywood.

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