Bald 120 Jahre nach der sensationellen Erfindung der bewegten Bilder, gibt es immer noch bewegte Bilder, die für den Menschen nie zuvor gesehene Sensationen sind, nämlich die Bilder supermoderner Hochgeschwindigkeitskameras, die im Extremfall bis zu 300’000 Bilder pro Sekunde liefern können und damit für den Menschen Dinge sichtbar machen, die er von blossem Auge gar nicht sehen kann, am eindrücklichsten vielleicht die Machwelle nach einer Explosion als eine gläserne Kuppel, die ein Gartenhäuschen wie ein Mikado-Spiel auseinanderfallen lässt.

Das ZDF hat jetzt zwei 45-Minüter, „Schneller als das Auge“ und „Im Reich der Superzeitlupe“ als DVD herausgebracht.

Für einen kunterbunten Mix aus leicht verdaulichen, populärwissenschaftlichen Infos, Sensationsbildern, Tieren, Artisten, Sportlern und beliebter Musik hat Autorin und Regisseurin Luise Wagner gesorgt. Martin Umbach hat dazu mit angenehm zurückhaltender Stimme den Text gesprochen.

Mit der Schlußfolgerung allerdings kann ich nicht ganz einig gehen, dass wir nach diesen verlangsamenden Blicken in die Hochgeschwindigkeit begriffen hätten, was die Welt im Innersten zusammenhält. Dieser Satz ist überflüssig-pathetisch, selbstbeweihräuchender Zuckerguss, den der Film gar nicht nötig hat. Zum Schluss wird da eine faustische Dimension in Anspruch genommen, die der Film nicht einlösen kann.

Das war auch nicht die Fragestellung. Die Frage war viel eher: welche Objekte können interessant sein für solche aufwändigen Spezialkameras und extremen Experimente.

Luise Wagner fand unter anderen den Falkner Paul Klima, der im Gleitschirm mit dem König der Lüfte fliegt. Der Sprengstoffexperte Alfred Kapplt will einer Explosion mitten ins Herz schauen. Dafür hat er das bereits erwähnte Gartenhäuschen aufgebaut. Dass für einen Sprengstoffexperten die Sprengung eines Steaks das Non-Plus-Ultra ist, verstehe sich von selbst.

Schon 1872 wurde versucht, die Bewegung eines Pferdes in Zeitlupe zu fotografieren. Heute interessiert sich der Bewegungsforscher Martin Fischer für die Fortbewegung des Hundes und kommt dank Hochgeschwindigkeitskameras zu überraschenden Ergebnissen.

Folgen für den Hauhalt kann die Entschlüsselung der Physik des perfekten Schüttelns des nassen Felles durch den Hund zeitigen: für den Schleudermechanismus der Waschmaschine. Wir sehen ein abgefeuertes Projektil in extremer Verlangsamung. Oder die Autorennfahrerin Christina Suhrer. Sie erzählt von einem Flugunfall, von der endlosen Sekunde zwischen Aufwachen aus der Ohnmacht und der Wahrnehmung der Gefahrensituation, dem Bewusstsein des Überlebenskampfes und der klaren Gedanken, die diesen in Sekundenbruchteilen steuern.

Der Sportpsychologe Dieter Hackfort spricht über den Geschwindigkeitssinn als einem 7. Sinn. Die Augen sind das schnellste Organ. In Rotterdam trainiert Irene Piterbarg Feuerwehrleute aus ganz Europa für die Flash-Over-Situation, den Umgang mit einem Feuerball. Zwischendrin dreht ein kleines Mädchen mit einem süßen Lebkuchenherz mit der Aufschrift „I love Speed“ Runden auf einem Kettenkarussell.

Zu Rüpeleien von Bienen auf einer Blüte spielt uns Luise Wagner Schostakowitsch ein. Die Biene schafft 270 Flügelschläge pro Sekunde. Das fotografiere mal einer! Auf einem Hochhausdach in Frankfurt darf ein Mädchen Bienenwaben rausnehmen und wir erfahren etwas über den Schwänzeltanz der Bienen (in „More than Honey“ von Markus Imhoof gibt’s demnächst Ausführlicheres).

Im Hamburger Hafen erfahren wir, dass wir 4 mal pro Sekunde neue Reize wahrnehmen. Und in Hamburg sehen wir Cengiz, den besten Powermover der Welt. Wir hören, dass Geschwindigkeit uns berausche und dass Zeit ein Konstrukt unserer Sinne sei, im Kopf gebündelte Zeitpakete.

Ornithologe Martin Wikelski befestigt eine Kamera auf einem Wanderfalken; rasende Fahrt im Sturzflug mehr als 300 km/h schnell. Die titelgebende Heldin, Susi Kentikian ist 3fache Weltmeisterin im Fliegengewichtsboxen, 24 Jahre alt, permanent in Bewegung und ihre Schläge sind „schneller als das Auge“, ihre Gegner können diese erst wahrnehmen, wenn sie schon getroffen sind und überhaupt nicht reagieren. Sie ist ein Drittel schneller als die Klitschkos und sie gibt sich auch für Experimente her mit dem Bewegungsforscher Martin Fischer, der die Boxerin voll verkabelt, um ein 3-dimensionales Bewegungsprofil zu erhalten.

Unsere Geschwindigkeitsparade macht weiter Station bei den berühmten Mönchen des Shaolin, die mit einer Stecknadel, die sie gezielt durch eine Glasscheibe werfen, den Ballon dahinter zum Platzen bringen können (vor der Geisteskraft der Shaolin scheitern allerdings alle naturwissenschaftlichen Erklärungsversuche).

Es folgt der Kölner Zoo mit der Gottesanbeterin, dem blauen Pfeilgiftfrosch und dem Rotfeuerfisch, alle auf ihre Weise Geschwindigkeitskünstler.

Ins Finale unserer Geschwindigkeitsveranstaltung biegen wir in eine Kurve mit Artisten und Künstlern ein. Auf den Jongleur Daniel Hochsteiner, der König der Jongleure, folgen Katzenpfoten (wobei die Wissenschaft sich vom Studium des Bewegungsablaufes der Katzenpfote Aufschlüsse zur Reifenkonstruktion gegen Aquaplaning erhofft) und Delphine, beide auch wahre Künstler und schließlich noch Seifenblasenkünstler und Feuerschlucker.

Wissenschaft, so leicht zu verstehen und so unterhaltsam wie das Oktoberfest, wenn da nicht der immer wiederholte Wermutstropfen-Satz wäre, dass immer wenn es um menschliche Geschwindigkeit geht, das nichts anderes heißt als jahrelanges, hartnäckiges Training. Üben, üben, üben.

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