Keine Frage, das sagt schon der Titel, dieser Film ist ein moralischer Streifen, er wirft die moralische Frage auf, Gnade vor Recht ergehen zu lassen, obwohl gerade dieser Konflikt letztlich nicht gezeigt resp. nur ganz kurz und randständig gestreift wird, weil es nicht das Problem der Hauptfiguren, Jürgen Vogel als Niels und Birgit Minichmayer als Maria, ist.
Insofern ist der Titel möglicherweise eine Fehlindikation, ein falsches Versprechen. Denn das Problem von Maria und Niels ist nicht das, Gnade walten zu lassen, sie haben das viel größere Problem, Gnade annehmen zu müssen, aber auch dieses Problem wird gar nicht erst als solches artikuliert in diesem Film von Matthias Glasner, das sind die Gedanken des Zuschauers beim finalen nordisch-norwegischen Sommerfest in Hammerfest, was wohl in den Tätern, die Gnade erfahren haben, vorgehen mag.
Eine sicher nicht unbedingt massentaugliche Behandlung eines so urchristlichen und urmoralischen Problems. Was dem Film zu gut zu halten ist, ist sicher, dass der Autor, Kim Fuqz Aakeson, ein Däne ist und damit offenbar verschont von der chronischen Verkopftheit deutscher Autoren.
Hier wird erst vorgestellt, wo der Film spielt, nämlich im erwähnten Hammerfest, das ist hoch oben im Norden Norwegens, wo zwischen 21. November und 22. Januar die Polarnacht herrscht, ein dankbares Phänomen, wie hier filmisch deutlich wird, besonders wenn man als Drüberstreuer über Szenen, die was erzählt haben, immer wieder den Blick über die Fjorde und Berge und das Meer streifen lässt, das Licht wirken lässt.
Auch die Info über die Polarnacht wird dem Film vorangestellt. Dann lernen wir die deutschen Hauptpersonen kennen, das sind Niels, der einen Job in einem Gasexplorationswerk angenommen hat, Maria, die als Krankenschwester arbeitet und ihr Sohn Markus, der noch zur Schule geht und schnell finnisch lernt, aber nicht leicht Kontakt zu den Schulkameraden findet.
Die Ehe von Niels und Maria scheint eine routinierte Angelegenheit geworden zu sein. Niels nutzt die erste Möglichkeit, im Werk eine fesche Mitarbeiterin ziemlich plump und direkt anzumachen und bald auch schon zu vögeln. Während Maria wegen ihrer schwangeren Chefin zusätzlich Nachschichten im Spital schiebt.
Auf einer Heimfahrt durch die Polarnacht, in diesem Zeitraum fängt der Film an, spürt Maria, dass sie mit dem Auto gegen einen Gegenstand gefahrenen ist, sie hatte kurz sich auf das Polarlicht konzentriert, sah aber im Rückspiegel nichts und erzählte das zu Hause ihrem Mann. Dieser fuhr daraufhin nochmal die Strecke ab, konnte jedoch kein totes Tier entdecken. Wie dann in der Zeitung zu lesen ist, dass eine Schulkameradin von Markus tot am Straßenrand aufgefunden worden ist, da fängt das Gewissen in Maria und Niels an zu arbeiten.
Das gibt Birgit Minichmayer Gelegenheit für eine grandiose Schauspielerszene im Bett, wo sie mit sich und ihrem Schicksal hadert. Niels, den Jürgen Vogel spielt, möchte sofort die Polizei benachrichtigen. Aber irgendwie kommt es nicht dazu.
Diese Schuld wird jetzt über die nächsten zwei Stunden über dem Film lasten; das Leben geht weiter, der Vater geht mit dem Sohn Eisfischen und vögelt seine Kollegin; der Bub spuckt einem Klassenkameraden, einem Outsider in der Schule, in den Rucksack und Maria singt in einem Chor, damit im Film einige musikalisch entspannende Momente entstehen können; wobei die Musik sehr ausgewählt, sehr elitär ist, somit das Ganze auf die Ebene höherer Kunst erhebend.
Es kommt der Zeitpunkt, wo ich mich als Zuschauer gefragt habe, wird das jetzt ewig so weiter gehen. Nein, so kann es nicht weiter gehen. Das Ehepaar Niels und Maria machen sich spät auf zur Beichte bei den Eltern des von Maria zu Tode gefahrenen Mädchens resp. vielleicht wegen unterlassener Hilfeleistung erfrorenen Mädchens, das womöglich unter Drogen oder Alkohol gestanden hat.
Bei diesem Sühne- oder Geständnisbesuch wird das Kino nun zum Kino, was im Zuschauer unwillkürlich die Frage aufwirft, wie würde er reagieren, aber auch die Frage, ob die Reaktion der hinterbliebenen Eltern irgendwie nachvollziehbar wäre – ganz ist sie es sicher nicht, aber Rache ist nun auch nicht unbedingt zwingend.
Immer wieder musste ich an den packenden Film von Atom Egoyan „Das süße Jenseits“ denken, vielleicht wollte sich Glasner bewusst davon absetzen. Jener erzählt von einem ähnlichen, wenn auch gleichzeitig anders gearteten Unfall mit einem Schulbus. Dagegen wirken hier die Aufnahmen von der Todesstelle mit dem Kreuzlein und den Blumen und den Kärtchen drum herum dann doch wieder kreuzbieder deutsch, sorry.
Bei Egoyan wurden alle Konsequenzen des Todes fast aller Insassen jenes Schulbuses durchdekliniert. Hier scheint es, als ob für Glaser das Thema seines Filmes gleichzeitig eine Leerstelle bleiben müsse (wohl nach Wittgenstein, worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen?), um die herum er wunderbar inszenierte Bilder und Szenen mit wunderbaren Schauspielern arrangierte, eine Methode, die einem Film gewiss keine Schlagkraft verleihen kann, und die kaum erwarten lässt, dass der Film zu Diskussionen zum Thema Fahrerflucht anregt.
Es scheint konsequent weitergedacht eher so zu sein, dass man damit sogar ganz gut leben kann, das ist jetzt sicher überspitzt gesagt. Vielleicht ist es eine typische deutsche Angst, das Wesentliche zu sagen, aber skandinavisch genießbar präpariert, Angst davor zu haben, einen Gewissenskonflikt deutlich zu formulieren; faktisch zeigt uns Glasner die Verdrängung des Konfliktes. Ob das, außer den erwähnten Qualitäten weiter fruchtbar ist, das ist dann doch eine andere Frage.

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