So hat Europa vor Jahrzehnten von Griechenland geträumt; das Land, das nach Italien als Touristenparadies entdeckt worden ist: Griechische Inseln, Meer, Sonne, Tintenfisch frisch gefangen, Boote und Tauchen und Grotten und Kreuzfahrtschiffe.
Vielleicht wollten Olivia Burynoghe, die das Buch geschrieben hat und Olivier Horlait, der die Regie geführt hat, dem ganzen Desaster mit den griechischen Schulden und dem Chaos und der Korruptheit etwas Positives gegenüberstellen; eine unbeschwerte Griechenland- und Inselgeschichte. Die Geschichte von einem Jungen, der bei seinem Vater lebt, welcher den Tod seiner Frau nicht verarbeiten kann und jede Liebenswürdigkeit verloren hat, ein Fischer, der mit dem halbwüchsigen Buben/Sohn in einen Häuschen in einer einsamen Bucht wohnt.
Dieser Junge leistet Schmuggeldienste für den Vater. Er bringt unkontrolliert Schnaps auf ein Schiff zum Kapitän. Bei diesem findet er in einem Nebenraum ein jammerndes Vögelchen, ganz jung, aber schon recht groß, wie ein schmuddeliges Entlein. Er sieht sicher sich selbst darin, bekommt Mitleid, will den Vogel unbedingt haben. Aber der Kapitän kennt kein Erbarmen. Nur gegen Bares will er das Tier hergeben, sonst soll es verrecken in seinem traurigen Käfig. Die 60 Euro, die der Bub für den Schnaps bekommen hat, die kann er nicht her geben; aber ein goldenes Kreuz von seiner Mutter, das er an einer Kette um seinen Hals trägt, das akzeptiert der Seemann.
Dieses schmuddelige Vogelwesen ist ein Pelikan, so stellt es sich schon bald heraus. Der Junge muss ihn vor seinem Vater verstecken und auch dafür sorgen, dass Pelikan und Ziege miteinander auskommen. Fast ein Fabelfilm. Oder die Ziege des Monsieur Séguin. Den Pelikan tauft er Nicostratos. Der wächst und wächst und es wird immer schwieriger, ihn zu verstecken. Wie er fliegen kann, da ist er nicht mehr zu verbergen.
Der Pelikan wird zur Attraktion auf der Insel. Ein Ausflugs- oder Kreuzfahrtschiff macht plötzlich regelmäßig Halt, die Touristen wollen mit dem Pelikan fotografiert werden. All das behagt dem Vater überhaupt nicht. Ihn spielt der berühmte Regisseur Emir Kusturica als einen misanthropen Mann mit Zottelhaar, ungepflegt, mürrisch, misstrauisch der Welt und den Menschen gegenüber, auch wenn er immer wieder, wenn er einem anderen Menschen nahe ist, ganz lustige Zwinkerspiele mit den Augen macht.
Da wir eine beschwingte, so ist sie wirklich gemacht, heitere Sommergeschichte vor uns haben, darf die erste Liebe nicht fehlen. Es ist Angeliki, eine Verwandte des Dorfwirtes, die im Sommer aushilft und deren deutsche Synchronstimme immer ganz kindisch lacht. Auch diese eine sommerlich-unbeschwerte, von Meer und Ägäis-Luft durchzogene Erste-Liebe-Geschichte ist keine Tragödie. Die Tragödie, die passiert nach etwa einer Stunde. Da habe ich mich kurz gefragt, wie sich der Film jetzt noch derrappeln will.
Aber er tut es. Es ist ein Film eher im Sinne des Eskapimus – oder der Nostalgie, wie in eine ferne, vergangene Zeit, aber in dieser meisterlich gekonnt gemacht. Wobei unser Griechenlandbild heute ein doppelt anderes ist, einmal die düsteren Wolken der nahen Pleite vor Augen und andererseits die Erreichbarkeit, die nichts besonderes mehr ist im Vergleich zu Zeiten des aufkommenden Massentourismus in den 60ern und 70ern des letzten Jahrhunderts. Da wurden hier noch Filme wie „Griechische Feigen“ von Siggi Götz gedreht.

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