Wenn an wichtiger Stelle der Credits Luc Besson erwähnt wird, wie hier als Produzent und Autor, und wenn ein Action-Thriller angekündigt, wenn der außerdem noch hauptsächlich in Istanbul spielt, so kann man sich zuverlässig freuen auf solide gemachte Action und garantiert werden in Istanbul durch viel zu enge Gassen viel zu breite Limousinen sich viel zu schnelle, halsbrecherische Verfolgungsjagden liefern.

So ist es denn auch und Istanbul beweist, dass es eine Superkulisse für einen solchen Agentenfilm ist. Was heißt hier Agentenfilm. Agent-im-vorgezogenen-Ruhestand-Film. Liam Neeson ist Agent. Aber eigentlich hat er sich zurückgezogen. Er macht nur noch ausgewählte Jobs. Will sich seiner Frau und seiner gerade so erwachsenden Tochter widmen. Ihr will er vor allem Fahrstunden geben. Ein bekümmerter Vater mit einem interessanten Gesicht, um das herum die Fantasie ohne großen Aufwand eine sicher bemerkenswerte Vergangenheit als Agent sich ausmalen kann mit jeder Menge Aktionen am Rande der Legalität oder drüber hinaus und in sehr hohem Auftrag. Da soll jetzt vorbei sein.

Leider gibt es in Albanien einen mächtigen Herrn, dessen Sohn Opfer eines Agentauftrages von Neeson als Bryan Mills geworden ist. Flugaufnahmen zeigen zu unserer Information die schöne Beerdigung. Der Albaner findet nun heraus, der hat auch so seine Verbindungen, dass Mills einen Personenschützerauftrag in Istanbul angenommen hat und noch einige Tage mit seiner Frau und Tochter dranhängen will. Gefahr und Unheil verkündend setzt sich aus Albanien eine ganze Wagenkolonne schwarzer Limousinen in Richtung Istanbul in Bewegung. Mills soll samt seiner Familie gekidnappt werden.

So weit so gut so pragmatisch so routiniert erzählt. Natürlich spannt ein Mann wie Mills sofort, wenn in einem Hotelfoyer Herren sitzen, die nur halb in ihre Zeitungen versunken sind und einen deutlich beobachten, wenn man beispielsweise mit dem Handy telefoniert.

So setzt in der größten Beschaulichkeit urplötzlich eine dringliche Hektik ein, die Mills gar keine Zeit lässt, Frau und seine Tochter darüber aufzuklären, was sich gerade abspielt. Die haben gleich zu spuren. Das ist ein heftiger Zusatzreiz für so eine Verfolgung; wenn die Tochter, die gerade erst das Autofahren lernt, plötzlich am Steuer einer Limousine und bellend vom Vater kommandiert durch Istanbul vor immer mehr Polizeiautos fliehen muss. Das ist aber vorgegriffen.

Die drei Zielpersonen dieses beabsichtigten Kidnappings müssen nun Fersengeld geben. Besson fallen für die nun folgende Verfolgungs- und Befreiungsaktionen ganz verrückte Sachen ein, die so eine Flucht zum genüsslichen Kinovergnügen machen.

Ein Beispiel. Wie Neeson mit seiner Frau gekidnappt worden ist, wird er in einem Keller mit nach oben gestreckten Händen an einer Eisenstange mit Ketten befestigt. Er soll nun zuschauen, wie seine Frau, die ebenfalls an Ketten aufgehängt ist und einen Schnitt in den Hals bekommen hat, langsam verblutet.

Plötzlich nestelt er mit den Schuhen aus einem Strumpf ein Minihandy hervor, balanciert es zum einen Knie und mit diesem versucht er es zu den Händen zu hieven. Ein delikater artistischer Akt, der nicht auf Anhieb gelingen kann. Wie er das Handy endlich in den mit Handschellen gefesselten Händen hält und es betriebsbereit hat, ruft er seine Tochter an, die noch in Freiheit ist. Er organisiert nun mit äußerst detaillierten Anweisungen seiner und seiner Frau Befreiung durch die Tochter. Er hat sich nämlich bei der Fahrt zum Verlies mit dem Kopf in einem Sack anhand von Geräuschen und Sekunden und Fahrwegbeschaffenheit genau gemerkt, was für einen Weg sie gefahren sein könnten. Nun schreibt er seiner Tochter höchst detailliert vor, was sie zu tun habe. Welchen Koffer sie in seinem Hotelzimmer von wo hervorholen, ihn mit welcher Kombination zu öffnen habe, in welchem Fach sie, Schnur, Stadtplan von Istanbul und einen Schreiber finde und wie sie nun konzentrische Kreise um das Hotel und den Entführungsort zeichnen soll.

Wie sie dann eine Handgranate (selbstverständlich sind das alles Dinge, die sie noch nie im Leben gemacht hat) und wie exakt aus dem Hotelzimmer auf das gegenüberliegende Dach werfen soll (nachdem sie ihrem Vater dieses beschrieben hat), damit diese dort explodiert – ohne dass Menschen zu Schaden kommen, so weitsichtig agiert Mills noch in höchster Not – wie Mills die Sekunden zählt, bis er die Explosion hört, wie seine Tochter daraus folgend noch einen weiteren konzentrischen Kreis auf der Karte ziehen soll, bis es Berührungspunkte der beiden Kreise gibt (das hört sich so plausibel an, aber ob es wirklich logisch ist, darüber nachzudenken kommt man vor lauter Amüsement über die geniale Tour gar nicht zum Nachdenken); Kim findet zwei Berührungspunkte. Sie muss jetzt noch sagen, wie der Wind weht anhand der türkischen Fahnen. Dann muss sie sich zum einen dieser Berührungspunkt begeben, möglichst schnell. Dann wieder Handgranaten werfen. Dann rennt sie über einen ganz schmalen Dachgrat aus Steinen zwischen Hausdächern, bis sie einen weißen Rauch sieht, (den Grat kann man übrigens auch im Trailer zum neuen James-Bond-Film sehen!), noch eine Handgranate werfen, bereits wird sie verfolgt, dann muss sie noch die Waffe, die sie aus dem Hotel mitgebracht hat in den Kamin mit dem weißen Rauch fallen lassen, den Mills dann unten in seinem Verlies in letzter Sekunde unterm Kamin hervornesteln wird – und das alles ist nur die Vorbereitung für weitere waghalsige Fluchtmanöver am Steuer eines geklauten Taxis die Fahrschülerin Kim, die vom Vater zu rasender Fahrt angetrieben wird. Schöner und unterhaltsamer kann man wohl das Hirn eines Film-Geheimagenten als das eines strategischen, weit vorausschauenden Genies nicht beschreiben – wenn es denn die Grenze zur Parodie nicht bereits überschritten hat. Oder beweisen, wie mit etwas Weitsicht, der Mensch doch gegen viele Fährnisse des Lebens sich wappnen könnte.

Und in grade mal neunzig Minuten ist der rasante Spaß auch schon wieder vorbei. Das Glück der Familie ist selbstverständlich gerettet, das verlangt doch das Genre, das uns nicht mit Trübsinn beladen aus dem Kino entlassen will.

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