So malerisch und kinoschön kann die Kehrseite des amerikanischen Traumes, die Verelendung und der soziale Abstieg an einem der tiefst gelegenen Punkte Amerikas am Ufer des kippenden Salton Sees in Kalifornien aussehen – und musikalisch so schön umrahmt.

Und trotzdem, selbst in dieser heißen und zukunftsarmen Gegend, selbst in Bombay Beach, stirbt der amerikanische Traum nicht ganz, als dünnes Pflänzchen zeigt er sich in der Hoffnung von Cee Jay, einem Teenager, es mit einem Football-Stipendium ins College zu schaffen.

Aber auch der Alte, Red, verfolgt seinen unabhängigen amerikanischen Traum, lässt sich nicht abhalten, seine Zigaretten zu verkaufen, steht nach einem Spital- und Erholungsaufenthalt wieder standfest auf den Beinen, nichts kann diesen Amerikaner, der auch schnell mal zur Waffe greift, von seiner Überzeugung abhalten, was die Liebe bedeute, die Nähe zu Menschen, auch wenn er manchmal nicht weiß, wovon sein nächstes Brot bezahlen. Er muss sich in seinem „goldenen Alter“, wie er meint, mit Zigaretten-Handel ein kleines Zubrot verdienen.

Die dritte Hauptperson, die Alma Har’el für diese Dokumentation sich vorgenommen hat, ist Benny Parish, ein Bub im ersten Schulalter aus einer zerrütteten Familie. Die Eltern waren die ersten Lebensjahre des Buben im Gefängnis. Er zeigt hyperaktive Störungen, hat die ersten Kinderjahre in verwahrlosten Verhältnissen verlebt, bis die Eltern in den Knast kamen, weil die nämlich auch gerne mit Waffen und Explosiva hantierten, auch so ein amerikanischer Traum. Der Bub muss mit Ritalin ruhig gestellt werden, und die Eltern, die noch zwei weitere Kinder haben, wollen eine gute amerikanische (das amerikanische nicht explizit erwähnt) Familie werden, mit Hygiene im Haushalt. Man fährt mit dem Buben zum Arzt, zu einer Beratungsstelle für verhaltensauffällige Kinder, dann auch wieder zur Schule; alles sind meilenweite Wege durch Wüste und Trockenheit.

Hier in Bombay Beach fühlen sich die Misfits, die Ausgestoßenen dieser Welt, dieses Amerikas heimisch. Was diese eher bildungsfernen Menschen gemeinsam haben und was sie sowohl theoretisch wie auch praktisch zum Ausdruck bringen, das ist ihre Herzensbildung. Das kann auch sehr weh tun. Gewalt ist da genau so leicht verfügbar wie Umarmung. Der Vater von Benny formuliert sogar masochistische Träume, weil er meint, er hätte viele Schläge verdient, für die Scheiße, die er gebaut habe.

Ab und an inszeniert unserer Regisseurin mit ihren Menschen kleine Tänzchen, wie der alte Red mehrere dicke Frauen betanzt und umarmt, oder wie das junge Liebespaar in einem ehedem lauschigen, kleinen Musikpavillon ein Maskenspiel treibt, dass die Ausdruckslosigkeit der Maske wichtig sei dafür, dass das Verrückte der Bewegung gut rüber komme.

Red hatte übrigens, nachdem er einmal mit Rettungswagen und Rettungshubschauber in die Klinik verbracht worden war, noch lange Alpträume von bösen Schwestern. Nun, eine Klink ist ja auch kein Ort grenzenloser Freiheit.

Benny muss auf Lithium umgestellt werden. Das bekommt ihm erst gar nicht gut. Wie die Mutter am ersten Schultag des zweiten Schuljahres ihn in die Schule bringt und die Klasse gemeinsam aufsteht und einen Text spricht, sitzt er vor seinem Schreibpult, hat den Kopf auf die Schreibfläche gelegt, als könne er sein Glück, dass er jetzt da sei, nicht fassen, als dürfe er es nicht zeigen, Folgen seiner bipolaren Störung, wie seine Krankheit ohne irgend ein Verständnis zu schaffen, ärztlicherseits diagnostiziert wird.

Ganz am Schluss inszeniert die Regisseurin ausgiebig einen weiteren amerikanischen Traum: Benny darf im Feuerwehrauto Endlosschleifen fahren. Vielleicht muss man dazu wissen, dass amerikanische Feuerwehrleute – und nicht nur seit 9/11 – in Amerika Heldenstatus genießen.

Die Moral von der Geschicht: selbst in der heißesten Oednis Amerikas und am Tiefpunkt stirbt der amerikanische Traum nicht.

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