Aus dem Leben eines Sexualarbeiters, so der Untertitel dieser australischen Dokumentation von Catherine Scott. Hier geht es nicht um Filmkunst, eine solche Distanz gönnt einem dieser Film nicht. Seine Stärke, die einfährt, ist die Nähe zu Rachel, der australischen Sexarbeiterin und Sexarbeiter-Aktivistin, die seit 17 Jahren diesen Beruf ausübt und Kontakte zu anderen Sexarbeitern und Gruppen überall auf der Welt hält, eine der wichtigen Kämpferinnen für die soziale Anerkennung und gegen die Diskriminierung und Ausgrenzung von Sexarbeitern.

Rachel ist so aktiv nebst ihrem Beruf, nebst den Treffen mit ihren Kunden, dass sie an einer Stelle davon träumt, einfach mal ein Jahr lang eine ganz normale Hure zu sein. Aber das kommt selbstredend nicht in Frage. Ihr speziell am Herzen liegt die „Touching Base“, das ist ein Zentrum, eine Aktion, die sich speziell mit Sex von Behinderten befasst, „Touching Base“ bringt Behinderte mit Sexarbeitern zusammen.

Manch bürgerlich Verklemmter könnte angesichts der Offenheit und der Freiheit neidisch werden, wie selbstverständlich für Behinderte hier das Recht auf Sex artikuliert wird, obwohl sie dafür bezahlen müssen wie andere Kunden auch, denn Gratis-Sex ist nicht bei Rachel, außer mit ihrem Freund. Wenn man an viele Ehen denkt, die wohl eher einen Zustand praktizieren, der nach Sexverbot aussieht und die in erstarrten Ritualen kaum sich trauen darüber zu reden. Dass das keine Ausnahmen sind, ist bei den Paartherapeuten zu erfahren.

John, der vom Hals an abwärts gelähmt ist mit Multiple Sklerose, schätzt den Service von Rachel sehr. Er hat sie lange nicht mehr gesehen und freut sich auf ihren Besuch. Der hat sogar heilsame Wirkung. Ein Orgasmus hilft mehr als mehrere Sitzungen beim Psychiater. Er fühlt sich nicht nur als „Customer“, sondern auch als „Friend“ und so ergeht es auch Rachel.

Sexszenen werden im Film nicht explizit gezeigt, gerade mal der Anfang, wie Rachel ihren Kunden streichelt, von den Füßen angefangen oder vom Hals, wie sie vielleicht schon mal ein Teil auszieht. Mehr ist auch nicht nötig und Sex ist nach wie vor, selbst wenn käuflich, eine intime Angelegenheit.

Mark ist ein gelähmter Spastiker, der nicht verständlich artikulieren kann, mit Hilfe eine Buchstabentafel kann er Texte ausdrücken. Auch er ist ein Kunde und ein Freund von Rachel. Eigentlich denkt er ständig an Sex, möchte ständig Sex haben, um seine Muskeln zu entspannen, aber sein großer Traum ist, einmal eine ganze Nacht lang neben einer Frau zu liegen. Er schenkt also seiner Mutter einen besonders großen Strauß Blumen. Er wohnt bei seinen Eltern. Die Mutter fragt, wieso. Weil er sich ein besonderes Geburtstagsgeschenk wünsche, meint der Schlaumeier. Genau, eine Nacht mit Rachel. Das kostet nämlich, das werden wir sehen, ein ganzes Bündel an 50-Pfund-Scheinen. Da wird selbst Mutter ganz aufgeregt; sie zieht ihn fein an vorher, putzt ihm die Zähne, versieht ihn mit dezentem Parfüm-Duft. Wir sehen auch die Vorbereitungen von Rachel, die ihren Beruf sehr ernst nimmt, die Reizwäsche, die sie einpackt. Erst gehen die beiden gemeinsam aus und essen gepflegt. Sie hält seine Hand neben seinem Rollstuhl. Derweil präparieren Mutter und Vater das Liebesnest, eine extra breite Matratze muss her, feine Bettwäsche und die Mutter übersät das Bett und den Boden mit frischen Rosenblättern und würde am liebsten Mäuschen spielen. Das Liebespaar für eine Nacht trifft im Schlafgemach ein. Rachel bespricht mit der Buchstabentafel genau, was Mark möchte, worauf er steht; das sagt sie auch der Dokumentaristin, dass das ganz wichtig sei, damit sie die Kundenwünsche (wobei es selbstverständlich No-Gos gibt) bestens erfüllen könne. Nach dieser Traumnacht von Mark, von der sich die Kamera so diskret wie die Mutter fernhielt, sieht man das Paar strahlend und aufgeräumt nebeneinanderliegend in so schön fotografierter Bettwäsche aufwachen, dass man spürt wie sie duftet. Ein Bild von Glück. Das ist die kleine Geschichte, die schon früh angelegt wurde im Film und die zu dessen märchenhaftem Höhepunkt wird.

Zwischendrin ist Rachel als Aktivistin unterwegs, sie fliegt nach London, trifft befreundete Aktivisten. Dann nach Skandinavien, wo sie Aktivisten unterstützt, die Änderungen für die Sexarbeiter in der Gesetzgebung anstreben. In Göteborg nimmt sie an einem Kongress für sexuelle Gesundheit teil, hängt ihre Poster aus, ist mit „Touching Base“ selbst eine Außenseiterin.

Sie träumt von einem nicht profitorientierten Bordell finanziert von Sponsoren, da käme zum Beispiel der Chef der Virgin Airline in Frage.

Rachel ist eine starke Persönlichkeit und macht in der Sache keine Kompromisse – Sexarbeiter sind selbständige Individuen; sie will mit den Vorurteilen brechen. Sexarbeiter, die kann man doch bestellen wie Pizza.

Herrlich, die akademische Diplomverteilung, der Talar und der flache Hut, der Deckel, und wie sie mit der Mutter darüber spricht, dass sie erstens ganz stolz ist, es toll findet, dass sie jetzt als akademisch Diplomierte Sexarbeiterin ist und dass sie dieses Kostüm einmal auch zur Arbeit anziehen möchte, ihre Sexarbeit in dieser Rolle ausführen. Rachel lässt sich von nichts schockieren.

Eindrückliche Szene in London, wie der älteste Sohn von Lucy, die mehrere Kinder mit Down-Syndrom hat, Rachel erklärt wie er seine Unschuld verlieren möchte und die Mutter findet, das solle bald mal geschehen.

Der Film kann als eine Hintergrundinformation, eine begleitende Dokumentation zum französisch-belgischen Spielfilm „Hasta la Vista“ gesehen werden, in welchem drei Behinderte ausbüchsen, um in Spanien ins Bordell zu gehen.

Würde mich nicht wundern, wenn manche „Normalos“ die Behinderten um diesen ungezwungenen Umgang mit Sex beneideten.

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