Was diese zu Recht hochgelobte italienische Fernsehserie (jetzt ist die erste Staffel, 4 DVDs zu je 3 Folgen á 60 Minuten in einer fürs Heimkino sicher brauchbaren deutschen Synchronisation erschienen) auch einem notorischen Nicht-Fernsehteilnehmer beweist: dass gut gemachtes Fernsehen hochspannend sein kann.

Einmal ist es der Stoff: die Entwicklung und Verbreitung der Mafia anhand des Beispiels des „Libanesen“ in Rom im Zeitraum von 1977 bis 1980 vor zeitgeschichtlichem Hintergrund, Entführung von Aldo Moro, Bahnhofsattentat in Bologna 1980.

Dann sind es die Protagonisten, der kriminelle Akteur und Visionär: der Libanese, ein bleicher Mann mit breiter Lippe und dickem schwarzem Haar in überbordender Frisur und sein Gegenspieler, der wie ein Jagddackel hinter ihm her ist mit entsprechend treu-verbissenem Blick und vom Typ und vom Äußerlichen her gar nicht so unähnlich dem Libanesen, aber ordentlich gepflegt wie ein Beamte: Scialoia. Dieser hat irgendwann Witterung aufgenommen, als der Libanese noch ein kleines Licht war, und ist an ihm dran geblieben, wie ein Jagdhund, allen Obstruktionsversuchen von oben und zeitweiliger Versetzung nach Bologna zum Trotz. Eine existenzielle Verfolgungsjagd.

Vor allem anfangs schien mir die Ähnlichkeit dieser beiden Gegenspieler frappant. Im Lauf der Geschichte entwickeln sich die Figuren aber auseinander, obwohl sie sich durch die dramatischen Ereignisse einerseits und das sture Verfolgen der eigenen Ziele andererseits immer näher rücken.

Der Kern der Bande des Libanesen bildet das Dreigestirn aus ihm, Fredo, eher der ruhige Beckenbauer-Typ im Team, der rechtzeitig die Reissleine zieht und mehr Kalkulierer denn Visionär ist und Dandy, der wie der Name ausdrückt, ein dandyhafter blonder Typ ist, dessen erotomanischer Hang zu Patrizia für die Gang immer wieder zum Verhängnis zu werden droht. Patrizia, die Sphinx unter den vielen hübschen Frauen, die die Gangmitglieder benutzen und lieben und die der Kriminalität Glanz verleihen. Sie bildet eine Art weiblicher Gegenpol gegen die Männerbande. Aber die Frauen interessieren sich nicht besonders für die Geschäfte der Männer.

Die Gang des Libanesen baut auf dem diffizilen Gerüst aus Team und Vertrauen. Der Libanese behauptet von Anfang an, dass sie eine demokratische Gang seien, dass es keine Chefs gebe. Faktisch jedoch bestimmt er, wo es lang geht, der demokratische Gedanke rückt immer mehr in den Hintergrund, eine Praxis oder Charaktereigenschaft, die zusehends für Konfliktpotential in der Gruppe sorgt. Die unbedingte Loyalität zur Gang und zu den immer kriminelleren Machenschaften garantieren andererseits einen angemessenen Teil an den Einnahmen, nachdem das erste Geld mal gewaschen war. Und damit ein zusehends luxuriöseres Leben. Aber dieses Gerüst wird auch immer wieder gefährdet durch Eskapaden, Verführbarkeiten und Unzuverlässigkeiten, durch Erpressbarkeit einzelner Mitglieder (praktisch jede Figur in dieser Geschichte hat ihre Schwäche, mit der sie im entscheidenden Moment erpressbar ist).

Die Gang besteht nebst dem Kerntrio aus vielleicht knapp einem Dutzend weiterer Mitglieder, das sind die Ausputzer, die Bedroher, die Leichenverscharrer, die den Stoff zu den Kunden bringen und das Geld zu den Bossen.

Der Libanese entwickelt nun, ausgehend von einem Diebstahl einer LKW-Ladung mit 50 Olivetti-Schreibmaschinen, eine mühsame Angelegenheit voll unerwarteter Hindernisse und wenig einträglich, die Idee, sich in Rom den Drogenhandel unter die Kralle zu reißen, denn in Rom gibt es zu diesem Zeitpunkt noch keine Mafia und überhaupt keine beherrschende Gang, es sind mehrere kleinere Gruppierungen von um die 4 Leuten, die einigermaßen unauffällig in ihren Revieren nebeneinanderher werkeln. Rom ist vom kriminellen Standpunkt aus gesehen ein Dorf.

Verrückt und spannend zu sehen ist, dass der Gedanke des Teams nicht nur bei der Bande eine Rolle spielt, sondern nicht weniger auch bei der ihr nachstellenden Polizei. Wobei vermutlich der besondere Reiz einer solchen Vertrauenskonstellation auf der verbrecherischen Seite darin liegen dürfte, dass die keine schriftlichen, rechtsgültigen und somit einklagbaren Verträge schließen können. Insofern droht beim kleinsten Fehler eines der Beteiligten, beim kleinsten Verrat das ganze Gebilde einzustürzen.

Im Laufe der Episoden wird dieses Gebilde immer größer und berühmter. Systematisch, von Folge zu Folge, step by step und mal einen Schritt zurück ins Gefängnis, nähert sich der Libanese seinem Ziel, Rom unter seine Fittiche zu bringen. Wie er sein Ziel nach einigen Morden, Knastaufenthalt und auch vielen Aufenthalten in Bordellen und dem Feiern der Erfolge, erreicht hat, ruft das die Mafia auf den Plan, sie sieht jetzt in Rom ihre Chance gekommen – mit einem Großen ist leichter zu verhandeln als mit lauter selbständigen kriminellen Kleingewerblern.

Jetzt agiert der Libanese auf dem Höhepunkt seiner Karriere zusehends desolater– im Fadenkreuz von Mafia, Staatsgewalt/Geheimdienst und dem ihm immer näher auf die Pelle rückenden Scialoia bei gleichzeitig immer labiler werdendem Vertrauensgerüst in der Gang.

Aber seine Ziele sind groß, denn er ist ein maßloser Visionär, kann nie genug kriegen. Rom reicht ihm lange nicht. Bemerkenswert, aber offenbar üblich, ist auch, dass ihm das Erreichen des Zenits seiner Verbrecherlaufbahn Zugang zu den höchsten Kreisen verschafft, das war schon im Carlos-Film von Olivier Assayas bemerkenswert.

Faszinierend ist auch zu sehen, je höher einer oben ist, sei es auf der Staats- oder der Verbrechensseite oder mit einem Fuß in beidem, desto weniger kann ihm irgendwer noch an den Karren fahren. Das kann zu einem ziemlichen Allmachts- und Abgehobenheitsgefühl führen, was nicht risikolos ist.

Wie der Libanese eines Tages feststellt, dass in Rom 200 Gramm Heroin aufgetaucht sind, die nicht in seinem Büchern stehen, da rastet er schier aus, nähert er sich bedrohlich dem psychischen Zusammenbruch, dröhnt sich mit Koks voll, dass es schon eine stabile Natur braucht, das noch zu überleben. In dieser Lage treibt er seine proklamierte Demokratie endgültig in Richtung Diktatur, so dass einer aus der Gang ihn schon als „Duce“ persiflierend anredet, als Führer.

Jetzt ist die Gang in ihrer Existenz gefährdet, denn die meisten Mitglieder brauchen die Einnahmen, um sie zu verhuren, Luxuskarrossen zu kaufen, Frauen, Villen. Sie wären ohne die Einahmen der Gang aufgeschmissen. Insofern sind sie abhängig von ihr. Wie sich die Lage also enorm zuspitzt für die Gang, ist auch faszinierend zu beobachten, wie keines der drei Gründungsmitglieder, weder Fred noch Dandy einander ans Messer liefern würden, nur um die eigene Haut zu retten. Da kam mir der Altkanzler Kohl in den Sinn, der bis heute Stillschweigen über seine illegalen Parteispender bewahrt.

Das Ganze in stimmigem, filmbehaglichen 70er Jahre Setting: Autos, Frisuren, Klamotten, Interieurs. Besonders zu erwähnen sicher auch die musikalische Untermalung, die den Spannungsbogen genial erhöht.

Sicher hat Serie immer auch mit Macht der Gewohnheit zu tun, aber mit diesen Figuren lässt es sich ohne weiteres 12 Stunden aushalten. Denn Regie, Schnitt, Vertonung bürgen für Rasanz. Wobei die sich auf ein den Eindruck der Sachkunde erweckendes, pragmatisches, zielbewusstes Drehbuch verlassen können.

Notizen.
Rom wirkt anfänglich wie ein kleines Dorf, bestehend aus ein paar wenigen Gaunern und einigen wenigen Polizisten auch wenn das Häusermeer immer mal dazwischen geschnitten wird. Nicht mal der Vatikan kommt darin vor.

In Episode 1 die Info von der Ermordung von Fulvio Croce, Vorsitzender der Turiner Anwaltskammer.
Entführung von Baron Rosellini, reich, alt, keine Bodyguards, da ist mehr zu holen als mit Olivettis.

Kommissar Scialoia
Schwachpunkt: seine Schwester ist Kommunistin; das wird ihn eines Tages erpressbar machen. Er selbst verliebt sich auch in Patrizia, will sie aus den Verbrecherkreisen rausholen, ein treuherziges Ansinnen. Das Trüffelschwein.
Aber auch er legt wert auf Teamarbeit. Ist selber sturer Puzzleteilsammler.
Kanton, Büromitarbeiter von Scialoia: jeder Polizist hat eine Nutte seines Vertrauens.
Schwester von Scialoia zu diesem: Was bist du: Staatsdiener oder einer, der den Staat ändern will?
Bei Patrizia, was er wolle: ich weiß es nicht. Sie meint, er hätte sich wenigstens vorher rasieren sollen. Jetzt ist er verwirrt.
Ich bin Polizist und ich will diese Bande hinter Gittern sehen.
Zur Leiche Terribile: Das war eine Hinrichtung – das war der Libanese.
Wir müssen unsere Strategie ändern, ich habe keine Lust immer nur einzustecken.
Scialoia hat keine Lust, immer nur rumzustochern.
Jetzt werden wir unsere Strategie ändern, sie müssen unseren Atem spüren, wir werden sie unter Druck setzen.
Zu Patrizia: Schließ den Laden sofort, ich heirate Dich sofort, wenn dus tust.
Es ist nicht der Libanese, es ist so gewaltig wie die Bombe am Bahnhof.

Der Libanese
Niemand ist etwas Besonderes, wir sind alle Bosse.
Ende Episode 1: Schnappen wir uns Rom. Aber erst morgen!
Erfolgreich sind wir, wenn wir zusammenarbeiten.
Versuch einer demokratischen Gang.
Jetzt muss der Schwanz mal in der Hose bleiben, wir gehören jetzt zu den Großen.
Zu Fred: Du bist nicht für dieses Leben geschaffen. Der Sarde ist nicht irgendwer, denk dran, das war noch leicht, Autos aufzubrechen.
Nächstes Ziel: die Schlacht gegen Terribile vorbereiten.
Entführung von Aldo Moro: die Geschäfte laufen mies, überall wimmelt es von Polizisten.
Wichtig ist, dass wir zusammenhalten, wenn wir an einem Strang ziehen, dann erobern wir Rom.
Wenn wir Moro finden, kriegen wir dafür eine lebenslange Ruhe garantiert.
Schafft die Leiche weg.
Wir sind keine Kinder mehr, nein, wir sind schon lange keine Kinder mehr.
Wir sind jetzt Kriminelle.
Wer hat von der Leiche erzählt, dann muss unter uns ein Judas sein.
Weigert Ihr Euch noch zu singen, Ihr werdet uns einschleusen in Terribiles Haus.
Zu Fred: Du musst ihm das ins Herz stossen.
Der Libanese entscheidet zusehends allein.
Nein, Fredo, ich habe noch nicht genug!
Wir nehmen keine Befehle entgegen, wir erteilen sie.
Zu Fredo: In einer Sache hast Du recht, wir sind zu sehr expandiert, zu viele, die mitreden wollen, hilf mir Fredo, jagen wir sie zum Teufel.
Libano vertraut nur noch seinen eigenen Augen.
Ich muss wissen, wo das Heroin herkommt und zwar verdammt schnell und Fredo ist wieder nicht da.
Die Zeit der Vergebung ist vorbei, es wird Zeit, Urteile zu fällen. (hier wird es sehr blutig, deswegen FSK 18 für die 4. DVD?)
Mama zum Libanesen: du siehst völlig verwahrlost aus.
Libano blutverschmiert, in Unterhose und mit Clobürste bewaffnet.
Mamma: Du musst Dich selbst wieder in Griff kriegen, innerlich wie äußerlich. Geh nicht wieder nach Rom.
Hat Rückendeckung lieber von einem Verräter als von einem falschen Freund.
Will im Moment des größten Misstrauens die totale Info über alle.

Fredo
Zu Roberta (eine hübsche, unschuldige Frau): Deine Augen sind irgendwie träumerisch. Wenn sich zwei Lieben, so gibt es keine Schuld. Hast du mal über das Haus auf dem Land nachgedacht? Wir hauen ab, sofort, ich bin ein freier Mann, stell mich auf die Probe.
Ich habe Terribile nicht kalt gemacht, um mein Leben als Loddel zu beenden.
Fred wirkt immer ein bisschen eigenwillig. Er wirkt wie ein Einzelgänger.
Je größer der Erfolg der Gang wird, desto weniger kommunizieren Fred und der Libanese.
Zu Nero doziert Fredo über Rom, Astrosophie, über den Orion, dass Zeus ihn als hellsten Stern des Nordens gerettet hat.
Den Laden zumachen, alles aufteilen, jetzt, wo wir noch nicht tot sind, jetzt, wo wir ganz oben sind.
Den Libanesen verrat ich nicht, niemals in meinem Leben.

Ein Gangmitglied: Superkarriere beim Libanesen: vom Autoverschrotter zum Totengräber.

Wie mit dem Gangfortschritt auch die Erpressungs- und Gefügigmachmethoden immer brutaler werden.

Die Moro-Entführung bringt Verbrecher-Bündnisse durcheinander.

Woher hast Du Deine politische Bildung: von Pasolini?

Beim ersten Mal im Knast brauchen der Libanese und seine Gang gerade mal 10 Tage, um die Bosse im Knast zu werden.

Wir haben mit einem Verräter Geschäfte gemacht.

Patrizia zu Dandy: Du kannst meine Zeit kaufen, meine Langeweile nicht.

Vorschlag der Mafia: Wir verkaufen Euch die Drogen, Ihr bringt sie unter die Leute.

Alle tun nett und freundlich und plötzlich hast Du ein Messer im Rücken.

Richter Donati ermordet, Täter im Umfeld der extremen Rechten.

Geheimdienst: ihr arbeitet für uns und wir halten euch den Rücken frei und ihr habt nie wieder Konflikt mit dem Gesetz.
Wir müssen Einigkeit demonstrieren.

Bologna 2. August 1980, 10.25 Uhr; Bombenattentat; 85 Tote.

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