Jan Haft liefert uns mit dieser Dokumentation über den deutschen Wald den stolzen und sicher nicht uneitlen Beweis, was Fotografie heute alles vermag, nicht nur mit Zeitraffer und Zeitlupe, die sind ja nun nicht sonderlich neu im Film, das hatten schon ganz frühe Filmemacher entdeckt, vor allem was kleinste und unauffällig platzierte Kameras (aber was ist mit dem künstlichen Licht in der Fuchshöhle?) uns zeigen können, wie Ameisen in die Röhre eines Pilzes oder in den Chitinpanzer eines toten Hirschkäfers eindringen, wie mit Kameras Pollenflug sichtbar gemacht werden kann; wie mit den Mitteln des Filmes überhaupt die Natur entnatürlicht werden kann, durch die Verlangsamung, durch die Beschleunigung und vor allem durch ein Dauergewitter an orchestraler Pompösbeschallung (schaut her, was für tolle Bilder wir geschossen haben!), die den Fall eines Hirschkäfers vom Baum nach verlorenem Kampf zu dem Fall eines Giganten macht, die Fressgeräusche von Wildschweinen oder Kröten zu einem unappetitlichen Geschlabbere.

Nicht uneitel beziehe ich auch auf die Zahlen, mit denen die Filmemacher auftrumpfen. 600 Drehtage, 70 Drehorte, 250 Stunden Filmmaterial, 15 Flugstunden mit dem Heißluftballon, tagelange Tarnzeltaufenthalte und Pirschgänge – so gewonnenes Material versuche mal einer auf spannende 93 Minuten einzudampfen, das scheint doch immer wieder das Problem mit dem vielen Footage und daraus eine intelligente, spannende Montage zu machen – hatten wir in letzter Zeit öfter. Und nie wird berichtet, wie groß denn der geistige Aufwand gewesen ist, die Materie cineastisch zu durchdringen – möglicherweise schon vor Drehbeginn. Es entsteht der Eindruck, dass die lieber erst Mal kopf- und konzeptlos auf Pirsch gehen und dann muss aus der Fotostrecke so was wie ein Film entstehen.

Wie im Trend heutiger Naturfilme liefert auch Jan Haft den Beweis, dass er zwar in der Lage ist, diese Bilder zu schießen, grandiose Ausbeute sogar, dass es aber offenbar sehr schwer ist, sie zu einer kinospannenden Geschichte, die den Geist über die Einzelbilder hinaus anregt über die Natur und damit über den Menschen nachzudenken, zusammenzumontieren.

Kommt dazu, dass die Macher wieder einmal dem Irrtum erliegen, wenn sie einen prominenten „Namen“ von Subventionsstar als Sprecher gewinnen, dann würde der Text vereinnahmend gesprochen. Dem ist leider nicht so. Benno Führmann spricht den Text leicht gepresst und bemüht um Korrektheit, aber das ohne jeden auktorialen Stimmensound darunter, der Vertrauen weckt, Lust, sich der Erzählung hinzugeben. Keine Stimme, die den Zuschauer auch nur irgendwie zu Interesse und Neugier zu verführen im Stande ist. Wenn es denn zu Zeiten überhaupt einen solchen Sprecher im Subventionsfilmland gibt. Und falls es ihn gäbe, würde er sich vermutlich weigern, die dämlichen Texte zu sprechen; für das Buch zeichnen Jan Haft, Gerwig Lawitzky und Jan Röver.

Der Film bleibt nicht nur von der Sprecherstimme her unpersönlich. Man erfährt auch nie, wo in Deutschland wir uns befinden, es gibt vage Angaben über den Kreislauf der Natur, anfangs gibt’s die zeitlichen Angaben noch öfter, aber irgendwann ist Sommer dann September vorher war mal Morgen, Abend oder Nacht. Auch die Reihenfolge der Tiere ist willkürlich und in den spannendsten Momenten, zum Beispiel im Geweihkampf der Hirsche wird auf die Fuchswelpen geschnitten oder es wird ein Gewitter dazwischen gedonnert.

Sicher gibt es für den Städter, Nicht-Naturmenschen viele Dinge zu sehen, die er sonst nicht zu sehen bekommt, aber er bekommt sie serviert in der Form einer Aneinanderreihung von Fotosammlertrophäen sein. Das ist in etwas so spannend, wie wenn einen ein erfolgreicher Sportler durch seine Trophäensammlung führt.

Was dem Film volkommen fehlt, ist jegliche Referenz auf die myhtisch-kulturelle Bedeutung des Waldes in Deutschland, sei es in Dichtung oder Malerei, Liedgut und auch auf den industriellen oder ökologischen Umgang des Menschen damit; der Wald von Jan Haft ist einer, der nicht genau lokalisiert ist, in dem es ums Fressen und Gefressenwerden und zwischendrin ums Begatten, Austragen, Gebären und Aufziehen geht, in dem im Leben eines Weißstorches der wichtigste Moment der ist, wo er das erste Mal fliegt, in dem der wichtigste Moment im Leben einer Füchsin der ist, wo sie ihre sieben Welpen gebiert – in einem Augenblick, wo die Natur Ruhe gibt.

Der Wald des Jan Haft ist einer, über den diese Sphärenklänge mit weiblich abhebender Stimme gelegt werden müssen, ist einer, über den man mit dem Heißluftballon schwebt, ist einer, in dem die Öffnung eines Tannenzapfens, die Freilassung des Fichtensamens mit einem gewaltigen Krachen akustisch verdeutlicht wird, es scheint mir doch ein sehr naiver Wald zu sein, Pardon, der Wald von Jan Haft ist einer, in dem Wasser und Sonnenlicht die Lebensgeister im Wald wecken, in dem Wildschweine grunzen, in dem Wildschweine in Zeitlupe durch einen Tümpel schreiten.

Der Wald des Jan Haft ist einer, in dem Frischlinge trotz empfindlicher Kälte ziemlich munter sind und wozu das Orchester mit Pfeif- und Zupftönen seinen Kommentar abzugeben zu müssen glaubt. Der Wald des Jan Haft ist einer, in dem im Wald schon früh im Jahr Nachwuchs zu sehen ist. Der Wald des Jan Haft ist einer, in dem der Tanz der Sporen mit Tanzmusik unterlegt wird und der häufig zwischengeschnittene Frosch hinter Gräsern und Blättern einen eigenen Akkord verdient. Im Wald des Jan Haft hat jeder Frischling der Wildsau eine eigene Zitze und im Wald von Jan Haft kann an diese Zitze mit der Kamera groß herangegangen werden, dass sie rot wie später die Erdbeere im Film leuchtet. Im Wald des Jan Haft gibt es ein Kellergeschoss unter den großen Bäumen. Hier wohnt die Füchsin, und der Fuchs muss, wenn er seiner Fortpflanzungspflicht nachgekommen ist, weiterziehen. Im Kellergeschoss wohnt auch die Maus, die von der Hummel vertrieben wird, von der bösen Erdhummel.

Der Wald von Jan Haft verändert sich am Abend. Und im Wald von Jan Haft markieren die Singvögel vor Sonnenaufgang ihr Revier. Im Wald von Jan Haft ist der Pollenflug das stille Liebesleben der Bäume. Im Wald von Jan Haft gibt es Massenhochzeiten von Grasfröschen. Und zum Wald von Jan Haft gibt es viele weitere nicht gerade aufregende anthropotümelnde Kommentare. Im Wald von Jan Haft ist der Übergang zwischen Leben und Tod fließend.

Im Wald von Jan Haft gibt es den Frühsommer und Glühwürmchen und die Raupenverpuppung, die Türkenbundlilie und die größte einheimische Orchidee, den Frauenschuh. Im Wald von Jan Haft ist der Hirschkäfer Symbol für martialischen Kampf und Sieg oder Tod und er erinnert damit an einen der ersten Kulturfilme, die einer ziemlich beschissenen Ideologie mit den Weg bereiteten (Der Hirschkäfer Ulrich K. T. Schulz, DE 1921, 19 min ). Im Wald von Jan Haft gibt es das Eichhörnchen, den Rehbock, die Weißstorchkolonie; die Störche werkeln am Horst über Jahre und nach getaner Arbeit versichern sich die beiden Störche ihrer Zuneigung, das meint der Sprecher von Jan Haft. Und im Wald von Jan Haft genießen die jungen Füchse die Behaglichkeit der Höhle. Kurz: ein bunter Alles-was-da-kreucht-und-fleuchtfilm mit vielen Nah-, Zeitlupen- und Zeitrafferaufnahmen, mit vielen filmischen Verzerrungen oder Deutlichmachungen und in unangenehmer Nähe zu Kulturfilmen des frühen vorigen Jahrhundert.

Eine Antwort zu “Unser Wald – Das grüne Wunder”
  1. Bernd Michael Kramer sagt:

    Nachdem ich den Trailer angehört hatte, war ich sehr skeptisch ob ich mir diese Töne zu den schönen Bildern zumuten sollte. Bei der google Suche bin ich auf diese Kritik gestossen, die sehr deutlich aufzeigt was fehlt und was zuviel ist. Vor allem auch die Nähe der Überlebenskämpfe im Tierreich zu der Blut-und-Boden-Ideologie der Nazizeit triggert in mir ganz unangenehme Assoziationen. Dies bewusst zu machen ist ein grosser Verdienst dieses Beitrags.
    Da gehe ich doch lieber bei uns im Naturpark mit einer kundigen und ortsansässigen Biologin durch Felden und Wald, sehe und höre zwar nur 10%, erlebe das Wenige aber 100% eingebunden in Ort, Tages- und Jahreszeit und die Menschen der Umgebung. Danke !

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