Ein merkwürdige Veranstaltung scheint mir dieser Dokumentarfilm von Andreas Dresen zu sein.

Mir ist nicht ganz klar, was er uns mit dieser Dokumentation über den brandenburgischen Landtagsabgeordneten Henryk Wichmann erzählen möchte. Dass er, Dresen, an das Gute in der Demokratie oder in der CDU oder in der Demokratie da, wo vor etwas mehr als 20 Jahren noch die DDR war, glaubt?

Ein sentimentaler Film scheint es mir auf jeden Fall zu sein. Glaubt Dresen wirklich an den Politiker Henryk Wichmann, der sich widerstandslos und offenbar ohne weiter sich Gedanken zu machen der Parteidisziplin unterzieht, weil so funktioniere Demokratie nun mal, dass er oft anders abstimme als er denke, weil die Partei das so wolle. Dem fügt er sich. Und konzentriert sich, das ist wirklich rührend, wie ein althergebrachter Landpfarrer um seine Schäfchen, die ihn teils gar nicht kennen, die eher irritiert reagieren, wenn sie, wie ein altes Ehepaar in einem schier vergessenen Dorf, ihn auf sich zukommen sehen, wenn er ihnen die Hand schüttelt und sich als ihr Abgeordneter vorstellt und sie wissen nicht was antworten auf seine rein rhetorische Frage, ob es ihnen hier gefällt, ja es sei schön hier, fühlen sie sich verpflichtet zu sagen, dann sieht man die Störche in der unverbauten Wiese vor ihrem Haus.

Selbstverständlich ist es ein PR-Film für den Abgeordneten Wichmann. Er weiß in jeder Sekunde, dass er verkabelt ist, er platziert sehr gut kleine Zwischenbemerkungen oder auch mal Zwischenrufe in den Landtagssitzungen, aus denen hier Ausschnitte zu sehen sind. Er ist ein durch und durch reeller Politiker, der unterm Strich für sich und seine Familie nicht mehr als ein HartzIV-Empfänger hat, wie er sein Gehalt treuherzig herunterrechnet – ohne Berücksichtigung der Diäten.

Herr Wichmann ist einer, der sich im Land umsieht. Der täglich 4 bis 5 Stunden unterwegs ist. Bienenfleiß. Er ist ein professioneller Politiker, der ein eher gespaltenes Verhältnis zu den Bürokraten des Landes hat, die deutlich mehr verdienen, weniger arbeiten und ihren Job sicher haben, während er sich alle vier Jahre wählen lassen muss.

So fährt er denn mit seinem Kampagnenbus mit großem Bild von sich drauf durch die Ueckermark, kümmert sich, das ist in der Phase von etwa einem Jahr, in dem Andreas Dresen ihn immer wieder begleitet und fotografiert hat, sein größter Erfolg, um den Bahnhof „Vogelsang“, in dem aus obskuren Verwaltungs-Gründen ein Pipi-Vorortszug jeweils hielt, um einen Gegenzug kreuzen zu lassen, der aber seine Türen bei dem Halt nicht öffnen durfte – und dann ist endlich in der Granseer-Zeitung zu lesen, dass er wieder stündlich hält UND die Türen öffnet – mit ein politisches Verdienst von Herrn Wichmann.

Herr Wichmann lässt sich ablichten in verregnetem Militärzeremoniell, er wird konfrontiert mit einer riesigen illegalen Mülldeponie, mit einem Fahrradweg, der wegen eines seltenen Greifvogels nicht gebaut werden kann, um Schilf- und Moorbewohner, zum Beispiel die Bartmeise, derentwegen eine Schifffahrtsrinne nicht befahren werden soll, um das Problem Teerung oder nicht des Radweges, weil er für die Frösche zu heiß und für die Echsen zur Sonnenbank wird.

Herr Wichmann hält sich nicht für einen virtuellen Abgeordneten. Er tourt mit der Veranstaltung „Herr Wichmann hört zu“ durch die Ueckermark.

Vielleicht aber ist es auch ein Film gegen die Linken, denn die kommen nicht gut weg, einmal wegen der Bildungs-Ministerin Münch, da kann sich unser Herr Wichmann, der selber drei Kinder hat, endlich im Rahmen seines Naturells aufregen, schier aus der Haut fahren und dann auch wegen einem Jüngelchen, das wirklich aussieht wie ein Grünschnabel und den Herr Wichmann für total weltfremd hält, der garantiert noch keine Kinder haben kann und der im Landesparlament ein Mandat hat.

Herr Wichmann spielt überwiegend den verständigen Volksvertreter, der die Volksnähe sucht, aber längst nicht immer findet, zum Beispiel die stereotype Begegnung mit zwei Frauen an einem Aktions-Stand vom Roten Kreuz bei einer Veranstaltung, da kommt nun so gar kein Gespräch zustande.

Um das Mitleid nicht außen vor zu lassen, hat Andres Dresen auch die Szene drin gelassen, in der eine Frau aus einer Besuchergruppe im Landtag Herrn Wichmann besorgt sagt, er soll sich schonen, er sei ja ganz nervös.

Andreas Dresen liefert mit seinem Film eindeutig ein Plädoyer gegen Demokratiemüdigkeit und für den reellen Volksvertreter, oft am Rande der Tragikomik oder gar der Farce – ein Film weit weg von dem, was wir täglich über die unglaublichen Entscheidungen in der nationalen Politik aus Berlin lesen, von Aberbilliarden von Euros für phantasmagorische Rettungsschirme, von Panzer- und U-Boot-Lieferungen in Kriegsgebiete.

Demokratie, wie sie ein gutgläubiger Filmemacher und Ex-DDR-Bürger ganz ohne Arg sich heute noch vorstellt. Ein Demokratie-Begriff, wie ihn die Ex-DDR-Bürgerin Merkel längst hinter sich gelassen hat.

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