Der Fluss ist immer und überall, er ist immer der gleiche. Das hört sich an nach Liturgie.
Wir haben es mit einer Wiederauflage einer offenbar die Zeiten unbeschadet überstanden habenden verfilmten Hesse-Liturgie nach dem Buch desselben Titels zu tun. Denn die Weisheiten oder die Suche nach Wahrheit scheint sich so wenig zu ändern wie der Fluss. Scheint immer die gleiche zu bleiben.
Und da Conrad Rooks die Gedanken von Hesse, die er Siddharta und seinen Diskussionen vor allem mit seinem Freund Govinda, aber auch mit dem Fährmann oder dem Kaufmann Kamaswami oder mit sich selbst zuschreibt, in den Mittelpunkt stellt, da der Film fast mehr ein Standgemälde, ein Graffiti wie eine Bebilderung zum Buch ist oder wie ein Kirchengemälde in der Hesse-Kapelle, so strömt es auch eine gewisse Zeitlosigkeit aus. Obwohl ich mich frage, wie wäre eine solche Sinnsuchbotschaft in eine heutige (Film)Sprache zu verpacken.
Dieser Film Siddharta von 1972 wurde schon in den späten 90ern hier wieder ins Kino gebracht. Die damaligen Erfahrungen der Verleiher müssen diese ermutigt haben, es auch heute 2012 wieder zu versuchen. Denn es gibt eine Jugend, die auch heute noch Hesse liest, die darin ihre Fragen an das Sein, das Leben, sein Ziel kaubar formuliert vorfindet. Der liturgische Eindruck der Verfilmung (eben im Sinne, dass die Fragen eh immer die gleichen bleiben nicht weniger als die Antworten) wird noch verstärkt durch eine respektvoll erstklassig gesprochene deutsche Nachsynchronisation.
Da Sven Nykvist hinter der Kamera war, so geistert unumgänglich durch die herrlichen, meditativen Indienbilder für den europäischen Zuschauer doch immer auch der Geist von Ingmar Bergmann, ich habe ihn mal kurz als kopfschüttelnde Fratze in einen der suggestiven Sonnenuntergänge hineininterpretiert (weil so eine Liturgie nun so das ziemlich gegenteilige Menschenbild ist zu dem, was Bergmann in seelische Abgründe hineingeleuchtet hat, zumindest mal keck behauptet).
Die Fragen sind folgende, die der junge und auch der ältere Siddharta sich immer wieder stellt:
Er möchte frei sein, im Wald leben (also ein naturmystischer Freiheitsbegriff – der am Ende der Reise in die Erkenntnis mündet, Fährmann über einen Fluss zu sein, weil der Fluss ihm so unendlich viel zu erzählen hat, weil im Fluss alles wiederkehrt), eine fast rousseausche Träumerei? Die Lösung des Rückzugs in so einen kleinen Posten in der Gesellschaft scheint mir doch sehr unpolitisch, sehr privatistisch zu sein.
Die Frage, ob Siddharta auf der Suche weiter gekommen sei, ob er seine Ziele erreicht hat. Später wird es heißen, loszulassen von der Suche. Ist die Suche nur eine Flucht vor dem Ich? Das Erreichen des Nirwanas, also der Wunschlosigkeit, des Nicht-Mehr-Suchens als Ziel.
Das einem Buddha Hinterherrennen überzeugt ihn nicht. Er kann seinem Freund Govinda nicht folgen.
Siddharta lernt später bei Kamal, der Kurtisane, die geschlechtliche Liebe; die wird hier, da es sich um einen liturgischen Film handelt, stilisiert bis schattenbildnerisch aber auch in stilisierten Posen dargestellt, verbindlich sich gebend und in keiner Zeit aneckend.
Siddharta arbeitet beim Kaufmann Kamaswami und lernt das Geldverdienen, das schöne, reiche Leben. Aber auch das füllt ihn nicht aus. Er hat sich dem Kaufmann vorgestellt als ein Brahmane, einer der denken, warten und schreiben kann. Hier wird über den Austausch gesprochen, wer was zu bieten hat, über den Warenwert auch geistiger Leistungen oder von Geduldsleistungen. Das ist ein Grundsatz, über den jederzeit diskutiert werden kann, was der Wert von Denken, Warten, Schreiben sei. Und so einer kann viel von einem Fluss lernen. Was genau erfahren wir aber nicht.
Eindruck einer kongenialen Verfilmung des Hesse-Werkes, die uns vielleicht deutlich macht oder fragen lässt, ob sich die Zeiten wirklich geändert haben oder nur die Mode, der Trend. Die Besitzlosigkeit als Topos. Jeder nimmt, jeder gibt, jeder gibt das, was er hat.
Die ewige Frage nach dem Glück.
Nach der wirtschaftlichen Erfolgssträhne fragt sich Siddharta, was aus ihm geworden ist, ob er ein Kamaswami 2 geworden sei. Nein, das wollte er nicht. Er muss dieses Leben verlassen.
Nochmal: der Fluss ist überall und überall zugleich. Er lebt nur in der Gegenwart. Das Gefühl, dass wir nicht genug Zeit haben, verdunkelt die Wahrheit.
Schöne Szene, die auch ein Licht auf die Buddha-Verehrung wirft: während um den großen Buddha getrauert wird, beißt eine Klapperschlange Kamala und keiner merkts. Der Sohn ist von Siddharta, der nichts von ihm wusste.
Widerspruch: dem alten Freund Govinda sagt er, er brauche keine Lehrer, aber sein Lehrer sei der Fluss. Ganz ohne Lehrer geht’s doch nicht. Der Film ist sicher etwas für Leute, die einen Lehrer suchen. Sie werden ihn hier finden und nicht finden zugleich. Darin dürfte die Attraktivität dieses Filmes für Wahrheitssucher liegen.

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