Auf nüchternen Magen ist der Film nicht unbedingt zu empfehlen, nein, nicht weil es darin besonders blutig und brutal zu und her ginge, überhaupt nicht, der Aufwand für Kunstblut hält sich sogar in Grenzen und dürfte sich auf ein kleines Döschen beschränkt haben. Andererseits ist der Film gewiss auch für Dumpfbacken, für die es nur eine Realität gibt (vermutlich die des TV) auch nicht zu empfehlen.

Wer von diesem Film des Norwegers Pal Sletaune etwas haben möchte, der darf nicht völlig immun sein gegen die Frage, was denn unsere Realität sei, ob das beispielsweise die Summe der Bilder sei, die wir uns von uns und von der Welt machen. Wer von diesem Film was haben möchte, der sollte vielleicht ein Gespür für eine Grenzerfahrung haben, einer Grenzerfahrung, die durch Bilder erzeugt wird, und einem das Gefühl gibt, dass der Boden unter den Füssen wegsackt. Wer dann auch noch ein Feeling dafür hat, wie Kino mit Bildern Realität fingieren kann, der dürfte den höchsten Genuss an diesem wundersam-spröden Streifen finden.

Bildrealiter kommen wenige Figuren und einige ausgewählte Räumlichkeiten in diesem Film vor. Noomi Rapace spielt Anna. Sie hat einen 8 – 10jährigen Buben, Anders. In ihrer neuen Wohnung kriegt sie gleich Besuch von Grete und Ole vom Jugendamt. Später lernt sie Helge kennen, der ist Verkäufer. Helge hat eine sterbenskranke Mutter. In der Schule, in die Anders gehen soll, sind Lehrer und Schüler. Ein Bub wird zum Schulfreund von Anders. Im Haus, in das Anna gleich zu Beginn einzieht, gibt es noch Nachbarn. Und ein paar weitere, kleinere Rollen.

Das Haus, in das Anna einzieht, ist eines dieser anonymen Vorstadthochhäuser, mit unangenehm langen Korridoren. Anna zieht im 7. Stock ein. Die Wohnung ist verwirrend groß mit mehreren Zimmern und einem Zwischenflur. Die Fenster sind Kippfenster, die nichts Gutes ahnen lassen, sie sind seitlich auf mittlere Höhe befestigt und man schiebt sie einfach von unten heraus. Ideal um Überflüssiges, Lästiges zu entsorgen.

Es wird schnell klar, warum Anna in dieses Hochhaus zieht. Denn sie fühlt sich vom Vater ihres Buben verfolgt. Die Beamten vom Jugendamt versichern ihr gleich zu Beginn, dass sie hier keine Angst haben brauche, denn es sei alles sehr anonym und der Vater könne nicht erfahren, dass sie hier wohne und der Bub hier zur Schule gehe.

Die Ausgangssituation ist also alles andere als beruhigend. Sie ist hochriskant. Wer so etwas sieht und bei solchen Gefahren gefährdet ist, der sollte diesen Film meiden. Diese verängstigte Frau, wie sie allein die Wohnung checkt, wie sie gleich alle Vorhänge zieht, wie sie um ihren Buben Angst hat und den dann doch bei sich schlafen lässt. Jedenfalls ist diese furchtbar alltäglich-anonyme Umgebung nicht gerade Vertrauen erweckend, und das desto weniger, je mehr sie ihren Buben nicht aus den Augen lassen möchte. Wie sie vor der Schule sitzen bleibt während des Unterrichtes, bis sie, auch das kann einen schütteln, wie die Szene aus riesiger Distanz zu diesem kahlen Schulhof aufgenommen wird, von einer Lehrkraft wegkomplimentiert wird. Ihr Angst ist so groß, dass sie in einem Warenhaus ein Babyphon ersteht. Der Verkäufer ist Helge. Sie wird schon bald wieder in dem Laden auftauchen, weil sie über das Babyphon beängstigende Geräusche und böse Stimmen gehört hat. Und sich nicht ganz sicher ist, ob das Einbildung war. Helge beruhigt sie, sie müsse nur auf einen anderen Kanal wechseln. Gut, wenn das geholfen hätte, dann hätte man den Film auch gleich beenden können.

Die Handlung im Film ist sehr wenig, Anna zieht in die neue Umgebung, nein, das wird völlig banal, hier irgendwas vom Narrativen nachplappern zu wollen, das ist nicht zielführend bei diesem Film, der ein echter, harte Psychohorrorfilm ist, in seiner Banalität der Bilder; die Haupthandlung in diesem Film ist, genau das ist es, die Herstellung einer fiktiven Realität, die uns nicht ganz begreifbar wird, die in uns Zweifel an unseren herkömmlichen Methoden der Realisierung von Realität mittels verlässlicher Bilder aufkommen lässt. Hinterlässt Fragen zu Wahrnehmung und Täuschung. Der Film ist was für Leute, die ein Auge haben für Menschen, die möglicherweise eine andere Wahrnehmung haben, die Dinge sehen, die wir nicht sehen. Der Film ist was für Menschen, die eine Antenne, einen Radar haben für jene schmale Grenze zwischen Realität und Irrsinn. Für Menschen, die vielleicht schon erlebt haben, wie Gedanken und Gedankengebäude sich verselbständigen und eine Eigendynamik entwickeln können.

Mein Fazit: nordischer Horror vom Feinsten, weil er sich so ganz normal’ gibt, als hätte er von Horror keine Ahnung.

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