Archiv für 4. Juli 2012

Die weiße Stretchlimousine mit der Nummer 202 DXM 95 ist quasi die Titelfigur in diesem Film, zumindest einer der Leihwagen „Holy Motors“, von denen die Firma Dutzende im Angebot hat. Da müsste schon die Interpretiererei anfangen, warum heißt diese Leihwagen-, Leihlimousinenfirma „Holy Motors“ und gleich noch die Frage, sind das wirklich Leihwagen? Was ist in unserer Gesellschaft überhaupt heilig? Aber auch das ist nicht die Frage, die sich zwingend stellt nach der knapp zweistündigen Paris-Rundfahrt, auf die uns Leo Carax, der Autor und Regisseur, mit seinem Hauptdarsteller Denis Lavant, chauffiert von Céline, Edith Scob, mitnimmt, um unser Weltbild etwas auf den Prüfstand zu stellen.

Die Tour nachzuerzählen, die Carax nach dem klassischen Muster der Einheit von Ort, Zeit und Handlung präsentiert (Ort ist einerseits die Limousine, andererseits Paris, Zeit ist ein Tag im Leben von Oscar und die Handlung, das sind die Aufgaben, die Gigs, die Oscar erfüllen muss, sein tägliches Pflichtenheft, was er abarbeiten muss und was jeden Tag ein neues ist; eine Art Störhandwerker oder auch Entstörungsdienst oder wie auch immer), wäre viel zu schade.

Es gibt vielleicht einen kurzen Moment, etwa nach Job zwei oder drei, wo ich gedacht habe, wird dieses Muster jetzt stur abgearbeitet, aber die Tour ist so voller unerwarteter Wendungen, dass sich der Gedanke sofort verflüchtigt hat.

Um also keinem die Überraschungen, die Verblüffungen zu nehmen, versuche ich mehr zu formulieren, was mir nach diesem Film durch den Kopf gegangen ist. So viel will ich noch erwähnen, möglicherweise hat Carax sich durch das „Second Life“, was vor einigen Jahren im Internet grassiert ist, inspirieren lassen. Aber was er daraus macht, das geht sicher weit darüber hinaus.

Im Grunde genommen befragt Carax den Menschen über die Figur Oscar auf seine Handlungsfähigkeit hin, auf seine Entscheidungsfreiheit, auf sein Glück, ob Armut und Reichtum gottgegebene Deskriptionen von menschlicher Existenz sind, ob es genügend Sicherheit für den Reichtum und die Schönheit gibt, ob das nicht alles nur Ausprägungen ein und desselben Seins seien, aber auch die Frage nach der Identitätsdefinition des Menschen – oder ob er doch nur eine austauschbare Größe sei. Oder die Frage, was sind Menschen bereit, mit sich alles machen zu lassen, anderen anzutun, bloss um zu überleben.

Nun doch einige Details: zum Thema Sicherheit: wie Oscar in einer seiner Figuren einen strengen Sicherheitsbereich betreten muss, wird vorher eine Speichelprobe zur Identifizierung verlangt; die wird über ein Schläuchlein, was an dem Wandgerät, das wie ein Wasserkocher aussieht, wie ein Telefonhörer hängt, dann fängt es in diesem Gefäß an zu brodeln und die Sesam öffnet sich. Oder die Lunchbox aus Plastik, die er in der Limousine bekommt oder vorfindet, scheint vom Feinsten zu sein, wie sie die 5-Sterne-Hotellerie durchaus mal zu einem Anlass, wo Porzellan zu riskant ist, bereitstellt mit De-Luxe-Essen vom Feinsten darin, was hier aber mehr wie grünes Graszeugs aussieht.

Auf einem Grabstein in einem endlosen Pariser Friedhof steht lediglich eine Webadresse: www.vugan.fr ; wer die anklickt, bekommt eine Rückkoppelung zum Film, inklusive bereits einer Kritik.

Ganz zum Schluss dann eine augenzwinkernde „Inspiration“, sprich „Ideenklau“ von der amerikanische Trickfilmproduktion „Cars“, diese aber gleich in einen weit größeren Zusammenhang stellend.

Oder die Frage: who were we when we were who we were. Schalk, Spielerei, Wortspielerei, Tiefsinn oder höherer Blödsinn, Existenz- und Identitätsfragen, die aufgeheitert werden zum Beispiel mit einer satirischen Inszenierung eines Fotoshootings, das zu einem bösen Spiel, einer bitter-bissigen Satire auf „la Belle et la Bête“ ausartet und wie aus einem Schal eine Burka zu machen sei, wie schnell Verhältnisse kippen können.

Vielleicht das noch: der Affe ist das Symbol für die Schauspielerei. Sind wir nicht alle Schauspieler, das ist allerdings nur eine der Fragen und wahrscheinlich lange nicht die zentrale, sollen wir unsere Rollen immer wieder üben, wollen wir das alles noch einmal erleben? Oder gibt es einen Point of no Return, was doch mit einer fixen Identität gleichzusetzen wäre, was der Definition des Menschen durch seine Position, Funktion oder Rolle gleichkäme. Dies die Erstarrung der Gesellschaft in Inhumanität.

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Ein Thema, was die Europäer gar nicht mögen, das sind die Flüchtlinge aus Afrika, die an den südlichen Gestaden des Kontinents des Wohlstandes auf Pump anlanden. Die Politik will sie jetzt sogar brutal ins Gefängnis stecken – und niemand mag sich darüber aufregen.

Emanuele Crialese, dem Regisseur, der mit Vittorio Moroni zusammen auch das Buch geschrieben hat, gibt das zu denken. Terraferma heißt „das unerschütterliche Land“ (das Land, das sich durch kein Flüchtlings- und Armutsschicksal erweichen lässt). Crialese will mit diesem Film auf das Problem aufmerksam machen, denn auf Sizilien scheint es ein Gesetzt zu geben, was die Aufnahme von Illegalen sogar unter Strafe stellt. Hilfeleistung verboten. Umkehrung der humanitären Grundwerte Europas. Ein rechter Skandal, den Crialese aber nicht trashig skandalisiert, sondern zum Anlass für den eher skizzenhaften Versuch eines Gesamtgemäldes der Situation vor Ort, nicht dem Skandal den Vortritt gebend, sondern genauem Hinschauen und genauer Beobachtung.

Crialese geht davon aus, dass Menschen prinzipiell konfliktbelastet sind und hat so um den Fischer Ernesto herum einen spannenden, sehr nachdenklich machenden Film gebaut.

Ernesto ist der Großvater der Familie Pucillo. Er fischt noch nach bewährter Art, aber der Fang wird immer weniger. Statt dessen wird der Propeller des Schiffes durch ein gekentertes Holzboot beschädigt. Das Meer hat ihm auch seinen Sohn genommen. Seiner wird in einer kleinen Prozession zum Hafen gedacht. Ernestos Tochter Giuiletta lebt mit ihrem Sohn Filippo im selben Haus. Aber die Zeiten sind schlecht. Den kleinen Fischern bleibt immer weniger übrig von den großen industriellen Fangflotten, die das Mittelmeer leer fischen.

Dafür boomt der Tourismus. Die Wohnung wird vermietet und Mutter und Sohn ziehen in die Garage. Der Sohn ist ein konfliktbeladener Mensch, er ist mit dem Althergebrachten unzufrieden, kriegt von seinem Onkel ein Motorrad geschenkt, das ihm eine Gang schon bei seiner ersten stolzen Ausfahrt kaputt macht. Er versucht im Hafen ankommende Touristen anzulocken. Zwecks Zimmervermietung oder Touren zu Land und zu Wasser. Filippo wirkt als ein unglücklicher, zerrissener Mensch.

Filippo hat die moralischen Grundsätze seine Opas nicht mehr verinnerlicht. Für diesen ist es selbstverständlich, Flüchtlinge, die auf einem Floss schwimmen, aufzunehmen und sie auch illegal zu beherbergen. Aber auch in der kleinen Flüchtlings-Familie ist Konfliktstoff da. Denn die Mutter gebiert nach der Rettung ein Mädchen (Folge einer Vergewaltigung in einem libyschen Gefängnis); aber der Bub, der mit der schwangeren Mutter geflohen ist, möchte diesen neuen Mitesser am liebsten aus der Welt schaffen. Die Mutter will ihrem Neugeborenen und dem Buben nach Turin, denn dort arbeitet der Vater.

Wie Filippo eine nächtliches Liebesfährtchen mit der Touristin (auf einem fremden Boot) unternimmt und Flüchtlinge angeschwommen kommen, so knebelt er diese ins Meer zurück, denn erstens ist es verboten, sie aufzunehmen und zweitens verderben sie den Tourismus. Kein Tourist möchte mit dem Anblick von Elend konfrontiert werden. Ein Thema, was sicher noch zu vertiefen wäre.

Am Schluss geht es den Pucillos nur noch darum, die Flüchtlinge loszuwerden, sie an Land zu schaffen (damit sie nach Turin weiter zum Vater fahren können), aber an der Fähre finden strenge Kontrollen statt, da es Gerüchte über Illegale gibt, die ans Festland möchten. So kann denn bei Filippo plötzlich der Eigennutz, die Flüchtlinge loszuwerden, durchaus mit deren Interesse, ans Festland zu kommen, eine für alle nützliche Symbiose eingehen.

Crialese hat die Geschichte konsequent darnach gebaut, ein möglichst glaubwürdiges Bild der Situation vor und auf Sizilien zu zeichnen, nicht die Charaktere in den Vordergrund zu stellen, sondern sie als Teile eines Gesamtbildes knapp und kurz angedeutet einzusetzen.

Damit das Thema schön klar wird, hat Crialese ein eher einsame Ecke der Insel als Haupthandlungsort ausgewählt, wo ein Kreuzfahrtschiff wie ein riesiger Fremdkörper vor einer grandiosen Bucht ankert und Flüchtlinge auf einem überfüllten Holzfloß auf dem Meer treiben.

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Der titelgebende Wirbel selbst kommt in diesem elegischen Film von Helvecio Marins Jr. Und Clarissa Campoina, zu welchem Felipe Braganca das Buch nach einer Originalvorlage von Helvecio Marins Jr. geschrieben hat, nur ganz kurz, fast mehr wie ein Wirbelchen vor.

Die Hauptdarstellerin im Film, die 84 Maria Sebastiana Martins Alvaro, ist mit dem Bus unterwegs im waldigen Brasilien, sie will dem Bruder ihres verstorbenen Mannes noch ein paar Habseligkeiten sorgfältig in einen Koffer gepackt vorbeibringen. Unterwegs unterbricht die Kamera gewissermassen diese Fahrt, schaut auf die rötlich-erdige Strasse mitten im wuchernden Amazonas-Gebiet, hinten ein Sturm und plötzlich quert von rechts nach links in Richtung nach vorne ein klitzekleine Windhose die Straße.

Verbal wird der Wirbel erst ganz am Schluss des Filmes noch mal erwähnt, wenn die Oma am umwaldeten Wasser steht und in die Weite schaut, dann philosphiert sie über den Mensch, der keinen Anfang und keine Ende habe, das kann ihn doch angstlos machen, aber Angst hatte sie auch mal, daran erinnert sie sich, als Mädchen im Wasser, da war so ein Wirbel, der ihr Angst gemacht hat.

Aber sonst gilt, man lebt einfach. Der Film ist aber auch ein Film über einen Verlust, über die Verarbeitung eines Verlustes, nämlich den ihres Mannes. Sie leben in einer Gegend, in der die Menschen bis vor wenigen Jahren noch keine Handys kannten. Wir lernen das Paar kennen, wie Maria von einer Party zurückkommt. Ihr Mann will aber nicht auf Partys, der sitzt lieber zuhause und spricht dem Alkohol zu. So hat sie wenigstens keine Mühe, ihn nachher nach Hause zu schleppen und sie hat ihr Vergnügen. Sie sieht das sehr pragmatisch, das scheint ihre Lebensphilosophie zu sein. Wie er stirbt, weint sie nicht. Weil sie das mit ihrem Mann so verabredet hat. Das erzählt sie ihrem Enkel. Der versucht daraufhin ein Lied zu singen.

Nach dem Tod bleibt der Mann aber für Maria anwesend, denn es gibt ja keinen Anfang und kein Ende. Sie hält Zwiegespräche mit ihm. Schimpft ihn in seiner Werkstätte, als ob er noch da wäre, sie schickt ihn weg mit seinem Gerede.

Auch in diesem Film wird deutlich, dass die Lateinamerikaner offenbar ein viel unverkrampfteres Verhältnis zum Tod haben als wir besitzorientierten Europäer. Dieses entspannte Verhältnis erlaubt ihr auch zu sagen, sie fürchte sich vor nichts. Sie überrascht allerdings ihre Enkel, wie sie erzählt, sie sei schon über Sao Paolo geflogen, das sind mindestens tausend Kilometer Entfernung von dem Ort, an dem sie immer gelebt hat, es dürfte sich um die Region um Recife handeln. Aber sie hat den Flug natürlich nur imaginiert – oder im Fernsehen gesehen.

Auch eine Pistole findet sich im Nachlass ihres Mannes, was zu einem längeren Gespräch mit der Enkelin führt, aber auch dazu, dass der Enkel die Waffe verkaufen darf.

Oft sitzt sie einfach da und denkt nach. Wer kann das heute noch. Die Enkelin ist aber besorgt, wenn sie das draußen an der frischen Luft tut. Es gibt so viel nachzudenken, das sagt sie auch.

Kleiner Hinweis auf einen sozialen Vorrang, wie die Oma zum Bruder ihres Mannes verreist, will sie nicht dass jemand das erfährt, außer der Enkelin, denn die Leute reden zuviel.

Ein Vorgang, der beeindruckt, der fast wie ein Naturvorgang anmutet, wie sie die Nähmaschine, an der sie bis vor kurzem noch genäht hat, in die Werkstatt hineinzieht. Ein langer Weg. Später dann sitzt sie auf dem Hometrainer, das Haar offen wie ein junges Mädchen und singt ein Lied. Oft lacht sie auch, ein Lachen an der Grenze zur Irre.

Dann haben die Filmemacher, weil sie wohl grad dabei waren, etwas Neujahrsfeuerwerk in den Film eingebaut und immer wieder unglaublich schöne amazonische Landschaftsaufnahmen. Warum sich nicht hin und wieder von den Gefühlen oder auch den Sehnsüchten nach schönen Bildern leiten lassen, wenn man gerade dabei ist, die Geschichte von einer philosophisch-pragmatischen Frau zu erzählen, die mit ihrer Lebensweisheit ein hohes Alter offenbar ohne größere Blessuren erreicht hat.

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