L’ Ordre Et La Morale (Filmfest München)
Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Filmfest, ReviewAuch das können die Franzosen, Filme machen, die rationalsystematisch strukturiert und doch voller Emotion dargeboten sind und die versuchen, Machtstrukturen freizulegen, etwa in einem Gefängnis wie bei „Ein Prophet“ von Jacques Audiard oder im und um den Terrorismus herum wie in „Carlos“ von Olivier Assayas.
Hier nun hat sich Mathieu Kassovitz sowohl als Autor und Regisseur, außerdem noch als Hauptdarsteller (vielleicht wars dann doch zuviel, alles zu wollen und hatte so ein paar pathetische Stellen zur Folge,) eines Themas angenommen, das bei uns, wenn es denn damals wahrgenommen worden ist, sicher weitgehend aus dem Bewusstsein verschwunden ist: Eine Geiselnahme durch sogenannte Separatisten der Kanak (später werden sie aus Gründen der Staats- und Wahlraison „Terroristen“ genannt), melanesische Ureinwohner auf Neukaledonien, die gegen Gesetze des Vertreters der französischen Staatsmacht, Monsieur Pons, protestierten, was von den Franzosen zur Eskalation benutzt wurde, gegen den Rat des vor Ort mit der Befreiung (über Dialog!) befassten Hauptmanns Legorjus.
Den hat es wirklich gegeben und er hat ein Buch zu der Sache veröffentlicht, welches Kassovitz als Vorlage für das Drehbuch diente, an dem Pierre Geller und Benoit Jaubert mitgeschrieben haben.
Dadurch wird die Figur Legorjus selbstverständlich zentral, sie wird die Figur, an der der titelgebende Konflikt zwischen Ordnung/Befehl und Moral auseinander dividiert wird. Das führt aber auch dazu, dass diese Figur vielleicht etwas zu pathetisch als moralisch einwandfrei gezeichnet wird über den Großteil des Filmes, bis zum entscheidenden Befehl aus dem Elysée zur Stürmung der Höhle, die bei den Eingeborenen ein Heiliger Ort war, wo Legorjus kurz vor Schluß seinen Verhandlungspartner verrät, statt der versprochenen Journalisten kommen Kampftruppen im Helikopter und richten naturgemäss ein vollkommen überflüssiges Blutbad an.
Kassovitz bemüht sich auch hier vielleicht allzu sehr, die Separatisten als Gutmenschen darzustellen, die Familienväter sind und keine Terroristen. Und die Bösen, das sind einzig die ganz Hohen Tiere im Staat, der Gouverneur und der Französische Präsident, die an geschehensfernen Orten residieren und sich der Folgen der Entscheide, die sie fällen, weil am nächsten Tag Wahlen sind, nicht im Klaren sein wollen oder sich zynisch und kalt nicht darum scheren. Es ist die Politik.
Immerhin scheint der echte Legorjus nach dem Blutbad doch solche Zweifel an seiner Treue zum Gesetz und zum politischen Befehl entwickelt zu haben, dass er die Geschichte öffentlich machte.
Eine spannende Lektion über ein Stück französischer Kolonialgeschichte, vor allem aber ein Musterbeispiel über den machtpolitischen Einsatz des Begriffes „Terrorist“, das hochaktuell ist und weit über Frankreich hinaus Gültigkeit hat.

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