Archiv für 2. Juli 2012

Dieser Film von Alejandro Fernández Almendras stellt eher Fragen an einen Mann, Daniel, Mitvierziger, als dass er eine Geschichte erzählt. Die Fragen sind wie Zwischentitel eingeblendet. Ob es ihm hier gefalle, ob er etwas vermisse.

Daniel ist schon lange mit Alejandra zusammen. Sie sind aufs chilenische Land gezogen, da wo Getreide geerntet werden kann oder Schafe und Ziegen gehalten. Es gibt eine sehr lange Bettszene zwischen den Beiden, wie sie nach einem vollzogenen Akt, sie haben laut ihrer Privat-Sprache „Code 3“ gemacht, nebeneinander liegen, wie sie zu Gesprächeln anfangen, wie sie über andere Leute reden, wie sie auf ihr „das erste Mal“ kommen und sich das erzählen, wie der Dialog springt und die Lust sich darunter wieder bemerkbar macht, wie sie beieinander liegen, so viel Vertrauen zwischen zwei Menschen, selten in einem Film so ausgiebig und überzeugend gezeigt.

Aber der Film stellt nicht nur Fragen an Alejandro, er beobachtet ihn vor allem. Wie er sich in der Landwirtschaft zu schaffen macht, ein Zaun ist umgekippt, Schafe und Ziegen müssen ihren Platz wechseln, üppiger Pflanzenbewuchs muss gerodet werden, mit großen Erntemaschinen wird Getreide eingebracht und noch auf der Maschine in Säcke gepackt und dort auch zugenäht, das wird später Gesprächsstoff unter den Arbeitern. Nicht weniger interessant ist das Frühstück zwischen Daniel und Alejandra, die wichtigsten Dinge des Tages müssen besprochen werden – genauso bei seiner Rückkehr von der Arbeit – und die Katz ist auch vom Frühstück fasziniert, sie heißt „Kuky“, obwohl sie ein Kater ist. Sie entdeckt ein Messer auf dem Frühstückstisch, wenn man es berührt, so dreht es sich ein bisschen, ein ideales Katzen- und Messerspiel, von dem sich auch die Kamera über lange Zeit faszinieren lässt, es hilft nichts, dass Daniel meint, Messer seien kein Spielzeug für Katzen.

Alejandra wird krank. Zuerst liegt sie zuhause im Bett, dann im Spital. Derweil vergnügt sich Daniel spontan mit einer Dame, mit er eben im Kaffee eine geschäftliche Besprechung gehabt hatte. Im Krankenhaus besucht die Familie von Alejandra sie und auch Daniel. Bald schon entwickeln sich die Gespräche über den Kopf der Kranken hinweg. Es folgt ein leicht getragener, wunderbar musikalischer Übergang zu einer nächsten Szene draußen auf dem Lande, einfache Klimpertakte auf dem Klavier, auf dem Land wird Gerodetes verbrannt. Auch das gibt Anlass zu einem Gespräch mit einem Arbeiter.

Alejandra hat vermutlich Krebs, denn wie sie später ein paar Tage, und vorläufig geheilt, mit Daniel in den Bergen verbringen will, da trägt eine Mütze, wie Leute sie tragen, wenn sie eine Chemotherapie überstanden haben. Sie trägt sie auch im Haus. Und, das ist auch merkwürdig, wie Daniel später, nachdem Alejandra nicht mehr da ist, gefragt wird, ob er was vermisse, so weiß er das gar nicht so recht. Entweder lebt die Liebe noch in ihm fort – oder ist sie wirklich je da gewesen? – oder war die eindrückliche Vertrauensszene nur gespielt? Daniels Handy-Melodie: Pour Elise.

Man kann über Lachs im Gebirge sprechen. Später wird Nelson besucht, dessen Entlassung viel früher ein Gesprächsthema gewesen ist.

So trocken die Gegend gelegentlich ist, Chile scheint im Moment, das beweist auch dieser Film, ein fruchtbares Filmland zu sein.

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Aus Persien kommen immer wieder von den umwerfendsten Kinderfilmen. Vor allem die Kinderdarsteller sind meist grandios und einmalig. Nicht anders ist es hier, was die Darsteller betrifft. Kazem heißt der Hauptdarsteller, der vielleicht 13 ist und von nichts anderem träumt, als davon zum Film zu gehen und ein Superstar zu werden.

Es ist ihm schon ins Blut gelegt. Sein Vater ist Vorführer in einem Kino. Hat selber als Kind von Filmschauspielerkarriere geträumt. Hat es aber dann nicht so richtig gewagt und ist hinter dem Projektionsapparat gelandet. Der Vorführraum ist vollbehängt mit Kinobildern.

Nicht anders sieht das Zimmer von Kazem aus. Kein Fleck ist frei an der Wand. Alles mit Kinobildern bedeckt, mit Stars und Szenen. Sein Leben dreht sich um den Film. Wenn er Kommissionen macht, Leuten Brot bringt oder einem Kranken die Sauerstoffflasche, so wechseln nebenbei immer auch Videos oder DVDs die Hände. Wenn er für sich ist, übt Kazem Filmmonologe.

Nicht anders hält es sein Vater, der aber möchte, dass der Sohn was Anständiges lernt. Er ist wirklich ein bildhübscher Junge, der Kazem und scheint jeder Art von Monolog, Verrenkung, Gefühl aus dem Ärmel schütteln zu können, aber auch Englisch lernt er spielend. Er hat noch einen Freund, dem sind diese Superstarträume aber nicht in die Wiege gelegt.

Eines Tages liest Kazem in einer Zeitschrift von einem Casting für einen Film, der in Iran und in Canada gedreht werden soll. Nix wie hin. Hier kristallisiert sich ein Hauptkonkurrent heraus, ein makelloses Bübchen ohne jeden Stallgeruch, von zuhause wohl bestens präpariert für und hinchauffiert zu Castings. Leider hat der Junge, einen schlechten Charakter wie sich zeigen wird. Aber Kazem wäre nicht der Hauptdarsteller, wenn er die Rolle am Ende nicht kriegen würde, gegen alle Intrigen und Anschläge die der andere gegen ihn plant. Leider bricht der Vater von Kazem in dem Moment zusammen und braucht Pflege. So verkomplizieren sich die Dinge und werden im Hinblick auf ein Happy-End ziemlich plump-rührselig angerichtet.

Überhaupt ist das Kinoideal, was hier dargestellt wird und wovon Kazem träumt, recht rückständig, es kommen zwar auch moderne Hollywoodhelden vor und es gibt nette Szenen, wie Kazem in der Schule mit Filmfotos erwischt wird und er dem Lehrer treuherzig alle Hollywood-Stars, mit denen er sich hat aufs Bild retuschieren lassen als seine Verwandten ausgibt, aber einen Action-Schauspieler, den kennt sogar der Lehrer.

Alle Frauen tragen immer Kopftuch. Kazem geht eine Wette ein, dass er dreißig gekochte Eier esse, nur um ein bestimmtes Filmschauspielerfoto zu erhalten. Dagegen wird er einen falschen Oskar, den er selbst gebastelt hat los.

Der Sound, der drüber gegossen wird, ist mehr lästiger Zähsound als Inspirierer. Und was die Autoren, Hamid Shah Hatami und Ali Shah Hatami, der auch die Regie geführt hat, uns mit der Geschichte erzählen wollen, das wird leider nicht so recht klar, dass in Iran ein rückständiges Bild von Kino herrsche? Und dass es in Iran schöner sei als in Kanada? Da haben wir aus Iran schon andere Filme gesehen.

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Hier versucht eine filmkarrieremässig erfolgreiche deutsche Jungend sich selber darzustellen. Die Jeunesse dorée des deutschen Filmes (zumindest ein Teil von ihr) formuliert ihren eigenen Sturm und Drang als Zimmer-wechsle-Dich-Spiel. Und es sind durchaus Gesichter, an die man sich gewöhnen könnte dabei.

In früheren Zeiten hätte vielleicht Dietrich Brüggemann, der mit seiner Schwester Annn das Drehbuch geschrieben hat, statt einen solchen Beziehungen-zwischen-Umzugskarton-Kisten-Film zu inszenieren ein ernsthaftes Sturm-und-Drang-Drama nach streng reglementierten Versfüssen und mit feinster Handschrift geschrieben.

Heute ist man lockerer drauf und zelebriert die Lockerheit förmlich. Das größte Kompliment gehört in diesem Film allerdings, die wird ja sonst kaum je erwähnt, der Ausstattung, der Requisitenabteilung. Was die alles an Möbeln, Kochtöpfen, Kassetten, Wandschmuck, Umzugskartons, nebst Schwimmschlappen und einer Top-Loader-Waschmaschine aufgefahren hat, da würde ein großer Flohmarkt nicht reichen, das alles an- und aufzubieten.

Es galt Wohnungen überall in der Republik, in Hannover, Freiburg, Stuttgart zu organisieren, Ein- und Auszüge zu inszeniren, Beziehungsclinch zu fabrizieren, die Übergangszeit vom von Zuhause ausgezogenen Single als WG-Mensch zur Zeit wo man das eigene Nestchen baut zu überbrücken. Das scheint heutzutage nebst vieler Handykommunikation oder auch mal Skype auch vieler Umzugsaktivitäten zu bedürfen, so häufig, dass kaum je eine Wohnung richtig eingerichtet werden kann, denn schon werden wieder neue Nach- und Mitmieter gesucht oder neue Wohnungen für neue WGs.

Diese Jeunesse dorée, der es sichtlich gut geht, ist gut mit sich selber beschäftigt, berichtet aber immerhin recht locker von ihrem Alltag, stellt sich selber dar, so wie sie glauben dass sie wirklich drauf seien, hat letztlich aber bewältigbare Probleme, hat einen Bewältigungsmodus gefunden, scheinbar und vorerst leichter als die Elterngeneration, da bricht eher das Drama aus.

Es ist müssig, die einzelnen Geschichten nachzuerzählen, schon weil es bei der Vielzahl eine fast wissenschaftliche Arbeit wäre, die Geschichtsfäden auseinanderzudröseln, welches Männchen zu welchem Zeitpunkt welchem Weibchen zuzuordnen wäre. Das Publikum wird wenn überhaupt eher in diesen Film gehen, weil ihm der eine oder andere, die eine oder andere der Darsteller besonders gefällt.

Der Film wählt als Grundstruktur den unverbindlichen Erzählrahmen der Jahreszeiten eines Jahres, beginnend im Herbst und jeweils knapp dreissig Minuten dauernd, damit jegliche inhaltlich oder konfliktspezifische Klippe elegant umschiffend.

Es gibt Momente, wo Philosophisches geboten wird, der Vergleich des Lebens mit einer rostigen Maschine, von der nicht zu verstehen ist, wie sie funktioniert und dass die Jugend sowieso alles selber ausprobieren soll, was sie ja hier mit diesem Film auch tut und auch zeigt, dass sie kaum weniger mit sich selbst beschäftigt ist als es die im Film portraitierte Elterngeneration schon war. Das Thema Lebensentwürfe schimmert durch, taucht mal jahreszeitlich auf, nie spezifisch, die rostige Maschine, die man auf dem Dachboden gefunden hat, es schimmert die Frage hindurch, ob es sich bei diesem Lebensentwurf der Jugend auch um so ein rostige Teil handle, wozu sie keinerlei Bedienungsanleitung haben und die sie halt ausprobieren müssen.

So könnte man weiter philosophieren über Kulturtechniken, wieviel erlernbar ist, oder ob in manchen Techniken jede Generation wieder ihre eigenen Erfahrungen machen muss, ihre eigenen Coming-of-Age oder Coming-zu-Potte-Geschichten und die Elterngeneration versteht es sowieso nicht, ob die Jugend wieder in die gleichen Fallen läuft, wie schon ihre Altvordern. Denn irgendwie sucht jeder Topf immer seinen Deckel und umgekehrt.

Dass es sich hier um eine generationenspezifische Suche handelt, zeigt auch die Verwendung eines Refrains oder Running Gags, der am Schluss als Song vorkommt „wir müssen nicht so machen als wir scan.“ (nur insiderisch zu verstehen, für die mit dem gleichen Problem behafteten). Geheimsprachen als schützend Verbindendes.

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